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Mittwoch, 6. Mai 2015

Der Leopard und das Eichhorn

Ein Eichhorn, das auf seiner Fahrt
Von Baum auf Baum zephyrisch hüpfte,
Verlor den Kopf, sein Fuß entschlüpfte,
Es fiel auf einen Leopard,
Der in dem Schatten einer Eiche
Der Ruhe pflegte. Der Gigant
Fuhr brüllend auf. Bereits halb Leiche
Vor Schrecken, fiel der Arrestant
Auf seine Kniee, bat um Gnade
Und machte sich gar winzig klein
Vor seiner Hoheit. „Arme Made!“
Rief dieser, den die Todespein
Des Zwergs zur Huld bewog, „Dein Leben
ist mein; ich schenke dirs; allein
Zuvor mußt du Bescheid mir geben,
Warum du stets so fröhlich bist,
Indeß mich, Prinzen vom Geblüte,
Der Uueberdruß und Mißmuth frißt?“ –
„Herr!“ sprach das Eichhorn, „Deine Güte
Macht Wahrheit mir zur Pflicht; doch hier
Spricht sichs nicht gut; ich quetschte mir
Bei meinem schweren Fall die Lunge;
Laß mich ins Freie.“ – “Nun, es sey,“
versetzt der Prinz, und gab es frei.
Das Eichhorn maß mit einem Sprunge
Den Baum, und sprach vom höchsten Ast:
„Du wolltest mein Geheimniß wissen;
Hier ists: Ein Gut, das du nicht hast,
Das deines Gleichen stets vermissen,
Erhält mein Herz bei heitrem Muth.“ –
„So nenne mir dies edle Gut.“ –
„Es heißt: ein ruhiges Gewissen.“

Gottlieb Konrad Pfeffel
Fabeln und poetische Erzählungen
Band 1

Montag, 13. August 2012

Der Fuchs, der Spürhund und der Luchs

An meine Zöglinge.
Vor des Chroniden Thron erschienen
Der Fuchs, der Spürhund und der Luchs.
Sie baten ihn mit demuthsvollen Mienen
Um ein Gehör. Der Redner war der Fuchs:
Wir kennen, Herr, den Werth der hohen Gaben,
Die wir von deiner Huld empfangen haben;
Kein Adler hat den Blick, den sie dem Luchs verlieh;
Der Spürhund riecht das Wild auf viele hundert Schritte,
Und mich erhobst du zum Genie:
Indessen würden wir, und dieß ist unsre Bitte,
Doch alle drey noch weit vollkommner seyn,
Wenn jeden unter uns auch die Talente zierten,
Die du den andern gabst. Den Vorschlag geh ich ein,
Erwiederte Herr Zeus den Alliirten;
Doch will des Schicksals ernster Schluß,
Daß jeder seinem Freund von seinem eignen Pfunde
Ein gleiches Maas ersetzen muß,
Als er von ihm erhält. Mit frohem Munde
Und einem tiefen Knicks nahm das Triumvirat
Die Klausel an; und Zeus mit Schöpfersblicke
Bestätigte den Tauschtraktat:
Nun, sprach er, kehrt zur Brüderschaar zurücke,
Und sagt ihr, was der Vater der Geschicke
Für euern kühnen Ehrgeitz that.
Die Bande küßt entzückt dem Gotte die Sandale,
Und wie ein junger Arzt, der sich zum erstenmale
Dem Volk als Doktor zeigt, so steif, so naseweis
Drängt jeder sich in seiner Brüder Kreis
Und predigt seine mystische Geschichte.
Erstaunt vernahmen sie die prahlenden Berichte.
Doch ehe noch ein Tag verschlichen war,
Hieß es, der Fuchs ist vor den Kopf geschlagen,
Der Spürhund taugt nicht mehr zum Jagen,
Und Argus Luchs bekömmt den Staar.
Geliebte, die Ihr theils mit fröhlichem Getümmel
Wie holde Scherze mich umschwebt,
Theils weit von mir zerstreut, auch unter fremdem Himmel
Noch stets in meinem Herzen lebt!
Glaubt Eurem besten Freund auf Erden,
Wer alles werden will, wird nie was Rechtes werden.

