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Donnerstag, 7. November 2019

Das Elwetrtischle

Elfetritschle bei Großheubach am Main.

(auch Elwedritsch oder Elfetritsch) ist ein Fabelwesen, das in Südwestdeutschland vor allem in der Pfalz, aber auch in angrenzenden Gebieten (zum Beispiel Mainfranken) anzutreffen ist. Es soll von Kobolden, Enten und Gänsen abstammen, macht aber eher den Eindruck eines hühnerähnlichen Wesens. Es ist üblich, diese Wesen in Neumondnächten zu jagen, wobei es dafür unterschiedliche Vorschriften gibt. Einmal müssen die Jäger, um vor Angriffen geschützt zu sein, vor und während der Jagd reichlich Alkohol zu sich nehmen. Vermutlich dient dieser Vorschrift aber eher dazu, ahnungslosen Neulingen zu einer durchfrorenen Nacht zu verhelfen, denn nicht selten finden sie sich plötzlich allein im unbekannten Wald, von allen »Freuden« verlassen wieder. Echte Elwetritschle-Jäger leben schon einige Tage vor der Jagdnacht abstinent um konzentriert und zur rechten Zeit den Sack, in den das Elwetrtischle hineingelockt werden soll, zu schließen.

Donnerstag, 30. Mai 2019

Die Fabel in der Fotografie

Dass die Fabelwelt auch fotografisch dargestellt werden kann, zeigte eine Ausstelung im Pariser Musée de la Chasse et de la Nature im Jahr 2008.

Samstag, 16. Februar 2019

Die Schlange und die Dirne


Aus Furcht vor dem Vogel Garuda hatte sich eine Schlange in das Haus einer Dirne geflüchtet und dort menschliche Gestalt angenommen. Die Dirne nahm als Geschenk fünfhundert Elefanten, und der Schlangendämon gab ihr auch täglich diesen Lohn kraft seiner Zaubermacht. »Woher nimmt der Herr nur täglich so viele Elefanten, und wer ist der Herr?« Mit diesen Fragen quälte ihn das hübsche Dirnlein, bis endlich der verliebte Dämon plauderte: »Sag es aber niemand! Aus Furcht vor dem Garuda halte ich mich hier verborgen; denn ich bin ein Schlangendämon.« Und von der Buhlerin erfuhr es, als Geheimnis, die Kupplerin.

Nun kam auch dahin der Vogel Garuda, der die Welt nach Schlangen durchsuchte; er war in Menschengestalt. Er ging zur Kupplerin und sagte: »Madame, ich möchte heute im Hause ihrer Tochter bleiben. Was nimmt sie als Geschenk dafür?« Sie sprach; »Ein Schlangendämon ist hier, der gibt täglich fünfhundert Elefanten; wir haben es nicht nötig, uns für einen Tag was schenken zu lassen.« Nun wußte Garuda, daß ein Schlangendämon da sei, und betrat als Gestalt die Wohnung der Buhlerin. Da erblickte er auf dem Söller des Hauses die Schlange, offenbarte sich in seiner wahren Gestalt, flog auf, tötete und fraß die Schlange auf.

Deshalb wird ein kluger Mann nie vor Frauen ein Geheimnis ausplaudern.

Indische Erzählungen
Aus dem Sanskrit zum erstenmal ins Deutsche übertragen
von Dr. Hans Schacht
Edwin Frankfurter Verlag
Lausanne und Leipzig
1918

Mittwoch, 3. Januar 2018

Das Einhorn in Paris


Fabelhafte phantastische Erzählungen gibt es in dem Buch "Das Einhorn in Paris".



Dienstag, 11. April 2017

Der Basilisk zu Memmingen

Melchior Lorck: "Basilischus" (Basilisk), Radierung 42 x 62 mm, aus dem Jahr 1548
Bildquelle: Wikimedia

An ama Haus henter'm Engel z'Memmenga sieht mã an geala Basilischka mit era fuirothe Zonga. – Dau haut mã amaul d'Magd in Keller na g'schickt und haut g'wahtet und g'wahtet, aber s'ischt koĩ Magd meh rauf komma. Do haut mã eppen andersch na g'schickt, aber s'ischt wieder nemad rauf komma, denn sobald's der Basilischk angucket haut send se g'schtorba. Am End gaut oiner her, nemmt an Schpiegel und laut da Basilischka neĩ gucka, und sobald se der sell drenn g'sẽ a haut, ischt er uf der Schtell verreckt. –
Wenn a Gockeler reacht alt wird, so legt er an Oi, bruatets aus, und us dem wird denn a Basilischk.

Alexander Schöppner
Sagenbuch der Bayer. Lande
München 1852–1853

Freitag, 17. Februar 2017

Unicornu Verum

Es findet sich noch eine Materie, so in der Medicin beliebt ist, unter dem Nahmen: das wahre oder rechte Einhorn / Unicornu Verum, auch Unicornu Marinum genannt, das ist ein sehr langer, gestreiffter, und gleichsam gewundener Zahn eines gewissen Grön-Ländischen Wallfisches / siehet äusserlich gelb, inwendig aber weiß aus, wird von den Grönland-Fahrern zu uns bracht. Der Fisch, wovon es herrühret, wird Narhual genennet, weilen er sich vom Aaß und Todten-Cörpern, so dorten Nar heissen, ernehret, und von Thoma Bartholino in einem eigenen Buch beschrieben, daß er den andern Wallfischen nicht viel ungleich, und  ohngefehr 30. Ellen lang sey; zwey Floß-Federn auf den Seiten, 3. Hügel auf dem Rucken, und unten am Bauch nur einen habe. Aus dessen lincken Ober-Kienbacken ein langer Zahn, gerad vor sich heraus stehet, womit er das Eiß brechen soll: weswegen das sogenannte Horn öffters forn abgebrochen ist. Und gehet also dieser Zahn nicht aus der Nasen, wie Olearius l. c. redet, indem dieser Fisch keine Nase hat: und wie die andern Wallfische durch zwo Löcher, so oben in dem Nacken stehen, und nicht durch die Nase respirirt, auch das Wasser daraus in die Höhe wirfft: Sondern er sitzet in seiner Höhle, am obersten Kinnbacken, wie die Zähne an andern Thieren. Ob aber ein Fisch zwey solche Zähn habe, wie D. Jacobi in Mus. Reg. Haffn. muthmasset, auch dergleichen eines gesehen hat, muß die Erfahrung weiter lehren. Dieses aber ist gewiß, daß unten in dem grossen Horn oder Zahn offt noch ein kleiner stecket, wie Herr. Doct. Reusel in der Kunst-Kammer zu Stuckardt gesehen: Weßwegen Simon Urias lib. 1. Grœnlandiæ Antiq. fol. 285. nicht unbillig schliesset, daß diesem Wallfisch die Zähne, wie denen Menschen, ausfallen, und andere wachsen thäten.

