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Freitag, 17. August 2012

Vom Luchs und dem Fuchs

Die zwanzigste Fabel

Es hat der luchs gar schöne har,
Uberall fleckecht ganz und gar,
Wie schöne blümlin fein gemalt;
Den reizt zu hoffart sein gestalt.
Er sprach: »Auf erden ist kein tier,
Das an schön werd vergleichet mir.«
Derhalb sich prechtig hielt der luchs.
Da kam zu im ein kluger fuchs,
Sprach: »Bruder, tu dich nicht erheben,
Laß ander tier auch bei dir leben,
Du bist es warlich nit allein:
Laß ander tierlin auch was sein.
Dein schönheit hastu in der haut,
Er ist ein narr, der darauf traut.
Ich aber bin geziert von innen
Mit list, verstand und klugen sinnen,
Die wolt ich für dein haut nicht geben,
Sie bringt dich doch zuletst umbs leben.«
Die güter, welch der mensche hat,
Sind nicht all gleich in einem grad.
Glück ist gut, wer damit begift,
Leiblich schönheit es übertrifft,
Doch ist des herzen schön und zier
Beßer denn ander gaben vier.
Die alten wünschten, daß in möcht bleiben
Ein verstendig gmüt in gsundem leibe.

Burkard Waldis: Esopus

Mittwoch, 15. August 2012

Vom Fuchs und dem Luchs


Quelle: Wikipedia – Urheber: 663highland

In einem loch da wont ein fuchs.
Zum selbigen kam einst ein luchs,
Hub an freundlich mit im zu schwatzen
Von zobeln, mardern, wilden katzen
Und andern tierlin, die man hegt,
Ir belg für belz und futer tregt,
Und sprach, wie under disen allen,
Die in dem wilden wald umbwallen,
Er selb allein der edelst wer
Und beßer denn all ander tier;
Und rümt die tugent seiner alten,
Wie adelich sie sich gehalten,
Sein eltern und all sein vorfarn
Groß tat getan in alten jarn,
Daß sie bilch auf der ganzen ert
Wern alles lobs und eren wert.
Da lacht der fuchs, sprach: »Lieber freund,
Wenn ichs nit wist und nit verstünd,
Wers doch dabei zu merken wol,
Daß dein eltern fast allzumal
Des jägers strick keinr ist entflohen,
Dem nicht sein haut sei abgezohen.
Ja, wer mir diß nicht glauben wil,
Sich dunken leßt, ich red zu vil,
Der schau beim kürsner auf die stangen,
Daselb ir vil beinander hangen.
Dabei mans auch geschrieben findt,
Wie redlich sie gewesen sind.«
Die fabel lert uns, daß wir söllen
Keinem großsprecher glauben stellen,
Denn sie oft liegen unbedacht.
Wenn sie es denn han übermacht,
Zuletst die tat ein überzeugt,
Daß er das merer teil erleugt.