Gottlieb Konrad Pfeffel
Poetische Versuche
Erster bis Dritter Theil, Band 3
Tübingen 1802

Freitag, 29. Juni 2012

Der Kater


Ein Kater sah bey einem Schmauß
Die goldgefüllten Römer blinken;
Er sah die Gäste wacker trinken
Und rief in vollem Eifer aus:

O Himmel, welch ein toller Haufen!
Wie schändlich ist es Wein zu saufen,
Uns Katzen ekelt vor dem Wein.
Nur bey den Menschen giebt es Prasser;
Wir löschen unsern Durst mit Wasser,
O lernt von Katzen weise seyn!

Herr Murner, nur nicht so vermessen,
Rief ihm ein Gast mit Lachen zu:
Ich bin so tugendhaft als du,
Denn ich kann keine Mäuse fressen.

Freund, der aus Wahl die Tugend liebt,
Ist der wohl tugendhaft zu nennen,
Der sich den Lastern nicht ergiebt,
Die seiner Lust nicht schmeicheln können?

Gottlieb Konrad Pfeffel

Mittwoch, 15. Februar 2012

Die Giraffe

Das Thieß mit klafterhohem Fuß,
Sonst Giraff, das die Musen hassen,
Weil man den Namen stümmeln muß,
Um ihn in einen Vers zu passen. –

Dies Monstrum des Parnasses stand
Vor einem Wald, steif wie die Zeder:
So steht ein finstrer Doktorand
Auf seinem staubigten Katheder.

Ein Esel sah es, während er
Mit einem Fuchs auf einer Wiese
Mittagsruhe hielt, von vorneher
und rief: „Sieh, Bruder, welch eine Riese!“

„Laß uns ein Eckchen in den Wald
Auf jenem Steinpfade gehen,“
Versetzt der Fuchs, „so wirst du bald
Den Riesen auch von hinten sehen.“

Gesagt, getan. Das Wunderthier,
Das kurz vorher als Ries’ erschienen,
War itzt ein Zwerg. „Gibt’s Hexen hier?“
Schrie Langohr mit bestürzten Mienen.

„Verbanne, Nachbar, deinen Graus;
Um einen Mann für groß zu achten,
Mußt du zuvor,“ rief Reinhard aus,
„Von allen Seiten ihn betrachten.“


Gottlieb Konrad Pfeffel

Montag, 19. Dezember 2011

Belial und Satan


Belial

Ha! lieber Vetter, könnten wir
Doch Seelen tödten, glaube mir,
Es gäbe was zu lachen.

Satan

Du schwatzest wie ein dummer Wicht;
Ich würde, wären sie es nicht,
Sie stracks unsterblich machen.
Gottlieb Konrad Pfeffel

Dienstag, 13. Dezember 2011

Mikromegas

Napoleon, Josephine und ihr Mops
Bildquelle: Wikipedia

Mops war an Leib und Seele klein
Und vor Begierde gros zu seyn
Schon oft bald aus der Haut gesprungen.
Zuletzt fiel ihm ein Kunstgriff ein,
Der manchem Gecken schon gelungen:
Er stellte sich auf ein Gerüst.
O Himmel, riefen hundert Zungen,
Wie gros der Mann geworden ist!
Geduld! ihr habt noch nichts gesehen,
Bald soll ein Riese vor euch stehen,
Versetzt er: klimmt auf einen Berg
Und scheint nun, was er ist - ein Zwerg.

