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Dienstag, 17. Dezember 2019

Die Wanze

Es war einmal ein großer Dichter, der ging, wie das berühmter Leute Art ist, viel auf Reisen. Eines Nachts schlief er in einem Hotelbett, und eine Wanze – frech wie eine Wanze – saugte sich an dem Dichter fest und delektierte sich an ihm.

Als die Mitwanzen das am Morgen hörten, sammelten sie sich aufgeregt, begeistert um die freche Wanze und fragten stürmisch:

Nun, wie finden Sie ihn?

Du lieber Gott – sagte die Wanze satt und nicht ohne Anerkennung: Als Dichter, na, da ist er nicht nach meinem Geschmack, aber als Mensch – und sie leckte nachgenießerisch ihr Freßwerkzeug – als Mensch: vorzüglich.


Robert Weiß
Innsbrucker Nachrichten, 25.7.1925, S. 4

Montag, 30. September 2019

Der Dank der Seele

Eine Legende

Als sie aus einem Menschenleibe ging,
Geschah es, daß sie dreimal wiederkam
Und von dem Leibe süßen Abschied nahm,
Indem er dreimal ihren Kuß empfing.

Sankt Patriz, der das seltne Schauspiel sah,
Erfragte sich vom Heiland den Bescheid:
»Weil er sie hielt in Glanz und Lauterkeit,
Darum wars, daß ihm dieser Dank geschah!«

Max Hayek
(1882 - Mai 1944 im KZ Ausschwitz Birkenau)

Samstag, 29. Juni 2019

Die Löwenzüchter

Im Rate der Paviane predigt’ ein Mandrill:
»Wir brauchen wieder Löwen, kost’ es was es will!
Dem allgemeinen Widerkäuen zu entflieh’n,
Gibt’s einen einz’gen Ausweg: Leuen müßt ihr zieh’n!«

Flugs gingen sie mit einem Komitee zu Werke
Und schrieben eine Prämie aus als Preis der Stärke.
Die einzige Bedingung war zu Kokurrenz:
Vor jedem Hundskopf leisten eine Reverenz,
Durch Grunzen seine Leueneigenschaft beweisen
Und hinten eine blaue Affenschwiele weisen.
Und als nun niemals blaue Löwen grunzten her,
Beschlossen sie: »Die Welt hat keine Leuen mehr.«
Bekümmert aber meinte der Mandrill: »Was nun?
Was soll man schließlich mit dem Ehrenpreise tun?«
Kein andres Mittel zeigte leider sich einstweilen,
Als unter sich die Prämie billig zu verteilen.
Die ganze Affengilde kam hierbei zu Ehren.
Was will man mehr von einem Löwenpreis begehren

Carl Spitteler
aus: Literarische Gleichnisse
2. Auflage 1908

Montag, 20. Mai 2019

Der Hund

Viele Bewohner des Kriegsfeldes pflegen ihre Hunde bei der Flucht von sich zu jagen, zumal wenn sie die Eisenbahnen benützen. Der es nicht gesehen hat, macht sich keine Vorstellung von der Zerstörung, die solcher Verrat in der Psyche des Hundes anrichtet. Ich aber habe manche Hundedramen erlebt.
Einmal war ich in ein kleines Haus gestürmt, das vollkommen ausgeplündert, einem solch verlassenen Tiere Zuflucht bot. Mein Wesen sofort erkennend, verschwand es vor meinen Blicken und kroch in den tiefen, geräumigen Backofen. ich wußte nicht, welcher Regung folgend: ich hatte den unbezwinglichen Willen, den Hund endlich – einen dieser hunderte wilden, endlich zu meinen Füßen liegen zu haben. Weiter nichts, glaube ich: ich bin ein Mensch.
Ich lockte, bat, bettelte, drohte, fluchte – lange. Als die Reihe wieder am Locken war, antwortete der Hund. »Jene peitschten mich von sich, weil sie feig waren vor dir. – Des Einen von Euch Herz ist feig, des anderen Sklave seines eigenen Willens. – Darum ist’s, daß ich auch zu dir nicht gehe.«
ich beteuerte, einer jener wenigen Menschen zu sein, welche weder Feigheit, noch Sklaverei kennen; daß ich aber in meiner Sendung nötigenfalls eine ganze Magazinladung meiner Pistole in das Loch hinein verpfeffere oder er komme heraus. Und ich bat, bettelte, fluchte, lockte.
– Da sagte er: »Nun, auch dir will ich es beweisen.« Und kam. Ein prachtvoller, nußbrauner Wachtelhund. Ich strich und kraulte und koste seinen Scheitel und seine Ohren, schenkte ihm einen Gutteil meines Mundvorrates und gab ihm tausend Liebesnamen. Dann sagte ich: »Komm!« Und wir gingen zusammen den anderen nach.
Das war ein Aufsehen. Der Hund wurde bejubelt, gelobt, geliebt und auf seinen Geldwert geschätzt. Ich hörte Bewertungsziffern, wie sie auf dreijährigen Halbblutstuten liegen. Aber er war auch klassisch schön, charaktervoll und gesund; er brachte von seinen Jagedausflügen Leckerbissen fürs ganze Bataillon. Eines Nachts an meiner Brust ruhend, sagte er mir ins Ohr: »Für diesen schönen Krieg an meiner Seite und dein ganzes Leben, mein Alter, bewahre dir das wilde, freie Herz deiner Vorderen. und lasse dich nie auf den Alltag ein!« – Mittags verschacherte ich meinem Freund an den Regimentsarzt Dr. Kohn, der das Meiste geboten. Er führte ihn an der Leine nach dem Divisionslazarett.
Für uns war ein Angriff angesetzt. Und als ich abends, kurz vor dem Sturme, noch einmal in einer Mulde lag, drängte sich inmitten eines heillosen Feuerwirbels plötzlich zwischen mich und den Fähnrich der schweißnasse, weitherjagende Hund, verschnaufte und keuchte: »Da bin ich und will dir melden, ich weiß, was du selbst heute aus deinem Herzen machtest, weil du, der Mensch, hiezu fähig bist.«
Ich schrie dem Fähnrich, er möge etwas abrücken, dann jagte ich dem Deserteur seine Kugel in den Kopf und warf ihn auf die niedere Wehr vorne. Er wand sich, mit der sterbeheißen Zunge an meiner Stirne zu lecken und flüsterte verlöschend: »Ich verzeihe dir aber, denn ich habe gesehen, in deinem Leben darf keine Stunde der anderen gleichen, keine jener in der Hütte, da du ein wahrer Mensch bist."

Michel Philipp
Aus meinem neuen Fabelbuch
Innsbrucker Nachrichten vom 14.10.1917

Freitag, 17. Mai 2019

Die Katze

Unserer entwichenen alten Katze begegnete ich neulich in den abgeheimsten Feldern, fern von Haus und Ställen, wo sie nun, um weiter zu bestehen vor ihrem Katzenhimmel, Feldmäuse vernichtete und Spatzen fraß.

Ich fragte mit verstellter Stimme (ich hasse die Katzen), was sie aus unserem freundlichen Hause vertrieben habe?

