Dienstag, 26. März 2019

Einsicht

Eine schneeweiße Pfauentaube saß mit dem Tauber auf dem Dach. Sie glänzten in der Sonne und schnäbelten sich zärtlich.
»Das ist stark«, sagte das Truthuhn, das seinen Kopf ganz schief halten mußte und dazu blinzeln um hinaufzusehen. Es wollte weiter reden; aber da ging der Truthahn vorbei, kollerte und blähte sich, und das Truthuhn warf sich platt auf die Erde, verliebte und demütig. Es sah mit seinen blöden Augen zu dem stattlichen Tier empor, das mit Rasseln und trommeln dafür dankte und sich aufblies wie ein Luftballon.
»Daß man einen Tauber anbeten kann!«, kreischte das Truthuhn.
»Einen kleinen, unbedeutenden, farblosen Vogel, der keinem Geschöpf Respekt einzuflößen imstande ist.« Es lag nun flach da, wie ein breiter, bräunlicher Eierkuchen. Dem Truthahn schwoll der rote Zierrat an Kopf und Hals. Er wurde purpurrot.
»Daß er die Zärtlichkeit der Taube überhaupt für voll nimmt«, kollerte er. »Daß er so wenig Einsicht hat und glaubt, was die Kleine da oben girrt.« Er schüttelte isch. Das Truthuhn vor ihm wurde noch flacher.
»Er ist ein Tauber«, sagte es verächtlich. »Kein Herrscher, kein König unter seinesgleichen, kein …« Es konnte nicht weiter, und schnappte nach Luft. Sein bläuliches Köpflein bewegte sich vorwärts und rückwärts. Es schloß die Augen und wartete, ob der Truthahn seine Ergebenheit belohnen werde. Aber er rauscht weiter. Wie dunkles Gold glänzte sein Gefieder. Er wußte, daß er der Stolz des Hühnerhofes war.
Der große, weiße Hahn hatte dem Zwiegespräch zugehört. Er schwieg. Stolz drehte er den gebogenen Hals, und gravitätisch ging er seinen Hühnern voran durch den großen Hof. Eine der Hennen sagte, daß sie sich wundere, daß der Truthahn sich mit der dummen Dinde abgeben möge, die Verehrung und Zärtlichkeit heuchle. »Und er glaubt das alles«, sagte ein braungesprenkeltes Huhn, und trippelte zum Hahn. Der hob sich, schüttelte sich und krähte. Alle Hühner sahen sich an.
»So wie du, kräht keiner«, sagte eines.
»Wer hat dien stolzes Auge?«, fragte ein anderes, und gab der Nachbarin einen Hieb, denn sie hatte ihm eine Mücke vor dem Schnabel weggeschnappt.
»Wessen Schwanzfedern wölben sich wie die deinen?«
»Wer ist so weiß wie du?«
»Wer könnte uns beschützen, wie du es tust?« Der Hahn schwieg. Er war klug. Aber er stolzierte durch den Hof, schlug mit den Flügeln und krähte, daß alle Hähne der Nachbarschaft antworteten.
Der Enterich, de am Zaun in der Sonne lag, hatte mit seinen beerenschwarzen ›Augen dem allem zugesehen. Er war aber zu faul, um zu sagen, was er dachte. Er wippte nur mit dem Schwänzlein und schnatterte ganz leise. Seine beiden Enten konnten sich nicht genug wundern, daß der Hahn solche grobe Schmeicheleien glaube. Sie sahen hinüber zum Hahn und schnatterten empört und verächtlich. Dann begannen sie gleichzeitig den Enterich zärtlich zu lausen. Er ließ es sich gefallen.
Warum auch nicht?

