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Freitag, 22. Juni 2012

Sperling und Pferd

Sperling
Pferdchen, du hast die Krippe voll;
gibst mir wohl auch einen kleinen Zoll,
ein einziges Körnlein oder zwei;
du wirst noch immer satt dabei.
Pferdchen
Nimm, kecker Vogel, nur immer hin,
genug ist für mich und dich darin.

Und sie aßen zusammen, die zwei,
litt keiner Mangel und Not dabei.
Und als dann der Sommer kam so warm,
da kam auch manch böser Fliegenschwarm;
doch der Sperling fing hundert auf einmal,
da hatte das Pferd nicht Not und Qual.

Wilhelm Hey

Mittwoch, 8. Dezember 2010

Der Sperling im Schnee


Knabe:
Vogel, wie ist es so kalt!
Sprich doch, erfrierst du nicht bald?

Sperling:
Bin noch ganz munter in dieser Zeit,
Hab‘ ein gar warmes Federkleid,
Fliege gar fröhlich her und hin,
Ist mir so warm als dir wohl drin

Kind, das dachte: »So ist schon gut,«
Fasste sich gleich einen frischen Mut,
Hatte ja auch sein warmes Kleid.
Lief und spielt‘ eine warme Zeit,
Fragte gar wenig nach Eis und Schnee,
Tat ihm drum doch keine Ader weh.

Wilhelm Hey

Freitag, 19. Februar 2010

Schneemann


Seht den Mann, o große Not!
Wie er mit dem Stocke droht
Gestern schon und heute noch!
Aber niemals schlägt er doch.
Schneemann bist ein armer Wicht,
Hast den Stock und wehrst dich nicht.

Freilich ists ein gar armer Mann,
Der nicht schlagen noch laufen kann;
Schleierweiß ist sein Gesicht.
Liebe Sonne, scheine nur nicht,
Sonst wird er gar wie Butter weich
Und zerfließt zu Wasser gleich.

Wilhelm Hey

Sonntag, 29. November 2009

Der Rabe


Was ist das für ein Bettelmann?
Er hat ein kohlschwarz Röcklein an
Und läuft in dieser Winterzeit
Vor alle Türen weit und breit,
Ruft mit betrübtem Ton: »Rab! Rab!
Gebt mir doch auch einen Knochen ab.«

Da kam der liebe Frühling an,
Gar wohl gefiel’s dem Bettelmann:
Er breitet seine Flügel aus
Und flog dahin weit übers Haus;
Hoch aus der Luft so frisch und munter:
»Hab Dank! hab Dank!«
rief er hinunter.

Wilhelm Hey

Dienstag, 29. September 2009

Pferd und Füllen


»Spring nur, Füllen, mein fröhlich Kind,
Her und hin, hurtig wie der Wind;
Bist noch ein Weilchen frank und frei.
Wirst du erst groß, dann ist’s vorbei,
hast dann Müh’ und Arbeit genug;
Trägst den Reiter, ziehest den Pflug.«

Das Füllen sprang mit frohem Sinn
So hurtig neben der Mutter hin
Und durfte spielen und scherzen bloß;
So wurd’ es gar schön und stark und groß.
Dann hab’ ich’s gesehen nach drei Jahren;
Da konnt’ es den schwersten Wagen fahren.

Wilhelm Hey

Samstag, 18. Juli 2009

Schwan und Kind


»Kind dort, was scheust du dich?
Gar nicht so bös bin ich,
Schwimme daher ganz sacht,
Daß es kein Wellchen macht;
Möchte dich nur fragen eben:
Willst du ein Stückchen Brot mir geben?«

Das Kind trat zu dem Teich heran
Und freute sich an dem schönen Schwan.
Wie rein und weiß war sein Gefieder,
Wie sanft er schwamm so hin und wieder;
Es wurde bald mit ihm bekannt,
Ließ das Brot ihn nehmen aus seiner Hand.

Wilhelm Hey

Mittwoch, 8. April 2009

Knabe und Schmetterling


Knabe:
Schmetterling,
Kleines Ding,
Sage, wovon du lebst,
Daß du nur stehts in Lüften schwebst?

Schmetterling:
Blumenduft, Sonnenschein,
Das ist die Nahrung mein.

Der Knabe, der wollt' ihn fangen,
Da bat er mit Zittern und Bangen:
»Lieber Knabe, tu' es nicht.
Laß mich spielen im Sonnenlicht.
Eh' vergeht das Abendrot,
Lieg' ich doch schon kalt und tot.«

Wilhelm Hey

Wilhelm Hey


Der Pfarrerssohn wird am 26.3.1789 in Leina bei Gotha geboren. Nach dem frühen Tod der Eltern wächst er bei seinem Bruder Karl auf, besucht das Gymnasium in Gotha und studiert in Jena und Göttingen Theologie. Er arbeitet danach als Hauslehrer in Holland, wirkt als Lehrer in einen Gothaer Internat und wird 1818 Pfarrer in Töttelstädt bei Gotha. 1827 wird er zum Hofprediger berufen und 1832 als Pfarrer, Superintendent und Bezirksschulinspektor nach Ichtershausen in Thüringen versetzt. Hey vertritt eine menschenzugewandte Theologie, setzt sich für arbeitende Mütter und Handwerkerlehrlinge ein und bekommt von der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg 1847 die Ehrendoktorwürde zuerkannt. Er stirbt am 19. Mai 1854 in Ichtershausen.