Gottlieb Conrad Pfeffel

Samstag, 26. November 2011

Der Himmel


Ein Toller kam bey Nacht von seinen Ketten los,
Und lief aufs freye Feld, in dessen grünem Schoos
Ein stiller Bach, hell wie ein Spiegel floß.
Der Sterne glänzendes Gewimmel,
Der Mond in voller Pracht erleuchteten den Himmel
Und malten sich als wirklich in dem Bach.
Der Thor blieb an dem Ufer stehen
Und bükte sich die Szene recht zu sehen,
Und sah und staunte lang und sprach:
Was hab ich doch entdecken müssen!
Der ganze Himmel liegt zu meinen Füssen;
Ein leichter Schritt, so ist er mein;
Ich glücklicher! Itzt wirft er sich hinein
Und sinkt. Vergebens ist sein Rufen und sein Streben;
Der Irrtum kostet ihn das Leben.

Gottlieb Conrad Pfeffel

Dienstag, 22. November 2011

Der Specht und der Gärtner

Auf einem Apfelbaum rumorte
Ein Specht, ein sonderbarer Gast,
Der mit dem Schnabel Ast um Ast
Und bis aufs Mark den Stamm durchbohrte,
Um kleine Würmchen auszuspähen,
Die hier und da sich finden ließen.
Der Gärtner sah den Spuck; ihn sehn
Und fluchend auf den Gaudieb schießen,
War eins. Das mörderische Blei
Schlug einen Fittich ihm entzwei.
Er fiel. „Belohnst du so die Treue,“
Sprach er, „womit ich von der Brut
Der Würmer deinen Baum befreie?“
„Ha!“ rief der Gärtner, blau vor Wut,
Du säuberst ihn von Wurmgezüchte,
Und schadest zehnmal mehr als sie.“
Wie manchen Specht zeigt die Geschichte
Der neuern Staatsäökonomie!

Gottlieb Konrad Pfeffel

Sonntag, 11. September 2011

Apis und der Drache zu Babel

Bildquelle: Wikipedia
(Pergamon-Museum, Berlin)

Gott Apis und der Drachengott zu Babel
Beklagten ihr Geschick, das in der Unterwelt
Mit allen Bestien der Götterfabel
Zum großen Troß der Schatten sie gesellt,

„Mein Reich war leider kurz; es warf,“ so sprach der Drache,
„Mir täglich einen Zoll von fetten Opfern ab,
Als ein verwünschter Jud, ein Atheist, aus Rache
In Butterklösen mir vergab.“

„Mit mir,“ versetzt der Stier, „trotz aller Weihrauchsnebel,
Die mich umgaben, trieb ein Wütherich,
Cambyses, gleichs Spiel; sein mordgewohnter Säbel
Entgötterte mit Einem Hiebe mich.“

„Wir müssen hart für unsern Schwindel büßen,“
Sprach jener. „Freund, wo dachten wir nur hin,
Daß wir zu Göttern uns erheben ließen?
Der Einfall war doch wohl zu kühn.“


„Herr Bruder,“ sprach der Stier zum Drachen,
„Die Kühnheit wird mich nie gereun.
Wenn Priester ungescheut aus Menschen Ochsen machen,
So dürfen Ochsen Götter seyn.“

Gottlieb Konrad Pfeffel

Sonntag, 10. Juli 2011

Das Johanniswürmchen

Ein Johanniswürmchen saß,
Seines Demantscheins
Unbewußt, im weichen Gras
Eines Eichenhains.

Leise schlich aus faulem Moos
Sich ein Ungetüm,
Eine Kröte, her und schoß
All’ ihr Gift nach ihm.

»Ach! Was hab’ ich dir getan?«
Rief der Wurm ihr zu.
»Ei!« fuhr ihn das Untier an,
»Warum glänzest du?«