Sie antwortete: »Paßt mir, die Abrechnung: Ihr vereinbartet doch, mich zu ertränken, meiner Hautkrankheit wegen mich zu töten, nachdem ich Euch neun Jahre um Euer ganzes Gut wie eine bezahlte Magd gedient. Ihr selber aber, du und deine Söhne – Ihr wohl – findet nicht genug Häuser und Frauen darein, diees Gut zu vergeuden, um eben dieselbe Krankheit so recht ausgiebig in den Betten zu haben. Ihr seid wohl tausendmal schäbiger als ich!«

Michel Philipp
Aus meinem neuen Fabelbuch
Innsbrucker Nachrichten vom 14.10.1917

Montag, 13. Mai 2019

Die Kuh

In meinem Stalle standen vier Kühe. Drei warfen in einer Woche ihre Kälber, die vierte, bereits übers Jahr galt, hoch im Alter, aber fein gemästet, sollte nächster Tage geschlagen werden. Die drei – wie es geht – waren vom Melker schlecht betreut, bekamen nacheinander Euterentzündung grober Art, und mußten gesondert werden. Und die Kälber bogen sich täppisch und indolent unter die fette Tante, sogen an ihr, daß wir verwundert lachten, sogen eins nach dem anderen und zu zweien und alle gleichzeitig. So etwas war meinem dummen Melker nie untergekommen und noch weniger mir. Sie, die früher jedem Kalbe altjüngferlich abwerhrte, war wieder jung, ließ überreichlich Milch, täglich mehr, beleckte die Waisen der Reihe nach und muhte und greinte nach ihnen und diese nach ihr. Die ganze Familie gedieh prächtig, jedes walzenrund.

Als die Kälber in der siebenten Woche standen und bereits ihr Gräschen naschten im Pferche, und plärrend ihre kälbigste Jugend vertollten, fiel eines morgens nebenan auf der Schlachtbrücke die brave Amme nach dem zweiten Beilhiebe auf den Rücken, trat mit den Hinterbeinen in die Luft, als wolle sie den Kot ihrer Hufe nach meiner Brust schleudern. Und als sie gar den langen Metzgerstich in der Lunge fühlte, da quoll ihre Zunge aus dem Halse und mit einem Blick sagte sie mir noch etwas ins Gesicht, das ich bei der seinerzeitigen Beweisführung für mein Menschentum wohl zu verschweigen habe.

Michel Philipp
Innsbrucker Nachrichten, 14.10.1917

Samstag, 11. Mai 2019

Besitz

Mit ihrem Hause eine Schnecke
Fand eine andre auf der Strecke,
Die ohn Haus war, und begann:
»Ob man noch Schnecke nennen kann
So was, wie du bist weiß ich nicht:
Wer auf die Welt nicht gleich sein Haus
Sich mitbringt, ist für mich ein Wicht!«
»Ich bin auf jedes Gut nicht aus«,
Entgegnete das nackte Tier –;
»Zerbricht dein Haus, ist’s aus mit dir, –
auch klebst du daran – fast fürchte ich:
Du hast das Haus nicht – es hat dich."
 
Alois Wohlmut (1849-19309
österreichischer Schauspieler und Autor
INNSBRUCKER NACHRICHTEN, 2.9.1917

Donnerstag, 9. Mai 2019

Der große Unterschied

Es mußte sich mit seiner Fuhr’
Ein Pferd durch eine Pfütze plagen,
In der des Dorfes Säue lagen.
»Ei, schaut doch nur, ei, seht doch nur!«
Begann sogleich ein großes Schwein,
»Das stolze Pferd, das Adelstier –
Im Schlamm und Kot – genau wie wir.
Das Pferd: »Genau wie du? O nein:
Ich  ziehe gegen meinen Sinn
Hier durch den Mist, du wälzt dich drin:
Ich steh’ im Dreck, weil ich muß –
Dir ist er Element, Genuß.«
 
Alois Wohlmut
Innsbrucker Nachrichten
2.9.1917

Dienstag, 26. März 2019

Einsicht

Eine schneeweiße Pfauentaube saß mit dem Tauber auf dem Dach. Sie glänzten in der Sonne und schnäbelten sich zärtlich.
»Das ist stark«, sagte das Truthuhn, das seinen Kopf ganz schief halten mußte und dazu blinzeln um hinaufzusehen. Es wollte weiter reden; aber da ging der Truthahn vorbei, kollerte und blähte sich, und das Truthuhn warf sich platt auf die Erde, verliebte und demütig. Es sah mit seinen blöden Augen zu dem stattlichen Tier empor, das mit Rasseln und trommeln dafür dankte und sich aufblies wie ein Luftballon.
»Daß man einen Tauber anbeten kann!«, kreischte das Truthuhn.
»Einen kleinen, unbedeutenden, farblosen Vogel, der keinem Geschöpf Respekt einzuflößen imstande ist.« Es lag nun flach da, wie ein breiter, bräunlicher Eierkuchen. Dem Truthahn schwoll der rote Zierrat an Kopf und Hals. Er wurde purpurrot.
»Daß er die Zärtlichkeit der Taube überhaupt für voll nimmt«, kollerte er. »Daß er so wenig Einsicht hat und glaubt, was die Kleine da oben girrt.« Er schüttelte isch. Das Truthuhn vor ihm wurde noch flacher.
»Er ist ein Tauber«, sagte es verächtlich. »Kein Herrscher, kein König unter seinesgleichen, kein …« Es konnte nicht weiter, und schnappte nach Luft. Sein bläuliches Köpflein bewegte sich vorwärts und rückwärts. Es schloß die Augen und wartete, ob der Truthahn seine Ergebenheit belohnen werde. Aber er rauscht weiter. Wie dunkles Gold glänzte sein Gefieder. Er wußte, daß er der Stolz des Hühnerhofes war.
Der große, weiße Hahn hatte dem Zwiegespräch zugehört. Er schwieg. Stolz drehte er den gebogenen Hals, und gravitätisch ging er seinen Hühnern voran durch den großen Hof. Eine der Hennen sagte, daß sie sich wundere, daß der Truthahn sich mit der dummen Dinde abgeben möge, die Verehrung und Zärtlichkeit heuchle. »Und er glaubt das alles«, sagte ein braungesprenkeltes Huhn, und trippelte zum Hahn. Der hob sich, schüttelte sich und krähte. Alle Hühner sahen sich an.
»So wie du, kräht keiner«, sagte eines.
»Wer hat dien stolzes Auge?«, fragte ein anderes, und gab der Nachbarin einen Hieb, denn sie hatte ihm eine Mücke vor dem Schnabel weggeschnappt.
»Wessen Schwanzfedern wölben sich wie die deinen?«
»Wer ist so weiß wie du?«
»Wer könnte uns beschützen, wie du es tust?« Der Hahn schwieg. Er war klug. Aber er stolzierte durch den Hof, schlug mit den Flügeln und krähte, daß alle Hähne der Nachbarschaft antworteten.
Der Enterich, de am Zaun in der Sonne lag, hatte mit seinen beerenschwarzen ›Augen dem allem zugesehen. Er war aber zu faul, um zu sagen, was er dachte. Er wippte nur mit dem Schwänzlein und schnatterte ganz leise. Seine beiden Enten konnten sich nicht genug wundern, daß der Hahn solche grobe Schmeicheleien glaube. Sie sahen hinüber zum Hahn und schnatterten empört und verächtlich. Dann begannen sie gleichzeitig den Enterich zärtlich zu lausen. Er ließ es sich gefallen.
Warum auch nicht?