Bräuner, Johann Jacob:
Physicalisch= und Historisch= Erörterte Curiositaeten.
Frankfurth am Mayn 1737.

Mittwoch, 1. August 2012

Der Luchs in der Fabel

Der Luchs (Lynx lynx) wird gerne mit dem Fabelnamen Lynx angegeben. Allerdings taucht diese Bezeichnung in Fabeln eher selten auf, zumeist wird er dort auch »Luchs« genannt. Der Fabelname ist allerdings durchaus beliebt. Ganz abgesehen davon, dass es auch der wissenschaftliche Name ist, gibt es ein Sternbild dieses Namens, ein früher, textbasierter Webbrowser wurde Lynx genannt (entwickelt 1992 an der University of Kansas, bis heute noch gern im Unixumfeld genutzt), ein Betriebssystem aus den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderst wurde: LynxOS getauft und eine der ersten Handheld-Spielekonsolen von Atari trug den Namen Lynx. Der amerikanische Automobilhersteller Mercury taufte ein Modell Lynx von dem immerhin rund 600.000 Stück verkauft wurden. Und wo wir schon bei Automobilen sind: Ein britischer Hersteller trägt sogar diesen Namen. Leider gibt es auch einen Panzer, der mit diesem Namen versehen wurde, was mir gar nicht gefallen will und auch nicht zu passen scheint, denn der Luchs ist in der Natur ein bewegliches, leises und schnelles Tier. All dies scheint mir auf einen Panzer nicht unbedingt zuzutreffen.

Immerhin ist der Name beliebt und weil der Luchs in diesem Fabel-Blog bislang zu kurz gekommen ist, werde ich im August d.J. eine Reihe von Luchs-Fabeln posten.

Horst-Dieter Radke

Dienstag, 17. Juli 2012

Der Tazzelwurm

Bildquelle: Wikipedia

Festlied bei Aufstellung des Herbergsschilds «Zum feurigen Tazzelwurm» am Bergwirtshäuslein zu Rehau, beim Übergang über die Audorfer Almen


Als noch ein Bergsee klar und gross
In dieser Täler Tiefen floss,
Hab' ich allhier in grosser Pracht
Gelebt, geliebt und auch gedracht
Als Tazzelwurm.

Vom Pentling bis zum Wendelstein
War Fels und Luft und Wasser mein,
Ich flog und ging und war gerollt,
Und statt auf Heu schlief ich auf Gold
Als Tazzelwurm.

Hornhautig war mein Schuppenleib
Und Feuerspei'n mein Zeitvertreib,
Und was da kroch den Berg herauf,
Das blies ich um und frass es auf
Als Tazzelwurm.

Doch als ich mich so weit vergass
Und Sennerinnen roh auffrass,
Da kam die Sündflut grausenhaft
Und tilgte meine Bergwirtschaft
Zum Tazzelwurm.

Jetzt zier' ich nur gemalt im Bild
Des Schweinesteigers neuen Schild,
Die Senn'rin hört man jauchzend schrei'n
Und keine fürcht't das Feuerspei'n
Des Tazzelwurms.

Und kommt so ein gelehrtes Haus
So höhnt's und spricht: «Mit dem ist's aus,
Der war ein vorsündflutlich Vieh,
Doch weise Männer sah'n noch nie
Den Tazzelwurm.»

Kleingläub'ge Zweifler! Kehrt nur ein
Und setzt auf Bier Tiroler Wein...
Ob Ihr dann bis nach Kufstein fleucht,
Ihr spürt, dass ich Euch angekeucht
Als Tazzelwurm.

Und ernsthaft spricht der Klausenwirt:
«Schwernoth! Woher sind die verirrt?
Das Fusswerk schwankt... im Kopf ist Sturm...
Die sahen all' den Tazzelwurm!
Den Tazzelwurm!»

