Posts mit dem Label Ludwig Bechstein werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Ludwig Bechstein werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 26. Mai 2015

Die Jagd des Lebens

Es war einmal ein Jäger, der ging zu Wald in eine öde Wildnis, dort zu jagen. Da kam er einem Tiere auf die Fährte, als er dieses aber endlich entdeckte, wünschte er es nimmermehr gesehen zu haben, denn es war ein mächtiges Einhorn, welches sich gegen ihn stellte. Eilig wandte er sich zur Flucht, und stets verfolgte ihn das Einhorn, bis er auf eine steile Felswand kam, deren schroffen Abhang tief unten die Wellen eines dunklen Sees bespülten. In dem See schwamm ein ungeheurer Drache, der den Rachen gähnend aufriß, und plötzlich glitt der Jäger aus und wäre gerade hinab in den See und in des Drachen Schlund gestürzt, wenn er nicht an einem einer Felsritze entsproßten Strauch sich festgehalten hätte. Da war nun des Jägers Lage eine todängstliche. Droben stand, wie ein Wächter, das schreckliche Einhorn, drunten lauerte auf seinen Hinabsturz der greuliche Seedrache. In dieser Not ward seine Angst und Qual aber noch vermehrt, denn mit einem Male erblickte er zwei Mäuse, eine weiße Maus und eine schwarze Maus; die begannen an den Wurzeln der Staude zu nagen, und der Jäger vermochte nicht, sie hinwegzuscheuchen, weil er sich mit beiden Händen anhalten mußte. So mußte er jeden Augenblick gewärtig sein, daß die Wurzeln des Strauchs diesen nicht mehr halten würden. Über ihm stand ein Baum, von dem träufelte süßer Honig nieder, und gar zu gern hätte der Jäger diesen Baum erlangt, denn damit meinte er aller Qual erledigt zu sein, und über den Baum vergaß er aller ihm drohenden Gefahr. Wir wissen nicht, ob es ihm gelungen, aus seiner dreifachen Qual erlöst zu werden, oder ob die Mäuse des Strauches Wurzeln ganz abgenagt.

Der alte Dichter dieser Märe gibt ihr eine allegorische Deutung, indem er sagt: Der Jäger, das ist der Mensch, und das Einhorn, das ist der Tod, der ihm begegnet, ehe er es vermeint, und ihn immerdar verfolgt. Die steile Felswand ist die Erde, und der Strauch ist das Lehen, daran der Mensch nur mit schwachen Banden hängt. Die weiße und die schwarze Maus, welche das Leben an der Wurzel benagen, sind Tag und Nacht oder die rastlose Zeit, die an unserm Leben zehrt. Der dunkle See ist die Hölle, und sein Drache der Teufel, die darauf lauern, daß der Mensch falle und in ihren Rachen stürze. Der Honigbaum aber ist die Liebe, die das Leben versüßende, welcher der Mensch zustrebt und sie zu erlangen hofft zwischen Not und Tod, zwischen Qual und Pein, keiner Gefahr achtend, und mit deren Erringung er seine irdische Seligkeit findet. Doch soll der Mensch sich täglich hüten, da die Mäuse ihm an der Lebenswurzel zehren, daß er nicht in den See des Verderbens falle.

Ludwig Bechstein

Mittwoch, 30. November 2011

Der ethische Werth der Sagen

Der ethische Werth der Sagen verdient die vollste Beachtung und Berücksichtigung; es ist nicht schwer, denselben in den Sagen selbst zu finden, obschon die Sage nie, wie die Fabel, die in ihr enthaltene Lehre gleichsam aufdringt und aufzwingt. Die Sage spricht und lehrt für sich, wie nach des frommen Sängers Lied die Saat und der Baum in seiner vollen Blühtenpracht. (S. 207)

Die Fabel, die ihren ethischen Werth meist selbst in Worten darlegt, fand in neuer Zeit häufig auch künstlerische Verklärung, und es genügt, die Namen Grandville und Otto Speckter zu nennen, … (S. 219)

