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Montag, 13. Februar 2017

Die schlauen Mädchen

Zwey Mädchen brachten ihre Tage
Bey einer alte Base zu.
Die Alte hielt, zu ihrer Muhmen Plage,
Sehr wenig von der Morgenruh.
Kaum krähte noch der Hahn bey frühem Tage:
So rief sie schon: Steht auf, ihr mädchen, es ist spät,
Der Hahn hat schon zweymal gekräht.

Die Mädchen, die so gern noch mehr geschlafen hätten;
Denn überhaupt sagt man, daß es kein Mädchen giebt,
Die nicht den Schlaf und ihr Gesichte liebt;
Die wunden sich in ihren weichen Betten,
Und schwuren dem verdammten Hahn
Den Tod, und thaten ihm, da sie die Zeit ersahen,’Den ärgsten Tod rachsüchtig an.

Ich habs gedacht, du guter Hahn!
Erzünter Schönen ihrer Rache
Kan kein Geschöpf so leicht entfliehn.
Und ihren Zorn sich zuzuziehn,
Ist leider eine leichte Sache.

Der arme Hahn war also aus der Welt.
Vergebens nur ward von der Alten
Ein scharf Examen angestellt.
Die Mädchen thaten fremd, und schalten
Auf den, der diesen Mord gethan,
Und weinten endlich mit der alten
Recht bitterlich um ihren Hahn.

Allein was halfs den schlauen Kindern?
Der Tod des Hahns solt ihre Plage mindern,
Und er vermehrte sie noch mehr.
Die Base, die sie sonst nicht eh im Schlafe störte,
Als bis sie ihren Haushahn hörte,
Wußt in der Nacht jetzt nicht, um welche Zeit es wär;
Allein weil es ihr Alter mit sich brachte,
Daß sie um Mitternacht erwachte:
So rief sie die auch schon um Mitternacht,
Die, später aufzustehn, den Haushahn umgebracht.
***
Wärst du so klug, die kleinen Pagen
Des Lebens willig auszustehn:
So würdest du dich nicht so oft genöthigt sehn,
Die grössern Uebel zu ertragen.

C.F. Gellert

Freitag, 24. Juli 2015

Der Blinde und der Lahme

Von ungefähr muß einen Blinden
Ein Lahmer auf der Straße finden,
Und jener hofft schon freudenvoll
Daß ihn der andre leiten soll.

Dir, spricht der Lahme, beizustehen?
Ich armer Mann kann selbst nicht gehen;
Doch scheint's, daß du zu einer Last
Noch sehr gesunde Schultern hast.

Entschließe dich, mich fortzutragen,
So will ich dir die Stege sagen:
So wird dein starker Fuß mein Bein,
Mein helles Auge deines sein.

Der Lahme hängt, mit seinen Krücken,
Sich auf des Blinden breiten Rücken.
Vereint wirkt also dieses Paar,
Was einzeln keinem möglich war.

Du hast das nicht, was andre haben,
Und andern mangeln deine Gaben;
Aus dieser Unvollkommenheit
Entspringet die Geselligkeit.

Wenn jenem nicht die Gabe fehlte,
Die die Natur für mich erwählte,
So würd' er nur für sich allein
Und nicht für mich bekümmert sein.

Beschwer die Götter nicht mit Klagen!
Der Vorteil, den sie dir versagen
Und jenem schenken, wird gemein:
Wir dürfen nur gesellig sein.

Christian Fürchtegott Gellert

Montag, 27. August 2012

Der Wucherer

Ein Wuchrer kam in kurzer Zeit
Zu einem gräflichen Vermögen,
Nicht durch Betrug und Ungerechtigkeit,
Nein, er schwur es oft, allein durch Gottes Segen.
Und um sein dankbar Herz Gott an den Tag zu legen,
Und auch vielleicht aus heiligem Vertraun,
Gott zur Vergeltung zu bewegen,
Ließ er ein Hospital für arme Fromme baun.

Indem er nun den Bau zu Stande brachte,
Und vor dem Hause stand, und heimlich überdachte,
So sehr verdient er sich um Gott und Arme machte:
Ging ein verschmitzter Freund vorbey.
Der Geizhals, der gern haben wollte,
Daß dieser Freund das Haus bewundern sollte,
Fragt ihn mit freudigem Geschrey,
Obs groß genug für Arme sey?
Warum nicht? sprach der Freund, hier können viel Personen
Recht sehr bequem beysammen seyn;
Doch sollen alle die hier wohnen,
Die ihr habt arm gemacht: so ist es viel zu klein.