Joseph Victor von Scheffel

Donnerstag, 10. Mai 2012

Der Greif auf der Brücke


Gerade wollte er sich über das Geländer schwingen um sich in den Rhein zu stürzen, da hielt er inne. Ob es ein Luftzug war, oder ob er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrgenommen hatte – er wusste es nicht zu sagen. Aber als er den Kopf wandte, sah er dieses Wesen da sitzen, ruhig, mächtig, still, abwartend. Er hatte nie dergleichen gesehen. Ein kräftiger Leib wie von einem Löwen mit ebensolchen Pranken hinten und Klauen wie bei einem Geier vorne. Schwingen wie bei einem Adler und den Kopf eines Falken.
„Ein Greif“, sagte er. „Das ich so etwas noch einmal erleben darf“.
Das Wesen schwieg ihn vielsagend an.
„Oder ob ich schon hinüber bin, in die andere Welt? Bin ich schon nach dem Sprung?“ Er sah sich um, schaute vom Geländer in das dunkle Wasser. Nein, er stand eindeutig noch oben. Wieder sah er hin in der Erwartung, dass kein Greif mehr zu sehen war, sah hin in der Hoffnung, einer Sinnestäuschung unterlegen zu sein. Aber es half nicht, der Greif saß noch immer da und sah ihn mit seinen klugen Augen an.
„Freund, was hattest du vor?“
Hatte der Greif gesprochen? Oder klang die Frage nur in seinem Kopf.
„Wolltest du von der Brücke in den Tod springen? Einfach so?“
„Was soll ich auch sonst noch machen?“ antwortete er spontan und erbittert. Tränen traten ihm in die Augen. „Ist denn ein Weiterleben noch möglich?“
„Doch“, sagte der Greif. „Das ist immer möglich. Bis zum letzten Tag.“
„Wann ist der letzte Tag?“
„Der deines Todes.“
„Der jetzt gekommen ist.“
Wieder fasste er das Geländer. Aber er konnte nicht springen, konnte nicht hinüber. Er versuchte zu wollen. Aber auch das ging nicht mehr.
„Es liegt nicht in deiner Hand, zu bestimmen, wann der Tod gekommen ist.“
„Niemals?“
„Meistens nicht“, sagte der Greif.
„Also manchmal doch.“
„Aber nicht für dich.“
„Die Welt ist ungerecht“, sagte er, die Hand noch am Geländer. Aber er wusste schon, dass er nicht mehr springen würde.
„Und was nun? Man sagt doch, dass der Greif selbst den Basilisken vertreiben kann. Kannst du da nicht die paar Steuerfahnder, Bankrevisoren und Gläubiger für mich vertreiben? In den Wind blasen, mit den Krallen zerfetzen. Aus dem Weg räumen?“
„Warum sollte ich das tun?“ fragte der Greif. „Tun sie etwas unrechtes?“
Er schwieg.
„Du hast die Kraft, das auszuhalten“, sagte der Greif. „Du hast die Stärke, das wieder hinzubekommen.“
Er schüttelte den Kopf, aber er wusste, dass es stimmt.
Der Greif legte den Kopf in den Nacken und stieß einen Schrei aus, der schrill und laut jeden anderen in die Flucht getrieben hätte. Ihn machte er er aber zuversichtlich, gab ihm Kraft. Er musste lachen.
„Du hast recht“, sprach er. „Das sind Peanuts im Vergleich zu den Problemen, die meine Frau und meine Kinder hätten, spränge ich da jetzt hinab.“
Der Greif erhob sich in die Lüfte und flog mit kräftigen Flügelschlägen davon. Er sah ihm noch lange nach.
„Gehen wir’s an“, sagte er, drehte sich um und ging davon. Und fast war es, als lächelte er dabei.

Horst-Dieter Radke

Sonntag, 6. Mai 2012

Der Vogel Greif


Ohne Wolken steht der Himmel,
Ohne Welle ruht das Meer,
Doch viel schreckliches Gewimmel
Rührt sich um das Schifflein her.

Grimme Haye, Ungeheuer,
Leichen wittern sie am Bord,
Und die Raben wie die Geier
Suchen Atzung an dem Ort.

In dem Schiff‘ am Felsenstrande
Liegen bleich und starr und stumm
Fern von Rettung, fern vom Lande
All‘ die Männer rings herum.

Unter ausgeleerten Kisten
Sucht der Steuermann nach Brod,
Will das zähe Leben fristen
Um ein Stündlein herber Noth.

Heinrich wickelt ein die Leichen,
Senkt sie in des Meeres Grab,
Macht des heil’gen Kreuzes Zeichen,
Möchte stürzen mit hinab.

Seine Augen zugedrückte
Liegt er nun im schweren Traum;
Plötzlich fühlt er sich entrücket
Hoch empor zum Himmelsraum.

Flügelschläge hört er schallen,
Rauschen langen Federschweif,
Und er ruht in Eisenkrallen,
Und ihn trägt der Vogel Greif.

Himmelhohe Felsen ragen,
Heinrich Hält den Schwertknauf fest,
Hat den Greif sammt Brut erschlagen
Mitten drin in seinem Nest.

Ueber Berge, durch die Wüste
Zog der Held zur heil’gen Stadt,
Und er betete und büßte,
Wo der Herr geduldet hat.

aus dem Zyklus: Heinrich, der Löwe
von Julius Mosen
Gedichte, Leipzig, 1836

Mittwoch, 2. Mai 2012

Die zwei Brüder


Ein Vater hatte zwei Söhne; der ältere hieß Jörg, der jüngere Hans. Als sie groß und stark geworden, so sagte der Vater eines Tags zu ihnen: »Ziehet nun fort in die Fremde, und suchet euch selbst zu ernähren. Und bleibt einträchtig, und liebet einander; und wer mehr hat, der theile mit; und, wenn einer aus euch krank oder elend wird, so stehe ihm der andere bei, und helfe ihm.« Also schieden die beiden Brüder vom Vater, und gingen desselben Weges fort mit einander. Als sie aber an einen Scheideweg kamen, da sagte Jörg, der ein böses Herz hatte, zu seinem Bruder: »Gehe jeder von uns seines Weges, und sorge für sich. Und das sage ich dir: wenn wir uns wieder begegnen, du arm, und ich reich, so schlage ich dich todt, damit ich nicht für dich zu sorgen habe, wie der Vater gewollt. Und du magst mir deßgleichen thun, wenn ich arm geworden und du reich.« Ueber dieser Rede erschrack Hans sehr, der von guter Gemüthsart war. Doch tröstete er sich, und dachte: Gott wird's recht fügen; und nahm vom Bruder Jörg Abschied.

Es war ungefähr ein Jahr vergangen, als Hans eines Tags in einem fremden Lande die Straße zog ohne Brod und Geld und in schlechtem Anzuge; denn er hatte nirgendwo Arbeit gefunden. Da sah er eine Kutsche herbei kommen, worin ein vornehmer Herr saß in reichem Kleide und von gutem Aussehen. Den sprach er um einen Zehrpfenning an. Es war sein Bruder Jörg, den er aber nicht kannte. Dieser hatte durch Diebstahl und Wucher in kurzer Zeit großen Reichthum erworben, so daß er nun in einer eigenen Kutsche fahren, und ein Wohlleben führen konnte, während sein Bruder betteln mußte. Der Reiche erkannte sogleich in dem Bettler seinen Bruder. Zornig sprang er aus dem Wagen, packte ihn, und sprach: »Kennst du mich? Ich bin Jörg, dein Bruder. Du mußt nun sterben, wie wir's verabredet haben.« Hans in seines Herzens Angst bat, er möchte ihn doch beim Leben lassen. »Beim Leben will ich dich lassen, sagte Jörg; aber die Augen muß ich dir durchstechen, damit du mich nie mehr erkennest, und mir fortan zur Last fallest.« Das that er denn auch. Drauf schleppte er ihn zu einem Galgen, und band ihn dran fest. Da ließ er ihn, und fuhr sodann davon.