Lisa Wenger
Amoralische Fabeln
Zürich, 1920

Mittwoch, 31. Januar 2018

Das Märchen vom Glück

Es war ein Mann, der Steine hieb aus dem Fels. Seine Arbeit war schon schwer, und der Lohn war gering, und zufrieden war er nicht. Er seufzte und rief: »O wäre ich reich und ruhte in einer Sänfte mit Vorhängen von rother Seide!«. Da kam ein Engel vom Himmel und sprach: »Dir sei, wie Du gesagt hast!« Und er war reich und er ruhte in einer Sänfte mit Vorhängen von rother Seide. Da fuhr der König des Landes vorbei, Reiter zogen ihm voran, Reiter folgten ihm, und der goldene Sonnenschirm wurde über seinem Haupte getragen. Das verdroß den Mann, dass der König mächtiger war als er, und er rief: »Ich möchte König sein!« Und der Engel kam vom Himmel und sprach: »Dir sei, wie Du gesagt hast!«
so beginnt das alte indische Märchen vom Glück, wie es der holländische Verwaltungsbeamte Dekler, der Dichter Multatuli, von Java oder Sumatra mitgebracht hat. Das uralte Lied vom Sehnen und Wünschen, das uralte Lied vom Hoffen auf das Glück, das uralte Lied von der Unzufriedenheit und der Bescheidenheit.
Der Mann wird König, aber die Sonne ist stärker als er, trotz des goldenen Sonnenschirms. Er wird die Sonne und versengt die Erde, aber eine Wolke stellt sich vor die Sonne und hindert ihre Macht. Er wird die Wolke und läßt Ströme hinabregnen, die das Land verwüsten und das Vieh wegschwemmen, aber der Fels weicht nicht seiner Kraft. Er wird der Fels, der starr dastand, ob die Sonne schien, ob es regnete. Aber es kommt ein Mann mit der Hacke, dem Meißel, dem Hammer und schlägt Steine aus dem Fels. Da wünscht er dieser Mann zu sein, und auch dieser Wunsch wird ihm erfüllt. Er wird ein Steinhauer und schlägt Steine aus dem Fels, mit schwerer Arbeit, für geringenLohn …
»Und er war zufrieden«, so schließt das Märchen. Ob es wohl wahr ist? Wer das Menschenherz kennt, der sollte wohl meinen, das Märchen könnte wieder von vorn anfangen.
Wir kennen das Märchen vom Glück alle, nur in etwas anderer Form. Diese Geschichte von dem Steinhauer kommt wohl der Urform am nächsten. Sie hat das Motiv am reinsten und klarsten bewahrt, am wenigsten beeinflußt von anderen Ideen und Vorstellungen. Als die Völker sich trennten und von der Urheimat in alle Windrichtungen auseinander zogen, da nahmen sie auch die Sehnsucht nach dem Glück mit und auch das Märchen vom Glück. Im Laufe der Jahrtausende erlitt das Märchen allerlei Wandlungen, aber die Sehnsucht blieb und das Glück kam nie.
Ein weiser Mann in Vorderindien, erzählt der Pantschatantra, das alte Weisheitsbuch der Könige, hatte eine Maus aus der Lebensgefahr gerettet und beschloß, sie bei sich zu behalten. Er verwandelte sie in ein Mädchen. Als das Mädchen herangewachsen war, sollte sie auf Geheiß des weisen Mannes, der auch ein mächtiger Mann war, einen Gatten wählen. Sie will den Mächtigsten zum Gatten haben, den Sonnengott. Der Sonnengott aber, der ihre wahre Natur kennt, denn die Sonne sieht alles, mag sie nicht und sagt: »Nicht doch, die Wolke, die mich verhüllen wird, die ist viel mächtiger.« Die Wolke verweist sie an den Sturmwind, der sie dahinjagt, der Sturmwind an den Berg, an dem er sich bricht. Gerade will sie den Berg zum Gatten wählen, da sieht sie, wie eine Maus ein Loch durch den Berg wühlt …
Hier ist an Stelle der einfachen Erhabenheit der ersten Geschichte der Humor getreten. Das Mädchen – schon das ist bezeichnend, daß es ein Mädchen ist – will den Mächtigsten wählen, aber jeder schiebt einen Mächtigeren vor, bis sie schließlich auf diesem Umwege zum Anfangspunkte zurückkehrt und der Ring sich schließt. Die Idee des Strebens nach dem Glücke ist zurückgedrängt, und die andere Idee, daß jeder Mächtige noch einen Mächtigeren hat, überwiegt. Hier ist es das Unscheinbare, was schließlich am meisten vermag: die Maus, die ja auch den Löwen aus seinen Stricken herausnagt.
Ein Tschandalamädchen – so erzählt das indische Buch Somadewa – wollte den Mächtigsten zum Herrn haben. Sie folgte dem Könige auf seinem Umritte durchs Land. Da kamen sie an einem Tempel vorbei; hier machte der König Halt, stieg vom Pferde und warf sich vor dem Götzen nieder. Da sah das Mädchen, daß das Steinbild mächtiger sein müsse und es wollte diesem dienen. Aber ein Hund kam und that an dem Steinbilde, wie manchmal respectlose Hunde thun, und das Steinbild duldete es. Doch ein Tschandalajüngling kam und prügelte den Hund, und ihm diente das Mädchen.
Hier ist der Humor schon ins Burleske übergeschlagen und die Idee des Märchens vom Glück so beinahe gänzlich verwischt.
Wer kennt nicht das deutsche Volksmärchen vom »Fischer un sine Fru«? Der Fischer hat durch Zufall Gewalt über einen Zauberfisch bekommen, den »Butje, Butje in den See«, und der muß ihm Wünsche erfüllen. Aber nicht er ist es, der immer wieder Wünsche hat, er wäre mit einer bescheidenen Aufbesserung zufrieden: Die Frau ist es, die immer mehr begehrt – »Mine Fru de Ilsebill, will nicht so as ick woll will –«. Sie wird schließlich Kaiser, ja sogar Papst, und zuletzt will sie der liebe Gott sein … da verfliegt das Glück und sie finden sich in ihrer elenden Hütte wieder.
Das Märchen erinnert in seinem Grundzuge an das vom Steinhauer. Es ist nur nicht die natürliche Sehnsucht nach dem Glück, die jeden Menschen innewohnt, es ist eine krankhafte Großmannssucht, die diese Evastochter beseelt und die schließlich aus dem Paradiese heraustreibt. Es ist etwas Herbes, etwas Weiberfeindliches darin, ganz anders, wie in den beiden indischen Geschichten, die das Treiben des naiven Dinges mit überlegenen Lächeln zu sehen scheinen. Auch die Führung der Erzählung steht nicht auf derselben Höhe. In den indischen Märchen haben wir überall einen sich von selbst schließenden Ring, eine leicht gleitende Entwicklung, die den Helden oder die Heldin zu ihrer Natur zurückführt, – das deutsche Märchen vermag das nicht, es führt die Rückkehr plötzlich und plump durch einen jähen Sturz herbei: zur Strafe für ihre Vermessenheit werden beide, die Schuldige und der Mitschuldige, wieder das, was sie waren! Das ist ein neues Motiv, aber kein besseres; es ist, als ob die Stiefmutter mit drohend geschwungener Ruthe in einen Reigen harmlos spielender Kinder stürzte.
Feiner ist in dieser Hinsicht die verwandte Geschichte von »Hans im Glücke«, die eine ähnliche Idee in umgekehrter Reihe, in absteigender Linie verfolgt. Hans hat für langjährige, schwere Arbeit einen Klumpen Gold erhalten und wollt heimwärts. Aber der Klumpen ist ihm zu schwer, er tauscht ihn gegen ein Pferd ein, das Pferd, das ihn abwirft, gegen eine Kuh, die  sich nicht melken läßt, diese gegen ein Schwein, eine Gans und schließlich gegen ein paar Schleifsteine, die er in den Brunnen wirft, weil er sie nicht mehr schleppen mag. So kommt er arm, aber lustig zu Hause an. Der Ring hat sich zwanglos geschlossen.
Hierher gehören auch die mancherlei Geschichten von den drei Wünschen, wie der hübsche Scherz, wo die Frau wünscht, daß zu der einfachen Speise ein paar Würstchen wären, worauf die Würstchen da sind – ein Anklang an das Tischlein deck dich, auch eine Form ersehnten Glückes, unter vielen anderen – der Mann ruft: »Wenn Dir doch bloß die Würste an der Nase hingen!«, womit auch der dritte Wunsch verwirkt ist, denn was sollte er machen? Er mußte die Würste wieder von der Nase herunter wünschen. Zu dieser Geschichte gibt es zahllose Varianten.
Hier thun sich noch weite Parallelen auf, zum Wunschhütchen, zur Tarnkappe, zum Schlaraffenland, und andererseits finden wir Anklänge an die griechischen Mythen vom Ikarusfluge, von der Fahrt des Phaethon, von Philemon und Baucis und vielerlei anderes.
Das weiter auszuführen möchte ich nun dem geschätzten Leser selbst überlasse, wie ich es ihm auch anheim geben muß, sich mit seiner Sehnsucht nach dem Glücke nach besten Kräften abzufinden. Da kann kein Mensch den anderen helfen, ich auch keinem, und keiner mir.