Gottlieb Conrad Pfeffel

Montag, 25. Oktober 2010

Biografie eines Pudels



Quelle: Wikipedia


Einleitung

In einem der großen Seen, welche unsere Sternseher im Monde bemerken, liegt eine Insel, die seit Jahrtausenden zum Elysium für die Schatten der Hunde, dieser treuen Gefährten der Menschen, bestimmt ist. Der ernste Dogge und das schmeichlerische Windspiel, der cholerische Pommer und der drollichte Pudel vereinigen sich hier in brüderlichen Gruppen, aus denen selbst das alberne Möpschen und der sybaritische Bologneser nicht ausgeschlossen sind, weil sie, wie der Domherr und der Stutzer, mit ihrer sublunarischen Hülle die angemaßten Privilegien ihrer Kaste zurücklassen.
Einst war ein solches Kränzchen an dem blumichten Ufer des Sees versammelt, als der Schatten eines ihrer Brüder, von einer Silberwolke getragen, in einer nahen Korallenbucht anlangte. Der Ankömmling wurde mit emsiger Freude bewillkommt, und schwebend in den bunten Zirkel eingeführt. Als er sich von der süßen Ermattung der Überfahrt erholt hatte, sprach der Aldermann des Clubs zu ihm: Bruder, die Gesetze unserer Republik legen Dir die Pflicht auf, uns die Geschichte Deiner irdischen Pilgrimschaft zu erzählen; wir sind begierig, sie anzuhören. Meine Geschichte, antwortete der Schatten mit heiterer Miene, ist keine von den alltäglichen. Hätte ich, wie jetzt, die Gabe der Vernunft und der Sprache, oder wie so manche Gecken und Gauner der Unterwelt, meinen Biographen gehabt, so würde die Epopee meines Lebens mit didotischen Lettern auf Subskription gedruckt, und durch Pinsel und Grabstichel auf Sonnenfächern und in Almanachen verewigt worden sein. Doch mein Heldentum kam mich zu teuer zu stehen, und machte mir oft zu wenig Ehre, als daß ich mich hier, wo alle Täuschung aufhört, damit brüsten sollte. Wenn indessen meine Geschichte dem Zirkel meiner neuen Freunde eine angenehme Stunde machen kann, so werde ich es nicht bereuen, der Ritter eines Romans gewesen zu sein.
Mit lüsterner Ungeduld lagerte sich die Gesellschaft um den Fremdling her, und er erzählte an der Seite des Dekans, was die folgenden Blätter enthalten:

Der komplette Kurzroman findet sich hier

Mittwoch, 17. Februar 2010

Emma und Eginhardt


An Betty

Geh, Betty, schließ die Halle zu
Und gieb die Harfe mir;
Von einem Fräulein, schön wie Du
Sing ich ein Liedchen Dir.

Der große Carl, ein deutscher Held,
Des Fräuleins Vater war;
Die Sachsen schlug er aus dem Feld
Und manche Maurenschaar.

Doch Emma war so furchtbar nicht,
Mild, heiter, minnereich;
Ein Rosenbeet war ihr Gesicht,
Ihr Aug dem Himmel gleich.

Die schlaue Mutter hielt sie hart;
Kein Ritter kam ihr nah,
Bis auf den Junker Eginhard,
Den Schreiber des Papa.

Ein hübscher Mann aus altem Stamm,
Pechschwarz von Aug und Haar,
Flink wie ein Hirsch, sanft wie ein Lamm,
Und keck wie Roland war.

Den ganzen Winter gab er ihr
Im Schreiben Unterricht;
Allein sie sah nicht aufs Papier,
Nur stets ihm ins Gesicht.

Ein weiches Herz führt Mädchen weit
Im siebenzehnten Jahr.
Herr Eginhard in kurzer Zeit
Der Hahn im Korbe war.

Einst hatte Carl das Zipperlein
Und zog mit seinem Weib,
Der schönen Hildegard, allein
Im Schach zum Zeitvertreib.

Im Vorsaal bebt des Schreibers Knie
Vor Nachtfrost. Immer wach
Führt Satan ihn, man weiß nicht wie
In Emmas Schlafgemach.

Lag sie zu Bett? Die Chronika
Sagt nichts davon. Genug,
Der arme Junker wärmt sich da,
Bis Glocke zwölfe schlug.

Die Mette schallt. Mit einem Kuß
Entwich er. Doch, o weh!
Im Hof, durch den er waten muß,
Lag nun ein tiefer Schnee.