Der arme, geblendete Hans wußte aber nicht, an welchem schlechten Orte er sich befand. Er fühlte um sich, und merkte, daß er unter einem Holzbalken saß. Da meinte er, es wäre ein Kreuz, und sprach: »Dank dem Himmel, daß er mich wenigstens unter ein Kreuz gebunden habe; Gott ist bei mir, und von ihm wird mir Hülfe kommen.« Wie es nun anfing, Nacht zu werden, hörte er etwas über sich flattern. Das waren aber drei Krähen, die ließen sich auf dem Balken des Galgens nieder. Da fingen sie zu reden an, und die eine sagte: Woher kommst du, Schwester? Diese antwortete: »Ich komme aus Norden.« »Was bringst du Neues?« »Des Königs Sohn hat seine beiden Augen ausgefallen, und der König gäbe dem gern sein halbes Königreich, der helfen könnte. Aber wer weiß das?« »Das weiß ich – sagte die andere – hier unter dem Galgen wächs't ein Gras; auf das fällt von Zeit zu Zeit ein Thau; und wer damit die Augen eines Blinden bestreicht, dem werden sie wieder sehend.« – Drauf geschah die Frage an die zweite: »Und woher kommst du, Schwester?« »Ich komme aus Süden.« »Was bringst du Neues mit?« »Ein reicher Edelmann hat in seinem Garten einen Baum, der trägt silberne Birnen; aber wenn sie anfangen, reif zu werden, so fallen sie ab, und werden zu Staub und Asche. Er gäbe gern die Hälfte davon in jedem Jahr dem, der wüßte, wie dem Uebel abzuhelfen sey. Aber wer weiß das?« »Das weiß ich, sagte die dritte. Unter dem Baum liegt eine garstige Kröte; man darf sie nur heraus graben, und zu Asche verbrennen, und die Asche nach allen vier Winden zerstreuen.« – Nun wurde die dritte gefragt: »Woher kommst du, Schwester?« »Von Westen.« »Was bringst du Neues?« »In einem dichten Walde, zwischen vier Bergen, liegt ein gläserner Sarg; darin schläft eine Prinzessin schon viele Jahrhunderte; es liegt auf ihrer Zunge ein Schnitz von einem giftigen Apfel; und wer den heraus nehmen könnte, der würde sie wieder zum Leben bringen. Aber wer weiß das?« »Das weiß ich, sagte die erste. Man müßte von dem Vogel Greif drei Federn holen, und mit diesen der Prinzessin den Mund streichen. Der Vogel Greif würde aber wohl für jede Feder eine silberne Birn verlangen.« – Wie die drei Krähen das gesprochen, hörte er es wieder flattern, und sie flogen da fort. Hans aber machte sich allmählich von seinen Banden los, und dann bückte er sich, und brach ein paar Gräslein ab, und bestrich damit seine Augen. Alsbald ward er wieder sehend, und Mond und Sterne leuchteten ihm wieder, und er dankte dafür Gott. Darauf sammelte er in einen Scherben von dem köstlichen Thau, so viel er zusammen bringen konnte, und ging fort, gerades Weges nach Norden, um den König aufzusuchen, dessen Sohn blind geworden.

Er war noch nicht gar viele Tage gegangen, als er einen Herold ausrufen hörte: Wer des Königs Sohn wieder das Gesicht gibt, der soll das halbe Königreich haben. Nun wußte er, daß er recht gegangen sey. Er ließ sich sogleich in des Königs Schloß führen, und meldete, daß er des Königs Sohn zu heilen gedenke. Das wurde mit Freuden vernommen. Er bestrich darauf dessen Augen mit dem Thau, und alsobald wurde jener sehend. Der König hielt sein Wort, und trat ihm sein halbes Königreich ab. Dieser wollte es aber nicht sogleich antreten, sondern verlangte, daß man es ihm aufbewahre, bis er wieder käme.

Drauf zog er weiter, und ging gerades Weges nach Osten. Da hörte er bald von dem reichen Edelmann, und von dem Baum, der silberne Birnen trug. Er meldete sich bei ihm, und sagte, was zu thun sey. Die Kröte wurde ausgegraben und verbrannt, und sodann ihre Asche nach allen vier Winden zerstreut. Drauf, wie eine reife Birn gepflückt wurde, blieb sie eitel Silber, und zerfiel nicht in Staub. Der Edelmann wollte alsogleich die Früchte mit ihm theilen; dieser aber las nur drei Birnen aus, die schönsten, und zog weiter, um den Vogel Greif aufzusuchen.

Da zeigte man ihn des Weges nach Osten; und wie er viele Tage gegangen war, so kam er vor zwei Berge, die gingen immer zusammen, und er sollte doch durch. Da rief er: Laßt mich durch! laßt mich durch! »Das wollen wir, wenn du den Vogel Greif bittest, daß wir wieder ruhig stehen dürfen.« Hans versprach es, und drauf ließen sie ihn ungehindert durch. – Als er wieder eine Weile gegangen war, kam er an einen großen See, und drüben lag des Vogels Greif sein Schloß. Da kam in einer Nußschale ein kleines, altes, häßliches Weib heran geschwommen. »Fahr mich über,« rief Hans. »Das will ich thun, sagte das Weib; aber fragen mußt du den Vogel Greif, wie lange ich hier noch überfahren soll.« Das versprach Hans zu thun, und stieg ein, und ließ sich hinüber fahren. Als er ins Schloß trat, war Vogel Greif eben nicht zu Haus; doch bald rauschte es von ferne her, wie ein Sturm, und der Greif nahete und verdeckte mit seinem breiten Gefieder die Sonne, daß es ganz dunkel wurde. Da ward es Hansen doch bange ums Herz, und er versteckte sich. Vogel Greif aber, als er sich aus der Luft niedergelassen, sagte: Ich riech, ich riech Menschenfleisch. Das wiederholte er öfter, und schnupperte umher. Da kroch Hans aus seinem Winkel hervor, und sprach: Mächtiger Vogel Greif! wenn ihr mir drei Bitten gewähren wollt, so will ich euch diese drei silbernen Birnen geben. Vogel Greif sagte: Ich gewähre sie dir; sag' an. Da sprach Hans: Für's erste, wie lang müssen die zwei Berge zusammen und auseinander gehen? – »Bis sie einen Menschen erdrücken.« – Fürs zweite: »wie lange muß die alte Hexe noch die Leute überfahren?« – »So lange sie lebt.« – Aber nun zum dritten, so bitte ich, daß ich euch drei Federn ausziehen darf aus dem Schweif. Der Greif sagte: »Du verlangst viel; doch will ich dir Wort halten. Wenn du aber bei eine Feder zweimal ansetzest, so fress' ich dich.« – Drauf zwängte sich Vogel Greif zwischen zwei Felsen ein, und Hans zog nun, was er ziehen konnte. Der Vogel Greif zermalmte vor Schmerz die Felsen, und soff einen ganzen See aus. Wie Hans die drei Federn hatte, bedankte er sich, und gab die drei Birnen her. Drauf ging er des Weges zurück, den er gekommen.

