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Montag, 13. April 2015

Der Knabe und der Kukuk

Der Knabe

Niemals, Kukuk, rufest du
Mehr als deinen eignen Namen,
Und doch horcht dir jedes zu,
Wie die Herren, so die Damen.

Kukuk

Meiner rauhen Stimme Ton,
Kann zum Singen sich nicht biegen;
Doch, im Rufen kann ich schon
Ueber viele Vögel siegen.

Weil ich gar nichts Bessres weiß,
Bleib ich bei der alten Weise,
Und doch lauschet man mit Fleiß,
Wie ich selbst mich immer preise.

Immer macht des Schwätzers Mund,
Uns schon längst bekannte Sachen,
Mit Beredsamkeit noch kund,
Wenn wir, was er spricht, belachen.

Karoline Stahl: Fabeln, Mährchen und Erzählungen für Kinder.
Nürnberg 1821, S. 73-74.

Montag, 24. Juni 2013

Die streitenden Kater

Zwei Kater lebten Tag und Nacht
In stetem Krieg und Streite;
Und war ein schwerer Kampf vollbracht;
Was war des Sieges Beute?
Mit blut'gen Köpfen schlichen sie,
Ermüdet sich von dannen
Und ruhten bis in aller Früh,
Sie neu den Zank begannen.

Der Haushund sah verdrießlich zu,
Ihn ärgerte ihr Lermen.
»So haltet denn doch einmal Ruh!
Was hilfts euch aufzuwärmen,
Tagtäglich euren alten Brei.
Erzählet mir die Sache;
Vielleicht schaff ich noch Rath herbei,
Daß ich's zu Ende mache.«

Die Kater sannen Kreuz und Queer,
Warum sie so sich rauften;

Und sich einander hin und her,
Mit bösen Namen tauften.
Nachdenkend schlich das Pärchen fort,
Doch schon nach wenig Stunden,
Ward kämpfend an demselben Ort,
Vom Haushund es gefunden.

Karoline Stahl
Fabeln, Mährchen und Erzählungen für Kinder
Nürnberg 1821

Donnerstag, 31. Mai 2012

Das gehorsame Mäuschen


»Was lauerst du?« red't aus der Ferne
Das Mäuschen eine Katze an.
»Wie funkeln deine Augen-Sterne,
Daß man es kaum ertragen kann.«

»Komm her, mein Schätzchen!« sprach die Katze,
»Ich spielte mit dir gar zu gern.
Sieh her, sieh meine sammtne Tatze,
Was stehst so blöde du von fern?«

»O, gerne möcht' ich zu dir gehen;
Doch, meine Mutter will es nicht.
Warum? kann ich nicht recht verstehen,
Denn freundlich ist ja dein Gesicht.

Doch warte nur, ich will sie fragen:
Ob sie es dieses Mal erlaubt,
Und dir alsdann die Antwort sagen,
Wenn es die Mutter nöthig glaubt.«

Gehorsam schützet vor Gefahren,
Von denen du noch nichts verstehst,
Und so mußt du dich sorgsam wahren,
Daß heimlich, ja, du nichts begehst.

Karoline Stahl
Fabeln, Mährchen und Erzählungen für Kinder
Nürnberg, 1821

Samstag, 3. März 2012

Der treue Hund

Schnuppernd schlich sich um die Schaafe
Rings der Wolf mit schlauem Blick,
Ob wohl Spitz, der Wächter, schlafe,
Und die Schäfchen flohn zurück.

Eng gedrückt auf einen Haufen,
Zittern sie von ihm bedroht;
Eilen sich ihm zu entlaufen,
In der größten Angst und Noth.

Und er spricht mit List zu Spitzen:
»Ei! wie möcht' ich doch wie du,
Bei den dummen Schaafen sitzen,
So in träger fauler Ruh.«

»Komm mit in den Wald spazieren,
Kühl ists dort, nicht heiß, wie hier.
Laß dich, Freundchen, von mir führen,
Steh nur auf und folge mir.«

Aber Spitz weißt ihm die Zähne,
Heisset ihn bei Zeiten gehn,
Wenn er etwa sich nicht sehne,
Noch der Schaafe Herrn zu sehn.