Ludwig Bechstein
aus: Mythe, Sage, Märe und Fabel
im Leben und Bewußtsein des deutschen Volkes
Dritter Theil
Leipzig 1855

Donnerstag, 15. September 2011

Drachenberg

Bildquelle: Wikipedia
Urheber: Philipendula

Drachenberge gibt es in Deutschland nicht wenige; ihre Namen bezeugen den festgewurzelten Volksglauben an Drachen, die, mit dem an Lindwürme verschmolzen und fast eins, überall auf Ungeheuer der Vorzeit hindeuten, die nicht mehr vorhanden sind. Wo Sagen von Lindwürmer haften, ist insgemein die Sankt Georg-Legende mit ihnen verwachsen. Die vielen drachenhaften Gebilde an den Kirchen des romanischen Baustils gaben der Sage stets neue Nahrung. Bei Wurmlingen und seiner berühmten Wallfahrtkapelle und in der Höhle am Fuße der Wandelburg hauste und wandelte vorzugsweise ein greulicher Wurm, der ja auch Wurmlingen den Namen gab. Viele sagen, es sei gar ein Pärchen, Männlein und Weiblein, gewesen, auf daß die gute Art nicht aussterbe und die irrenden Ritter doch etwas zu tun fänden. Die Sage vom Lindwurm auf Frankenstein wie die von Limburg (Lindburg) an der Lahn wiederholt sich getreu mit der alten Limburg auf dem Lim- oder Lindberge im Neidlinger Tale im Schwabenlande, nur daß sie geradezu den heiligen Georg als Drachentöter nennt, während andere verwandte Sagen dessen mythische Persönlichkeit mehr umhüllen. Nah dem Filstale liegt das Dorf Drackenstein mit einem Drachenloch und einer Totenhöhle, wie bei Meiningen ein Drachenberg mit einem Drachen- und einem Bärengraben. Der Drache im Drachenloch bei Drackenstein soll noch immer geisten. Einst gelang ihm der Raub einer Kaiserstochter, er hielt sie gefangen fünf Jahre lang und gedachte ihr die Ehre zu, sie zu seiner Gemahlin zu erheben, aber er gefiel ihr nicht, obschon er ihr drei herrliche Kleider schenkte, darauf auf einem Sterne gestickt waren, auf dem zweiten der Mond und auf dem dritten die Sonne. Sie ging mit einem Schneider, der ihr im Walde begegnet war, durch und nahm die Kleider mit, und später heiratete sie den Schneider, und der Drache hatte das Nachsehen. Auch bei Eningen liegt ein Drackenberg; daran sollen zwei hohe Nußbäume gestanden haben, mit den Kronen ineinander verschlungen. Diese Kronen bildeten das Drachenbette, und der Drache sei gewesen wie eine ungeheuer große Klapperschlange. Ein Jäger, welcher allerlei Jagdstücklein verstand, auch wohl selbst ein Hexenmeister war, schoß mit einer gewissen Kugel die Schlange in den Kopf, da tat sie einen Schneller noch den halben Drackenberg hinauf und starb. Im Ammentale hauste ein greulicher Lindwurm, den erlegte nur dadurch ein Ritter, daß er sich über und über mit Spiegeln behing. Da der Wurm in diesen sich erblickte, meinte er, er bekomme Kameradschaft, und nahte sich nicht feindlich. Gleich darauf stieß ihm der Ritter seinen Speer in das Herz.
Ludwig Bechstein
Deutsches Sagenbuch
Meersburg und Leipzig 1930

Samstag, 14. November 2009

… über die sogenannten Fabelthiere

Rauscht das leise Flügelwehen der Sage durch alte Bäume geheimnißvoll, so tritt sie wieder in ganz anderer und in ganz eigener Weise und selbst in der Thierwelt entgegen, darum so eigen, weil die Sage, wo sie Thiere in ihr Bereich zieht, selten mit dem Märchen verschmilzt mit der Fabel aber, die so gern mit Thieren die Fülle ihrer Bilder belebt, niemals. Wir wollen dabei gar nicht weitläuftig werden über die sogenannten Fabelthiere, die viel besser mythische und höchstens Sagenthiere heißen sollten …