Christian Früchtegott Gellert

Donnerstag, 22. September 2011

Begriff der Erdichtung der Beschreibung der Fabel

Dahero habe ich es vor gut befunden, den Begriff der Erdichtung der Beschreibung der Fabel beyzufügen, damit man sie von der Begebenheit hinlänglich unterscheiden könne. Nun weiß ich zwar wohl, daß einige die Geschichte und Fabel also unterscheiden, daß sie sagen, die Geschichte erzähle die Sache, wie sie sich zugetragen, und sorge weder für das Wahscheinliche, noch für die Anwendung; die Fabel aber sähe bey ihrer Erzählung auf das Wahrscheinliche, und suche aus vielerley Begebenheit das heraus was dem Glaubwürdigen am nähesten kommt, und sich am bequemsten auf eine Lebensregel anwenden läßt. Allein, dieses trifft man nicht bey allen Fabeln an. Denn es kann ein Vorfall ohne Zuthun des Dichters wunderbar, wahrscheinlich, und zum unterrichte geschickt seyn; er wird aber, wenn er gleich mit unter die Fabeln gesetzt wird, und eben den Nutzen, den die Fabel hat, deswegen dennoch nicht zur Fabel werden. Denn er hat seine Wirkung von sich selbst, da hingegen die eigentliche Fabel ihr Daseyn und ihren Nachdruck von der Erfindung des Poeten empfängt. Aber, wenn der Vorfall zum Theil verändert wird; wenn er durch etwas vermehrte wird; wenn kleine Umstände, die entweder gar nicht, oder nicht in dem Zusammenhange da waren, so hinzugesetzt und am Ende mit einander so verbunden werden, daß sie diesen Vorfall welcher den Leser zugleich zu unterhalten und zu lehren geschickt war, ganz erzehlen: so halte ich dafür, daß man dergleichen Erzehlung mit Recht eine Fabel nenne. Eben dieses gilt auch bey größern Fabeln, bey dem Trauerspiele und dem Heldengedichte, als in welchen wahre Begebenheit mit erdichteten verknüpft sind, und in welchen der Dichter solche Zufälle beybringt, von denen zwar sowohl die schriftliche als mündliche Geschichte nichts weiß, die aber doch die Absicht der Fabel erfordert. Herr Breitinger nennt nebst den la Motte die Fabel mit Recht eine ins kurze gezogene Epope; da nun aber niemand die Epope denkt, ohne zugleich sich an die Erdichtung zu erinnern; so folgt, daß, wenn die Vergleichung passend seyn soll, die Erdichtung auch bey dem Begriffe von einer kleinen Fabel nicht fehlen könne.

Christian Fürchtegott Gellert
Von denen Fabeln und deren Verfassern

Sonntag, 13. Februar 2011

Die Fabel soll ergötzen und zugleich nützen …

Die Fabel ist deswegen da, daß sie ergötzen, und zugleich nützen soll. Aus diesem doppelten Endzwecke wollen wir alles, was wir gesagt haben, herleiten. Da die Erzählung nichts in sich enthält, als was alle Menschen wissen und sehen, so wird sie schwerlich ergötzen. Es muß daher in der Fabel etwas Seltnes, Neues und Wunderbares seyn: derowegen will ich etwas von dem Wunderbaren in der Fabel beybringen. Da aber das Wunderbare ohne Wahrscheinlichkeit keinen Reiz bey dem Zuhörer erweckt; so muß ich von der Wahrscheinlichkeit der Fabel handeln; da ferner die Art und Weise wie eine Sache betrieben wird, zu deren Anmuth viel beytragen kann; so muß ich auch etwas von dem Schmucke der Fabel, den sie durch den Vortrag erhält, sagen. Da endlich die Fabel nützlich seyn soll, da sie nämlich entweder die Vortrefflichkeit der Tugend, oder die Schädlichkeit der Laster in einem ihnen angemessenen Bilde vorstellen soll, so müssen einige Anmerkungen über die Uebereinstimmung der Fabel, mit der aus derselben gezogenen Lehre, d.i. des Bildes mit dem Modelle gemacht werden, voerhero aber will ich etwas von dem, was zu den Fabeln Gelegenheit gegeben hat sagen …