Burkard Waldis: Esopus
Erster und zweiter Theil
Band 2, Leipzig 1882
    

Montag, 13. August 2012

Der Fuchs, der Spürhund und der Luchs

An meine Zöglinge.
Vor des Chroniden Thron erschienen
Der Fuchs, der Spürhund und der Luchs.
Sie baten ihn mit demuthsvollen Mienen
Um ein Gehör. Der Redner war der Fuchs:
Wir kennen, Herr, den Werth der hohen Gaben,
Die wir von deiner Huld empfangen haben;
Kein Adler hat den Blick, den sie dem Luchs verlieh;
Der Spürhund riecht das Wild auf viele hundert Schritte,
Und mich erhobst du zum Genie:
Indessen würden wir, und dieß ist unsre Bitte,
Doch alle drey noch weit vollkommner seyn,
Wenn jeden unter uns auch die Talente zierten,
Die du den andern gabst. Den Vorschlag geh ich ein,
Erwiederte Herr Zeus den Alliirten;
Doch will des Schicksals ernster Schluß,
Daß jeder seinem Freund von seinem eignen Pfunde
Ein gleiches Maas ersetzen muß,
Als er von ihm erhält. Mit frohem Munde
Und einem tiefen Knicks nahm das Triumvirat
Die Klausel an; und Zeus mit Schöpfersblicke
Bestätigte den Tauschtraktat:
Nun, sprach er, kehrt zur Brüderschaar zurücke,
Und sagt ihr, was der Vater der Geschicke
Für euern kühnen Ehrgeitz that.
Die Bande küßt entzückt dem Gotte die Sandale,
Und wie ein junger Arzt, der sich zum erstenmale
Dem Volk als Doktor zeigt, so steif, so naseweis
Drängt jeder sich in seiner Brüder Kreis
Und predigt seine mystische Geschichte.
Erstaunt vernahmen sie die prahlenden Berichte.
Doch ehe noch ein Tag verschlichen war,
Hieß es, der Fuchs ist vor den Kopf geschlagen,
Der Spürhund taugt nicht mehr zum Jagen,
Und Argus Luchs bekömmt den Staar.
Geliebte, die Ihr theils mit fröhlichem Getümmel
Wie holde Scherze mich umschwebt,
Theils weit von mir zerstreut, auch unter fremdem Himmel
Noch stets in meinem Herzen lebt!
Glaubt Eurem besten Freund auf Erden,
Wer alles werden will, wird nie was Rechtes werden.

Gottlieb Konrad Pfeffel
Poetische Versuche
Erster bis Dritter Theil, Band 3
Tübingen 1802

Freitag, 10. August 2012

Der Luchs und der Elephant

Verbreitungsgebiet des Eurasischen Luchs
Quelle: Wikipedia
Diese Datei ist unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe
unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported lizenziert.    
Namensnennung:
IUCN Red List of Threatened Species,
species assessors and the authors of the spatial data.

Die 103. Fabel

Der Luchs kam zu dem Elephant,
Als der sich auf dem Thron befand,
Und bat, ihm einen Dienst zu schenken.
Er sprach: Ich bin behend und schlau.
Mein Auge wacht, und sieht genau.
Der Tapferkeit nicht zu gedenken.

Ich weiß es, sprach der Fürst, allein,
Es ist nicht gnug, verschmitzt zu seyn,
Gar scharf zu sehn, nach Müh zu streben.
Bezeug erst so viel Ehrlichkeit,
Als Fleis und Unverdrossenheit,
So soll dich auch mein Spruch erheben.

Daniel Wilhelm Triller
aus: Neue Fabeln und Erzählungen, nebst einer Vorrede
Leipzig und Bremen, 1752


Donnerstag, 9. August 2012

Der Palmbaum und der Luchs

Ein schön gefleckter Luchs legte sich, ermüdet von seiner Jagd unter einem etwas krumgewachsenen Palmbaum nieder, um in dessen Schatten der Ruhe zu genießen.
»Weg von mir, du Blutiger! rief der Baum ihm zu: Ich will meinen Schatten nicht durch einen solchen Grausamen entheiligt wissen.«
»Und solltest dir doch vielmehr Glück wünschen, hohnlachte der Luchs, daß ein Thier dich Krüppel mit seiner Gegenwart beehrt.«
»Mir Glück wünschen? Ha, wärest du so häßlich wie der Igel, du solltest mir willkommen seyn.«
*
Aber Schönheit bey boßhaftem Herzen ist jedem Redlichen ein zwiefacher Gräuel.

August Gottlieb Meissner
Wien, 1813

Dienstag, 7. August 2012

Der Luchs


Der Luchs rühmte sich vor allen Tieren seiner mittelmäßigen Kraft und seines starken Auges.

Ein Mann, der es hörte, antwortete ihm: »Du hast nur zuviel Aug' für deine mittelmäßige Kraft.« Der Luchs glaubte das nicht und sagte: »Mein starkes Auge ist bestimmt das, was ich bei der Mittelmäßigkeit meiner sonstigen Kraft vorzüglich bedarf zu ersetzen.«

Der Mann staunte einen Augenblick ob dieser Antwort und sagte dann: »Ich fühle, du sagst eine große Tierwahrheit; aber für die Menschen ist das Gleichgewicht der Kräfte der Probestein der Zuverlässigkeit.«

Johann Heinrich Pestalozzi

Sonntag, 5. August 2012

Vom Luchs


Fabel 34

Ein Luchs, der im Walde Obervisitator war, verlor einstmals durch ungesunde Feuchtigkeiten das eine Auge. Alle Tiere, insbesondere diejenigen, welche Handelsleute waren, erfreuten sich darüber, indem sie meinten, er werde nunmehr nicht so scharfsichtig wie zuvor sein. Aber der Fuchs sagte: Ihr törichten Kreaturen! ihr freut euch über euer eigenes Unglück; denn niemand unterscheidet und sieht richtiger, und gleichsam auf ein Haar, als ein Einäugiger.