Als er wieder zu dem See kam, schwamm die Alte in ihrer Nußschale heran. Die rief ihm gleich zu: Sag an, wann darf ich aufhören, überzufahren? Hans sprach: Ich darf es dir erst sagen, wenn ich drüben bin. Als sie ihn nun ans Land gesetzt hatte, sagte er: Du mußt so lange fahren, als du lebst. Da erhob die Alte ein großes Geschrei; sie sprang aus ihrer Nußschale ins Wasser, wo sie so lange tobte, bis sie ertrank. Von ihrem Toben war aber die See so ausgetreten, daß Hans bis an den Hals im Wasser ging, und beinahe ertrunken wäre; und das dauerte fort, bis er an die Berge kam. Die fragten ihn sogleich: Sag an! wann dürfen wir still stehen? Hans sprach: Ich darf es euch erst sagen, wann ich durch bin. Als er durch war, sagte er: Ihr dürft nicht eher still stehen, als bis ihr einen Menschen erdrückt habt. Da ergrimmten die Berge; es tosete und wüthete in ihrem Innern, so daß sie in Stücke zersprangen, die weit umher flogen. Aber Hans duckte sich, und kam glücklich davon.

Nachher zog er gen Osten, und fand den Wald, und die drei Berge, und den gläsernen Sarg, und das Mädchen, das darin lag. Das war aber eines Königs Tochter, und die Geschichte hat sich also begeben: Ihre Mutter, die Königin, war viele Jahre kinderlos. Eines Tages saß sie traurig am offenen Fenster und nähete. Es war aber zur Winterszeit. Da fiel ihr eine Schneeflocke auf den Schoß, und auf die Schneeflocke fiel ein Blutstropfen; denn sie hatte sich in den Finger gestochen. Da seufzte sie gar innerlich: Ach hätte ich doch ein Mägdlein, so weiß wie Schnee und so roth, wie Blut! Nach einiger Zeit gebar sie auch ein Mädchen, so weiß wie Schnee, und so roth, wie Blut. Und das Mädchen wurde Schneeweißchen genannt, und wuchs, und wurde groß und schön und fromm, und sie war der Mutter einzige Freude. Aber ein böses, altes Weib mißgönnte der Königin ihr Glück; und sie gab eines Tags dem Schneeweißchen einen vergifteten Apfel, und als das Mädchen einen Schnitz davon in den Mund nahm, so fiel sie als todt hin, und erwachte nicht mehr. Und weil sie nun gar so schön war, und roth blieb, wie Blut, und weiß, wie Schnee, so thaten es die Eltern in einen gläsernen Sarg, und stellten den Sarg zwischen die drei Berge. Die Eltern starben, aber Schneeweißchen blieb unverändert. – Zu dem trat nun Hans, und, nachdem er den Deckel abgehoben, so strich er mit den mitgebrachten Federn des Mägdleins Mund. Der that sich auf, und alsobald fiel der Apfelschnitz heraus. Da that das Mägdlein die Augen auf, und, als erwachte sie aus einem langen, schönen Traum, sah sie den Jüngling, der vor ihr stand, mit ihren holdseligen Augen an. Der war, wie ihr leicht denken könnt, voller Freuden, und er nahm das Mägdlein gleich mit in sein Königreich, das er gut aufgehoben fand.

Als er nun Hochzeit machte, war der Hof voll von Armen. Die saßen in zwei Reihen, und Schneeweißchen vertheilte unter sie das Almosen. Der junge König ging aber hinten drein, und freute sich über sein schönes und frommes Weib. Da bemerkte er plötzlich unter den Armen und Siechen seinen Bruder Jörg, der gleichfalls die Hand ausstreckte nach einer milden Gabe. Als der junge König ihn sah, und so elend, da dachte er nicht an das Unrecht und an Rache, sondern er nahm ihn aufs Schloß, wo er ihn speis'te und tränkte; und er erzählte ihm alles, wie es ihm ergangen, von Anfang bis ans Ende. Und zuletzt sagte er: Jetzt bleib bei mir, daß ich dir wohl thun möge, wie es der Vater gewollt hat. Aber Jörgs böses Herz ließ das nicht zu, in welchem Neid und Zorn und Stolz war; und er sprach: Willst du mir nicht thun, gleichwie ich dir gethan, so laß mich ziehen; denn ich mag nicht bei dir bleiben. Also zog er vom Hofe, und er dachte bei sich: »Die Krähen werden mir so gut weissagen, wie diesem Hans; und, da ich klüger bin, als er, so werde ich nicht bloß ein halbes, sondern ein ganzes Königreich bekommen. Dann werde ich ihn bekriegen, und einfangen, und ihn wiederum blenden, und noch elender machen, als vor her.« Als er zu dem Galgen gekommen, da blies ihm der Neid ein, und rieth ihm: Raufe alles Gras aus, das da ist, damit dein Bruder nicht wieder das Gesicht bekommen kann, wenn du ihn blendest. Das that er denn auch, und er legte sich dann auf den Rücken, und erwartete so die Krähen. Bald kamen sie; und die erste sprach: Das letzte Mal muß uns ein Mensch behorcht, und unsere Geheimnisse verrathen haben. Drauf die andere: Seht! da unten liegt wiederum einer. Der dritte sagte: Hacken wir ihm die Augen aus. Und sogleich flogen sie herab, saßen ihm auf den Kopf, und hackten ihm die Augen aus, und hackten weiter im Gesicht, so lange, bis er ganz todt war. Da blieb er liegen unter dem Galgen. Wäre er nicht so neidisch gewesen, und so dumm, und hätte das Gras stehen lassen, so hätten ihn die Krähen nicht gesehen, und hätten ihm auch geweissagt.