Christian Fürchtegott Gellert
aus: Von denen Fabeln und deren Verfassern

Mittwoch, 2. Februar 2011

Gellert und Laudon

Bildquelle: Wikipedia

Gellert und Laudon lernten einander zum ersten Male in Karlsbad kennen, als beide schon hochbetagt waren. Gellerts ohnehin ernste Züge waren im Alter noch ernster geworden, und Laudon hatte bekanntlich keine besonders intelligente Physiognomie, was ja auch die Veranlassung dafür gewesen sein soll, daß Friedrich der Große seinerzeit es abgelehnt hatte, diesen hervorragenden Soldaten in seine Dienste zu nehmen. Später hat er es oft genug bereut.
Nachdem Laudon den Dichter eine Weile betrachtet, konnte er sich nicht enthalten zu sagen: „Sagen Sie mir doch, Herr Professor, wie Sie so viel munteres haben schreiben können. Ich kann es nicht begreifen, wenn ich Sie so ansehe.“
Gellert erwiderte lächelnd: „Sagen Sie mir erst, Herr General, wie ist es möglich, daß Sie die Schlacht bei Kolin gewinnen und Schweidnitz einnehmen konnten. Ich kann es nicht begreifen, wenn ich Sie so ansehe.“

F. C.

Bibliothek der Unterhaltung und des WissensJahrgang 1909, Band 8, S. 236

Montag, 13. Dezember 2010

Gellert am 13. Dezember

Am 13. Dezember  1769 starb Christian Fürchtegott Gellert in Leipzig.
 Von seinem Biographen J. A. Cramer wird übermittelt, wie erschüttert die Leipzigern bei seinem Tod waren:

»Die Betrübniß, welche sich mit dem anbrechenden Tage durch die Nachricht von seinem Tode in der ganzen Stadt verbreitete, war so allgemein und so groß, daß sie kaum mit Worten beschrieben werden kann … Mehr und aufrichtigere Thränen sind vielleicht auf kein Grab geflossen als auf das seinige.«

Samstag, 11. Dezember 2010

Gellert am 11. Dezember

Am 11. Dezember 1760 rief König Friedrich II. den berühmten Dichter in das »Königshaus« am Leipziger Markt. Aus dem Dialog zwischen beiden,  der in einem Brief von Gellert an eine Freundin übermittelt ist, entstammen zwei berühmte Zitate:

Der König fragte: »Sind jetzt böse Zeiten?«
Gellert:  »Wenn ich König wäre, so hätten die Deutschen bald Frieden... Geben Sie uns nur Frieden, Sire!« 

Der König: »Hat er den Lafontaine nachgeahmt?« 
Gellert: »Nein, Sire, ich bin ein Original...«

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Die beiden Knaben



Ein jüngrer und ein ältrer Bube,
Die der noch frühe Lenz aus der betrübten Stube
Vom Buche zu dem Garten rief,
Vielleicht weil gleich ihr Informator schlief,
Geriethen beid an eine Grube,
In der der Schnee noch nicht zerlief.
Ach Bruder, sprach der kleine Bube,
Was meynst du, ist das Loch wohl tief?
Ich hätte Lust - - Was? Lust hinein zu springen?
Du mußt doch ausgelassen seyn.
Versuch es nicht und spring hinein,
Du könntest dich ums Leben bringen.
Wir können uns ja sonst noch wohl erfreun,
Als daß wir uns und unsern Kleidern schaden,
Und kindsch Schnee und Eis durchwaden.
und kömmst du drauf zum Vater naß hinein:
So hast dus da erst auszubaden.
Doch keine Redekunst nahm unsern Knaben ein.
»Wer wird im Schnee denn gleich ersaufen?“
Und kurz und gut, er sprang hinein,
Und ließ sichs wohl in seiner Grube seyn;
Doch kaum war er vor Kälte fortgelaufen:
So sprang der Philosoph so gut, wie er, hinein.

