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Mittwoch, 6. Mai 2015

Der Leopard und das Eichhorn

Ein Eichhorn, das auf seiner Fahrt
Von Baum auf Baum zephyrisch hüpfte,
Verlor den Kopf, sein Fuß entschlüpfte,
Es fiel auf einen Leopard,
Der in dem Schatten einer Eiche
Der Ruhe pflegte. Der Gigant
Fuhr brüllend auf. Bereits halb Leiche
Vor Schrecken, fiel der Arrestant
Auf seine Kniee, bat um Gnade
Und machte sich gar winzig klein
Vor seiner Hoheit. „Arme Made!“
Rief dieser, den die Todespein
Des Zwergs zur Huld bewog, „Dein Leben
ist mein; ich schenke dirs; allein
Zuvor mußt du Bescheid mir geben,
Warum du stets so fröhlich bist,
Indeß mich, Prinzen vom Geblüte,
Der Uueberdruß und Mißmuth frißt?“ –
„Herr!“ sprach das Eichhorn, „Deine Güte
Macht Wahrheit mir zur Pflicht; doch hier
Spricht sichs nicht gut; ich quetschte mir
Bei meinem schweren Fall die Lunge;
Laß mich ins Freie.“ – “Nun, es sey,“
versetzt der Prinz, und gab es frei.
Das Eichhorn maß mit einem Sprunge
Den Baum, und sprach vom höchsten Ast:
„Du wolltest mein Geheimniß wissen;
Hier ists: Ein Gut, das du nicht hast,
Das deines Gleichen stets vermissen,
Erhält mein Herz bei heitrem Muth.“ –
„So nenne mir dies edle Gut.“ –
„Es heißt: ein ruhiges Gewissen.“

Gottlieb Konrad Pfeffel
Fabeln und poetische Erzählungen
Band 1

Dienstag, 14. April 2015

Der Affe und der Leopard


Der Affe und der Leopard
Verdienten auf der Messe Geld,
Indem sie sich zur Schau gestellt,
Einer des andern Widerpart.
Der eine rief: »Ihr lieben Leute,
Mein Ruf und Ruhm ist nicht von heute,
Ich bin bekannt an höchster Stell;
Der König kam, um mich zu sehen,
Und sterb ich einst, dann soll mein Fell
Als Muff sich um die Hände drehen
Der allergnädigsten Königin.
Betrachtet mich, wie bunt ich bin:
Gestreift, gesprenkelt und geschenkt,
Getupft, beringelt und gefleckt.«

Das bunte Spiel der Haut gefiel
Für einen Blick als Augenziel,
Ein jeder sah es flüchtig an
Und wendete sich weiter dann.

Der Affe rief: »Herbei, herbei,
Ihr edlen Herrn und schönen Damen!
Ich kenne Künste mancherlei
Und nicht nur nach dem Namen.
Die Buntheit, die ihr hier
Bei meinem Nachbarn schaut,
Die trag ich auch bei mir,
Doch nicht auf meiner Haut,
Vielmehr in meinem Geist.
Weit bin ich hergereist,
Drei Schiffe haben mich getragen.
Muß ich noch meinen Namen sagen?
Hier steht Hans Wurst! Zwiefach verwandt
Mit Bertrand, der des Papstes Affe.
Gesegelt ist er und gerannt,
Damit er hier euch Kurzweil schaffe.
Er tut's! Man höre, schau und staune:
Er ist ein Tänzer, ist ein Hexer,
Springt Seil und Reifen, bläst Posaune –
Und alles dies für einen Sechser.
Was sag ich? Schon für einen Sou!
Und wenn euch seine Kunst mißfällt,
So geht und schaut nicht länger zu,
Ihr kriegt zurück das Eintrittsgeld.«

Der Affe redete gescheit.
Es gilt die Mannigfaltigkeit
Des Geistes mehr als die am Kleid:
Ein buntes Fell
Ermüdet schnell,
Ein bunter Geist dagegen
Weiß immer anzuregen.

Es gibt, dem Leoparden gleich,
So manchen Herrn, der, stolz und reich,
Als einziges Talent
Sein Kleid nur hat und kennt.