Hans aber lebte als König lang und glücklich, und Schneeweißchen auch.

Ludwig Aurbacher: Ein Büchlein für die Jugend
Stuttgart/Tübingen/München 1834

Dienstag, 1. Mai 2012

Der Greif und der Eisvogel


Allein, als das Meer anschwoll, entriß derselbe die jungen Eisvögel.
Da sagte das Weibchen:
- Ich habe es ja gleich von vorne herein gesagt, daß es so kommen werde.
Das Männchen aber entgegnete:
- Ich werde mich zu rächen wissen an dem Herrn des Meeres.
Darauf ging er zu einer Truppe von Vögeln und sprach zu ihnen:
- Ihr seyd meine Verwandte und Freunde, so stehet mir nun bei!
Diese fragten:
- Was willst du, daß wir thun sollen?
Der Seevogel erwiederte:
- Gehet mit mit insgesamt zu den übrigen Vögeln, daß wir ihnen klagen was von dem Herrn des Meeres geschehen ist, und wir wollen zu ihnen sagen: ihr seyd Vögel wie wir, drum steht uns bei.
Jene Truppe von Vögeln entgegnete:
- Siehe! Der Greif ist unser Beherrscher und König, darum gehe mit uns zu demselben, daß wir ihn um seine Hülfe anrufen, ihm klagen was dir von dem Herrn des Meeres begegnet und ihn bitten, Rache an demselben uns zu verschaffen durch die Macht seines ganzen Reiches.
Hierauf begaben sie sich zu dem Greif mit dem Eisvogel und ließen ihren Hülferuf ertönen. Der Greif zeigte sich ihnen alsbald, wo sie ihm dann ihre Geschichte erzählten und ihn ersuchten, mit ihnen zum Kampf gegen den Herrn des Meeres auszuziehen, was derselbige ihnen gleich zusagte. Wie aber der Herr des Meeres erfuhr, dass der Greif mit dem gesamten Reich der Vögel ihn bekriegen wolle, da wagte er es nicht sich in Kampf einzulassen mit einem ihm überlegenen König, gab dem Eisvogel seine Jungen zurück und schloß mit ihm Frieden, worauf der Greif sich zurückzog.

aus: Calla und Dimna oder die Fabeln Bidpai’s
Aus dem Arabischen von Philipp Wolff
Doctor der Philosophie Privatdozenten der orientalischen Literatur an der königl. Universität zu Tübingen, Mitglied der asiatischen Gesellschaft von Paris,
Erstes Bändchen, Stuttgart 1837, S. 87 f.

Dienstag, 10. April 2012

Der Tatzelwurm

Bildquelle: Wikipedia

Als kleiner Verwandter gilt der Tatzelwurm, ein alpenländisches Fabeltier, das auch unter den Namen Dazzelwurm, Praatelwurm, Stollenwurm, Beißwurm oder Bergstutzen bekannt ist, in der französischen Alpen als Arassas. Der Sage nach wird er zwischen 50 - 200 Zentimeter lang. Er lebt in Höhlen, die er sich selbst in den Felsen gräbt. Er ist scheu, gilt aber als gefährlich und aggressiv.

Freitag, 23. Dezember 2011

Das Einhorn und der Philosoph


Als das Einhorn den Philosophen im Park auf der Bank sitzen und so angestrengt nachdenken sah, gesellte es sich dazu.
„Hallo“, sagte das Einhorn.
Der Philosoph sagte nichts, denn er dachte ja nach und da er nie angesprochen wurde, bezog er den Gruß des Einhorns nicht auf sich. Das Einhorn wartete ab, sagte aber nach einer Weile:
„So lang ist der Gedanke, Herr Philosoph?“
Jetzt sah der Philosoph auf und schaute das Einhorn verwundert an.
„Gedanken sind nie zu Ende“, erläuterte er dann. „Wenn ich aufhöre zu denken, existiere ich auch nicht mehr.“
„Ach, das ist ja interessant“, staunte das Einhorn. „Dann brauche ich einfach nicht mit dem Denken aufzuhören, um ewig existieren zu können.“
„Allerdings nützt die Existenz so allein für sich nichts“, erwiderte der Philosoph. „Es muss noch ein Gegenüber geben, ein Du, das dich auch denken kann. Für sich allein zu existieren ist ja nichts.“
„Und? Denkst du mich gerade?“
„Für den Augenblick ja. Das ist eine ganz reizvolle Abwechslung. Aber auf Dauer kann ich natürlich nicht ein Einhorn in meine Gedankenwelt lassen. Das wäre ja an der Realität vorbei.“
„Eben hast du noch gesagt, dass etwas, sobald man es denkt, Realität wird.“
„Das bezog sich aber eher auf das Objekt, das denkt, nicht auf das Objekt, das gedacht wird.“
„Das Objekt, das denkt, genügt sich aber alleine nicht, hast du eben behauptet.“
„Stimmt ja auch. Es braucht ein anderes Objekt, das ebenfalls denkt und bereit ist, das andere Objekt wahrzunehmen. Also ich denke hier auf der Parkbank und bin mir meines Denkens bewusst. Das ich existiere, stelle ich nicht in Zweifel, wie es noch der chinesische Meister Zhuang gemacht hat, der nicht mehr wusste, ob er der geträumte Schmetterling oder der Träumer gewesen ist. Ich weiß, dass ich jetzt ein Einhorn träume und das gefällt mir gerade ausnehmend gut. Aber wenn ich gleich wieder wach bin, dann weiß ich auch, dass ich derjenige bin, der das Einhorn geträumt hat.“
Das Einhorn näherte sich dem Philosophen und stupste ihn sanft an.
„He? Was soll das?“ rief der Philosoph, der nicht stabil auf der Bank gesessen hat und fast heruntergefallen wäre.
„Hast du das gespürt?“ fragte das Einhorn.
„Aber sicher habe ich das gespürt“, sagte der Philosoph ärgerlich. „Fast wäre ich von der Bank gefallen.“
„Entschuldige“, sagte das Einhorn. „Ich war nicht darauf vorbereitet, dass du so wenig fest auf dem Boden der Tatsachen ruhst. Machs gut.“
Es wendete sich um und trabte davon. Der Philosoph glaubte noch ein Wiehern zu hören. Oder war es ein Lachen? Dann war er wieder allein und beschäftigte sich weiter intensiv damit, existent zu bleiben.