Karl Mischke
Innsbrucker Nachrichten
15. Januar 1901,   S.1 f.

Samstag, 13. Januar 2018

fabuloes als Buch


Nun gibt es »fabuloes« nicht nur als Blog, sondern auch als Buch und E-Book. Das Schönste aus den mehr als 1.300 Postings dieses Blogs themenorientiert zusammengestellt. Während der Blog nach wie vor gut zum stöbern ist, lädt das Buch zum schmökern ein. Natürlich wird der Blog weitergeführt. Fabeln, Parabeln und fabelhafte Beiträge gibt es noch genug.

Mittwoch, 21. Juni 2017

Die Krähe und der Fuchs

Die Heumacher hatten auf der Wiese eine Heugabel aufrecht in den Boden gesteckt vergessen.

Es kam der Frühling. Eine Krähe fand die Gabel und baute zwischen deren Zinken ihr Nest. Der Fuchs sah es und dachte nach, wie er die Krähenjungen aus dem Nest herauskriegen könne. Er begann, der Krähe Furcht einzujagen: »Das ist meine Gabel. Gib mir ein Kind aus dem Neste heraus. Gibst du es nicht, so hau ich die Gabelstange nieder!«

Die Krähe gab aber das Kind nicht her. Da ging der Fuchs unters Nest und schlug mit dem Schwanz an die Gabelstange. Die Krähe sah das und dachte: »Jetzt haut der Fuchs die Stange nieder und brennt sie mit Feuer!« Sie nahm ein Kind und warf es dem Fuchse hinunter. Auf diese Weise lockte ihr der Fuchs drei Kinder ab.

Endlich merkte die Krähe den Betrug und gab ihm keine Kinder mehr. Der Fuchs beschloß, die Krähe dafür umzubringen. Er legte sich in der Nähe des Krähennestes nieder und stellte sich tot. Auf solche Weise lag der Fuchs zwei Wochen lang an ein und derselben Stelle hingestreckt, so daß ihm auf der einen Seite schon die Haare ausgingen.

Jetzt erst kam die Krähe, um dem Fuchse die Augen auszuhacken. Da sprang der Fuchs vom Boden auf und zerriß die Krähe.

August von Löwis of Menar
Finnische und estnische Volksmärchen
Jena, 1922

Sonntag, 16. April 2017

Wie das Schaf den Wolf fängt

Vor langer Zeit, als die Gegend bei dem Dorfe Eichel am Main noch mit Wald bedeckt war, kam ein Mann mit einem Schafe zu der Wallfahrtskapelle »Maria zur Eiche«. Er band das Schaf an die Kirchentür und ging hinein, sein gebet zu verrichten. Mittlerweile kam aus dem Wald ein Wolf, um das Schaf zu rauben. Dieses riß sich aber los und sprang in die Kirche, der Wolf ihm nach. Da lief das Schaf zur Tür zurück, faßte mit dem Maul den Strick, der an der Tür hängen geblieben war und riß die Tür zu. Der Wolf war nun eingesperrt und wurde getötet.

Karl Hofmann

Montag, 20. März 2017

Die goldene Spinne


Der kleine Karlmann war sehr still und hatte immer solche Sehnsucht. Wonach er Sehnsucht hatte, wußte er selber nicht, aber es tat recht weh. Oft besah er sich das Bild seiner Mutter, das in Vaters Studierstube über dem Schreibtisch hing. Sie hatte ein weißes Kleid an und einen grünen Kranz mit einem Schleier auf dem Kopfe und war sehr schön. Karlmann wußte, daß das Kleid ein Hochzeitskleid und der Kranz ein Brautkranz gewesen war. Und nun war sie schon so lange tot, fast so lange wie er lebte.

Manchmal stand er auch am Küchenfenster und sah über den Zaun weg auf die Straße. Da spielten die Kinder »es ging ein Bauer ins Holz« und andere Spiele. Karlmann sah gern zu, aber mitspielen mochte er nicht; die Kinder waren so heftig und laut und etschten ihn aus, weil er so still war. Nein, besser spielte es sich schon mit Mohr; der war gut und freute sich, wenn man ihn von der Kette losmachte und mit ihm um den großen Rasenplatz herumlief.

Am liebsten saß er aber drin bei der alten Nanna und ließ sich Geschichten erzählen; vom Feuermännchen und der Maus Grisegrau oder von der schönen Müllerstochter, die in den Mühlgraben gefallen war und den häßlichen Wasserbock mit dem grünen Barte heiraten mußte. Die allerschönste Geschichte aber war doch die von der goldnen Spinne, die ihre Fäden vom Himmel bis zur Erde spannte. Die Nanna hatte ihm gesagt, daß die goldne Spinne nur goldne Wespen essen könne, und daß sie im Frühjahr in der alten Eiche am Park wohne. Wer ihr eine goldne Wespe bringe, kriege den Himmel zu sehn, hatte sie gesagt. Da dachte der kleine Karlmann oft, wie er wohl der goldnen Spinne eine goldne Wespe bringen könne, aber es fiel ihm nichts ein.

Einmal lag er unter dem Fliederbusch an der Laube. Er hatte die Hände unter den Kopf gelegt und sah dem Luftballon zu, der weit oben im blauen Himmel stand. Das Schiffchen unten glänzte wie Silber, und wieder hatte der kleine Karlmann solche Sehnsucht. Er wäre gern da oben in dem Luftballon gewesen, hoch, hoch über den Bäumen und den Menschen. Der Lehrer hatte gesagt, die ganze Erde wäre nur eine große Kugel. Ob man das von oben sehen konnte? Oder ob man noch höher mußte? Bis an die Sonne, wo die goldne Spinne ihre Fäden festgebunden hatte?

Da flog eine Schwalbe hoch über ihn weg, und – pink – fiel etwas ins Gras. Als er sich aufrichtete und hinsah, war es eine goldne Wespe; da wußte er gleich, daß er die der goldnen Spinne bringen müsse, band sie in sein Taschentuch und ging zum Parke.