Lisa Wenger
Amoralische Fabeln
Zürich, 1920

Sonntag, 17. März 2019

Apfel und Birne

„So rot und prächtig möchtest du wohl auch einmal aussehen“ sagte der Apfel stolz zur Birne. „Schau einmal, wie ich glänze und alle anlache, die mir entgegen treten. Dagegen hängst du unproportioniert und mit dickem Bauch am Baum und hast allenfalls eine verschämte Röte zu zeigen.“
„Aber so saftig und süß innen drinnen wie ich wirst du wohl nie sein. Vorher frisst dich die Fäulnis auf!“ konnte die Birne gerade noch antworten, bevor eine Kinderhand sie vom Baume riss und an den bereits geöffneten, erwartungsvollen Mund hob.
Horst-Dieter Radke

Freitag, 8. März 2019

Der böse Basilisk

Der böse Basilisk aus hellem Spiegel seuget
Zu eigenm Untergang selbst seiner Augen Gifft.
Wer Bosheit anzuthun dem Nechsten ist geneiget,
Ist billig daß ihn selbst sein Mörder-Anschlag trifft.

Eduard Mörike

Donnerstag, 7. März 2019

Fabeln über Paradiesvögel

Bildquelle: Wikipedia


Die merkwürdigsten sind die Paradiesvögel (Paradisea) von denen man mehrere Arten kennt, welche hier zum Theil ausschließend einheimisch sind. Nicht bloß der Pracht ihrer Federn und Farben wegen, sondern auch durch wunderliche Mährchen, die von ihnen erzählt und geglaubt wurden, sind diese Vögel bei den Naturforschern und Sammlern berühmt worden. Dahin gehört die Fabel, daß sie ohne Beine geboren würden, nie die Erde berührten, ihr ganzes Leben hindurch in der Luft schwebten, und als ächte Kinder des Paradieses bloß vom Thaue des Himmels lebten. Man findet in den Schriften der älteren Naturforscher erbauliche Betrachtungen, über den Endzweck des Schöpfers bei dem Bau dieser erhabenen übersinnlichen Vögel. Die Fabel hat eine einfache Veranlassung. Bei dem Zuge der Vögel bringt bisweilen ein heftiger Windwechsel ihre langen Schulterfedern in Unordnung; dies hindert sie im Fliegen, und sie sollen entweder ins Meer, oder auf den Erdboden, wo sie nicht sogleich wieder auffliegen können, weil sie, bei dem eigenen Bau ihrer Federn, sich hierzu auf einem Baume oder sonst auf einem erhabenen Gegenstande befinden müssen. Die Einwohner fangen sie nun leicht, schneiden ihnen die Füße ab und tragen sie als Zierathen auf ihren Turbans. Einige wurden den Holländern auf den Gewürzinseln verkauft, welche entweder selbst glaubten, daß die abgeschnittenen Füße von der Geburt an fehlten, oder welche in ihrem ehrlichen Speculationsgeiste es einträglicher fanden, in Europa solche Wundervögel zu verkaufen.

Eine andere Fabel erzählt von den Königsvögeln (Paradise regia Lin.) daß sie ihrem Könige oder Anführer mit eben dem Gehorsam und der Ehefurcht gehorchen, wie ein Unterthan seinem Monarchen. Wenn eine Schaar zum Wasser oder an einen Platz kommt, wo sich Nahrung findet, so soll kein Vogel eher das Wasser oder Futter anrühren, bis der König getrunken oder gefressen hat. Dieses, in Indien als unläugbare Wahrheit geglaubte Märchen hat keinen anderen Grund, als daß diese Vögel bei ihren Zügen einem folgen, der vorausfliegt, was auch andere Zugvögel zu thun pflegen.

Neueste Länder- und Völkerkunde.
Ein geographisches Lesebuch
Sechszehnter Band. Australien.
von Dr. L. Lindner
Weimar, 1814

Mittwoch, 20. Februar 2019

Über Garuda

Vishnu auf Garuda reitend
(Wikimedia commons)


In der indischen Mythologie ist Garuda ein Wesen, halb menschlich, halb Vogel, das Schlangen sucht, tötet und frisst. Er dient dem Gott Vishnu als Reittier. Auch in anderen asiatischen Ländern hat er eine Bedeutung. In Thailand ist er das persönliche Emblem des thailändischen Königs, in Tibet gilt er als eine der vier »Würden«. Das sind Symboltiere, die den vier Himmelsrichtungen zugeordnet sind. Über seine Entstehung erzählt man sich in Indien folgendes:

Der alte Schildkröten-Mann, der Schöpfergott, hatte zwei Ehefrauen: Vinata, den Himmel, und Kadru, die Erde. Während Kadru viele Eier legte, aus denen Nagas (Schlangenwesen) schlüpften, legte Vinata nur drei Eier. Wütend über Kadru und ihre Nachkommen zerbrach Vinata das erste Ei. Zu früh geboren fehlte dem Nachkommen die Gestalt und es entstand der Blitz. Auch das zweite Ei wurde von Vinata zerstört. heraus kam ein schöner Jüngling, dem aber die Beine fehlte. Wütend auf seine Mutter verfluchte er sie und wurde Aruna, die Morgendämmerung. Der Fluch aber machte Vinata zur Sklavin von Kadru. Aus dem dritten Ei aber, das Vinata vollständig ausbrütete, schlüpfte ein mächtiger Dämon: Garuda. Um seine Mutter vom Sklavendasein zu befreien, musste er für Kadru von den Göttern Amrita, das Unsterblichkeits-Elixir, stehlen.

Seither hasst Garuda die Schlangen und stellt ihnen, wo er kann, nach, um sie zu töten und zu fressen.

Samstag, 16. Februar 2019

Die Schlange und die Dirne


Aus Furcht vor dem Vogel Garuda hatte sich eine Schlange in das Haus einer Dirne geflüchtet und dort menschliche Gestalt angenommen. Die Dirne nahm als Geschenk fünfhundert Elefanten, und der Schlangendämon gab ihr auch täglich diesen Lohn kraft seiner Zaubermacht. »Woher nimmt der Herr nur täglich so viele Elefanten, und wer ist der Herr?« Mit diesen Fragen quälte ihn das hübsche Dirnlein, bis endlich der verliebte Dämon plauderte: »Sag es aber niemand! Aus Furcht vor dem Garuda halte ich mich hier verborgen; denn ich bin ein Schlangendämon.« Und von der Buhlerin erfuhr es, als Geheimnis, die Kupplerin.

Nun kam auch dahin der Vogel Garuda, der die Welt nach Schlangen durchsuchte; er war in Menschengestalt. Er ging zur Kupplerin und sagte: »Madame, ich möchte heute im Hause ihrer Tochter bleiben. Was nimmt sie als Geschenk dafür?« Sie sprach; »Ein Schlangendämon ist hier, der gibt täglich fünfhundert Elefanten; wir haben es nicht nötig, uns für einen Tag was schenken zu lassen.« Nun wußte Garuda, daß ein Schlangendämon da sei, und betrat als Gestalt die Wohnung der Buhlerin. Da erblickte er auf dem Söller des Hauses die Schlange, offenbarte sich in seiner wahren Gestalt, flog auf, tötete und fraß die Schlange auf.

Deshalb wird ein kluger Mann nie vor Frauen ein Geheimnis ausplaudern.

Indische Erzählungen
Aus dem Sanskrit zum erstenmal ins Deutsche übertragen
von Dr. Hans Schacht
Edwin Frankfurter Verlag
Lausanne und Leipzig
1918

Samstag, 29. Dezember 2018

Der betrogene Teufel

Die Araber hatten ihr Feld bestellt,
Da kam der Teufel herbei in Eil’;
Er sprach: Mir gehört die halbe Welt,
Ich will auch von eurer Ernte mein Teil.

Die Araber aber sind Füchse von Haus,
Sie sprachen; die untere Hälfte sei dein.
Der Teufel will allezeit oben hinaus;
Nein, sprach er es soll die obere sein.

Da bauten sie Rüben in einem Strich;
Und als es nun an die Teilung ging,
Die Araber nahmen die Wurzeln für sich,
Der Teufel die gelben Blätter empfing.

Und als es wiederum ging ins Jahr,
Da sprach der Teufel im hellen Zorn;
Nun will ich die untere Hälfte fürwahr,
Da bauten die Araber Weiz und Korn.

Und als es wieder zur Teilung kam,
Die Araber nahmen den Ährenschnitt,
Der Teufel die leeren Stoppeln nahm
Und heizte der Hölle Ofen damit.