***

Dieß ist die Kunst der strengen Moralisten.
Bekannt mit dem System, und von Grundsätzen voll,
Beweisen sie das, was man lassen soll,
so froh, als ob sie nichts von den begierden wüßten.
Sie sind von besserm Ton als wir.
Sie bändigen ihr Herz durch die Gewalt der Schlüsse.
Uns Armen ist die Thorheit süße;
doch ihnen eckelt nur dafür.
Wir lassen sie, wenn wir sie unternehmen,
Aus gutem Herzen andern sehn,
Und denken nicht daran, daß wir uns so vergehn.
Sie aber, die gelehrt sich aller Thorheit schämen,
Begehn die That, die sie uns übel nehmen,
Aus Tugend eher nicht, als bis wir es nicht sehn.

Christian Fürchtegott Gellert

Donnerstag, 28. Oktober 2010

Die Fabel soll ergötzen

Die Fabel ist deswegen da, daß sie ergötzen, und zugleich nützen soll. Aus diesem doppelten Endzwecke wollen wir alles, was wir gesagt haben, herleiten.

Christian Fürchtegott Gellert
Von denen Fabeln und deren Verfassern

Samstag, 16. Oktober 2010

Der rechte Mann

Kupferstich mit Szene aus C.F. Gellerts Die Betschwester (1745)
Quelle: Wikipedia


Gellert, ein im achtzehnten Jahrhundert geschätzter Dichter, bewarb sich einst um den Posten eines Erziehers, und da er vorzügliche Empfehlungen besaß, wünschte ihn eine reiche Dame für ihren Sohn anzunehmen. Als sich Gellert vorstellte, sagte die Dame ebenso bestimmt wie geringschätzend: »Ich wünsche vor allen Dingen, daß Sie aus meinem Sohn keinen gelehrten Pedanten machen. Ich verlange nur einen leichten Anstrich in den verschiedenen Fächern.«

Gellert erhob sich und sagte: »Ich verstehe und rate Ihnen deshalb, statt meiner lieber ein Anstreicher zu nehmen.«

P.H., 1924

Freitag, 18. Juni 2010

Der Greis


Von einem Greise will ich singen,
Der neunzig Jahr die Welt gesehn.
Und wird mir itzt kein Lied gelingen:
So wird es ewig nicht geschehn.
Von einem Greise will ich dichten,
Und melden, was durch ihn geschah,
Und singen, was ich in Geschichten,
Von ihm, von diesem Greise, sah.

Singt, Dichter, mit entbranntem Triebe,
Singt euch berühmt an Lieb und Wein!
Ich laß euch allen Wein und Liebe,
Der Greis nur soll mein Loblied sein.

Singt von Beschützern ganzer Staaten,
Verewigt euch und ihre Müh!
Ich singe nicht von Heldentaten,
Der Greis sei meine Poesie.

O Ruhm, dring in der Nachwelt Ohren,
Du Ruhm, den sich mein Greis erwarb!
Hört, Zeiten, hörts!  Er ward geboren,
Er lebte, nahm ein Weib, und starb.

Christian Fürchtegott Gellert

Sonntag, 22. November 2009

… und er macht die Unwahrheit wahrscheinlich

»Wenn sich der Dichter, (sagt Plautus) eine Fabel zu machen vorsetzt, so suchet er das, was nirgends ist, und findet es demohngeachtet, und er macht die Unwahrheit wahrscheinlich.«

Christian Fürchtegott Gellert
Von denen Fabeln und deren Verfassern
Der erste Theil
Von der Natur und dem Wesen der Fabel

Freitag, 17. Juli 2009

Das Unglück der Weiber

In eine Stadt, mich deucht, sie lag in Griechenland,
Drang einst der Feind, von Wut entbrannt,
Und wollte, weil die Stadt mit Sturm erobert worden,
Die Bürger in der Raserei
Bis auf den letzten Mann ermorden.
O Himmel! welch ein Angstgeschrei
Erregten nicht der Weiber blasse Scharen!
Man stelle sich nur vor, wenn tausend Weiber schrein,
Was muß das für ein Lärmen sein!
Ich zittre schon, wenn zwei nur schrein.

Sie liefen mit zerstreuten Haaren,
Mit Augen, die von Tränen rot,
Mit Händen, die zerrungen waren,
Und warfen schon, vor Angst halb tot,
Sich vor den Feldherrn der Barbaren
Und flehten in gemeiner Not
Ihn insgesamt um ihrer Männer Leben.
So hat's von Tausenden nicht eine Frau gegeben,
Die sich gewünscht, des Mannes los zu sein?
Von Tausenden nicht eine? Nein.
Nun, das ist viel; da muß, bei meinem Leben!
Noch gute Zeit gewesen sein.