Da saß nun der kleine Karlmann und wartete auf die goldne Spinne. Er saß geduldig unter der alten Eiche und guckte sich die seltsamen krummen Äste an. Ja, das mußte wohl die Wundereiche sein! Ihm wurde ganz bange, und er legte sich in das frischgeschnittne Gras. Wie süß das roch, und wie wunderlich die Sonnenstrahlen aus den Zweigen ins Gras hüpften, blank! hopp, hopp, blink, blank! Ob wohl die Engel so tanzen konnten? Die Augen taten ihm weh vom bloßen Hinsehen, und er machte sie lieber zu. Da sah alles noch viel schöner aus! Die hunderttausend goldnen Blättchen und die rote Sonne und die weißen Sternblumen. Da saßen auch die bunten Papageien und der komische Pfefferfresser mit dem mächtigen rotgelben Schnabel und den prächtigen bunten Federn. Die waren gewiß aus dem Zoologischen Garten gekommen, um die goldne Spinne zu besuchen. Ja, und da war sie ja schon selber, die goldne Spinne! Der kleine Karlmann staunte, er hatte sie gar nicht kommen sehn! Und nun war da ein herrliches goldnes Netz, das spannte sich, soweit er sehen konnte, von Baum zu Baum, und ein Funkeln und Leuchten war um ihn her. Die goldne Spinne aber kam auf ihn zu, ließ noch immer neue Fäden aus ihrem Leibe wachsen und sang mit feiner Stimme:

Spinne spinnt im Sonnenschein
goldne Netze schleierfein;
goldne Fädchen, Sonnenfädchen,
für die Knaben, für die Mädchen;
spinnt sie ein,
spinnt sie ein,
spinnt die stillen Kinder ein.

Während sie das sang, hatte sie Karlmann mit den weichen goldnen Fäden ganz umsponnen; aber er fürchtete sich nicht, ihm war wie im allerschönsten Traum ganz wunderselig zu Sinn. Komm mir nach, sagte die goldne Spinne. Karlmann hatte nun ein Kleid von lauter Gold an und wunderte sich, wie leicht und geschickt er klettern konnte! Er nickte den Papageien und dem Pfefferfresser zu, die verwunderte Augen machten, und stieg der goldnen Spinne nach, hoch oben in die Spitze der alten Eiche. Wie ein grünes Meer lag der Park unter ihnen, denn der Eichbaum war höher als alle andern Bäume, viel höher; ja, was war denn das? Er wuchs noch immer höher, bis an die Wolken! Da lag das Haus seines Vaters, er erkannte es an dem Taubenschlag; da lag die Kirche und das Schulhaus, und alles war so putzig klein! Und der Kanal! wie eine silberne Schlange sah der aus!

Der Eichbaum wuchs noch immer. Tiefer und tiefer lag die Stadt unter ihnen. Zuletzt sah er nur noch helle und dunkle Flecke. Über die Berge sah er und über den Wald. Er sah, wie der Kanal in einen großen Fluß mündete, und wie der große Fluß weit, weit in das Land hineinging.

»Jetzt kommt unser Wagen,« sagte die goldne Spinne. Da hielt der kleine Luftballon, den Karlmann vorhin gesehen hatte, grade vor ihnen. Die Spinne spann ihn fest mit einem goldnen Faden, und sie stiegen in das silberne Schiffchen. »Nun sollst du auch sehen, wozu ich die goldne Wespe brauche,« sagte die Spinne. Dabei holte sie das Tierchen hervor und knüpfte zwei starke Fäden um seinen schlanken Hinterleib. Hui, flog die Wespe davon, und die große Spinne hatte ihr Pferdchen am Zügel. »Wenn wir zu Gott kommen, muß sie sterben, aber sie tut es gern, denn Gott wird sie küssen, und das ist das größte Glück,« sagte die goldne Spinne. »Sieh nur, wie die Erde immer kleiner wird, jetzt merkst du schon, daß sie eine Kugel ist, wie der Mond und die andern Sterne auch!«

Karlmann sah erstaunt hinunter. Nur Land und Wasser konnte er noch unterscheiden und die hohen Berge. Und immer weiter flog die Wespe mit dem silbernen Schiffchen, an dem Mond vorüber, der auch Berge und Meere hatte, und an tausend Sternen vorbei, großen und kleinen, roten und weißen, blauen und grünen.

»Wenn du jetzt nicht dein goldnes Kleid anhättest, müßtest du erfrieren; hier ist die Luft so dünn und kalt, daß kein Mensch drin leben kann,« erklärte die goldne Spinne, »bald aber sind wir im Garten der jungen Engel, da ist es warm, und da werden wir bleiben.«

Karlmann war noch stiller als sonst, aber er hatte gar keine Sehnsucht, er mußte nur immer und immer die funkelnden Sterne ansehen.

Endlich waren sie im Garten der jungen Engel. Ein großes Tuch aus weißem Sammet war zwischen vier Sternen ausgespannt. Bäume und Blumen wuchsen da, wie auf der Erde, nur viel höher und leuchtender. Durch die Büsche flogen seltsame, große Vögel. Dazwischen standen und saßen viele hundert Engel, die hatten Geigen oder Flöten in den Händen, einige lasen auch in Büchern. Alle hatten weißseidne Gewänder an und Sonnenstrahlen um den Kopf. In der Mitte stand ein großer Stuhl. Der war aus weißen Wolken gebaut, und vier große graue Adler saßen auf der Lehne. »Das ist der Thron des lieben Gottes,« sagte die goldne Spinne und ging mit Karlmann an den Engeln vorbei, die freundlich grüßten. Sie setzten sich an den Stufen vor Gottes Thron nieder, und die Spinne erzählte: »Heut ist Sonnwendfest, heut kommt Gott hierher und küßt die Seelen, die neu in den Himmel gekommen sind; dann werden sie selig und bekommen Flügel. Höre, die Engel machen schon Musik.«

Solche Musik hatte aber Karlmann noch nie gehört! Es klang wie das Rauschen von Bäumen und von Wasserfällen, wie das Summen von Käfern und von Grillen, dazwischen kamen lange Töne, als ob die Nachtigall riefe. Und alles war so feierlich, daß Karlmann kaum zu atmen wagte. Als er sich aber nach der goldnen Spinne umsah, mußte er die Augen zutun vor all dem Glanze! Wie die liebe Sonne selbst stand sie da, und auf ihrem funkelnden Netze kletterten die kleinen Engel auf und ab! Auf dem Throne aber saß ein großer schöner Mann mit weißem Bart und weißen schlanken Händen. Und alle Engel beugten sich vor ihm, und alle Engel küßte und segnete der liebe Gott, und alle bekamen Flügel und hatten selige Augen.

Die goldne Spinne aber hatte auf einmal das schöne Gesicht von seiner verstorbenen Mutter und hatte einen langen Schleier und einen Kranz auf dem Kopfe. Sie nahm Karlmann bei der Hand und führte ihn zu Gott. »Küsse ihn auch, Herr,« bat sie, »küsse ihm die böse Sehnsucht fort, daß er lustig wird wie die andern Kinder und im Sonnenlicht mit ihnen spielen kann.«

»Küssen will ich ihn wohl,« sagte der liebe Gott und zog Karlmann zu sich heran, »aber seine Sehnsucht kann ich ihm nicht wegküssen, die muß er behalten.« Und Gott küßte Karlmann auf die Stirn. Da brauste der Himmel; tausend Glocken läuteten, dem Kinde war, als fiele ein großes Feuer in sein Herz, er schluchzte laut vor Seligkeit und fiel auf die Knie.

Als er sich wieder aufrichten und Gott und seine schöne liebe Mutter noch einmal ansehen wollte, war es dunkel um ihn her; er fiel, die Sinne vergingen ihm fast, er fiel, lautlos und schnell fiel er durch die Nacht, immer tiefer, immer tiefer, bis er unten im Park auf der Erde lag. Es war an derselben Stelle, wo ihn die Spinne abgeholt hatte. Er stand auf und ging nach Hause. Nanna und Mohr standen vor der Tür und wollten ihn eben suchen gehen. Die Nanna meinte, er hätte geschlafen und geträumt, er wußte es aber besser.