Lafontaine, Jean de

Sonntag, 30. September 2012

Das Eichhorn und der Leopard


45stes Bild

Auf einem Eichbaum sprang von Zweig zu Zweigen
Ein muntres Eichhorn hin und her,
Hinauf, hinab, die Kreuz und Quer:
Man weiß, Behendigkeit ist diesem Thierchen eigen
Doch ach! jetzt spring es fehlt und fällt
Auf einen Leopard, der Mittagsruhe hält.
Die Majestät erwacht, zürnt, reckt sich in die Höhe,
Und zeigt der Zähne fürchterliche Reihn
Das Eichhorn macht sich vor der Hoheit klein,
Fällt zitternd auf die Knie. Doch, wie es in der Nähe
Der Leopard beseh’n, spricht er: »Ich schenke dir
Das Leben, doch bedingt; das heißt du sagest mir,
Warum ihr Dingerchen beständig hüpft und springet,,
Und guter Laune sein, indeß in meinem Reich
Mich Langweile drückt?» – »Ja Herr, das will ich euch,
Weil ihr so gnädig mich empfinget
Aufrichtig sagen. Doch wer die Wahrheit spricht,
Muß höher steh’n, als wer sie höret.
Darf ich den Baum hinauf, von dem ich fiele?« - »Wer wehret
Es dir? Steig‘ auf!« – Es that’s und sprach: »Mit Zuversicht
kann ich von hier herab euch mein Geheimniß lehren.
Ihr möchtet gerne von mir hören,
Warum ich immer lustig bin: –
Die Unschuld gibt mir frohen Sinn;
Mein Wissen ist: nichts Böses wissen.
Herr, das untrügliche Recept
Zur Heiterkeit, ein gut Gewissen,
Fehlt euch, weil euch mit Natterbissen
Das eure quält. Bei Tag und Nacht schleppt
Ihr euch mit dem Gefühl der Ungerechtigkeiten,
Die ihr begingt der Grausamkeiten,
Die ihr verübt. Wie manches Reh zerreißt
Ihr, während ich zu meinen Brüdern eilte
Und eine Nuß mit ihnen theilte!
Ihr haßt; ich lieb‘! In diesen Worten ist
Viel Sinn, viel Wahrheit; glaubt es nur
Wie oft hört‘ ich in meiner Jugend
Aus meines Vaters Mund: Sohn, fließt dein Glück aus Tugend,
So wird dir Frohsinn zur Natur.«


Lebensweisheit in Fabeln für die Jugend
von
Friedrich Hoffmann,
Hofprediger in Ballenstedt
Mit hundert Bildern
Stuttgart, Hoffmann’sche Verlags-Buchhandlung, 1840

Mittwoch, 26. September 2012

Der Tiger und der Leopard

Der Tiger und der Leopard hatten sich den Krieg erklärt. Dr erste fiel in das Gebiet des letzten ein; der Leopard flohe.
»So sollt ihr mirs bezahlen!« – schrie der Löwe und erwürgte alles, was er von Thieren im feindlichen Gebiete fand.
»Ach!« – seuftze ein sterbender Fuchs: – »So geht es! Wir Unglückliche müssen es büßen. Unser Fürst war an allem sChuld; aber er ist in Sicherheit.«
Exempla sunt odiosa! Arme Provinzen am Rhein!


Christian August Fischer

Montag, 24. September 2012

Der Tiger und der Leopard

aus Brehms Tierleben
Quelle: Wikipedia

»Schon wieder einen Tag verloren!« seufzte der Tiger, indem er in seine Höhle zurückkehrte.
»Was ist euch geschehen, edler Vetter!« versetzte der Leopard, der diese Worte vernommen hatte.
»Ach!« erwiderte verdrüßlich der Befragte, »nicht einmal ein armseliges Rehkalb ist mir heute unter die Klauen gekommen! Saget, Herr Vetter, was soll wohl unter solchen Umständen noch aus unsern glänzenden Vorrechten werden?«

Splitterrichter! Splitterrichter! die ihr jeden Tag gewohnt seyd, irgend einen guten Namen zu zerreißen, sagt doch, seyd ihr nicht von demselben Bekenntnisse?


Lustwandlung im anmuthigen Gebiethe der Fabel,
oder
Goldkörner der Moral und Lebensklugheit
Ein Geschenk für die reifere Jugend,
von
Sebastian Willibald Schiessler
Wien, 1833, Verlag von Franz Tendler