Nimm, o Kind! vom Spitz die Lehre,
Folge ja dem Heuchler nicht,
Der, damit er dich bethöre,
Mit verstellten Worten spricht.

Karoline Stahl
Fabeln, Mährchen und Erzählungen für Kinder
Nürnberg 1821

Mittwoch, 13. Juli 2011

Die ungehorsamen Mäuschen


Die Mäuschen schmauseten so gern
Konfect und Zuckerwaaren;
Und, merkten Süsses sie von fern,
Gleich liefen sie in Schaaren,
Aus allen Löchern flink herzu,
Um schnell davon zu naschen;
Und flüchteten sich auch im Nu,
Wenn man sie wollte haschen.

Die Mutter sprach: »es thut nicht gut
Das allzuofte stehlen;
Der Mensch, so sorglos er auch thut,
Weiß seine Zeit zu wählen.
Drum rath ich euch, nascht nur mit Maas,
Daß es ihn nicht verdrieße.
Treibt nicht zu weit, noch arg, den Spaß,
Und meidet mir das Süße.«

Doch ach! die Mäuschen hörten nicht
Auf ihrer Mutter Lehre,
Die ihrer Naschsucht widerspricht,
Daß sie sie nicht bethöre.
Sie schmausen in dem Zuckerbrod
Ein Gift, für sie verborgen.
So fanden alle schnell den Tod
Ach, schon am andern Morgen.


Karoline Stahl
Fabeln, Mährchen und Erzählungen für Kinder
Nürnberg 1821

Montag, 1. November 2010

Die Elemente


Vier Brüder laufen Tag und Nacht,
Und ihre Kraft und ihre Macht,
Herrscht über alle Wesen.
Dich ihrer Allmacht zu entziehn,
Mußt du von dieser Erde fliehn,
Sonst kann's dir nicht gelingen.

Der erste schlingt mit Ungestüm,
Was er erwischen kann. Bemühn
Mußt du dich ihn zu zähmen.
Verderben hauchet seine Gluth,
Und grenzenlos ist seine Wuth,
Wenn einmal sie erreget.

Der zweite dämpft des ersten Grimm;
Doch auch vor seinem Zorne nimm
Dich wohl in Acht, und sorge,
Zu rechter Zeit ihm zu entgehn.
Nicht kannst du, Schwacher, widerstehn
Den hocherzürnten Wogen.

Der dritte lärmet viel und schreit,
Als wäre er nicht wohl gescheut,
Und treibt oft viel Spektakel.
Doch ist es nicht so bös' gemeint.
Wenn er auch nicht erzürnet scheint,
Setz' ihm Geduld entgegen.

Der vierte lockt aus seinem Schoos
Dich hold hervor, und zieht dich groß,
Mit treuer Muttersorge.
Er nimmt dich liebend wieder auf,
Wenn, müde von des Lebens Lauf,
An seine Brust du sinkest.
Karoline Stahl
Fabeln, Mährchen und Erzählungen für Kinder
Nürnberg 1821

Sonntag, 19. September 2010

Der Fuchs und seine Brüder


Einst schlich im Mondschein Meister Fuchs
Sich hin zum Hühnerhause,
Und lauschte, schärfer als ein Luchs,
Nach einem leckern Schmause,
Kühn dringt er durch die schlechte Thür',
Daß sie ihn zu den Hühnern führ'.

Und es gelingt ihm auch sogleich,
Ein Hühnchen zu erhaschen.
So zart, so jung und weis und weich.
Er eilt davon zu naschen,
Und speißt mit solchem Appetit,
Daß er nichts weiter hört noch sieht.

Der Bauer merkt den fremden Gast
In seinem Hühnerhause,
Und ruft die Hunde, die ihn fast
Zerrissen, bei dem Schmause.
Mit großer Noth er noch entwich,
Doch ließ er seinen Schwanz im Stich.

Wie nekten seine Brüder ihn,
Daß seine Zier verschwunden,
Und daß er sie, nur zu entfliehn,
Feig' überließ den Hunden;
Bis endlich es den Fuchs verdroß,
Daß sich so reich ihr Spott ergoß.