So hart als auch der Feldherr war:
So konnt' er doch dem zauberischen Flehen
Der Weiber nicht ganz widerstehen.
Denn welchen Mann, er sei auch zehnmal ein Barbar,
Weiß nicht ein Weib durch Tränen zu bewegen?
Mein ganzes Herz fängt sich hier an zu regen.
Ich hätte nicht der General sein mögen,
Vor dem der Weiber Schar so kläglich sich vereint;
Ich hätte wie ein Kind geweint
Und ohne Geld den Männern gleich das Leben
Und jeder Frau zu ihrer Ruh'
Den Mann und einen noch dazu,
Wenn sie's von mir verlangt, gegeben.

Allein so gar gelind war dieser Feldherr nicht.
»Ihr Schönen!« fängt er an und spricht –
Ihr Schönen? Dieses glaub' ich nicht:
Ein harter General wird nicht so liebreich sprechen.
Was willst du dir den Kopf zerbrechen?
Genug! er hat's gesagt. Ein alter General
Hat, dächt' ich, doch wohl wissen können,
Daß man die Weiber allemal,
Sie sei'n es oder nicht, kann meine Schönen nennen.

»Ihr Schönen«, sprach der General,
»Ich schenk' euch eurer Männer Leben;
Doch jede muß für den Gemahl
Mir gleich ihr ganz Geschmeide geben;
Und die ein Stück zurück behält,
Verliert den Mann vor diesem Zelt.«
Wie? Fingen nicht die Weiber an zu beben?
Ihr ganz Geschmeide hinzugeben?
Den ganzen Schmuck für einen Mann?
Gewiß, der General war dennoch ein Tyrann.
Was half's, daß er »ihr Schönen!« sagte,
Da er die Schönen doch so plagte?
Doch weit gefehlt, daß auch nur eine zagte:
So holten sie vielmehr mit Freuden ihren Schmuck.
Dem General war dies noch nicht genug.
Er ließ nicht eh' nach ihren Männern schicken,
Als bis sie einen Eid gethan,
(Der General war selbst ein Ehemann)
Bis, sag' ich, sie den Eid gethan,
Den Männern nie die Wohltat vorzurücken,
Noch einen neuen Schmuck den Männern abzudrücken.
Drauf kriegte jede Frau den Mann.
O welche Wollust! Welch Entzücken!
Vergebens wünsch' ich's auszudrücken,
Mit welcher Brünstigkeit die Frau den Mann umfing!
Mit was für sehnsuchtsvollen Blicken
Ihr Aug' an seinem Auge hing!

Der Feind verließ die Stadt. Die Weiber blieben stehen,
Um ihren Feinden nachzusehen;
Alsdann flog jede froh mit ihrem Mann ins Haus.
Ist die Geschichte denn nun aus?
Noch nicht, mein Freund! Nach wenig Tagen
Entfiel den Weibern aller Mut.
Sie grämten sich und durften's doch nicht sagen.
Wer wird's, den Eid zu brechen, wagen?
Genug, der Kummer trat ins Blut.
Sie legten sich; drauf starben in zehn Tagen,
Des Lebens müd' und satt, neunhundert an der Zahl.
Der alte böse General!

Christian Fürchtegott Gellert

Mittwoch, 25. März 2009

Krispin und Krispine


Daß oft die Weiber bis ins Grab
Sich mit den Männern schlecht vertragen,
Sind leider schon sehr alte Klagen,
Die man uns oft zu lesen gab.
Doch daß die Männer bis ins Grab
So manche gute Gattin plagen,
Sind dies nicht auch gerechte Klagen?
Doch welcher Sänger singt sie ab?
Daß oft die Frau zum Zeitvertreibe
Dem Manne zänkisch widerspricht,
Darüber klagt manch Spottgedicht.
Doch daß der Mann mit seinem Weibe
Oft als mit einer Sklavin spricht,
Wie selten straft dies ein Gedicht!
Daß Weiber nicht zu folgen wissen,
Darüber seufzt und klagt der Mann.
Doch sollte man daraus nicht schließen,
Daß Männer nicht zu herrschen wissen,
Weil ihre Frau so schwer gehorchen kann?
Daß Weiber gern dem Staate sich ergeben
Und leben, um geputzt zu leben,
Darüber sorgt der Mann sich grau.
Doch daß die Männer sich dem Kaltsinn gern ergeben,
Nur sich, nicht ihren Weibern leben,
Wie sehr beseufzt dies manche Frau!
Daß bei dem Reiz der äußerlichen Gaben
Die Weiber oft der Seele Reiz nicht haben,
Dies ist vielleicht nicht selten wahr.
Doch daß die Männer oft nur Geld und Schönheit ehren,
Der Frau, Verstand zu haben, wehren,
Sie durch ihr Beispiel Torheit lehren
Und über Torheit sich beschweren,
Klingt in der Tat sehr wunderbar;
Und dennoch ist's nicht selten wahr.