Diesfalls sagt man im Sprichwort: Nimm dich vor demjenigen in Acht, der nur ein Auge hat.

Diese Fabel lehret, dass sich manche über gewisse Begebenheiten freuen, die ihnen hernach zum Schaden gereichen.

Ludvig Baron Holberg
13. Dezember 1684 in Bergen, Norwegen.
† 28. Januar 1754 in Kopenhagen.

Freitag, 3. August 2012

Die Fabel von Bär und Luchs


Den Bär begleitete ein Luchs als Jagdgefährte –
ein Bündnis, das sich bald aufs trefflichste bewährte.
Sie fingen eine Geiß. Der Bär zerlegt in Eile
die schöne Beute in zwei nicht ganz gleiche Teile:
hier lag ein Hinterbein und dort der Rumpf der Ziege.
»Schlecht abgemessen,« sprach der Bär; »doch diesmal kriege
ich wohl den größeren Teil, weil größer ist mein Magen,
das nächstemal darfst du zerteilen, was wir jagen.«
Der Luchs begnügte sich verdrossen mit dem Beine
und dachte: warte nur, ich kriege schon das Meine!

Am nächsten Tage fiel dem Paar ein Reh zur Beute.
Der Luchs zerlegte es – das war sein Recht für heute.
Wie tags zuvor der Bär, so riß er eine Keule
vom frischen Wildbret los und sprach: »Hier sind zwei Teile,
ich hab‘ mich gestern mit dem kleineren beschieden…«
»Schön,« sprach der Bär, »ich bin’s auch ferner so zufrieden« –
und fraß den Riesenteil. Der Luchs hat unterdessen
verdutzt und sprachlos auf dem Hintern dagesessen.

Was wundert sich der Luchs? – er hat wohl nie gesehen,
wie bei den Menschen oft Gesetz und Recht entstehen.

Theodor Etzel

Donnerstag, 2. August 2012

Der Lynx und der Maulwurf


nach La Motte

In jener goldnen Fabelzeit,
In unsrer Menschheit Kinderjahren,
Als der Sirenenlied, der Sphinxe Grausamkeit,
Und der Centaurenvolk, noch Ton und Sitte waren,
Lebt‘ auch der Lynx im Thiergebiet,
Ein Argus, dessen Späherblike
Durchdrangen jeder Mauer Dike,
Der schärfer als das Licht des Tages selber seiht,
Denn dieses kan ein dichter Nebel hemmen,
Und seinen Glanz ein Wolkenschleier dämmen.
Stark treibt diß Thier die Jägerei,
Auf Lauer ligend, weiß es in Gebüsch und Heken,
Die Zähne wezend, sich sehr künstlich zu versteken,
An List und Tüken ist es täglich neu.
Ein Maulwurf kroch von ungefehr
Einst neben ihm aus seinem Loche her.
„O Freund, sagt ihm der Lynx, wie bist du zu beklagen?
„Wie kannst du, armes Thier, des Lebens Bürde tragen?
„Blind bist du, dich hat Zeus vielleicht im Rausch gemacht!
„Für dich allein ließ er der Sonne Stral nicht glühen,
„Warum auf ewig dir das Tageslicht entziehen?
„Dein ganzes Leben ist nur eine lange Nacht.
„Sehr wol thust du, dich lebend zu vergraben,
„An dieser Welt kannst du doch keine Freude haben:
„Verschläng‘ ich dich – dir würd‘ es Wohltahat seyn!
„Verzeihen Sie, Herr Lynx, fiel ihm der Maulswurf ein,
„Ich freue mich, so gut als sie, zu leben,
„Hat Jupiter mich gleich zum lynxe nicht gemacht,
„Und hat er gleich an mir kein Meisterstük vollbracht,
„Ein feines Ohr hat er mir doch gegeben:
„Wol ist es ein paar Augen wehrt,
„Weil es so scharf du siehst, noch schärfer hört.
„Dein Adlerblik der fast auf eine Meile siehet
„Verräth dir nicht, was hinter dir geschiehet:
„Jedoch entdekt mir diß mein feines Ohr.
„Itzt wird, ich schwör‘ es dir, ein Bogen
„Von einem Jäger aufgezogen.
„Der Pfeil zischt durch die Luft, er dringt zu dir hervor.
Kaum hatte noch der Maulwurf ausgeredet,
So war der Argus schon durch diesen Pfeil getödet!