Friedrich Rückert

Mittwoch, 17. Oktober 2018

Buddhas Lamento






Noch stand ich staunend vor dem Zaun und wunderte mich über die Stille, die rings um den Baum sich zu verbreiten schien. Ruhig floß der Main im Hintergrund und etwas seitwärts saß der Buddha in ständiger, tönernen Versenkung. Der Wunsch einzutreten und mich der Stille einzufügen, wurde übermächtig. Da sprach der Buddha laut und vernehmlich: »Bleib draußen, Wanderer. Die Stille, die du wahrzunehmen wähnst, ist nichts als Lärm, der die Ruhe scheucht.« Irritiert schaute ich auf die unbewegliche Gestalt, deren Augen immer noch geschlossen waren. Um diese Wahn zu verscheuchen sagte ich laut: »Aber ich höre doch keinen Ton!« Ein leises Lachen war die Antwort. »Narr! Lärm besteht nicht nur aus Tönen«, erwiderte der Buddha. »Auch die Stille kann schreien.« Ich stellte mein Fahrrad ab und trat näher. »Aber…« rief ich, senkte meine Stimme dann jedoch erschrocken zu einem Flüstern ab. »… wenn man doch nichts hört, keinen Ton, dann muss doch Stille sein!«  Wieder dieses Lachen und fast meinte ich, die Statue mit dem Kopf schütteln zu sehen. Ich sah genauer hin – und erkannte nun keine Bewegung des Buddhas mehr. »Die äußere Stille ist das eine«, belehrte mich der Erhabene. »Wie aber sieht es mit deiner inneren Stille aus?« Skeptisch versuchte ich in mich hineinzuhorchen und in die vermeintliche Lautlosigkeit meines Selbst klang die Stimme des Buddhas wie ein Schrei: »Wie kann in Dir die Stille herrschen, wenn Du meine Stimme noch vernehmen kannst?« Verblüfft sah ich ein Wimpernzucken der Statue. Ich schloss die Augen, öffnete sie wieder und schon war alles vorbei.

»Kommst du?«, rief meine Frau. »Wir wollen weiter.« Ergeben und doch ein bisschen sehnsuchtsvoll schob ich mein Fahrrad an diesem Garten der vermeintlichen Stille vorbei, schwang mich auf den Sattel und trat in die Pedale.


Horst-Dieter Radke

Freitag, 27. Juli 2018

Der Mond und der Komete


Die Zeit verbarg des Tages Schein,
Die Nacht schwang ihre feuchten Flügel,
Schon über die bethauten Hügel,
Und schlummerte den Erdkreis ein,
Ihr Schatten wich dem Sternenlichte,
Der Mond strich sein verhüllt Gesichte
Mit silberfarbnen Hörnern an,
Nicht weit von ihm stund ein Komete,
Der seinen Sweif in schiefer Bahn
Nach dem bestirnten Süden drehte.

Weißt du auch, Nachbar! Sprach der Mond,
Wie schrecklich von dir auf der Erde
Von manchem Volk geredet werde,
Das ihr verdunkelt Rund bewohnt?
Man sagt, du seyst ein Unglücksbote,
Der Hunger, Pest und Würgen drohte,
Dein Anblick schrecke, was sterblich ist,
Ja, es besorgt der Mensch nicht selten,
Wenn du am Himmel sichtbar bist,
Den nahen Umsturz aller Welten.

Wie? Ich, o Mond! Wo denkst du hin?
Rief der erstaunende Komete,
Ich sey ein Pest- und Kriegsprophete?
Weiß denn die Erde, daß ich bin?
Ja! Fiel die Antwort, alle Schritte,
Die du gethan, und alle Tritte,
Die du noch thun sollst, sind bestimmt.
Man hat das Maaß von deinem Gange,
Und wenn dein Stral den Rückweg nimmt,
Das weiß man auf der Erde lange.

So wissen, fiel der Schwanzstern ein,
Vermuthlich auch die Erdenleute
Die zwischen uns gesetzte Weite,
Wie kann ich ihnen schrecklich seyn?
Warum nicht? Sagte der Planete,
Man hat gemerkt, wenn eine Komete
Sich unserm Erdenball genaht,
Das Theurung, Seuchen, Krieg entstunden,
Und da es niemand anders that,
Ward der Komete Schuld befunden.