Ludwig Bechstein
Mythe, Sage, Märe und Fabel
im Leben und Bewußtsein des deutschen Volkes,
Dritte Teil, Leipzig 1855

Freitag, 21. August 2009

Von Heinrich dem Löwen


Herzog Heinrich, der Herr der Braunschweiger Lande, fuhr über Meer; ein Sturm erfaßte sein Schiff und verschlug ihn und sein Schiffsvolk in unbekannte Meere; alle Speise ging ihnen aus, und der Hunger quälte sie über die Maßen. Da mußte einer nach dem andern sein Leben opfern für der andern Sättigung, und bestimmte das Los den, welcher sich mußte töten lassen. So fristeten sie eine Zeit ihr Leben, und immer fügte es Gott, daß das Los des Herzogs nicht gezogen wurde. Endlich war nur noch der Herzog und ein einziger Diener auf dem Schiffe, und der Hunger nahm kein Ende. So losen wir nun zum letztenmal, sprach traurig der Fürst, und wen das Los trifft, der sterbe. – Nein, lieber tötet mich, o Herr! sprach der treue Knecht. – Nein, wir losen, antwortete der Herzog. Und da warfen sie das Los, und es traf Heinrich. Aber der Diener sprach: Nimmer werde ich meinen liebwerten Herrn töten, ich habe noch einen Rat, ich will Euch in eine Ochsenhaut einnähen und Euer Schwert dazu, vielleicht sendet der Himmel Euch eine Rettung. Das war der Herzog zufrieden, und als es geschehen war, so kam ein Vogel Greif geflogen, der faßte die Haut in seine Krallen, glaubte ein Tier zu rauben und trug die Beute weit übers Meer in sein Nest, dann flog er wieder hinweg, und Heinrich durchschnitt mit dem Schwerte die Haut, und da die jungen hungrigen Greifen ihn anfielen, schlug er ihnen mit dem Schwert die Köpfe ab, dann nahm er sich eine Klaue mit und stieg von dem hohen Baume, darauf das Greifennest war, in den Wald hinab …

Ludwig Bechstein
aus: Deutsches Sagenbuch

Donnerstag, 9. Juli 2009

Die Mutter dieser holden Töchter …

Die Mutter dieser holden Töchter: Mythe, Sage, Märe und Fabel ist keine andere als die Poesie. Sie gebiert die Schaar ihrer mit einer Fülle von Lebenskraft und mit der Gabe proteischer Wandlung beglückten Kinder, denn aller Sage, aller Märe und aller Fabel eigenstes Wesen ist, daß sie Dichtung sei, und daß selbst die zu Sagen verklungenen geschichtlichen Stoffe durch Poesie verklärt, sich verjüngt haben müssen, falls sie Sagen heißen sollen. So war es schon in der antiken vorchristlichen Welt, welche zunächst den erfundenen, den erdichteten und dichterisch verherrlichten Stoffen jene Gesamtnamen gab, die in der deutschen Sprache das Bürgerrecht gewannen und nun für alle Zeiten Geltung behaupten, daraus wir ersehen, daß bei den Völkern der Ur- und Frühzeit die Begriffe dieser vier Worte, die wir unterscheiden, sich nicht sonderten, sondern in einen und denselben Begriff zusammenklangen.

