Posts mit dem Label Mythen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Mythen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 31. Januar 2018

Das Märchen vom Glück

Es war ein Mann, der Steine hieb aus dem Fels. Seine Arbeit war schon schwer, und der Lohn war gering, und zufrieden war er nicht. Er seufzte und rief: »O wäre ich reich und ruhte in einer Sänfte mit Vorhängen von rother Seide!«. Da kam ein Engel vom Himmel und sprach: »Dir sei, wie Du gesagt hast!« Und er war reich und er ruhte in einer Sänfte mit Vorhängen von rother Seide. Da fuhr der König des Landes vorbei, Reiter zogen ihm voran, Reiter folgten ihm, und der goldene Sonnenschirm wurde über seinem Haupte getragen. Das verdroß den Mann, dass der König mächtiger war als er, und er rief: »Ich möchte König sein!« Und der Engel kam vom Himmel und sprach: »Dir sei, wie Du gesagt hast!«
so beginnt das alte indische Märchen vom Glück, wie es der holländische Verwaltungsbeamte Dekler, der Dichter Multatuli, von Java oder Sumatra mitgebracht hat. Das uralte Lied vom Sehnen und Wünschen, das uralte Lied vom Hoffen auf das Glück, das uralte Lied von der Unzufriedenheit und der Bescheidenheit.
Der Mann wird König, aber die Sonne ist stärker als er, trotz des goldenen Sonnenschirms. Er wird die Sonne und versengt die Erde, aber eine Wolke stellt sich vor die Sonne und hindert ihre Macht. Er wird die Wolke und läßt Ströme hinabregnen, die das Land verwüsten und das Vieh wegschwemmen, aber der Fels weicht nicht seiner Kraft. Er wird der Fels, der starr dastand, ob die Sonne schien, ob es regnete. Aber es kommt ein Mann mit der Hacke, dem Meißel, dem Hammer und schlägt Steine aus dem Fels. Da wünscht er dieser Mann zu sein, und auch dieser Wunsch wird ihm erfüllt. Er wird ein Steinhauer und schlägt Steine aus dem Fels, mit schwerer Arbeit, für geringenLohn …
»Und er war zufrieden«, so schließt das Märchen. Ob es wohl wahr ist? Wer das Menschenherz kennt, der sollte wohl meinen, das Märchen könnte wieder von vorn anfangen.
Wir kennen das Märchen vom Glück alle, nur in etwas anderer Form. Diese Geschichte von dem Steinhauer kommt wohl der Urform am nächsten. Sie hat das Motiv am reinsten und klarsten bewahrt, am wenigsten beeinflußt von anderen Ideen und Vorstellungen. Als die Völker sich trennten und von der Urheimat in alle Windrichtungen auseinander zogen, da nahmen sie auch die Sehnsucht nach dem Glück mit und auch das Märchen vom Glück. Im Laufe der Jahrtausende erlitt das Märchen allerlei Wandlungen, aber die Sehnsucht blieb und das Glück kam nie.
Ein weiser Mann in Vorderindien, erzählt der Pantschatantra, das alte Weisheitsbuch der Könige, hatte eine Maus aus der Lebensgefahr gerettet und beschloß, sie bei sich zu behalten. Er verwandelte sie in ein Mädchen. Als das Mädchen herangewachsen war, sollte sie auf Geheiß des weisen Mannes, der auch ein mächtiger Mann war, einen Gatten wählen. Sie will den Mächtigsten zum Gatten haben, den Sonnengott. Der Sonnengott aber, der ihre wahre Natur kennt, denn die Sonne sieht alles, mag sie nicht und sagt: »Nicht doch, die Wolke, die mich verhüllen wird, die ist viel mächtiger.« Die Wolke verweist sie an den Sturmwind, der sie dahinjagt, der Sturmwind an den Berg, an dem er sich bricht. Gerade will sie den Berg zum Gatten wählen, da sieht sie, wie eine Maus ein Loch durch den Berg wühlt …
Hier ist an Stelle der einfachen Erhabenheit der ersten Geschichte der Humor getreten. Das Mädchen – schon das ist bezeichnend, daß es ein Mädchen ist – will den Mächtigsten wählen, aber jeder schiebt einen Mächtigeren vor, bis sie schließlich auf diesem Umwege zum Anfangspunkte zurückkehrt und der Ring sich schließt. Die Idee des Strebens nach dem Glücke ist zurückgedrängt, und die andere Idee, daß jeder Mächtige noch einen Mächtigeren hat, überwiegt. Hier ist es das Unscheinbare, was schließlich am meisten vermag: die Maus, die ja auch den Löwen aus seinen Stricken herausnagt.