Horst-Dieter Radke

Samstag, 17. Dezember 2011

Die verwandelte Katze

Wertiger
Bildquelle: Wikipedia

Ein Mann war verrückt in seine Katze.
Er fand ihr Miauen so zaubervoll,
So reizend ihr Köpfchen, so zärtlich die Tatze –
Kurz, er war toller als toll!
Was tat er nicht alles an Bittgebeten,
An Tränen und Sprüchen der Zauberkunst,
Bis endlich durch eines Gottes Gunst
Das große Wunder eingetreten:
Als eines Morgens der Narr erwacht,
Da war seine Katze zum Weibe geworden!
Er hat sich keine Minute bedacht,
Er trat mit ihr in Hymens Orden
Und jubelte in den höchsten Akkorden,
Als er sie abends zu Bett gebracht.
Er zeigte sich ebenso übertrieben,
Wie einst in der Freundschaft, jetzt im Lieben.
So sehr war er von ihr entzückt,
Wie noch kein Dichter je geschrieben,
Daß eine Schöne den Liebsten beglückt.
Und während sie ihm innig schmeichelt,
Liebkost er sie und herzt und streichelt
Der jungen Gattin geschmeidigen Leib;
Die ganze Katze ist vergessen,
Und der Beglückte glaubt vermessen,
In allem sei sie ganz ein Weib.
Doch jählings wird der Gatte
In seiner Freude gestört,
Dieweil man an der Matte
Ein Mäuslein knabbern hört.
Das Weib mit einem Satz zum Bett hinaus!
Das Mäuslein fort – doch kehrt es bald zurück –
Sie liegt auf Lauer und sie packt's voll Glück:
Mit diesem Mäuslein war es aus!
Und immer war sie so auf jede Maus erpicht,
Getreu dem Wort: Die Katze läßt das Mausen nicht!

Was nutzte nun die schöne Wandlung der Statur?
Stärker als alles ist die Stimme der Natur!
Der angeborne Trieb verspottet jeden Zwang,
Ihr lehrt ihn nicht mit Sporn noch Peitsche andern Gang.
Spart euch die Müh und laßt es bleiben,
Alte Manieren auszutreiben,
Denn alles wird erfolglos sein;
Werft ihr sie vorne auch zur Tür hinaus,
So schlagen hinten sie ein Fenster ein –
Und sitzen wieder mitten drin im Haus.

Jean de Lafontaine

Sonntag, 23. Oktober 2011

Die Henne und die jungen Basilisken

Der Aberdeen Basilisk
(Bildquelle: Wikipedia)

Eine Henne fand Basiliskeneyer. Sie setzte sich darauf, und brütete sie aus.
Kaum schloffen die Jungen heraus, so frassen sie ihre Erzeugerin.

Wer bösen Leuten Schutz giebt, der ist vor ihren Streichen niemals sicher.

Heinrich Brauns
Versuch in prosaischen Fabeln und Erzählungen
München 1772
zu finden bey Joahnn Nepomuk Fritz,
und Augspurg bey Iganz Anton Wagner,
Buchhändlern.

Freitag, 30. September 2011

Das Testament des Wolfs


Der Wolf kam aufs Krankenbette, und Doctor Pommer verkündigte ihm, daß keine Hoffnung zu seiner Genesung sey. Wenn es denn, sprach Meister Wolf, nicht anders ist, so lasse man mir meine Kinder kommen, mich mit ihnen zu letzen. Sie kamen und umstellten das Lager ihres sterbenden Vaters. Ihr sehet, fieng er an, daß es mit mir zu Ende gehet; ich habe in meinen Lebzeiten nicht allezeit so, wie ich gewünscht, Recht und Gerechtigkeit verwaltet; die Zeiten waren schwer; es mußte sich jeder zu helfen suchen, so gut er konnte: Noch tröstet mich, daß mir der Adler und die Nachtigall nichts unrechtes nachsagen können; mit dem Elephanten und Löwen habe ich auch jederzeit in ertraulicher Freundschaft gelebt; nur die Schafe, Hunde, Hasen und Gänse haben’s zuweilen an mich gebracht, und in der ersten Hitze weiß man sich nicht immer zu mäßigen. Ich rathe euch aber, meine lieben Kinder, mit ihnen fürderhin in Ruhe und Eintracht zu leben; den Schaden, den ich ihnen gethan habe, bey bessern Zeiten zu ersetzen, und euch im Reiche der Thiere des Namens frommer Wölfe würdig zu machen; welches, wie Styx weiß, Lebenslang mein ernstlicher Vorsatz gewesen ist. Ist nun solches euer alle redlicher Wille, so lege jeder zu Bezeugung seiner Aufrichtigkeit die Klaue auf meinen Leib. Ach Vater, fieng Wolfette an, alles dieses wollten wir dir gerne versprechen, wenn wir nur keine Wölfe wären.