Vertheilt hat die Natur sehr klüglich ihre Gaben;
Denn sie gab einem alle nicht;
Kind, spotte dessen nie, dem dein Talent gebricht!
Nie wird der eine nichts, ein andrer alles haben.

Sittenlehre in Fabeln und Erzählungen für die Jugend
Mit Kupfern von J. R. Schellenberg
Nebst einer Abhandlung über die Frage:
Sind die Fabeln eine Uebung für Kinder, oder sind sie es nicht?
Winterthur, 1794

Mittwoch, 1. August 2012

Der Luchs in der Fabel

Der Luchs (Lynx lynx) wird gerne mit dem Fabelnamen Lynx angegeben. Allerdings taucht diese Bezeichnung in Fabeln eher selten auf, zumeist wird er dort auch »Luchs« genannt. Der Fabelname ist allerdings durchaus beliebt. Ganz abgesehen davon, dass es auch der wissenschaftliche Name ist, gibt es ein Sternbild dieses Namens, ein früher, textbasierter Webbrowser wurde Lynx genannt (entwickelt 1992 an der University of Kansas, bis heute noch gern im Unixumfeld genutzt), ein Betriebssystem aus den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderst wurde: LynxOS getauft und eine der ersten Handheld-Spielekonsolen von Atari trug den Namen Lynx. Der amerikanische Automobilhersteller Mercury taufte ein Modell Lynx von dem immerhin rund 600.000 Stück verkauft wurden. Und wo wir schon bei Automobilen sind: Ein britischer Hersteller trägt sogar diesen Namen. Leider gibt es auch einen Panzer, der mit diesem Namen versehen wurde, was mir gar nicht gefallen will und auch nicht zu passen scheint, denn der Luchs ist in der Natur ein bewegliches, leises und schnelles Tier. All dies scheint mir auf einen Panzer nicht unbedingt zuzutreffen.

Immerhin ist der Name beliebt und weil der Luchs in diesem Fabel-Blog bislang zu kurz gekommen ist, werde ich im August d.J. eine Reihe von Luchs-Fabeln posten.

Horst-Dieter Radke

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Die 37. Fabel: Vom Fuchs, Hasen und Luchs