Ein Tschandalamädchen – so erzählt das indische Buch Somadewa – wollte den Mächtigsten zum Herrn haben. Sie folgte dem Könige auf seinem Umritte durchs Land. Da kamen sie an einem Tempel vorbei; hier machte der König Halt, stieg vom Pferde und warf sich vor dem Götzen nieder. Da sah das Mädchen, daß das Steinbild mächtiger sein müsse und es wollte diesem dienen. Aber ein Hund kam und that an dem Steinbilde, wie manchmal respectlose Hunde thun, und das Steinbild duldete es. Doch ein Tschandalajüngling kam und prügelte den Hund, und ihm diente das Mädchen.
Hier ist der Humor schon ins Burleske übergeschlagen und die Idee des Märchens vom Glück so beinahe gänzlich verwischt.
Wer kennt nicht das deutsche Volksmärchen vom »Fischer un sine Fru«? Der Fischer hat durch Zufall Gewalt über einen Zauberfisch bekommen, den »Butje, Butje in den See«, und der muß ihm Wünsche erfüllen. Aber nicht er ist es, der immer wieder Wünsche hat, er wäre mit einer bescheidenen Aufbesserung zufrieden: Die Frau ist es, die immer mehr begehrt – »Mine Fru de Ilsebill, will nicht so as ick woll will –«. Sie wird schließlich Kaiser, ja sogar Papst, und zuletzt will sie der liebe Gott sein … da verfliegt das Glück und sie finden sich in ihrer elenden Hütte wieder.
Das Märchen erinnert in seinem Grundzuge an das vom Steinhauer. Es ist nur nicht die natürliche Sehnsucht nach dem Glück, die jeden Menschen innewohnt, es ist eine krankhafte Großmannssucht, die diese Evastochter beseelt und die schließlich aus dem Paradiese heraustreibt. Es ist etwas Herbes, etwas Weiberfeindliches darin, ganz anders, wie in den beiden indischen Geschichten, die das Treiben des naiven Dinges mit überlegenen Lächeln zu sehen scheinen. Auch die Führung der Erzählung steht nicht auf derselben Höhe. In den indischen Märchen haben wir überall einen sich von selbst schließenden Ring, eine leicht gleitende Entwicklung, die den Helden oder die Heldin zu ihrer Natur zurückführt, – das deutsche Märchen vermag das nicht, es führt die Rückkehr plötzlich und plump durch einen jähen Sturz herbei: zur Strafe für ihre Vermessenheit werden beide, die Schuldige und der Mitschuldige, wieder das, was sie waren! Das ist ein neues Motiv, aber kein besseres; es ist, als ob die Stiefmutter mit drohend geschwungener Ruthe in einen Reigen harmlos spielender Kinder stürzte.
Feiner ist in dieser Hinsicht die verwandte Geschichte von »Hans im Glücke«, die eine ähnliche Idee in umgekehrter Reihe, in absteigender Linie verfolgt. Hans hat für langjährige, schwere Arbeit einen Klumpen Gold erhalten und wollt heimwärts. Aber der Klumpen ist ihm zu schwer, er tauscht ihn gegen ein Pferd ein, das Pferd, das ihn abwirft, gegen eine Kuh, die  sich nicht melken läßt, diese gegen ein Schwein, eine Gans und schließlich gegen ein paar Schleifsteine, die er in den Brunnen wirft, weil er sie nicht mehr schleppen mag. So kommt er arm, aber lustig zu Hause an. Der Ring hat sich zwanglos geschlossen.
Hierher gehören auch die mancherlei Geschichten von den drei Wünschen, wie der hübsche Scherz, wo die Frau wünscht, daß zu der einfachen Speise ein paar Würstchen wären, worauf die Würstchen da sind – ein Anklang an das Tischlein deck dich, auch eine Form ersehnten Glückes, unter vielen anderen – der Mann ruft: »Wenn Dir doch bloß die Würste an der Nase hingen!«, womit auch der dritte Wunsch verwirkt ist, denn was sollte er machen? Er mußte die Würste wieder von der Nase herunter wünschen. Zu dieser Geschichte gibt es zahllose Varianten.
Hier thun sich noch weite Parallelen auf, zum Wunschhütchen, zur Tarnkappe, zum Schlaraffenland, und andererseits finden wir Anklänge an die griechischen Mythen vom Ikarusfluge, von der Fahrt des Phaethon, von Philemon und Baucis und vielerlei anderes.
Das weiter auszuführen möchte ich nun dem geschätzten Leser selbst überlasse, wie ich es ihm auch anheim geben muß, sich mit seiner Sehnsucht nach dem Glücke nach besten Kräften abzufinden. Da kann kein Mensch den anderen helfen, ich auch keinem, und keiner mir.