Wahr ists, man hört genug von Pest,
Von Theurung und von Kriegsgetümmel,
Wenn auch dein Stern im obern Himmel
Der Erde sich nicht sehen läßt.
Hier wurde der Komet entrüste:
O, wenn ihr meinen Ursprung wüßtet,
Verleumdrisches Geschlecht! sprach er,
Was mögt ihr euch für Fallen graben,
Da nicht einmal die Sterne mehr
Vor euch am Himmel Friede haben?

M.G.Lichtwerns, Königl. Regierungs-Raths
im Fürstenthum Halberstadt,
Fabeln in vier Büchern, gedruckt bey
Joh. Thom. Edl. V. Trattnern, 1769

Mittwoch, 4. Juli 2018

»Das Einhorn in Paris« nun als E-Book

Das »Einhorn in Paris« ist nun auch als E-Book in Amazons kindle store zu haben.


Donnerstag, 26. April 2018

Pferd und Einhorn

Das Pferd begegnet einem Einhorn.
»Wo hast du deine Flügel?« fragt das Einhorn.
»Ich habe keine Flügel. Noch nie gehabt«, antwortet das Pferd.
»Aber alle Pferde haben kleine farbige Flügel und können fliegen.«
»Nein«, sagt das Pferd, »das ist ein Märchen. Alle Pferde müssen auf ihren vier Hufen laufen, Lasten und Menschen herumtragen oder im Viereck reiten.«
»Ich kenne ein Pferd mit Flügel«, sagt das Einhorn sehr stolz.
»Nein«, sagt das Pferd, »das glaubst du nur. Und das ist ja auch schön.«
Das Einhorn geht und macht sich auf die Suche nach dem Pferd mit den Flügeln.

Montag, 5. Februar 2018

Friedrich von Hagedorn

Friedrich von Hagedorn
Zur 200. Wiederkehr seines Todestages
Von Ludwig Hübsch
Innsbrucker Nachrichten vom 22.4.1908

Wenige Namen sind so schnell dem Gedächtnis des deutschen Volkes entschwunden, wie der dieses liebenswürdigen Dichters. Und doch war Friedrich von Hagedorn einer der beliebtesten und geehrtesten Menschen seiner Zeit; ein Mann, der bei seinen Zeitgenossen Gellert, Bodmer, Rabener und anderen in hohem Ansehen stand; von dem selbst ein Lessing beeinflußt wurde. J.JH. Eschenburg, der geistreiche und um die deutsche Literatur hochverdiente Professor am Carolineum zu Braunschweig (1743 bis 1820) erzählt, »daß Hagedorn alle Freitage bei seinem Freunde Carpfer in Hamburg zu Tische war, wo sich dann die geistvollsten Männer, Reisende – worunter auch Personen fürstlichen Standes – einfanden, um seine Gesellschaft zu genießen.« Und heute? Wer kennt, wer liest heute Hagedorn? Auf diese Frage könnten nur wenige bejahend antworten. Außer dem humorvollen Gedichte »Johann der Seifensieder«, das in allen Schullesebücher zu finden ist, wird heute wohl so ziemlich alles, auch seine vortrefflichen fabeln, vergessen sein. Das ist schade, wirklich schade, denn Hagedorns Lieder, seine Fabeldichtungen und eine kleine Anzahl seiner Epigramme besitzen heute noch Lebendigkeit und Wert.
Manche seiner Gedichte sind von einer zartfröhlichen Leichtigkeit, Schalkhaftigkeit und einer, von natürlicher Anmut geleiteten Grazie und Naivität, die an Anakreon erinnert. So »Der Tag der Freude«:

Umkränzt mit Rosen eure Scheitel
(Noch stehen euch die Rosen gut)
Und nennet kein Vergnügen eitel,
Dem Wein und Liebe Vorschub tut.
Was kann das Totenreich gestatten?
Nein! Lebend muß man fröhlich sein!
Dort herzen wir nur kalte Schatten:
Dort trinkt man Wasser und nicht Wein.