1833 erschienen seine »Fünfzig Fabeln für Kinder«, die mit «Noch fünfzig Fabeln für Kinder« 1837 eine Fortsetzung fanden. Außerdem veröffentlichte er Predigten, trat als Übersetzer in Erscheinung (The Course of Time von Robert Pollock, 1830) und schrieb Gedichte (1816) und Lieder, von denen einige heute Volkslieder geworden sind. Die bekanntesten sind: Weißt du wieviel Sternlein stehen und Alle Jahre wieder.

Horst-Dieter Radke

Dienstag, 7. April 2009

Schmetterling


»Schmetterling, kommst du schon wieder
Mit deinem bunten Gefieder,
Flatterst mir immer näher ans Licht?
Vögelchen, armes hörst du nicht?
Wirst dir die schönen Flügel verderben,
Wirst dich verbrennen und elend sterben.«

Dem Kinde, tat's um den Vogel leid,
Es fing ihn noch eben zur rechten Zeit
Es setzt' ihn zum Fenster hinaus ganz sacht
Da war's ihm erst frostig die ganze Nacht,
Doch am Morgen die Sonne schien rein und hell,
Da regt' er sich, flatterte fort gar schnell.

Wilhelm Hey

Donnerstag, 22. Januar 2009

Das Fischlein


»Fischlein! Fischlein! du armer Wicht,
Schnappe nur ja nach der Angel nicht!
Geht dir so schnell zum halse hinein,
Reißt dich blutig und macht dir Pein.
Siehst du nicht sitzen den Knaben dort?
Fischlein, geschwinde, schwimme fort!«

Fischlein mocht’ es wohl besser wissen.
Sahe nur nach dem fetten Bissen,
Meinte, der Knabe mit seiner Schnur
wäre hier so zum Scherze nur.
Da schwamm es herbei, da schnappt’ es zu.
Nun zappelst du, armes Fischlein du.

Wilhelm Hey

Freitag, 8. August 2008

Kätzchen



»Kätzchen, nun müßt ihr auch Namen haben,
Jedes nach seiner Kunst und Gaben:
Sammetfell heiß' ich dich,
Jenes dort Leiseschlich,
Dieses da Fangemaus,
Aber dich Töpfchenaus.«

Und sie wurden gar schön und groß;
Sammetfell saß gern auf dem Schoß,
Unter dass Dach stieg Fangemaus,
Leiseschlich lief in die Scheuer hinaus,
Töpfchenaus sucht' in der Küche sein Brot,
Machte der Köchin viele Not.

Wilhelm Hey

Freitag, 11. Juli 2008

Kind und Biene




Kind:
»Biene, du böse dort,
Gehe gleich von mir fort,
Willst mich wohl gar noch stechen?«

Biene:
»Laß doch nur mit dir sprechen!
Bist du noch immer böse mir,
Und ich gebe doch Honig dir?«

Als sich das Kind noch besser bedachte,
Ließ es die Biene und ging ganz sachte,
Sah, wie sie auf die Blumen flog,
Drinnen sich regte und Honig sog;
Freute an ihrem Fleiße sich sehr,
Fürchtete nicht ihren Stachel mehr.
Wilhelm Hey

Donnerstag, 19. Juni 2008

Die Hähne

»Seht ihr laufen den fremden Hahn?
Den hab' ich ordentlich abgetan;
kommt mir auf meinen Hof daher,
Als wenn alles sein eigen wär'. –
Merkt es euch alle: wer mir's wagt,
Der wird mit Schanden davongejagt.«

Herr Hahn war so bös und gestrenge,
Trieb Hühner und Gänse in die Enge,
Und wer sich auf seinem Hof ließ seh'n,
Den hieß er gleich von dannen gehn,
Doch als er sich auch an den Spitz will wagen,
Da packt ihn der derb an seinem Kragen.
Wilhelm Hey


Dienstag, 10. Juni 2008

Kind und Buch

»Komm her einmal, du liebes Buch;
Sie sagen immer, du bist so klug.
Mein Vater und Mutter die wollen gerne,
Daß ich was Gutes von dir lerne;
Drum will ich dich halten an mein Ohr,
Nun sag mir all deine Sachen vor.

Was ist denn das für ein Eigensinn,
Und siehst du nicht, daß ich eilig bin?
Möchte gern spielen und springen herum,
Und du bleibst immer so stumm und dumm?
Geh, garstiges Buch, du ärgerst mich,
Dort in die Ecke werf' ich dich.«
Wilhelm Hey

Donnerstag, 5. Juni 2008

Frau Katze

»Frau Katze, was schleichst du doch
Dort auf dem Dache umher so hoch?
Hast du das Schwälbchen sitzen seh'n
Möchtest ihm gerne zu Leibe gehn?
Sachte nur! Schwälbchen ist klüger als du,
Fliegt von dannen, und du siehst zu.«

Frau Katze war grämlich in ihrem Sinn,
Sah nur so von der Seite hin,
Dachte: »Das ist ein schlecht Vergnügen,
Daß die Vögel so können fliegen.«
Ist dann hinab in den Hof gegangen,
Hat sich bald eine Maus gefangen.
Wilhelm Hey