Drum, Männer, lest ihr, wie Krispine
So herzlich den Krispin gehaßt:
So legt's nicht gleich mit einer Männermiene
Der armen Frau allein zur Last.
Und seid ihr selbst unglückliche Krispine,
So denkt, wie euch Krispine haßt:
Ob ich's vielleicht wohl gar verdiene?
Und bessert euch. Vielleicht tut's auch Krispine.
Krispine starb, und binnen wenig Tagen
Starb auch Krispin, ihr Mann, schon nach,
Und zwar vor lauter Schmerz und Ach,
Wenn wir das Leichencarmen fragen.
Doch viele wollten lieber sagen,
Der Zorn hätt' ihn dahingerafft;
Allein der Zorn ist nicht der Männer Leidenschaft.

Genug, er starb und ward, weil er's so haben wollte,
Daß sein Gebein bei der verwesen sollte,
Die ihn gewartet und gepflegt,
Zu seiner Frau ins Grab gelegt.
So lag denn Mann und Weib in Einer Gruft vereinet;
Und niemand hätte das vermeinet,
Was nach der Zeit mehr als zu oft geschehn.
Die Frau ließ sich bei ihrem Grabe
Des Nachts im Sterbekleide sehn.
Der Küster und des Küsters Knabe,
Keins wollte mehr zum Morgenläuten gehn;
Denn allemal ließ sich Krispine sehn
Und wies ganz ängstlich nach dem Grabe.

Der Küster wagt's den neunten Tag
Und ruft die sämtlichen Krispinen,
Macht dreimal erst das Kreuz und sagt, wer ihm erschienen,
Und forscht und überlegt mit ihnen,
Was doch die Ruh' der Sel'gen stören mag.
»Hat sie vielleicht im Tode was befohlen?« –
»Nichts«, fing die Freundschaft an, »nichts als den Leichenstein.« –
»Das«, ruft der Küster, »wird es sein.«

Man läßt geschwind den schönsten Grabstein holen;
Der Steinmetz haut zwei Herzen in den Stein
Und diese Schrift vom Küster ein:
»Hier ruht ein zärtlich Paar voll gleicher Lieb' und Treue;
Der Tod, der sie getrennt, vereinte sie aufs neue.«

Nun wird die Frau doch ruhig sein?
Nichts weniger. War sie zuvor erschienen,
Erschien sie nur noch mehr und mit noch bängern Mienen
Und lief dem guten Küster nach
Und öffnete den Mund, als ob sie sprechen wollte;
Allein ein unvernehmlich Ach,
Dies war es alles, was sie sprach.
Wer wußte nun, was das bedeuten sollte?

Man öffnete das Grab. Es war kein Sarg versehrt,
Und wie man sie gelegt, so lagen sie noch heute;
Zur rechten er und sie zur linken Seite.
»Nein«, schrie der Küster, »umgekehrt!
Ihr, Totengräber, seid nicht wert –«

Der Sarg ward umgesetzt; allein die Folge lehrte,
Daß nicht der Rang des Weibes Ruhe störte.
Mich deucht, dies ist der Schönen Fehler nicht.
Und ist er's ja, wie mancher Spötter spricht:
So ist er's doch im Grabe nicht.

Krispine ließ nicht nach, dem Küster zu erscheinen.
Sie weinte so, wie Schatten weinen,
Wies immer auf ihr Grab und machte mit der Hand
Ein Zeichen, das zuletzt der Küster doch verstand.
Er ließ noch diese Nacht den Totengräber kommen.
Der Mann ward aus der Gruft genommen
Und weit davon besonders eingescharrt.
Und noch in beider Gegenwart
Verschwand die Frau mit heitern Mienen
Und ist seitdem nicht mehr erschienen.