Echt anakreontische Fröhlichkeit atmen auch »Der Mai«, »Doris und der Wein«, »Phryne«, »Der verliebte Bauer«, »Der ordentliche Hausstand« und viele andere Lieder. Mit Hagedorn beginnt eigentlich wieder eine neue Blütezeit des deutschen Liedes, das durch die zweite schlesische Dichterschule und besonders durch ihre Hauptvertreter Hoffmannswaldau und Lohenstein geradezu barbarisch behandelt worden war.
Einige seiner wenigen Lieder sind oftmals vertont worden und werden heute noch gesungen. Ich nenne nur: »Die Vögel«, »Die Empfindung des Frühlings«, »An die Freude«, »Der Kuckuck« und »Der Morgen«. Besonders das letztgenannte Lied ist entzückend und formvollendet. Hier die erste Strophe:

Uns lockt die Morgenröte
In Busch und Wald,
Wo schon der Hirten Flöte
Ins Land erschallt.
Die Lerche steigt und schwirret,
Von Lust erregt;
Die Taube lacht und girret,
Die Wachtel schlägt.

Hagedorns Epigramme sind treffend, witzig und scharf, einfach und geistreich. Der größte Teil derselben hat allerdings für uns kein Interesse mehr, doch sind manche wegen ihrer Eigenart noch heute lesenswert. Einige mögen hier Platz finden:

Langweiliger Besuch macht Zeit und Zimmer enger:
O Himmel, schütze mich vor jedem Müßiggänger
*
Unzählig ist der Schmeichler Haufen,
Die jeden Großen überlaufen,
Solang er sich erhält.
Doch gleitet er von seinen Höhen,
So kann er bald sich einsam sehen
Das ist der Lauf der Welt.
*
Wer übertrifft den, der sich mild erzeigt?
Der jehne Freund, der es zugleich verschweigt.

Auch Hagedorns Oden und seine moralischen Erzählungen sind für uns belanglos und zudem auch ohne jede Originalität. Dagegen wäre eine größere Kenntnis und Verbreitung seiner Fabeln sehr wünschenswert. Einige derselben sind wirklich vortrefflich; man kann sie getrost den besten Fabeln Lessings an die Seite stellen. Genannt seien »Der Fuchs und der Bock«, »Der Hase und viele Freunde«, »Die Räuber und der Esel« und

»Die Eulen«.
Der Uhu, der Kauz und zwo Eulen
Beklagten erbärmlich ihr Leid:
Wir singen; doch heißt es wir heulen:
So grausam belügt uns der Neid.
Wir hören der Nachtigall Proben,
Und weichen an Stimme nicht ihr.
Wir selber, wir müssen uns loben.
Es lobt uns ja keiner, als wir.

Dann noch:

»Die Natter«
Als einst der Löwe Hochzeit machte,
Kroch zu der neuen Königin
Auch eine kleine Natter hin,
Dir zum Geschenk die schönste Rose brachte.
Doch jene weist sie ab und spricht
Ich nehme Rosen an; allein von Nattern nicht.
*

Über Hagedorns Lebensgang ist nicht viel zu berichten. Er wurde am 23. April 1708 in Hamburg geboren, wo sein Vater Konferenzrat war. Hier besuchte er das damals vorzüglich geleitete Hamburgische Gymnasium, studierte die alten, aber auch die neueren und ausländischen Dichter und gewann besonders die letztern lieb. Von 1726 bis 1729 studierte er in Jena die Rechte und ging sodann nach London, wo er bei dem dänischen gesandten Privatsekretär wurde. Im Sommer 1731 kehrte er über Brabant und Holland nach Hamburg zurück und erhielt zwei Jahre später eine Anstellung bei dem sogenannten English Court, einer alten Handelsgesellschaft. Da diese Stelle mit einem anständigen Gehalt verbunden war, so heiratete er bald darauf; die Ehe blieb kinderlos. Hagedorn widmete seine freie Zeit fortan der Poesie, der Freundschaft und dem geselligen Umgange. Am 28. Oktober 1754 starb er noch nicht ganz 47 Jahre alt, an der Wassersucht.
Möge der morgige Gedenktag nicht nur seinen Namen, sondern auch seine Werke dem deutschen Volke wieder in Erinnerung bringe; sie verdienen es!

Da hat der Autor (oder der Redakteur) einen ordentlichen Bock geschossen. Es handelte sich zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses sonst lesenswerten Artikels keineswegs um Hagedorns zweihundertsten Todes-, sondern Geburtstags.