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Mittwoch, 5. August 2015

Aus den Fuchsfabeln

 ain bei‘-spil fun ain leb un‘ andere tir

wenn es ainem hebt an, übel zu gen,
sol er ale handel un‘ wandel losen sten.

ain leb [= Löwe] war krank un‘ wild-haser kamen her.
das wild-haser kam mit seinėn scherfen zen,
der leb het es gern gehat un‘ kunt nit far im besten.
der-noch docht er, er wolt dem esel kumen bei‘,
der esel wert sich seiner mit seinen fisen gar vrei‘,
er must vun im losen ab.
er maint, er wer doch nit ganz schab-ab,
er wolt sich uber den fuks machen.
er tets aber nit der-lachen,
den mit seinėm schwanz tet er sein augen fer-blenden,
der-noch schlag er in mit fisen un‘ henden.

ain bei‘-spil, wen ainem das gluk nit wil bei-sten,
sol er ales vor-uber losen gen.
den ungluk kumt mit houfen,
darum sol er sich mit nimant schlagen noch raufen,
auch ver-woren sein mit handeln un‘ kaufen.


Berechja ben natronaj haNakdan
Mišle Šu‘alim (Fuchsfabeln)
Übertragung: Koppelman

Dienstag, 30. Juni 2015

Fabel vom Wolf

Ein Wolf viel jaemerlichen sprach:
Wâ sol ich nû belîben,
Sît ich dur mînes lîbes nâr
Muoz wesen in der âhte?
Darzuo sô bin ich geborn, diu schult, diun ist nicht mîn;
Vil manic man hât guot gemach,
den man siht valscheit trîben
unt guot gewinnen offenbâr
mit sündeclîher trâhte;
der tuot wirser vil, dan ob ich naem ein genslein.
Jân hab ich nicht, des goldes rôt
Zegebene umb mîne spîse,
des muoz ich rouben ûf den lip durch hungers nôt,
der valsch in sîner wîse ist schedelîcher, dan ich,
unt wil unschuldic sîn.


Süßkind von Trimberg

Sonntag, 18. Dezember 2011

Lapis Exilis

Wolfram von Eschenbach
in der Manessischen Liederhandschrift
Bildquelle: Wikipedia

Die wehrliche Ritterschaft,
Höret, was ihr Nahrung schafft:
Sie leben von einem Stein,
Dessen Art muß edel sein.
Ist euch der noch unbekannt,
Sein Name wird euch hier genannt:
Er heißet Lapis exilis.
Von seiner Kraft der Phönix
Verbrennt, daß er zu Asche wird
Und dann der Glut verjüngt entschwirrt.
Der Phönix schüttelt sein Gefieder
Und gewinnt so lichten Schimmer wieder,
Daß er schöner wird als eh.
Wär einem Menschen noch so weh,
Doch stirbt er nicht denselben Tag,
Da er den Stein erschauen mag,
Und noch die nächste Woche nicht;
Auch entstellt sich nicht sein Angesicht:
Die Farbe bleibt ihm klar und rein,
Wenn er täglich schaut den Stein,
Wie in seiner besten Zeit
Einst als Jüngling oder Maid.
Säh er den Stein zweihundert Jahr,
Ergraurn würd ihm nicht sein Haar.
Solche Kraft dem Menschen giebt der Stein,
Daß ihm Fleisch und Gebein
Wieder jung wird gleich zur Hand:
Dieser Stein ist Gral genannt.

Wolfram von Eschenbach
(um 1160/80 - um/nach 122o)
aus: Parzival, Kap.: Trevrezent

Sonntag, 20. September 2009

Kloster Andacht


In einem Kloster waren heilig’ Leute
Als an manchem Ende auf Erden heute.
Da kam ein Edelmann, und bat,
Daß sie für sein’ Missethat
Unsern Herrn bäten,
Und das mit Fleiß thäten.
Ein schön Roß hat er mit ihm bracht,
Und sprach: wer nun mit süßer Andacht
Ein Paternoster gar zubrächt’,
Daß er anderswo nit gedächt’,
Der sollt’ seinem Kloster das Roß gewinnen;
Das ließ ich hie und gieng von hinnen.
Die Klosterleut’ zusammen giengen,
Da sie des Herrn Red’ verfiengen,
und baten einen, der sonderlich
Unserm Herren diente inniglich.
Und den man für heilig härte,
das man sie bat, daß er es thäte.
Der kniet’ bey einem Altar nieder,
Und da er sich aufrichtet’ wieder,
Er sprach: soll mir nit wesen zorn?
Der Sattel hat uns das Roß verlorn;
Da ich das letzte Wort in dem Mund
Hatt’, da gedacht’ ich an der Stund:
Soll der Sattel uns auch nit werden?
Wer kann so gewiß nun seyn auf Erden,
Daß fliehende Gedanken sein Gebet.
Nit rühren, so gern er Andacht hätt’?