»Laßts gut seyn. – Nur das ärgert mich,
Daß ich mit meinem Schwanze,
Als ich mit großer Noth entwich,
Gequetscht, wie eine Wanze,
Zugleich mein Fischernetz verlor.
Ein Unglück bringt noch eins hervor.«

Die Füchse horchen hocherfreut:
»Was sprichst du da von Fischen?
Und von dem Netze, das dich reut,
Daß dir sie kann erwischen?
Erkläre deutlicher, dich Freund,
Was hast du eigentlich gemeint?«

Und Meister Fuchs, mit trüben Blick,
Läßt erst sich lange bitten;
Spricht viel von seinem Mißgeschick,
Und dem was er gelitten.
Fängt seine Rede an vom Ey,
Und spät erst kömmt das Ziel herbei.

»Die Probe machen wir sogleich,
Kommt, ohne Zeitverlieren,
Eh noch gefroren dort der Teich;
Ihr könnt es ja probieren.
Setzt euch ans Ufer reihenweis,
Ich ordne alles schon mit Fleiß.

Nun, so ists recht. – Die Schwänze laßt
Hinab ins Wasser fallen:
Die Fische kommen dann in Hast
Geschwommen zu euch Allen,
Und hängen sich am Schwanze an,
Daß man ihn nicht mehr regen kann.

Doch ist es nicht so bald geschehn;
Ihr dürfet nur nicht murren,
Wenn ein paar Stunden noch vergehn!
Erzählt indeß euch Schnurren
Von manchem schlauen Schelmenstreich
Und auch von manchem andern Zeug!«

Die Brüder, voller Lüsternheit,
Viel Fische zu erbeuten,
Thun gern, was Meister Fuchs gebeut,
Sein Wort nicht zu bestreiten.
Sie sitzen alle reihenweis,
Bis sich der Teich bedeckt mit Eis.

Doch Brüderchen, voll Schelmerei,
Schleicht sachte sich von ihnen,
Und ruft die Hunde straks herbei,
Mit schadenfrohen Mienen.
Die stürzen Schaarenweis, im Nu,
Lautbellend auf die Fischer zu.

Erschrocken wollten diese gleich
Aufspringen, und entfliehen;
Doch aus dem zugefrornen Teich
Kann keins den Schwanz mehr ziehen.
Und Mancher, der mit Noth entwich,
Ließ ihn in seiner Angst im Stich.

Trau nicht dem Schelme, wenn er auch
Zum Spotte selbst geworden.
Er hat es immer im Gebrauch,
Auch andrer Glück zu morden.
Laß nicht dem Spottgeist freien Lauf
Sonst reiz't du seine Bosheit auf.