Es bgab sich einst umb die fasnacht,
Der fuchs seim son ein hochzeit macht,
Dieweil ern lang het laßen lern
Und in der hohen schul studiern,
Daß er in sachen vor dem rechten
Mit listen sich wol kunt verfechten.
So wust er sich alls dings zerinnern,
Sondrlich wenn er predigt den hünern.
Nam ein von seiner freundschaft nah,
Genant die schön Vulpecula.
Man nennt in herr licentiat;
Drumb er auch dest mer geste bat
Und schrieb derhalb auch allen tieren,
Daß sie kemen bei drein und vieren
Zu seines sones höchsten eren
Und mit den füchsen frölich weren.
Dahin ward auch der luchs betagt,
Dem hasen wards auch angesagt.
Die beide wonten bei einander,
Drumb woltens mit einander wander
Und zur hochzeit kommen bei parn,
Weil ir bhausung beinander warn.
Da sprach der luchs: »Hör, was ich sag,
Wir ziehen auf den hochzeittag,
Da uns der fuchs tet hin betagen:
Drumb wil ich dir mein meinung sagen.
Es ist jetzt ebn umb die fasnacht,
Daß jederman zeucht an die jagt
Und tun uns armen tiern nachstellen,
Mit iren hunden uns zu fellen.
Drumb sag ich dir, wenns dazu kem
Und uns das unglück undernem,
Daß an uns kemen mit den hunden
Und uns zu fahen understunden,
So müstest warlich nit verzagen
Und an die feind ein rüpflin wagen,
Auf daß wir uns gar weidlich weren:
So wölln wir bsten mit allen eren.«
Da sprach der has: »Wenn ichs nit tet,
Gar kleine er desselben het
Und wer des hofes groß unzucht,
Würd mir gerechnet zur feldflucht.
Drumb hab desselben keinen zweifel;
Ja, wern die hund auch halbe teufel,
So sollens doch an uns nit han,
Ich wil ir fünf allein bestan.
Das glob ich dir bei leib und leben;
Sihe da, wil dir mein hand drauf geben.«
Er sprach: »Ich wil mich drauf verlaßen.«
Sie zohen hin allbeid ir straßen
Die ganze nacht durch einen wald.
Am morgen frü kamen sie bald
Auf eine wisen lang und breit,
Da man sich kunt umbsehen weit.
Gleich in der mitten war ein rein
Und daselben ein hecken klein:
Da enthielt sich das mal ein jäger
Mit seinen hunden in dem läger,
Er ward gewar des luchs und hasen:
Er hetzt die hund, das horn tet blasen.
Da wurdens plützlich umberingt,
Ein jeder auf die tierlin springt.
Der luchs wert sich, so best er mucht;
Der has wendt sich und gab die flucht,
In reut gar bald der vorig kauf
Und steckt das hasen bannier auf,
Gab sich zu holz den berg hinan,
Mit not den hunden kaum entrann.
Da ward dem luchs sein haut zerbißen
Und so gar jemerlich zerrißen,
Daß er noch heut zu disen stunden
Hat die blutflecken und die wunden
Geheilet und verwunden nicht,
Wie man auch teglich an im sicht:
Wird im auch nimmer wider ganz.
Dazu ließ er den halben schwanz;
Zuletzt das leben rettet kaum,
Entfloh auf einen hohen baum,
Biß daß der jäger auch abzoch.
Der luchs saß lang und sahe im noch;
Darnach stieg auch vom baum ernider
Und auf den weg begab sich wider,
Kam noch den tag zum Reinhart fuchs.
Entpfieng herrlich denselben luchs
Und sprach: »Wie bistu so ganz flecket
Und überall dein haut so schecket?
Weiß nit, ists farb oder ist es blut?
Oder kleidst dich dem breutgam zgut?«
Der luchs erseufzt, hub an und sagt,
Gar kleglich übern hasen klagt,
Verzelt die gschicht von end zu ort.
Da sprach der fuchs: »Hast nie gehort:
Von anbegin das gschlecht der hasen
Mit iren ohmen, vettern, basen,
All ir vier ahnen und geschlecht
Han nie gehandelt billch und recht?
Weistu noch nit des hasen art?
Im ernst noch nie bestendig wart,
Wiewol sie schweren, vil geloben,
Das sie nit willn zu halten haben.
Drumb wil ich dir ein urteil sagen:
Das zeichen solt dein lebtag tragen,
Uber deinen balk die blutflecken,
Alln hasen zum ewigen schrecken,
Daß sie sich für dir förchten sollen.
Sie sein so stolz sie immer wollen,
Wenn sie das zeichen an dir sehen,
Sich erinnern, was sei geschehen,
Und wo du einen überkümst,
Daß du im bald das leben nimst,
Und er sich vor dir förchten muß:
Das sol sein aller hasen buß.«
Beim hasen merken wir die gsellen,
Die fünf und zwenzig fahen wöllen:
Wenns etwan sitzen bei dem wein,
Daselb die besten krieger sein
Mit fluchen, schweren, sein unfletig,
Gar vermeßen und rumretig;
Wenns aber zu dem treffen kümt,
Dann findt sichs, was sie han gerümt,
Erzeigt sich ir manlicher mut,
Bestet wie butter an der glut.

Burkard Waldis
Esopus.
Erster und zweiter Theil
Band 2, Leipzig 1882