Christian Fürchtegott Gellert

Mittwoch, 4. Februar 2009

Die alten Fabeldichter

Denn ich glaube nicht, daß die alten Fabeldichter bey ihren Fabeln, die sie in den Versammlungen und Gesellschaften erzählet, eine ausdrückliche Anwendung derselben gemacht haben. Es war schicklicher, die Anwendung der Fabel, welche auf einen jedermann bekannten Gegenstand gieng, von dem Volke machen zu lassen, welches durch das Zutrauen einer Geschicklichkeit, das der Poet hierdurch in dasselbe zu setzen schien, bewogen ward, dasjenige, worauf die Fabel zielte, zum Zeichen der Dankbarkeit zu beobachten.

Christian Fürchtegott Gellert
Von denen Fabeln und deren Verfassern

Mittwoch, 14. Januar 2009

Der Affe

Ein Affe sah ein Paar geschickte Knaben
Im Brett einmal die Dame ziehn,
Und sah auf jeden Platz, den sie dem Steine gaben,
Mit einer Achtsamkeit, die stolz zu sagen schien,
Als könnt er selbst die Dame ziehn.

Er legte bald sein Mißvergnügen,
Bald seinen Beifall an den Tag;
Er schüttelte den Kopf itzt bei des einen Zügen,
Und billigte darauf des andern seinen Schlag.
Der eine, der gern siegen wollte,
Sann einmal lange nach, um recht geschickt zu ziehn;
Der Affe stieß darauf an ihn
Und nickte, daß er machen sollte.

»Doch welchen Stein soll ich denn ziehn,
Wenn dus so gut verstehst?« sprach der erzürnte Knabe.
»Den, jenen oder diesen da,
Auf welchem ich den Finger habe?«
Der Affe lächelte, daß er sich fragen sah,
Und sprach zu jedem Stein mit einem Nicken: Ja.
---
Um deren Weisheit zu ergründen,
Die tun, als ob sie das, was du verstehst, verstanden:
So frage sie um Rat. Sind sie mit ihrem Ja
Bei deinen Fragen hurtig da:
So kannst du mathematisch schließen,
Daß sie nicht das geringste wissen.

Christian Fürchtegott Gellert

Montag, 29. Dezember 2008

Was eine Fabel sey?

Eine kurze und auf einen gewissen Gegenstand anspielende Erdichtung, die so eingerichtet ist daß sie zugleich ergötzet und zugleich nutzet, nennt man eine Fabel.

Christian Fürchtegott Gellert
aus: Von denen Fabeln und deren Verfassern
Der erste Theil
Von der Natur und dem Wesen der Fabel

Dienstag, 23. Dezember 2008

Damit ich sie aber nicht ohne Ursache loben oder tadeln möchte …

… Damit ich sie aber nicht ohne Ursache loben oder tadeln möchte, so habe ich sie fast alle miteinander bedächtig durchgelesen. Sie werden dahero bey mir fast alle Griechische, Lateinische, Französische und Teutsche Fabeldichter finden. Die Italienischen und Englischen habe ich hauptsächlich deswegen nicht mitgenommen, weil uns von ihnen wenig bekannt worden ist. Denn wenn ich bey den Engländern den berühmten Ogylbi, Estrange, von dem eine sehr schöne Fabelsammlung vorhanden ist, den Drydus, und Gay; und bey den Italienern die beyden alten Poeten, den Peter Targa und Verdizottia ausnehme; so habe ich beynahe keinen gefunden, der sich auf die Verfertigung derer Fabeln gelegt hat. …

Christian Fürchtegott Gellert
aus: Von denen Fabeln und deren Verfassern

Donnerstag, 18. Dezember 2008

Trockene Materie

Mein Leser, wenn Sie etwa wissen wollen, warum ich mir, da ich etwas schreiben müssen, diese dem Anscheine nach so trockne Materie von den Fabeln erwählt habe; so will ich Ihnen sagen, daß ich es deswegen unternommen, weil ich glaubte, daß diese Materie nicht trocken wäre …

Christian Fürchtegott Gellert
aus: Von denen Fabeln und deren Verfassern
Vorrede des Verfassers