Er blieb noch immer der stille, kleine Karlmann; aber wenn die Sonne durch die Zweige schimmerte, sah er die goldne Spinne, die die Augen seiner Mutter hatte, mitten in ihrem Strahlennetze sitzen, und die kleinen Engel daran auf- und niedersteigen. Und wenn die böse Sehnsucht kam und ihn quälen wollte, fühlte er Gottes Kuß auf der Stirn und das Feuer im Herzen, und dann tat dem kleinen Karlmann die böse Sehnsucht nicht mehr weh.

Paula Dehmel

Dienstag, 14. März 2017

Was das Schäfchen sagen darf und was nicht!


Ein junges Schaf lief an der Seite des Böckleins glücklich über die Wiese. Es schmiegte seine feuchte Schnauze dicht an die Nase seines Gefährten, und die Löcklein ihrer weichen, wolligen Felle kräuselten sich ineinander. Das gefiel dem Schäflein, das neben seiner Mutter graste.

»Frau Mutter, ich will auch heiraten,« sagte es, »heiraten ist ein schönes Ding!« Bedächtig sah das Schaf auf sein Junges.

»Wie man’s nimmt,« sagte es, »aber schön, oder nicht schön, ein wohlerzogenes Schäfchen sagt nie, daß es gerne heiraten möchte.«

»Frau Mutter, ich denke es aber!«

»Denke es so viel du willst, Schäfchen, aber sag es nicht Als ich jung war, wäre es keinem von uns eingefallen, vom Heiraten zu reden.«

»Aber geheiratet habt ihr doch alle.«

»Natürlich! Selbstverständlich! Aber das ist etwas anderes als davon reden.« Eine alte Ziege hatte zugehört.

»Die Jugend von heute ist überhaupt schamlos,« sagte sie. »Da habe ich neulich erleben müssen, daß zwei halbwüchsige Ziegen von ihren zukünftigen Jungen sprachen!«

»Ja, darf man das auch nicht?« fragte das Schäflein, »darum heiratet man ja eben, um Junge zu kriegen.«

»Schweig,« rief das Schaf erschrocken.

»Pst, pst, pst,« mahnte die Ziege.

»Ich kann nur etwas nicht begreifen,« fing das Schäfchen wieder an. »Neulich sagte ich, ich wollte nicht heiraten, es sei lustiger so, als wenn man sich ewig um seine Jungen kümmern müsse und nie springen könne, wohin man wolle. Da haben mich alle gescholten, und haben gesagt, das sei die Bestimmung eines Schafes, Mutter zu werden, und die Natur habe es so gewollt. Und der Herr Vater hat mir gesagt, ich sei ein ganz entartetes Lamm, und kein Böcklein werde mich je heiraten wollen, wenn ich eine solche Gesinnung hätte. Und jetzt werde ich wieder gescholten und habe nun doch die richtige Gesinnung.« Das Schäfchen mähte kläglich.

»Kind,« sagte die Alte, »es ist da ein Unterschied. Sagst du, du habest keine Luft zum Heiraten, es sei dir unbequem und du wollest deine Freiheit wahren, so fallen alle männlichen Schafe über dich her. Und sagst du, du möchtest gerne heiraten, die weiblichen. Sagst du aber, du freuest dich auf deine Jungen, so nennen dich die Mutterschafe schamlos, und sagst du, du hättest lieber keine, so schütteln alle die Köpfe, die männlichen und die weiblichen, die alten und die jungen. Darum, Schäfchen, sei klug! Schweig! Denken kannst du, was du willst!« Die alte Ziege nickte.

»Du hast eine kluge Mutter, » sagte sie. – Das Schäfchen beherzigte der Mutter Lehren.
»Dein Junges entwickelt sich prächtig,« sagten die Verwandten zu dem alten Schaf. »Es kann nicht fehlen, es wird sich bald verheiraten.« Bescheiden schwieg die Alte, und kaute an einem Gräslein.
Bald darauf verliebte sich das Schäflein. Und tüchtig. Da hatte es plötzlich alle Lehren seiner Mutter vergessen. Es sagte jedem offen, dass es sich entsetzlich auf das Heiraten freue, daß es mindestens ein Dutzend Junge haben möchte, und daß es nicht gewußt habe, wie lieb ein Böcklein sei. Es sagte das alles keck heraus und erwartete ungeheure Schelte. Aber es kam keine. Böcke und Schafe freuten sich über das naive Schäflein.

»Frau Mutter,« fragte es erstaunt, »wie kommt es, daß das, was ich sage, nun auf einmal nicht mehr unpassend ist?«

»Schäfchen,« sagte das alte Schaf, »das will ich dir sagen. Ehe man weiß, ob dich einer will, mußt du schweigen zu allen Dingen. Will dich aber einer, so darfst du von dem Augenblick an sagen, was du willst. Auch denken. Auch tun.«

»Ich will es mir merken, Frau Mutter,« sagte das junge Schaf und sprang lustig mit seinem Böcklein davon.