Karl Mischke
Innsbrucker Nachrichten
15. Januar 1901,   S.1 f.

Freitag, 6. Januar 2017

Das Ramayana der Inder auf Bali


Foto: (c) Mirjam Radke


Spätere Forschdungen haben ergeben, daß nciht nur ein großer Theil der malayischen Bildung unter indischem Einfluß stand, sondern daß die höchst merkwürdige Kavi-(Kawi)Sprache und Literatur auf der Insel Bali (östlich von java) ein Ableger der Sanskrit-Literatur ist, zu der sich das gewöhnliche Bali ähnlich verhält wie die indischen Präkrits zum Sanskrit.

Auf Bali fanden sich zwei Bearbeitungen des Ramayana: die eine von M’pu Raja Kusuma, auch Yogisvara (Fürst der Büßer) genannt, Vater des M’pu (Hempu) Tanakung, die andere von dem Dichter M’pu Dharmaja, Verfasser der Svaradahana. Die Sprache ist reines Kavi mit sehr starkem Sanskrit-Beisatz. Das Gedicht ist hier nicht in sechs Bücher getheilt, sondern in 25 Gesänge (wie die singhalesische Bearbeitung). Mehrere Episoden fehlen, so die langen Geschichten von Ramas Jugend im Bala-Kunda, die Erzählungen des Vasishtha aus den alten Zeiten, von den Sagariden, von der Herabkunft der Ganga, von der Buße Vicvamitras. Der Uttara-Kunda bildet im Bali ein eigenes Werk. Ob diese Kürzungen einer ursprünglich kürzeren Sanskritvorlage oder einer spätern, auszüglichen Bearbeitung zuzuschreiben sind, ist fraglich. Letzteres dürfte doch das wahrscheinlichere sein.

Alexander Baumgartner (1841-1910)
Das Ramayana und die Rama-Literatur der Inder, 1894
(S. 158)

Mittwoch, 17. Juni 2015

Auslegung der Fabel von Phaethon, von den Heliaden, seinen Schwestern, und von dem Cygnus

(2)

Ich gestehe es, daß es schwer ist, den wahren Ursprung dieser Erdichtung zu finden; aber die Anlage dazu ist darum nicht weniger historisch; und es ist hier von sehr wirklichen Personen die Rede, deren Geschlechtsregister […] das Alterthum auf uns gebracht hat. Der gemeinen Meinung zu Folge, war Phaethon ein Sohn der Sonne und der Klymene; es sey nun, daß man unter der Sonne den Ägyptischen König Horus andeuten wollen; denn aus diesem Lande scheint, wie wir im folgenden sagen werden, diese Geschichte gekommen zu seyn; oder daß man eine andere von den Personen damit gemeint, welche für dieses Gestirn genommen worden. Einige Alten geben ihm die Nymphe Rhode, die Tochter Neptuns und der Amphitrite, zur Mutter, und Hesiodus […] sagt, daß er ein Sohn des Cephalus und der Aurora gewesen. Diese Stammtafel nimmt Apollodor […] an, und Eusebius, der darin den Julius Afrikanus zum Vorgänger gehabt, hat sich dieser Meinung bedient, die Zeit, wenn Cekrops gelebt, daraus zu bestimmen. Diesem Schriftsteller zur Folge war die Tochter dieses ersten Königs zu Athen, Nahmens Herse, die Mutter des Cephalus, welcher durch die Aurora entführt wurde; das heißt, welcher Griechenland verließ, um sich gegen Morgen niederzulassen. Cephalus hatte einen Sohn, Nahmens Tithon, der den Phaethon erzeugte. Nach dieser Stammtafel erkannte Phaethon den Cekrops für seinen Urältervater; und man kann demnach annehmen, daß er hundert und funfzig Jahre nach diesem ersten Könige zu Athen gelebt, welcher 1582 Jahre vor der christlichen Zeitrechnung regierte, und fast 400 Jahre vor dem Trojanischen Kriege, wie man solches aus dem Dionys von Halikarnaß, und aus dem Censorin […] beweisen kann.