Was seh ich, schrie er, großer Gott!
Läßt sich mein Fußtritt sehn,
So sterb ich heut auf dem Schaffot,
Du mußt ins Kloster gehn.

Stumm, wie die Schmerzensmutter, lief
Das Fräulein durchs Gemach;
Auf einmal stand sie still und rief:
Nur mir, Geliebter, nach.

Auf ihren Schultern trägt sie ihn,
Beym klaren Mondenschein,
Durch den beschneyten Schloßhof hin,
Bis in sein Kämmerlein.

Doch ach, ihr Heilgen alle, steht
Dem armen Paare bey!
Carl sieht aus seinem Kabinet
Die seltne Reuterey.

Voll Wuth griff er nach seinem Schwerdt,
Schoß wie ein Pfeil heran:
Sterbt beyde, rief er – Nein, bekehrt
Euch erst! – Holla, Caplan!

Der Priester hörts; mit schwerem Kopf,
Das Chorhemd in die Queer,
Mit ofnem Wams und Hosenknopf
Flog er bestürzt daher.

Er sah – Nur Hogarth malt das Bild –
Das Fräulein auf den Knien,
Carl mit dem Schwerdt, der Knapp als Schild
Gelehnet auf sie hin.

Was soll ich? lallt Probst Engelbert
Mit einer Hand im Haar.
Ey nun, ruft Carl und senkt sein Schwerdt,
Vermähle dieses Paar.
Gottlieb Konrad Pfeffel
aus: Poetische Versuche,
Erster bis Dritter Theil, Band 1, S. 56-60.
Tübingen 1802

Mittwoch, 20. Januar 2010

Der Roßkäfer



Von Helden, Schlachten, Abenteuern,
Weißt du so viel uns vorzuleyern,
Warst du denn immer vorne dran?
So redete mit heisrem Blöcken
Am Hof des Ritters Hadrian
(Es war zur Zeit der armen Gecken)
Der Stallbock einen Käfer an,
Dem die Natur die Citadelle
Des Pferdes, die der Schwanz bedeckt,
Zu seinem Wohnsitz ausgesteckt.
Ich, sprach er, war der Spießgeselle
Von manchem hochberühmten Held:
Er trug mich hinter seinem Rosse
Incognito durch alle Welt.
Dieß hörte der Poet vom Schlosse;
Er schleichet sich zum Pegasus,
Den eben itzt in seinem Glanze
Ein ächter Sohn des Latous
Bestieg; er fasset ihn beym Schwanze,
Flog baumelnd mit ihm auf und schrie:
Triumph! auch ich bin ein Genie.


Gottlieb Konrad Pfeffel
Poetische Versuche
Tübingen 1802

Montag, 2. November 2009

Gottlieb Konrad Pfeffel


Porträt des erblindeten Pfeffel
(aus dem 8. Band der »Poetischen Versuche«
Tübingen 1802-1810)


Gottlieb Konrad Pfeffel wurde geboren am 28.6.1736 in Colmar und ist gestorben ebendort am 1.5.1809. Der Vater war Rechtskonsulent im auswärtigen Departement der französischen Krone in Versailles gewesen und hat sich danach in Colmar zur Ruhe gesetzt. Der ältere Bruder, Christian Friedrich Pfeffel (1726 - 1807) war ebenfalls als Staatsrechtler in Versailles tätig. Er kümmerte sich nach dem Tod des Vaters (1738) um die Ausbildung des Bruders, der nach dem Gymnasium mit fünfzehn Jahren 1751 die Universität in Halle besuchte und dort öffentliches Recht und Staatsrecht studierte. Doch bereits während des Studiums stellte sich ein Augenleiden ein, das mehrere Operationen erforderte. Schließlich musste er das Studium abbrechen. Nach der letzten Operation 1758 in Straßburg erblindete er fast völlig.