Hugo von Trimberg
Auserlesene Fabeln

Donnerstag, 14. Mai 2009

Das Einhorn sollen Jungfraun klagen ...

Quelle: Wikipedia

Das Einhorn sollten Jungfraun klagen:
Ihrer Reinheit halber wirds erschlagen.

aus: Parzival
Wolfram von Eschenbach

Dienstag, 24. Februar 2009

Marie de France

Marie de France wurde um 1135 in der Region Île-de-France geboren und starb um 1200. Sie ist die erste bekannte Autorin der französischsprachigen Literatur. Sie hatte eine gute Bildung und schrieb im anglonormannischen Dialekt für den englischen Hof von Heinrich II. Ihr bekanntestes Werk sind die Lais eine Sammlung von zwölf Versnovellen, die um 1170 entstanden sind. Darin werden Märchenmotive und Sagenstoffe verarbeitet, u.a. auch der Tristan und Isolde-Stoff. Die Novelle Bisclavret handelt von einem Werwolf, der sich nicht mehr in einen Menschen zurückverwandeln kann, weil seine Frau die Kleidung versteckt hat. Letztendlich kann er sich doch noch aus dieser Lage befreien und entpuppt sich als der eigentlich Gute in dieser Novelle. Außerdem schrieb Marie de France 102 Fabeln, die nach ihrer eigenen Anmerkung auf eine altenglische Vorlage fußt, die allerdings eine lateinische Übersetzung der Fabelsammlung des Aesops gewesen sein soll.

Horst-Dieter Radke

XXIV.
De cervo ad fontem

Issi avint qu’uns cers beveit
a une ewe, kar sei aveit,
Guarda dedenz, ses eornes vit.
A sei meismes a dune dit
que nule beste nel valeit
ne si beles cornes n’avelt.
Tant entendi a sei loër
e a ses cornes esguarder,
que il vit venir ehiens eurant
e lur mestre, ki vient eornant;
aprés lui viement, sil quereient,
pur eco que prendre le voleient.
El bois se met tuz esmaiez.
par ses eornes est atachiez,
en un buissun est retenuz.
Dune sunt li chien a lui venuz.
Quant il les vit si aprismier,
si se emenee a desraisnier.
‘Veirs est’, fet il, ‘que li huem dit
e par essample e par respit:
li plusur vuelent eco loër
qu’il deverient suvent blasmer,
e ico laissent qu’il devreient
forment loër, se il savelent.’

Montag, 23. Februar 2009

Der Physiologus

Ir sult an disen stunden.
von wises mannes munde.
eine rede suochen.
an disem buoche.
phisiologus ist ez genennet.
von der tiere nature
ez uns zellet.
Ist ez nu iwer wille.
So swiget uil stille.

Der Physiologus ist eine Zusammenstellung von Beschreibungen realer (z.B. Löwe, Pelikan) und fabelhafter (Einhorn, Phönix) Tiere. Verbunden sind die Tierbeschreibungen mit Analogien zur christlichen Heilsgeschichte. Entstanden ist die griechische Urfassung vermutlich im 2. Jahrhundert in Alexandria. Später gab es eine erweiterte byzantinische Fassung. Ab 400 entstanden lateinische Übertragungen, meist gekürzt und daraus gab es im 11. Jahrhundert erste Übersetzungen ins Deutsche. Das Werk hatte eine große Verbreitung und war sehr beliebt. Spuren lassen sich noch in der Literatur des Barock finden (z.B. im Don Quixote von Cervantes) und letztendlich profitiert auch der moderne Harry Potter noch davon, denn die mitteralterlichen Bestiarien, aus denen viel »Personal« von der Autorin übernommen wurde, fußen nicht unwesentlich auf dem Physiologus.

Horst-Dieter Radke

Sonntag, 11. Januar 2009

Die bîschaft

Wer die bîschaft merken wil,
der setz sich ûf des endes zil.
der nutz lît an dem ende gar
der bîschaft, wer sin niemet war.