Auserlesene Fabeln von
Friedrich Carl, Freyherrn von Moser
ehemaligem Kaiserlichen Reichs-Hofrathe
und nachmaligem Regierungs-Präsidenten zu Darmstadt
Leipzig 1762

Dienstag, 13. September 2011

Drache

Bildquelle: Wikipedia

Drache, 1) Sternbild am nördlichen Himmel; die Fabel sagt, Juno haben den drachen, welcher die goldenen Äpfel im Schlafgemache der Hesperiden bewacht, und welchen Hercules tödtete, an den Himmel versetzt. – 2) Der fabelhafte Drache. Von diesem Ungeheuer geht die Fabel fast so weit hinauf, als die Geschichte reicht. Man schildert seine Gestalt so schrecklich als möglich, und gibt ihm zum Wohnplatze beinahe alle bekannte Länder, besonders das damals noch unbekannte Indien und Afrika. Seine Größe gab man nicht leicht unter 20, oft aber auf 70 Ellen an. Von letzterer Art war der Drache, der nach dem Ulian zu Alexanders des Eroberers Zeiten in Indien lebte und göttlich verehrt wurde. Füße hatte er nach diesen Beschreibungen nicht, sondern wie schlangen bewegte er sich durch Windungen des Körpers fort. Der ganze Körper war mit Schuppen bedeckt, und nach Vielen der hals mit einer Mähne geziert. Übrigens widersprechen sich diese Erzählungen fast alle, und nur darin stimmen sie überein, daß der Drache vortreffliche Sinnenwerkzeuge, besonders ein scharfes Gesicht habe. Ihm wird eine solche Stärke beigelegt, daß es ihm eine Kleinigkeit war, einen Elefanten zu erwürgen. Seine Nahrung bestand in Blut und Fleisch von allerlei Thieren auch fraß er verschiedene Früchte. Das Sonderbarste ist, daß dessenungeachtet dieses Thier gefangen und zahm gemacht werden konnte, wovon die alten Schriftsteller mancherlei zu erzählen wissen. Diesen Fabeln scheint aber dennoch ein wirkliches thier zum Grund zu liegen, und wahrscheinlich ist dieses kein anderes als die große Abgottschlange (Boaconstrictor, s.d.). Der fabelhafte Drache des Mittelalters hat 4 Löwenfüße, einen langen, dicken Schlangenschwanz und einen ungeheuern Rachen, aus welchem Feuerflammen strömten. In den Ritterzeiten spielte dieser Drache eine Hauptrolle; er gehörte zu den Ungeheuern, welche die bepanzerten Romanhelden zu besiegen hatten. Diese Sagen wurden wahrscheinlich durch mangelhafte Nachrichten vom Nilkrokodill, welche durch die Kreuzzüge nach Europa kamen, und übertriebene Beschreibungen unserer größten inländischen Schlangen veranlaßt …


Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände
(Conversations-Lexikon)
Siebente Originalauflage
(Zweiter durchgesehener Abdruck)
Dritter Band
D bis E.
Leipzig: F.A. Brockhaus, 1830

Mittwoch, 31. August 2011

Das Unicornium, belangend …

Erin Stevenson O'Connor
Das Bild steht unter der  GNU-Lizenz für freie Dokumentation
Bildquelle: Wikipedia

Das Einhorn / Unicornium, belangend / so schreiben die Authores, Plinius, Aristoteles, Ælianus und Philostratus so unterschiedlich darvon (wie zu sehen ist in dem Thier-Buch D. Gesneri Teutscher Version fol. 36.) daß es hart ist / etwas gewisses zu berichten /ausser daß dieses ein grimmiges / schnell- und starckes Thier seye / gelblechter Farb / in der Grösse und Gestalt einem Pferdt nicht vil ungleich / ausgenommen / daß es an seinen Füssen unterhalb gespaltne Klauen habe.

Das merckwürdigiste / und in der Artzney das kostbariste ist an diesem Thier das bey 2. oder 3. Elen lange / starcke und spitzige Horn / welches an seiner Stirn gerad hinauß gehet / deßwegen es auch Einhorn genennt wird. Wann es mit dem Elephanten streiten will / da wetzt es zuvor das Horn an einem Felsen /und schaut / daß es ihme den Bauch / welcher weich ist / darmit durchsteche und aufreisse; wann es aber fehlt / da wird er von ihm zerrissen.

Das Einhorn soll sich befinden in Mohrenland /auch Indien und Arabien. Wann es über 2. Jahr alt ist / lasset es sich nicht mehr fangen (wohl aber wann es jung ist) sondern er zerreißt alles / und lasset sich ehender umbringen / als fangen oder zahm machen /und förchtet keine Waffen: massen in H. Schrifft geschrieben stehet: Meinest du / das Einhorn werde dir dienen / und werde bleiben an deiner Krippen stehen.

Willibald Kobolt
Die Groß- und Kleine Welt
Natürlich-Sittlich- und Politischer Weiß zum Lust und Nutzen vorgestellt [...].
Augsburg 1738
 

Dienstag, 30. August 2011

Unter den vierfüßigen Thieren …

Trifoni di Petrarca
Bildquelle: Wikipedia


Was Felix Maurer in Observat Curioso-Physicar. Part. II. pag. 450. von dem Einhorn sowohl angemerckt, wollen wir theils anhero fügen. Unter den vierfüßigen Thieren (schreibt er) kommen wir zu dem viel-berühmten Einhorn / welches auch sonderlich hoch zu achten, weil die Heil. Schrifft desselben Meldung thuet, auch zu vielen Dingen, ja zu GOtt und Menschen vergleichet: Kein Autor, so dieses Thiers gedenckt, berichtet von seiner Geburt und Land, sondern verbleiben nur bey dessen berühmten Tugenden, mit Uberlassung des Geheimnisses seiner Ankunfft denen, welche frembde Länder durchreiset, und sich derer erkundiget haben.
Daß das Einhorn nicht mit dem Thier Abada zu confundiren, wie gemeiniglich zu geschehen pfleget, erhellet aus den unterschiedlichen Nahmen, indem eines Rhinoceros, das ander aber Einhorn genennet wird, welche beyde Nahmen dem einen Thier nicht zugleich zu geben seyn, sonderlich, weil auch solche Thier am Leib und Gliedmassen mercklich unterschieden seyn, wie in dem bekannten Abada und gemahlten Einhorn klärlich zu sehen: Dieses hat ein langes und gerades Horn, von fürtrefflicher Würckung, das Rhinoceros oder Abada hat derer zwey, etwas gebogen, und nicht so träfftig, wiewohl es auch wider das Gifft gebrauchet wird

Johann Jacob Bräuner:
Physicalisch= und Historisch= Erörterte Curiositaeten
Frankfurth am Mayn 1737