1759 heiratete Pfeffel eine Straßburger Kaufmannstochter und begann sich als Schriftsteller zu etablieren, um seine Familie zu ernähren. Seine Frau Margarethe Cleophe Divoux unterstützte ihn bei seiner schriftstellerischen Arbeit. Erstmals erschienen seine Gelegenheitsgedichte 1759 in der Straßburger Wochenschrift »Der Sammler«. Zwei Jahre später (1761) erschien die dreibändige Sammlung »Poetische Versuche«, die in den folgenden Jahren immer wieder überarbeitet und erweitert wurden. Die vierte Auflage erschien in den Jahren 1802 - 1810 bei Cotta in zehn Bänden (der letzte Band posthum).

1773 eröffnete er seine »Ecole militaire« für meist adlige protestantische Knaben, eine trotz der militärischen Ausrichtung sehr fortschrittliche Schule. Während der französischen Revolution musste er die Academie allerdings aufgeben und verlor dabei auch sein Vermögen. Mit schriftstellerischen Arbeiten, unter anderem für die Unterhaltungsblätter des Cotta-Verlags, hielt er sich mühsam über Wasser, bis er 1806 durch Napoleon eine Jahrespension bekam. 1808 wurde er Ehrenmitglied der königlichen Akademie der Wissenschaften in München.

Insbesondere durch seine Fabeln (neben seinen Poetischen Versuchen 1783 in einer eigenen Fabelsammlung) wurde er sehr populär. In Dresden hatte er 1754 Christian Fürchtegott Gellert kennen gelernt, den er sehr bewunderte.

Horst-Dieter Radke

Samstag, 31. Oktober 2009

Der Basilisk

Basilisk aus dem Basler Münster

Zu Satan sprach die alte Schlange:
Ich borgte dir zum Untergange
Des Menschen meinen Balg; allein was war mein Lohn?
Des Rächers Fluch und der noch ärgre Hohn,
Als Wurm auf meinem Bauch zu gehen.
Kann deine Kunst mein Ungemach
Nicht lindern, ha! so mußt du mir gestehen,
Mein Freund, du bist auch gar zu schwach.
Ich kann es und du sollst es sehen,
Rief der Verführer brüllend aus.
Er speyt die Natter an. Aus ihrem Rücken sprießen
Zween Flügel, gleich der Fledermaus;
Ihr Bauch erhebet sich auf gelben Hahnenfüßen
Und zeigt der schauernden Natur
Den grassen Basilisk. Mit höllischem Vergnügen
Schaut Satan auf sein Werk. Die neue Kreatur
Versucht es bald zu gehen, bald zu fliegen,
Und zischt den Rächer aus. Itzt bleibt ihr trunkner Blick
Auf einem klaren Bache kleben:
Sie sieht ihr Bild und fährt zurück
Und haucht bereits ihr junges Leben
In ihres Schöpfers Hand. Allein der alte Wicht
Faßt lachend sie beym Kamm: »was soll das dumme Beben,
Gefällst du dir im neuen Schmucke nicht?«
Der Basilisk erwacht: »vergieb mir meinen Schrecken,
Mein blöder Geist war nicht darauf gefaßt,
Im Körper, den du mir gegeben hast,
So manchen Zug des Deinen zu entdecken.«
Ey nun, ich mach es wie mein Feind
Dort oben in dem Sterngefilde,
Versetzt der Schalk: ich schaffe meinen Freund –
Nach meinem Ebenbilde.

Gottlieb Konrad Pfeffel
aus: Poetische Versuche, Erster bis Dritter Theil
Band 2, Tübingen 1802

