Posts mit dem Label Novalis werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Novalis werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 6. November 2012

Die Eule und der Sperling


»Unverschämter! Stiehlst du nicht Kirschen am hellen lichten Tage, vor den Augen aller? O! schreckliche Frechheit!« so rief eine Eule einem Sperling zu, der sich auf einem Kirschbaum gütlich tat. »Freilich ist es edler«, erwiderte der Sperling, »bei Nacht, wenn alle Tiere sorglos schlafen auf Mord und Raub auszugehn.«

Novalis

Donnerstag, 21. Juni 2012

Der alte Sperling


»Schämt Ihr Euch nicht«, rief ein alter Sperling seinen Jungen zu, die mit muntern Weibchen tändelten und kosten, »fühlt Ihr nicht, dass dieses unanständig und erniedrigend ist; Ihr verschmäht die Weisheit, die unsre Seele zu den Unsterblichen hebt.« - »Bleib du bei deiner Weisheit«, riefen ihm die losen Jungen zu, »und lass uns jetzt genießen; wenn wir so alt sind als du, so wollen wir auch aus Unvermögen uns zur Weisheit begeben und über Liebe und Freuden philosophieren.«

Novalis

Mittwoch, 18. November 2009

Die Bibel und die Fabellehre

Wir haben schon oben angedeutet, wie bei Novalis Poesie und Religion sich gewissermaßen identifizierten. Nachdem er (im Ofterdingen) in der Tugendlehre die Religion als Wissenschaft, die sogenannte Theologie im eigentlichen Sinne erkannt hat, stellt er gleich darauf die Poesie, nur als einen andern Ausdruck der Tugend, recht in den Mittelpunkt desselben Kreises. »Also«, sagt er, »ist der Geist der Fabel eine freundliche Verkleidung des Geistes der Tugend und der eigentliche Geist der untergeordneten Dichtkunst die Regsamkeit des höchsten, eigentümlichsten Daseins. Eine überraschende Selbstheit ist zwischen einem wahrhaften Liede und einer edlen Handlung; – so wie diese (die Tugend) die unmittelbar wirkende Gottheit unter den Menschen und das wunderbare Widerlicht der höheren Welt ist, so ist es auch die Fabel. Wie sicher kann nun der Dichter den Eingebungen seiner Begeisterung oder, wenn auch er einen höheren überirdischen Sinn hat, höheren Wesen folgen und sich seinem Berufe mit kindlicher Demut überlassen. Auch in ihm redet die höhere Stimme des Weltalls, und ruft mit bezaubernden Sprüchen in erfreulichere, bekanntere Welten. Wie sich die Religion zur Tugend verhält, so die Begeisterung zur Fabellehre, und wenn in heiligen Schriften die Geschichten der Offenbarung aufbehalten sind, so bildet in der Fabellehre das Leben einer höheren Welt sich in wunderbar entstandene Dichtungen auf mannigfache Weise ab. Fabel und Geschichte begleiten sich in den innigsten Beziehungen auf den verschlungensten Pfaden und in den seltsamsten Verkleidungen, und die Bibel und die Fabellehre sind Sternbilder eines Umlaufs.«

Joseph von Eichendorf
Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands
2. Teil

Sonntag, 27. September 2009

Die Schnecken


Einst giengen zwei Jünglinge spatziren und fanden im Fahrweg einige Schnecken, die sie, besorgt, daß sie von einem Fuhrwagen zerdrückt werden möchten, in den Busch dabei warfen. Ihr Muthwilligen, riefen die Schnecken, warum stört ihr uns aus unsrer friedlichen Ruhe und werft uns so muthwillig hierher.

Menschenbrüder, mit wem hadert ihr, wenn euch ein kleines Ungemach geschieht? Mit einem Allweisen? O! ihr Kurzsichtigen!

Novalis

Mittwoch, 24. Juni 2009

Wenn Fabel erst das alte Recht gewinnt

Nicht lange wird der schöne Fremde säumen.
Die Wärme naht, die Ewigkeit beginnt.
Die Königin erwacht aus langen Träumen,
Wenn Meer und Land in Liebesglut zerrinnt.
Die kalte Nacht wird diese Stätte räumen,
Wenn Fabel erst das alte Recht gewinnt.
In Freyas Schoß wird sich die Welt entzünden
Und jede Sehnsucht ihre Sehnsucht finden.

Novalis
aus: Heinrich von Ofterdingen

Dienstag, 21. April 2009

Der Philosof

Verzug schadet selten

Lehre meinem Kanarienvogel, sprach ein Tyrann zu einem Philosofen, den Homer, daß er ihn auswendig hersagen kann, oder geh aus dem Lande; unternimmst du es, und es gelingt nicht, so mußt du sterben.
Ich will es ihm lehren, sprach der Weise, aber ich muß zehn Jahre Zeit haben.
Warum warst du so thöricht, fragten ihn hernach seine Freunde, und unternahmst etwas Unmögliches? Lächelnd antwortete er: In zehn Jahren bin ich oder der Tyrann oder der Vogel gestorben.


Novalis

Samstag, 14. März 2009

Der Fuchs

»Hast du die Satire gelesen, die der Löwe auf dich gemacht hat«, fragte der Wolf den Fuchs, »antworte ihm, wie sichs gebührt.« »Gelesen hab ich sie, aber deinem Rate folg ich nicht«, sagte der Fuchs, »denn der Löwe könnte mir auf eine fürstliche Art antworten.«

Novalis

Sonntag, 29. Juni 2008

Die Milbe

»Nichts ist gewisser«, sprach eine Milbe zu der andern, »als daß unser Käse der Mittelpunkt des erhabnen Weltsystems ist und daß wir die besondern Lieblinge des Allmächtigen sind, weil er uns die vollkommenste Wohnung erschuf.« »Törin«, sprach ein Mensch, indem er sie mit ihrem Käse verschlang. »Du denkst, wie viele meiner Brüder denken, du auf deinem Käse, sie auf dem Ihrigen.«
Novalis


Mittwoch, 28. Mai 2008

Der Bär

»Wohin, Gevatter Bär?« sprach ein Wolf zu einem wandernden Bären.
»Ich suche mir eine andere Wohnung«, antwortete er.
»Du hattest ja aber eine schöne, geräumige Höhle, warum verläßt du sie?«
»Der Löwe machte Ansprüche an dieselbe und ging an den Senat der Tiere.«
»Da brauchtest du dich nicht zu fürchten, du hattest ja eine gerechte Sache.«
»Gegen Könige ist jede Sache ungerecht, Gevatter Wolf.«
Novalis