Lisa Wenger (1858 - 1941)
Amoralische Fabeln
Zürich, 1920

Dienstag, 21. Februar 2017

Als die Hühner wählen durften


Elf oder zwölf Hühner saßen auf den Mist, blinzelten in der Sonne und kratzten sich. Es war heiß, und keines hatte Lust nach Würmern zu suchen oder Eier zu legen.
Sie gackelten aber zusammen.
»Wißt ihr, daß wir Hühner von heute an öffentlich dasselbe Recht haben sollen wie die Hähne?« fragte eine schöne, stolze Henne und reckte sich dabei, daß sie gleich um eine Handbreite höher schien. Die Hühner öffneten die rotgeränderten, verblüfften Augen.
»So,« sagte eines. Dann lauste es sich behaglicher als vorher.
»Mir ist das einerlei,« gackelte ein anderes, das elf Kücken um sich versammelt hatte, und jetzt noch spektakelte zur Erinnerung an die 15 Eier, welche es nacheinander gelegt. »Was geht mich die Politik an? Ich verstehe nichts davon.«
»Es ist nicht nur wegen der Politik,« sagte die schöne Henne. »Wir sollen auch sonst mitreden dürfen, zum Beispiel, wenn eine neue Pute für die Schule gewählt wird.«
Das interessierte nun die Hühner alle, denn die meisten hatten Kücken.
»Das ist sicher, daß ich die Bronzepute nicht wieder wähle,« kreischte ein dickes Huhn mit einem Federbusch zwischen jeder Zehe. »Sie hat allen meinen Kücken schlechte Zeugnisse gegeben.«
»Ich wähle sie auch nicht,« piepste das Perlhuhn. Es sah aus wie ein uraltes Jüngferchen mit einem weißpunktierten Schal, aus dem das kleine, nackte, neugierige Köpfchen hervorschaute.
»Ich wähle sie auch nicht.«
»Warum nicht,« fragte die schöne Henne.
»Weil sie in der Schule den Kücken gesagt hat, alle Hühner hätten ein Herz und eine Lunge und eine Leber, und andere unappetitlichen Sachen. Dafür schicke ich meine Jungen nicht zur Schule, daß sie solche Dinge lernen.«
»Da hast du recht,« stimmte auch eine Rouen-Ente bei, die so stark war, daß sie ihren Leib auf der Erde nachschleifen mußte. »Traurig ist das. Wir sind auf einen Punkt der sogenannten Aufklärung gekommen, den man schon, den man schon –»
»Unmoral nennen könnte,« half das Perlhuhn nach, und drehte sein unbedeutendes Köpfchen beifallheischend nach allen Seiten.
»Und die Poesie? Wo bleibt die, wenn unmündige Kücken schon wissen, was Hahn und Hühner inwendig haben? Nein, die Bronzepute wähle ich nicht,« schnatterte die Rouen-Ente.
»Ich auch nicht,« meinte eine bräunliche Laufente, die eilig und aufrecht angewatschelt kam, »was kann sie unsere Jungen lehren? Sie weiß selber nicht, was sich für Puten gehört. Sie legt sich ja nicht einmal platt auf die Erde, wenn der Truthahn vorüberrauscht, wie es sich für Puten schickt, sie sieht ihn herausfordernd an und bleibt stehen.«
»Usch,« riefen alle Hühner entsetzt und pluderten sich. Eine Weile schwiegen sie, drehten sich nach allen Seiten nachdenklich im Sand und schüttelten die Federn.
»Also, wen wählen wir?« begann darauf wieder eine. Es war eine weiße Henne, der Liebling des Hahns.
»Ich wähle die graue Pute,« sagte die Dicke mit den Federbüschen entschlossen, »wenn ich der Haber schicke, so macht sie allen meinen Hühnchen und Hähnchen gute Zeugnisse.«
»Sie ist häßlich, sie wird nie jemandem gefallen,« gackerte zufrieden die weiße Henne. »Ich wähle sie.«
»Sie weiß selber nicht, ob die Hühner Milz und Leber im Leib haben« piepste das Perlhuhn, »also kann sie die Kücken nichts Unanständiges lehren, wie es jetzt Mode ist. Ich wähle sie.« Es trippelte davon.
»Sie kann sich im Eierlegen bei weitem nicht mit mir messen, man wird sie mir nie vorziehen,« dachte die Laufente. »Ich wähle sie auch, warum nicht?«
»Schwimmen kann sie nicht wie ich,« prahlte die Rouen-Ente, »mir ist sie also recht.«
»Das alles geht die Schule gar nichts an,« rief unwillig das schöne Huhn.
»Aber uns,« kreischte die Dicke, »uns, meine Liebe, uns! Übrigens kann ich morgen nicht zur Wahl kommen. Ich lege von 11-1 Uhr.«
»Und ich fange morgen mit Brüten an,« gackerte eines.
»Und ich führe meine Jungen zum ersten Mal aus«, rief ein anderes.
»Ich gehe mit dem Gockel spazieren«, brüstete sich die Weiße, und riß einen Regenwurm, der sich verzweifelt wehrte, aus der Erde.
»Du kannst morgen nicht mit dem Gockel spazieren,« verwies sie das schöne Huhn. »Der Gockel geht morgen zur Wahl.«
»Ich kann auch nicht kommen,« rief die Rouen-Ente mit dem dicken Leib wichtig. »Ich werde morgen gebraten.«
Sie wußte nicht recht, war das ein angenehmes oder ein unangenehmes Ding, aber jedenfalls war es interessanter als das Wählen einer Schulpute.
»Und ich gehe und wähle,« rief das schöne Huhn, »und wenn ich ganz allein gehen muß.«
Und richtig, am nächsten Morgen war sie die einzige, die sich aufmachte, um die neue Pute für die Kückenschule zu wählen. Der Hahn war wahrhaftig mit dem weißen Huhn spazieren gegangen.
Da niemand da war, der der grauen Pute die Stimme hätte geben können, so wurde die Bronzene einstimmig gewählt.
»Es ist ein unerhörtes Unrecht,« sagten die Hühner des Hühnerhofes nachher zornig. »Was haben wir davon, daß wir wählen dürfen, wenn doch nicht die gewählt werden, die wir wollen?«
Sie steckten die Köpfe unter die Flügel, plusterten sich auf, und hielten ihr Mittagsschläfchen ab.

Lisa Wenger (1858 - 1941)
Amoralische Fabeln
Zürich, 1920

Sonntag, 12. April 2015

Die gekränkten Schafe

Die Schafe kamen einst zusammen, um Klage zu führen gegen die Menschen. Besonders heftige Stimmen erhoben sich bei den jungen Schafen dagegen, daß die Menschen immer wieder aufs neue den ehrlichen Namen der Schafe schänden, indem sie ihn in beschimpfender Absicht gebrauchen, wenn sie jemand als dumm bezeichnen wollen. Darin sahen alle Schafe eine schwere Kränkung. Sie wählten deshalb eine Abordnung, die von den Menschen verlangen sollte, daß sie in Zukunft den Schafsnamen nicht mehr als Schimpfwort gebrauchen. Wenn aber die Menschen in ihren Beleidigungen fortfahren würden, dann wollten sich die Schafe von den Schändern ihres Namens nicht mehr die Wolle abscheren lassen.

Die jungen Schafe verlangten, daß ein junger Widder die Abordnung führen sollte. Aber die Alten machten dagegen die Besorgnis geltend, der junge Widder könne durch sein wildes Ungestüm und sein jugendliches Feuer bei den Verhandlungen mit den Menschen alles verderben. Daraufhin entschied die Mehrheit der Versammlung, daß ein alter, erfahrener Hammel die Führung der Abordnung zu übernehmen habe.

Nach einiger Zeit versammelten sich die Schafe wieder. Sie wollten hören, wie sich die Menschen zu ihrer Forderung stellten.

Der alte, erfahrene Hammel, der die Verhandlungen geführt hatte, hielt eine große Rede, worin er die wichtigsten Punkte vortrug: Die Menschen hätten versichert, daß sie den Namen der Schafe überhaupt nicht in beschimpfender oder kränkender Absicht gebrauchen. Im Gegenteil! Sie würden nur solche Menschen mit dem Schafsnamen auszeichnen, die die größte Tugend der Schafe – die Sanftmut – in besonders hohem Grade besitzen. Er, der Hammel, habe den Eindruck sich die letzte Versammlung von denJungen ohne Grund habe aufwiegeln lassen. Nach seiner Meinung liege kein Anlaß vor, sich gekränkt zu fühlen; er empfehle deshalb den Schafen, daß sie, wie bisher, sich auch in der Zukunft von den Menschen scheren lassen sollten.

Die jungen Schafe protestierten. Die Mehrheit der Versammlung blökte ein zustimmendes »Baäh!«. Und es blieb alles, wie es war.

Felix Fechenbach

Geboren 1894 in Bad Mergentheim. Sekretär des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner (1918-19). Auf Grund eines Willkürurteils 1922 - 1924 Zuchthaus. 1925 - 29 tätig für verschiedene Verlage und Zeitungen, leitete seit 1929 die Detmolder SPD-Zeitung. 1933 beim Transport in ein KZ ermordet.

Felix Fechenbachs schriftstellerische Arbeit, bedingt durch sein kurzes Leben nicht sehr umfangreich, wird kaum noch wahrgenommen. Um so erfreulicher ist es, dass im westfälischen Aisthesis-Verlag ein Taschenbuch mit einer Auswahl aus seinem Werk preisgünstig zu bekommen ist.