Sonntag, 23. September 2012

Der Krieg zwischen den Leoparden und Tygern

Aus Brehms-Tierleben
Quelle: Wikipedia

Im Anfange des Monats Miriak ward im Walde ein sehr hohes Fest dem Waldgotte, Pan, zu Ehren , gefeyert. Auf diesem Feste fanden sich alle Arten der Thiere ein. Die Vornehmsten unter dieser versammleten Schaar waren ein Leopard und ein Tyger; jeder von ihnen war das Haupt seiner Nation. Beyde waren an diesem Tage in tiefer Trauer; denn der Leopard hatte seine Frau, der Tyger aber seinen Sohn verloren. Mitten unter der größten Feyerlichkeit ward die Sonne verfinstert. Da man dieses gewahr ward, und die anwesenden Thiere sehr darüber erschracken, bat sie der Tyger, nur alle Furcht, wegen eine bevorstehenden Unglücks, auf die Seite zu setzen; denn, sagte er: Die Sonne trauert über den Tod meines Sohnes, und weiter bedeutet diese Finsterniß nichts. Der Leopard hingegen meynte: diese Finsterniß geschähe wegen des Todesfalles, der in seinem Hause vorgegangen war. Dieses konnte der Tyger nicht leiden, und daher fragte er den Leoparden, was er sich wohl einbildete? Der Leopard, der eine eben so niederträchtige Ambition besaß, blieb auf seiner Meynung, und gab eine harte Gegenantwort. Kurz: Ein Wort gab das andere, bis endlich alles dadurch in Feuer und Flammen gerieth. Die ganze Schaar der Thiere nahm die Flucht, und die streitenden Partheyen droheten einander mit einem offenbaren Kriege, welcher sich auch sofort anfieng.

Menge von allerhand Thieren erhielt Befehl, im Felde zu erscheinen, oder sie ward auch gegen Besoldung angeworben. Die Vögel hingegen wollten sich in diese Sache nicht mischen denn, obschon der Adler von beyden Partheyen um Beystanmd ersucht ward, so wollte er doch keinem Vogel erlauben, sich zu der einen oder zu der andern Parthey zu schlagen; er erklärte sich also im Namen der ganzen fliegenden Nation, neutral zu bleiben. Von denen kriechenden Thieren wollten die Fischotter und der Seehund auch nichts damit zu thun haben; denn da der Krieg blos zu Lande geführt ward, diese sich aber meistens im Wasser aufhielten, so sagten sie: sie gehörten unter den See-Stat. Nachdem der Krieg eine Zeitlang mit grosser Hitze war geführt worden, ward endlich nach vielem Blutvergiessen der Friede folgendergestalt geschlossen: Eine jede derer streitenden Partheyen sollte bey ihrer Meynung bleiben, und alles sollte wieder in den Stand gesetzet werden, in welchem es vor dem Kriege war.

Diese Fabel lehret, daß die heftigsten Zwistigkeiten oft aus Kleinigkeiten entstehen, an denen gar nichts gelegen ist; ingleichen, daß die blutigsten Kriege, die unter denen Menschen geführet werden, auf eben diese Art geendigt werden. man führet also Krieg blos darum, um Krieg zu führen.


Moralische Fabeln
mit beygefügten Erklärungen einer jeden Fabel
Aus dem Dänischen des Herrn Barons von Holberg übersetzt durch J.A.S.K.D.
Kopenahgen: Mumme, 1761


Samstag, 22. September 2012

Der Löwe und der Leopard

Auf weiter Ebne herrschte einst mit königlicher Pracht
Ein Löwe unbeschränkt in seiner Würde hoher Macht;
An sein Gebiet stößt nun zunächst ein großer Hain,
Und gerne möchte er Besitzer davon seyn.
doch zu gefährlich hat es ihm geschienen,
Deßwegen einen krieg selbst zu beginnen;
Denn eines Leoparden Eigenthum
Ist dieser Hain, und um ihn rings herum,
Wo sich die Gränzen beider Höfe scheiden,
hat ihren Sitz der Panther und der Bären wilde Schaar,
Und, einen Kampf mit diesen zu vermeiden,
Befiehlt dem Lösen seine Klugheit; dieses ist wohl klar.
Allein was ist hier anzufangen,
Um doch zum ziele zu gelangen?
Die List muß hier den Ausweg zeigen.
Ein alter Fuchs, durch seine Schlauheit längst bekannt,
Wird von dem Löwen zu dem Leopard gesandt,
Um einen Plan zu überreichen,
Wornach die beiden Mächte sich verbinden,
Die feinde unnachsichtlich aufzureiben,
Die in der Nachbarschaft ihr Wesen treiben.
Der Leopard nimmt freudig diesen Vorschlag an;
Der Kampf beginnt und alle Gegner finden
Nun ihren Tod; bald lebt kein Bär
Im Walde und kein Panther mehr.
Doch jetzt erkennt der Leopard auch seinen Wahn:
Und hat er oft auch Grund, sich zu beklagen,
So darf er dennoch dieses nimmer wagen,
Wenn er nicht stürzen will in seinen Tod,
Da ihm des Löwen Wuth Verderben droht.
So lernt er nun zu spät, daß Pantherthier und Bären
Am besten gegen Löwen-Macht ihm Schutz gewähren.

Florian’s *) Fabeln
frei metrisch bearbeitet
von Conrad Samhaber
kgl. Kreis- und Stadtgerichts-Rathe zu Fürth
München 1834, Druck und Verlag von George Jaquet

*) Jean-Pierre Claris de Florian