Ulrich Boner
»Vom Ende diss Buoches«
aus: Der Edelstein

Freitag, 5. Dezember 2008

Von einer Tannen und von Dornen


Von der Welte Übermuote

ein tanne kam in übermuot
eis màls, als noch vil amnger tuot,
des man dik muoz entgelten
die dorne geriet si schelten,
dia dâ stuonden under ir.
ûf grôze hôchvart stuont ir gir.
Sie sprach: »ich bin lang unde breit,
und bin mit esten wol bekleit;
in den luft min told ûf gât;
grüen ist mîner esten wât.
mich lobent vrouwen unde man;
ân allez lop sicht man dich stân.
sicher, du bist ze niute guot
wan an ein viur. er ist nicht behuot,
wer dich anrüert: er wirt verwunt,
dîn strelen ist gar ungesunt.
dich ahzzent man und ouch diu wîp;
du sêrest manges menschen lîp.«
und dô diu tanne alsus gesprach
zem dorne, schiere daz beschach:
ein man gegangen kam zehant;
ein aks die truog er in der hant,
vil schier fluog er die tannen abe.
der dorn gestuont in guoter habe.
zu der tannen sprach der dorn:
»wie lîst du nu! wie hâst verlorn
dîn leben und dîn wirdekeit!
sò stân ich noch ân allez leit.
dîn schoeni dir geschadet hât,
dim ruome ist gesprochen mat.
dâ von du wàndelst sin genesen,
sich, daz ist dîn tôt gewesen.«
sus verlôr diu tanne gar
ir schoeni und ir grüenez hàr.

Nieman ze vil sich rüemen sol
sis libes: er ist gebresten vol,
und làt den menschen an der nôt;
so er leben sol, sô ist er tôt.
die wil er als die tanne stât
und lebt, vil hôhez lop er hât;
wenn er gevelt, sô velt ouch nider
gewalt und êre, und kunt nicht wider.
wer sol sich vröuwen in der zît,
dâ nicht wan kumer an gelit!
daz dâ hin ist, daz stiftet leit:
unstaet ist gegenwürtekeit.
wel zît noch künftig komen sol,
daz zît erkennte nieman wol.
dâ von sô lâz der vroiden schin,
sit nieman hiut mag fischer sin,
üb er morn in vröiden lebe
oder in dem tode strebe.
der dorn gestuont, diu tanne viel nider,
noch kraft noch schoeni was dâ wider.
er si stark, edel oder rich,
dem tôde ist alrmenlîch gelîch.

Ulrich Boner

Freitag, 26. September 2008

Von einem Fuchs und einen Raben

Von torechter uppekeit

Ein fuchs eis mals hungern began.
Under einen hochen böm er kan,
Uf den ein rappe kam geflogen
Mit einem kes, den er gezogen
Von einem spicher hatte do.
Des was der fuchs unmassen fro.
Do in der fuchs von erst ersach,
Mit glatten worten er do sprach:
“Got grus uch, lieber herre min!
Uiwer diener wil ich sin,
Und iemer wesen uwer knecht.
Das dunkt mich billich unde recht;
Ir sint so edel und so rich.
Kein vogel mag sin uwer glich
In allen kunigrichen.
Ich wen, uch mus entwichen
Der sperwer und das velkelin,
Der habk und öch des pfawen schin.
Sus ist uwer kelen schal.
Uiwer stim hort man uberal
In dem wald erklingen,
Wen ir geratent singen;
Des hab ich wol genomen war.”
Der rappe sprach: “Du sagest war.”
“Nu singent, lieber herre min!”
Do sprach der rappe: “Das sol sin!”
Er lies sin stim us, unde sang,
Das es durch den wald erklang.
In dem gesang enpfiel im do
Der kes; des wart der fuchs vil fro.
Des must der rappe schamrot stan,
Dar zu must er den schaden han.
Es ist noch billich, samir got,
Das der hab schaden unde spot,
Wer dem glichsner glöbet bas
Dan im selben. Wissent das,
Das ubermessig uppekeit
Und zu vil eren laster treit
Und gebirt dem selben man,
Der sich des lobes nimet an,
Des er, noch sin geslechte nie
wirdig wart: als es nu hie
In dirre bischaft ist worden schin.
Du glichsner iemer mussent sin
Verwassen, und öch der da bi
Der ein valscher verrater si.