Donnerstag, 16. Oktober 2014

Der Bär, der Fuchs und der Spervorgel


Der Bär war in die Fremde gegangen. Unterdessen hatte sich ein Spervogel *) oder Sperling am Eingang der Bärenhöhle sein Nest gebaut, und als der Fuchs, des Bären Hausmeier, ihn aufforderte, den Ort zu verlassen, lachte er und behauptete dreist, der ganze Wald und auch die Höhle gehöre ihm zu eigen.
Eines Tages kehrte der Bär von seiner Wanderschaft zurück und wollte von seiner Höhle wieder Besitz ergreifen. Der Fuchs aber war dem Heimkehrenden entgegengegangen, um ihn zu bewillkommen. Er teilte dem Bären auch mit,d aß eine Sperlingsfamilie am Eingang der Höhle ihr Nest gebaut und daß es dort sehr laut hergehe.
»Mein Freund,« sprach der Bär, »weißt du auch gewiß, daß es nur Sperlinge sind?«
»Ja, herr, es ist ein elender, schwacher Spervogel mit seinem Weib und seinen fünf Jungen.«
»Ein Tier, das sich in meine Höhle wagt, ist sicher kein schwaches, elendes Tier, sondern ein starker, gefährlicher Feind, vor dem ich mich zu hüten habe. Mir grauet vor dem Abenteuer; es wird nicht gut ablaufen.«
Auch der Spervogel hatte erfahren, daß der Bär im Anzug sei, und er sprach zu seiner Fra:
»Liebes Weib, heute oder morgen wird der Bär kommen, um von seiner Höhle Besitz zu ergreifen. Aber den dummen Bären wollen wir schön anführen. Tu nur genau alles, was ich dir sage.« und dann hielt er lange Rücksprache mit der Sperlingsfrau.
Am  Nachmittag kam der Bär mit dem Fuchs und wollte seine Höhle beziehen.
»Hört Ihr das Geschrei der Spervögel?« fragte der Fuchs.
Der Bär winkt eihm zu schweigen, denn eben erhob der alte Spervogel seine Stimme. »Was haben denn die Kleinen, daß sie so grausam schrien?« fragte er seine Frau.
»Hunger haben sie,« war die Antwort.
»So gib ihnen doch von dem Bärenfleisch zu essen, das wir vorrätig haben,« sprach der Sperling.
»Ach,« sagte das Weibchen, »das Bärenfleisch ist von gestern, und die Jungen wollen frisches. Warum hast du die Leckermäuler so verwöhnt?«
»So vertröste sie auf morgen,« sprach der alte Spervogel wieder. »Der Bär, der diese Höhle sonst bewohnt, kommt heute zurück, und mein Freund, der Fuchs, hat mir versprochen, ihn mit List hierher zu bringen. Wenn das geschieht, will ich den Bären umbringen, und unsere Kleinen sollen sich morgen an frischem Bärenfleisch erlustigen.«
»Wie das der Bär hörte, gab er dem Fuchs mit seiner Tatze einen Schlag, daß dieser das Aufstehen vergaß. Dann packte er seine sieben Sachen zusammen, verließ die Spervögel, die Höhle und den Wald, ging in die Stadt und wurde Tanzbär.

Rudolf Baumbach
aus: Neue Märchen, Stuttgart und Berlin 1903, S. 159 ff.

*) Spervogel ist nicht nur ein anderer Name für den »Sperling«, sondern auch ein hochmittelalterlicher Minnesinger (nach 1170), der in der Manessischen Liederhandschrift

Sonntag, 18. November 2012

Doppelte Moral

Ein Wolf war in eine tiefe Grube gefallen. Er glaubte nichts anderes, als daß elendiglich umkommen müsse. Da kam in der höchsten Not eine Herde Schafe vorbei.

Der Wolf bat in den kläglichsten Tönen um Hilfe, und da er die Sittenstrenge und Frömmigkeit der Schafe kannte, hielt er ihnen vor, wie ungerecht es wäre, ein Leben verderben zu lassen, das man retten könne. Endlich erklärte er, wenn sie ihm aus der Grube helfen würden, dann verspreche er ihnen bei allem, was einem Wolfe heilig sei, nie mehr in seinem Leben ein Schaf zu fressen.

Durch dieses Versprechen ließen sich die Schafe betören und halfen dem Wolf aus der Grube.

Kaum war Meister Isegrim aber aus seinem Gefängnis befreit, da stürzte er auch schon trotz Versprechen und Schwur unter die Herde und griff sich ein junges Schaf heraus. Die übrigen suchten so rasch sie konnten dem wortbrüchigen Räuber zu entfliehen.

Das arme Opfer der Leichtgläubigkeit zitterte am ganzen Körper vor Angst und bat um sein Leben. Doch der Wolf blieb ungerührt.


In seiner Verzweiflung nahm das junge Schaf Zuflucht zu den Sittenlehren, in denen es von einem alten Hammel unterrichtet worden war.

„Weißt du nicht“, fragte es mit bebender Stimme, „daß es ein schwerer Frevel ist, ein Leben zu vernichten?“

„Nach dem Sittengesetz der Schafe“, war die spöttische Antwort.

„In der Grube hast du dich doch selbst auf dies Gesetz berufen und uns Freundschaft geschworen.“

„Da war ich auch in der Not und brauchte eure Hilfe.“

„Aber und kannst doch unmöglich zur Zeit der Not eine andere Moral haben als dann, wenn es dir gut geht, und nicht einen Vertrag jetzt beschwören, um ihn in der nächsten Minute zu brechen.“

Der Schafdieb grinste zynisch: „Von einem Wolf darfst du nicht verlangen, daß er nach den Grundsätzen der Schafe leben soll.“

„Es muß aber doch ein Sittengesetzt geben, von dem auch die Handlungen eines Wolfes geleitet werden“, ächzte das verzweifelte Schaf.

„Was ich tun darf und unterlassen muß wird nur von meiner Stärke und Bewegungsfreit bestimmt.“

„Das ist ja eine entsetzliche Moral!“

„Entsetzlich für Schafe“, sagte der blutgierige Räuber, „aber nicht für Wölfe!“

Und damit zerriß er das moralische Schaf und fraß es auf.



Felix Fechenbach

Freitag, 2. November 2012

Vom Nacktspielen

Gestern freute ich mich sehr. Förster Fröhlich kam mit Erich und Marie zu Besuch. Erst gabs Kaffee mit frischen Waffeln, dann spielten wir Versteck auf dem Hof und Brückenmännchen; das war lustig.
Nachher gingen wir auf die Wiese und machten Kränze aus Gänseblümchen und lange Ketten von Nußblättern; damit putzten wir unsre Haare und Kleider. Aber ich sagte: Wißt ihr was? das Spiel muß viel hübscher sein, wenn wir nackend sind. Und wir liefen hinter das Gartenhaus, wo uns niemand sehn konnte, und zogen uns aus.
Unsre Kränze hingen wir uns um den Hals und um die Schultern, und dann faßten wir uns an und gingen in der Sonne spazieren. Wir spielten alte Griechen. Erich war der Prinz Paris und sollte der Schönsten einen Apfel schenken. Er fand uns aber alle beide am schönsten und aß den Apfel selber auf; da mußten wir sehr lachen.
Plötzlich kam meine Mutter. Sie sah ganz erschrocken und zornig aus. Schämt ihr euch denn nicht, ihr großen Kinder, sagte sie; sofort zieht ihr euch wieder an!
Die kleine Marie fing an zu weinen, und wir suchten rasch unsre Kleider.
Ich war fast böse auf meine Mutter. So schrecklich unartig waren wir doch garnicht gewesen. Und geschämt hatte ich mich eigentlich auch nicht. Das tue ich blos wenn mich einer sehr lobt, oder wenn ich was Dummes gemacht habe.
Und Mutter fragt mich doch nie, ob ich mich schäme, wenn ich in der Badewanne sitze und sie mich abseift; und da bin ich doch auch nackt.
Und das Spiel war so lustig, und die Nußblätter sahen so grün und frisch aus auf unsrer weißen Haut. Blos ein bißchen bange war mir gewesen, ob ich die Schönste sei – ja, das ist wahr –
Ob Mutting vielleicht doch Recht gehabt hat? – –

Paula Dehmel
aus: Singinens Geschichten