Anton Baniers
Erläuterungen der Götterlehre und Fabeln
aus der Geschichte
Aus dem Französischen übersetzt von
Johann Adolf Schlegel
und mit Anmerkungen begleitet von
Johann Matthias Schroeckh
Wien, 1791

Dienstag, 27. November 2012

Buddha fürn Pott

Buddha in Pott? Hömma, watt hat der den da valorn? Hamwa nich schon mitti ganzen Salafitis un Moslembrüder innen Revier genuch zu schaffen? Un gez auch noch die Buddha-Jünger? Aintlich waan die doch schon lange nich mehr zu sehn inne Fußgängerzonen, die mit ihre oranschenen Klamotten. Wie? Die hatten nix mit Buddha am Hut? Dat musse mich gez aba ma genau vaklickern. Kein Problem? Muss ich nur dies ibuk lesen? Na dann ma her damit

 

Mittwoch, 4. Mai 2011

Hugin und Munin

Bildquelle: Wikipedia

Als Björn ins Zimmer trat, saß Großvater vor einem aufgeschlagenen Buch. Er sah ihm über die Schulter.
„Das ist Odin mit seinen beiden Raben“ erzählte der Großvater. Björn sah sich das großformatige Bild genau an. Ein Mann im braunen Mantel und mit Krone füllte das Bild fast komplett aus. Der Mann hielt ein Schwert mit einer breiten Klinge in der rechten Hand. In der linken hielt er einen langen Stab mit einem sehr spitzen Ende. Auf den Schultern links und rechts saßen zwei Vögel, einer mit geöffnetem Schnabel. Er schien dem Mann etwas ins Ohr zu flüstern. In ungelenken Buchstaben stand links neben der Krone ‚Odinn Huginn‘ und rechts neben der Krone ‚Köngur Muninn‘. Über dem Stab las Björn: ‚Geyrin Gugnir‘.
„Das soll also Odin sein“, sagte Björn.
„Und auf den Schultern siehst du die beiden Raben.“
„Was bedeuten die beiden Raben?“
„Es sind seine Kundschafter. Er schickt sie hinaus in die Welt, damit sie ihm berichten, was vor sich geht. Hugin flüstert ihm dann Morgens ins Ohr, was er gesehen hat, deshalb nennt man ihn auch ‚den Gedanken Odins‘. Munin merkt sich alles, von Anbeginn an und kann Odin berichte, was der längst vergessen hat. Deshalb nennt man ihn auch ‚die Erinnerung Odins‘.“

HDR

Sonntag, 6. Februar 2011

Eine Hindufabel von der Erschaffung des Weibes


Yann - Bildquelle: Wikipedia

Im Anfang erschuf der Gott Twaschtri die Welt. Als er aber das Weib erschaffen wollte, sah er, daß er allen Stoff bereits für den Mann verwandt hatte, und daß keine Bestandteile mehr für das Weib vorhanden waren. Twaschtri sann lange nach, und als er nachgedacht hatte, tat er folgendes. Er nahm die Rundung des Mondes, die Wellenlinie der Schlange, des Grases Zittern, des Schilfes Schlankheit, der Blume Samtweiche, des Blattes Feinheit, des Rehes Blick, des Sonnenstrahls spielende Munterkeit, die Tränen der Wolken, die Unbeständigkeit des Windes, die Furchtsamkeit des Hasen, die Eitelkeit des Pfaus, die Weichheit der Flaumfeder, die Härte des Diamanten, die Süßigkeit des Honigs, die Grausamkeit des Tigers, die Wärme des Feuers, die Kälte des Eises, die Geschwätzigkeit der Elster und das Girren der Turteltauben.