Ludwig Bechstein
aus: Urzeitsagen (Gesammelte Werke, Bd.11)

Donnerstag, 18. Juni 2009

Sonne, Mond und Sterne


Es ist leicht begreiflich, daß von Sonne, Mond und Sternen, vom Himmelsgewölbe von kosmischen und tellurischen elementaren Erscheinungen örtlicher Ueberlieferungen, von welchen letzteren wir hier doch hauptsächlich handeln, keine große Anzahl Sagen vorhanden sein können. Ungleich häufiger, als Mythe und Sage, hat die Fabel auf solche Bezug genommen, …

Ludwig Bechstein
in: Mythe, Sage, Märe und Fabel
im Leben und Bewußtsein des deutschen Volkes
Dritter Teil, Leipzig 1855

Freitag, 15. Mai 2009

Das Einhorn im Märchen


Quelle: Wikipedia / La Licorne et le Loup (Galetoiles)

Auch in den von den Brüdern Grimm gesammelten Märchen kommt das Einhorn vor. Das bekannteste Märchen mit Einhorn ist das vom tapferen Schneiderlein. Allerdings gibt es davon auch eine gekürzte Fassung, in welcher der Teil mit dem Einhorn fehlt. Das Motiv ist alt und findet sich ebenfalls bei Bechstein, Brentano und in anonymen Märchenaufzeichnungen und nicht immer ist es der Schneider, sondern mal auch ein Seiler oder anderer Handwerker, der das Einhorn erlegt.

Auszug:

... Das Schneiderlein verlangte von dem König die versprochene Belohnung; den aber reute sein Versprechen, und er sann aufs neue, wie er sich den Helden vom Halse schaffen könnte. »Ehe du meine Tochter und das halbe Reich erhältst«, sprach er zu ihm, »mußt du noch eine Heldentat vollbringen. In dem Walde läuft ein Einhorn, das großen Schaden anrichtet, das mußt du erst ein fangen.«

»Vor einem Einhorne fürchte ich mich noch weniger als vor zwei Riesen; siebene auf einen Streich, das ist meine Sache.« Es nahm sich einen Strick und eine Axt mit, ging hinaus in den Wald und hieß abermals die, welche ihm zugeordnet waren, außen warten. Es brauchte nicht lange zu suchen, das Einhorn kam bald daher und sprang geradezu auf den Schneider los, als wollte es ihn ohne Umstände aufspießen. »Sachte, sachte«, sprach er, »so geschwind geht das nicht«, blieb stehen und wartete, bis das Tier ganz nahe war, dann sprang er behendiglich hinter den Baum. Das Einhorn rannte mit aller Kraft gegen den Baum und spießte sein Horn so fest in den Stamm, daß es nicht Kraft genug hatte, es wieder herauszuziehen, und so war es gefangen. »Jetzt hab' ich das Vöglein«, sagte der Schneider, kam hinter dem Baum hervor, legte dem Einhorn den Strick erst um den Hals, dann hieb er mit der Axt das Horn aus dem Baum, und als alles in Ordnung war, führte er das Tier ab und brachte es dem König ...

aus: Das tapfere Schneiderlein
Brüder Grimm (1812)



Sonntag, 7. Dezember 2008

Krötenfabeln und -sagen


Daß auch die Kröte einen wunderwirkenden und zauberkräftigen Stein im Haupte tragen soll, ist bekannt. Wie weit ihr Name mit dem des Krodo zusammenhängt, ist nicht gut nachweisbar. Des Thieres häßliche Gestalt mag die Schimpfnamen Teufelskröte und Krötenteufel auch ohne Beziehung zum angeblichen Harzgott hervorgerufen haben. Eher spielten Kröten in der Hexenwelt eine Rolle. Der Teufel erschien als Kröte oder sandte in ihrer Gestalt seine dienstbaren Geister. Schaurig ist eine Sage aus der Nähe von Köln, wo eine Hexe ein Huhn hat, das eigentlich nur eine große Kröte ist, und fort und fort, so lange sie mit einer Gerte gestupft wird, Hühnereier legt. - Zweien Knaben, die ihren Vater mißhandeln, von ihm verflucht werden und ihm wieder fluchen wollen, werden die Zungen zu giftigen Kröten (D.Sagenb. 617.) Eigenthümlich ist die Sage vom Krötenberg bei Landshut, der zu gewissen Zeiten Kröten in einer Ueberzahl gebiert, die dann einen nahen Weiher ganz erfüllen, und eine kommende reiche Aernte voraussagen. …

Ludwig Bechstein
Urzeitsagen

aus: Gesammelte Werke, Bd. 11