Donnerstag, 24. September 2009

Der Schröter, die Schnecke und der Molkendieb


Ein Schröter *), der mit einer Schnecke
Im Schatten einer Weißdornhecke
Spatzieren kroch, gerieth mit ihr
In Streit, und zwar der Hörner wegen.
Kaum trägt ein junger Offizier
So stolz den neuen Troddeldegen
Als Junker Schröter sein Geweih.
Der Hirsch, dem wir am meisten gleichen,
Sprach er, muß ohne Prahlerey,
Mit seinem Kopfputz meinem weichen:
Er dienet mir, du weist es schon,
Zur Hand und wie dem Krebs zur Scheere,
Im Krieg zum Schutz und Trutzgewehre,
Und.... Alles gut, mein lieber Sohn,
Und doch möcht ich mit dir nicht tauschen;
Auf meinen Hörnern hat die Macht
Des Zevs zwey Augen angebracht,
Wodurch ich die Gefahr belauschen,
Und die ich, rückt der Feind heran,
Schnell, wie mich selbst, verbergen kann.
So sprach die Schnecke. Junker Schröter
Bestieg noch einmal den Katheder;
Allein das Lied des Schaalthiers blieb
Noch immer auf der alten Weise.
Ein Amor, der auf einer Reise
Als Schmetterling sein Wesen trieb,
Und sich, um auszuruhn, ins Grüne
Herabließ, mußte Schiedsmann seyn.
Ich, sprach er mit gelehrter Miene,
Bin für die Hörner, die man sein
Verbergen kann; doch dächt ich wären
Die Augen füglich zu entbehren.
Ey, rief die Schnecke, Freund, wie so?
Allein der kleine Schelm entfloh,
Anstatt das Räthsel aufzuklären.

*) Hirschkäfer
Gottlieb Konrad Pfeffel

Donnerstag, 16. April 2009

Der Schmetterling und die Biene


Die Biene ließ den Schmetterling
Einst, ihre fetten Speicher sehen.
Schön, rief der bunte Gast; doch muß ich dir gestehen
Ich tauschte nicht mit dir. »Warum nicht, dummes Ding,
Was hast denn du? Laß sehn, wir wollen inventiren!
Ich hab ein volles Haus.«.... und ich – nichts zu verlieren.

Gottlieb Konrad Pfeffel

Montag, 16. März 2009

Der Goldfasan


Es war einst eine Hungersnoth
Im Thierreich, alles schrie nach Brod,

Die Vögel fielen aus der Luft,

Wie Mücken in die weite Gruft.

Ein Goldfasan schlich matt und schwer
Und ächzend durch den Hain umher;
Ihm sah ein Specht von ferne zu
Und sagte: Freund, was ächzest du?

An deiner Stelle hätt ich bald
Den fettsten Tisch im ganzen Wald;

Verkaufe nur dein reiches Kleid,

So hast du Brod auf lange Zeit.

Dem Goldfasan gefiel der Rath,

Er setzte seinen ganzen Staat
Bey einem alten Hamster ab,

Der ihm zwo Metzen Korn drum gab.

Nun pflegt er sich bey Fürstenkost;

Doch plötzlich fiel ein Winterfrost,
Und plötzlich war der arme Narr

Am nakten Leibe blau und starr.

O weh mir! sprach er nun zum Specht,
Mein guter Freund, dein Rath war schlecht;
Ich weiß, man stirbt aus Hungersnoth,
Doch wer erfriert, ist gleichfalls todt.

Gottlieb Konrad Pfeffel

Samstag, 28. Februar 2009

Das Stinkthier und die Bisamratze

Foto: Jeremias Radke

Es fand auf einem Rasenplatze
Ein Stinkthier eine Bisamratze.
Sie hatten sich noch kaum erblickt,
So hielten sie sich um die Wette
Die Nase zu. Bist du verrückt?
Sprach endlich zu der armen Frette
Die Ratze voller Bitterkeit:
Du stinkst gleich einem alten Aase
Auf eine Viertelmeile weit;
Und doch verstopfst du dir die Nase
Vor mir, die selbst der Zimmetstrauch
Um ihren Duft beneiden möchte.
»Gut, sprach die Frette, doch ich dächte,
Wer zu wohl riecht, der stinket auch.«

Gottlieb Konrad Pfeffel

Dienstag, 20. Januar 2009

Der Drache

In China lag das Volk vor einem ehrnen Drachen.
Ein Weiser sahs. Vergieb, sprach er, den Selbstbetrug,
O Gott! Es ist für dich der Ehre schon genug,
Daß sie dich nicht zum Menschen machen.

Gottlieb Konrad Pfeffel