Aus all diesem schuf er das Weib. Als es fertig aus seinen Händen hervorgegangen war, schenkte er es dem Manne.

Acht Tage später kam der Mann zu Twaschtri und sagte: „Herr, das Geschöpf, das du mir geschenkt hast, vergiftet mein Leben. Es spricht unaufhörlich und bringt mich um meine Zeit. Es jammert um ein Nichts. Es ist immer krank. Ich bin gekommen, um dich zu bitten, deine Gabe wiederzunehmen. Ich kann nicht mit dem Weibe leben.“

Und Twaschtri nahm das Weib zurück.

Nach abermals acht Tagen kam der Mann wieder zu seinem Schöpfer und sagte: „Herr, mein Leben ist einsam, seit ich dir das Weib zurückgegeben habe. Ich kann nicht umhin, immer daran zu denken. Stets sehe ich sein Lächeln und gedenke daran, wie es mich durch seinen Tanz beglückte.“

Und der Schöpfer gab die Frau dem Manne wieder.

Es waren aber nur drei Tage verflossen, da fand sich der Mann wieder ein. „Herr, ich habe es nun wieder versucht, aber ich sehe ein, daß die Frau, die du für mich geschaffen hast, mir nur zum Unglück ist. Die Ärgernisse, die diese Frau mir bereitet, überwiegen weit die Freuden, die sie mir schenkt. Herr, nimm sie zurück!“

Jetzt aber war die Geduld des Gottes zu Ende. „Geh,“ rief er, „und richte dich mit dem Weibe ein, so gut du eben kannst; ich nehme es nicht nochmals zurück!“

Der Mann aber sprach: „O, ich Unglückseliger! Ich kann nicht mit dem Weibe leben, aber ich kann auch nicht mehr ohne dasselbe sein! Was wird daraus werden?“

B. E.
Bibliothek der Unterhaltung und des WissensJahrgang 1908, 4. Band, S. 211 f.

Sonntag, 13. Dezember 2009

Der heilige Floh



Den Kamtschadalen gilt der Floh als heiliges Tier. In ihren Göttersagen spielt er eine hervorragende Rolle. Zwar versuchen auch die Leute auf Kamtschatka sich dieser angenehmen Tiere zu erwehren; wenn sie jedoch einem dieser Blutsauger den Garaus machen, so tun sie dies nur unter gewissen Zeremonien.
Die Flöhe sollen nämlich nach der Sage der Bevölkerung die Erdbeben verursachen. Der Höllengott Tuil fährt nach ihrer Meinung mit einem Hundeschlitten in der Unterwelt umher; hält der ziehende Hund inne, um sich eines ungebetenen Gastes durch Schütteln zu entledigen, so gerät die Erde in Bewegung, es gibt ein Erdbeben.
Die Kamtschadalen glauben auch, daß die Flöhe das Heulen des Sturmes verursachen. Die Windsbraut, die Göttin Uschachtscht, wird als ein häßliches, keifendes Weib geschildert, das ein Kind auf dem Rücken trägt. Kommen beim kleinen Kinde die heiligen Flöhe zu nahe, so bricht es in ein lautes Weinen aus. Aus der Stärke des Sturmes glauben die Kamtschadalen entnehmen zu können, ob das Kind wenig oder stark von den heiligen Tieren geplagt wird.


O. v. B.
1910

Donnerstag, 18. Juni 2009

Sonne, Mond und Sterne


Es ist leicht begreiflich, daß von Sonne, Mond und Sternen, vom Himmelsgewölbe von kosmischen und tellurischen elementaren Erscheinungen örtlicher Ueberlieferungen, von welchen letzteren wir hier doch hauptsächlich handeln, keine große Anzahl Sagen vorhanden sein können. Ungleich häufiger, als Mythe und Sage, hat die Fabel auf solche Bezug genommen, …

Ludwig Bechstein
in: Mythe, Sage, Märe und Fabel
im Leben und Bewußtsein des deutschen Volkes
Dritter Teil, Leipzig 1855