Karoline Stahl
Fabeln, Mährchen und Erzählungen für Kinder. 
Nürnberg 1821

Mittwoch, 30. September 2009

Eine Mordthat durch eine Kröte entdeckt


Selten nur bleibt eine böse That ganz verborgen und oft noch im spätesten Alter muß, der sie beging, sie büßen. Eine Frau die in einer unzufriedenen Ehe mit ihrem Manne lebte, beschloß, da sie schlecht und boshaft war, ihn aus der Welt zu schaffen, und beredete einen eben so elenden Menschen ihr in diesem Vorhaben beizustehen. Beide schlichen sich in der Nacht, als der Mann ganz sorgenlos schlief, an sein Bette, und schlugen ihm einen Nagel in den Kopf, der ihn augenblicklich tödtete; dann verbreitete sie das Haar über den Kopf des Nagels, daß er nicht zu sehen war. Am andern Morgen erhub die Frau ein großes Geschrei und rief ihre Hausgenossen zusammen, um ihnen ihren, vom Schlage getroffenen, und gleich todt gebliebenen Mann zu zeigen. Da sich keine Wunde oder sonst eine Spur einer gewaltsamen Verletzung zeigte, schöpfte Niemand einen Verdacht, daß die Frau seinen Tod befördert habe. Er ward begraben, und die Wittwe und ihr Mordgehülfe heiratheten sich. Daß sie nie ein ruhiges, zufriednes Leben kannten, ist gewiß; doch lebten sie über zwanzig Jahre hindurch, dem Anschein nach, glücklich. Nach Verlauf dieser Zeit ward die Gruft, in welcher der Gemordete ruhete, geöffnet, um sie auszuräumen, weil sie zu sehr angefüllt war. Es werden dann die Gebeine derer, die schon lange gestorben sind, aus der Gruft genommen und ins Beinhaus gethan, um Platz für folgende Leichen zu machen. Die Todtengräber sahen mit Erstaunen einen Todtenkopf hin und her rollen, und als sie ihn genauer untersuchten, fanden sie eine Kröte in demselben, die durch ihre Bewegungen das Rollen des Kopfes bewirkte; aber auch einen eisernen Nagel, der tief durch die Hirnschale ins Gehirn gedrungen war, entdeckten sie. Auf die Anzeige ward sogleich eine Untersuchung angestellt, und da nach der Angabe des Kirchenbuches und der Todtengräber, die zu jener Zeit gelebt hatten, sich nicht bezweifeln ließ, wem der Kopf gehörte, wurden seine Mörder eingezogen und verhört. Ihre Bestürzung und ihre Unruhe verriethen sie, und bald gestanden sie ihr Verbrechen ein, das nach den Gesetzen mit dem Tode bestraft ward.

Karoline Stahl
Fabeln, Mährchen und Erzählungen für Kinder

Sonntag, 19. Juli 2009

Die Frösche und der Krebs


Die Frösche spotteten einst laut
Des Krebses, daß er rückwärts gehe,
Und daß sein Körper so gebaut,

Daß ihm am Kopf der Magen stehe.
Und sie genirten sich auch nicht,
Ihm ohne Scheu ins Angesicht,
Ganz dreist zu raisonnieren.

He! sieh nur unser Völkchen an,
Sieh wie wir hüpfen, wie wir singen.
Juchheisasa! dir aber kann
Auch nicht ein armer Sprung gelingen;
Bis so ein Krebs erst rückwärts kriecht,
Ist unser eins, als ob es fliegt,
Schon zehnmal da gewesen.

Nun ja! ihr hüpft so dort und hie,
Doch nur in eurem Sumpfe;
Und eure ganze Melodie,
Taugt nichts mit Stiel und Stumpfe.
Sitzt euch der Magen nicht am Kopf,
So will doch so ein armer Tropf
Auch wie ein andrer essen.

Gedenke nur, wer spotten will!
Der eigenen Gebrechen,
Und schweige, sich besinnend, still.
Nicht unverschämt zu sprechen.
Für eigne Fehler sind wir blind,
Bei Andern sehn wir sie geschwind,
Und wissen sie zu tadeln.

Karoline Stahl

Sonntag, 19. April 2009

Die Tulpe und die Nachtviole


Ei, wie bist du doch so schön,
Tulpe! in dem bunten Röckchen,
Und geputzet wie ein Döckchen,
O, so prächtig anzusehn!

Und wie mögt ihr Grauen da
Zu den Schönen her euch setzen,
Die das Auge so ergötzen?
Euch komm ich gewiß nicht nah.

Komm, du schöne Tulpe, du!
Sicher hauchst du süsse Düfte
In die milden Frühlingslüfte;
Hauche mir auch jetzt sie zu.

Aber wie? Kein Wohlgeruch
Düftet mir von dir, o Blume!
Das gereicht dir nicht zum Ruhme,
Schön nur seyn, ist nicht genug.

Nein, das hätt' ich nicht gedacht!
Ohne sonst noch was zu taugen,
Blendet Tulpe bloß die Augen,
Durch der Farben bunte Pracht.

Und, wer hätte das gemeint!
Diese garstige zur Seiten,
Duftet lieblich schon von weiten,
Wie so häßlich sie auch scheint.

Schön nur seyn, genüget nicht;
Kurze Zeit täuscht bloßer Schimmer,
Das Verdienst nur bind't auf immer,
Leistet mehr als es verspricht.