Ulrich Boner (um 1300)
aus: Der Edelstein
Herausgegeben von George Friederich Benecke, Berlin 1816

Montag, 1. September 2008

Von einem Vrösche und einer Miuse



von Untriuwe und von Triegende

Ein vrösch zuo einer miuse sprach
alrêrst do er sie an gesach:
»got grüez dich, trût gespile min!
stæt sol unser vriuntschaft sin!«
diu mûs den weg nicht mochte hân,
daz hâte ein vliezent bach getân.
»ich wil dir helfen, samir got!«
sprach der vrösch »ân allen spot,
daz du wol kumest in din hûs.«
an sinen vuoz hant er die mûs
mit einer snüere. daz beschach.
der vrösch zuo der miuse sprach:
»ich wil dich lêren swimmen wol
(untriuwen was sin herze vol),
sô macht wol komen in din hûs.«
»wol hin!« sprach diu tumbe mûs.
der vrösch bald in daz wazzer vlôch,
an dem vuoze er nâch im zôch
die mûs; er wolt sich senken
und sinen vriunt ertrenken.
diu mûs strebt ûf, der vrösch zôch nieder;
daz er gelobt, dâ tet er wider,
sin triuwe er an der miuse brach.
ein küener wîge daz ersach
und schiet den argen krieg alsô,
daz er sie beide machte unvrô.
die mûs er in die klâwen vieng,
der vrösch vast an der snüere hieng,
da er sich hât verstricket in.
ir beider leben was dâ hin:
er liez si vallen ûf daz gras,
vil balde er sie beide vraz.

Im selben gruob et dicke ein man,
und wænt eim andern gruobet hân.
an untriwe, wâ diu vür gât,
ein guotez ende selten stât.
wà wort und werk sint ungelîch,
der mensch wirt kûm an èren rich.
wâ diu zung mit rügenheit
verbirgt des herzen valschekeit,
vil kûme sich wip oder man
vor dem valsch gehüeten kan.
hæte der vrösch dâ nicht betrogen
die mûs, und als værlich gelogen,
sô möcht er vil wol sin genesen.
geschant al velscher müezin wesen!

Ulrich Boner (um 1300)
aus: Der Edelstein
Herausgegeben von Franz Pfeiffer, Leipzig 1844

Dienstag, 19. August 2008

Reinhart Fuchs



UErnemet vremde mere,
die sind vil gewere,
von eime tiere wilde,
da man bi mag bilde
nemen vmme manige dinch.
iz keret allen sinen gerinch
an trigen vnd an chvndikeit,
des qvam iz dicke in arbeit.
Iz hate vil vnchvste erkant
vnd ist Reinhart vuchs genannt.

Heinrich der Glîchezâre
zitiert aus: Reinhart Fuchs Hrsg.,
übersetzt und erläutert von
Karl-Heinz Göttert,
Stuttgart 2005

Sonntag, 27. Juli 2008

Prolog

Esopus en wis Greke was
und wonde to Athenas.
van sinne, witten he was klok:
des schref he mannich künstich bok.
bispele he to lesten schref,
de velen lüden noch sin lef,
wo dere, böme, sunne und man
sproken hebbet und vele dan,
dat en doch nicht egen enis;
dat dichte heft doch lere wis.
wal dat de fabel nicht war ensi,
doch is dar schöne lere bi,
de gode spröke geven kan.
mester Esopus düs heft an.

Gerhard von Minden


Sonntag, 15. Juni 2008

Ich zog mir einen Falken

Ich zôch mir einen valken mêre danne ein jâr.
dô ich in gezamete, als ich in wolte hân,
und ich im sîn gevidere mit golde wol bewant,
er huop sich ûf vil hôhe und vlouc in ándèriu lant.

Sît sach ich den valken schône vliegen,
er vuorte an sînem vuoze sîdîne riemen,
und was im sîn gevidere alrôt guldîn.
got sende sî zesamene, die gelíeb wéllen gerne sîn!
Der von Kürenberg
Das vollständige Lied

Donnerstag, 12. Juni 2008

Der Hase



Ich hœre sagen vür wâr:
der einen hasen zehen jâr
an einem bande gehabe,
gezihe er im daz bant abe,
er werde dannoch wilde.

das ist ein gelîches bilde:
swie lange ein man die êre hât,
swenne er sie ûz der huote lât,
si wirt noch wilder denne der hase,
der da loufet an dem grase.
Der Stricker
Quelle: