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Donnerstag, 26. April 2018

Pferd und Einhorn

Das Pferd begegnet einem Einhorn.
»Wo hast du deine Flügel?« fragt das Einhorn.
»Ich habe keine Flügel. Noch nie gehabt«, antwortet das Pferd.
»Aber alle Pferde haben kleine farbige Flügel und können fliegen.«
»Nein«, sagt das Pferd, »das ist ein Märchen. Alle Pferde müssen auf ihren vier Hufen laufen, Lasten und Menschen herumtragen oder im Viereck reiten.«
»Ich kenne ein Pferd mit Flügel«, sagt das Einhorn sehr stolz.
»Nein«, sagt das Pferd, »das glaubst du nur. Und das ist ja auch schön.«
Das Einhorn geht und macht sich auf die Suche nach dem Pferd mit den Flügeln.

Sonntag, 10. Dezember 2017

Die Weiberrevolution von Delft

Fabelhaft, wie unblutig eine Revolution ausgehen kann, besonders unter dem Gesichtspunkt, dass das erreicht wurde, was die Revolution bezweckte. Ob es daran gelegen haben mag, dass Frauen diese Revolution anfingen und bis zum Ende durchführten?


Ausführlich beschrieben wird dieser »Aufstand der Weiber« auf meiner Homepage.

Dienstag, 28. Februar 2017

Des Teufels Jahrmarktstand

Es hat einmal einer gedichtet, daß auf einem vornehmen Jahrmarkt der Teufel auch seine Hütten habe aufgeschlagen, nichts aber anders gehabt habe als Häut, deren er in Menge, gleichsam reißenderweis verkaufte. Dessentwegen hat einen Poeten der Fürwitz angespornt, zu sehen, was doch ein jedweder für Haut einkaufe und einkrame. Indem er also fortgeht, begegnet ihm ein altes Mütterle mit geschimmelter Barocka – ein rare Antiquität mit einem hölzernen Handpferd, wormit es den schwachen Füßen eine Beihülf leistete. Diese tragte etliche Haut unter den Armen, und soviel es konnte abnehmen, waren's lauter Karg-häut. Bald nach diesem sieht er kommen zwei junge Herren, die in ihrem Gespräch zuweilen ein lateinisch Wort darunter einmischten, worauf er sicher glaubte, daß sie studierte Gesellen wären. Die hatten gleichfalls ziemlich viel Haut eingekauft; und soviel er konnte erkennen, so waren's lauter Frei-häut. Unweit von diesen sah er einen, der ziemlich rot um die Nas, als war sein Gesicht aus preußischem Leder geschnitten; er haspelte gar seltsam mit den Füßen, und konnte man leicht wissen aus dem krummen Gang, daß er grad aus dem Wirtshaus komme. Der hat ebenfalls etlich Haut einkauft und ziemlich viel; es waren aber keine andern als lauter Voll-häut. Kaum als dieser aus den Augen gekommen, so vermerkte er, daß mit zugespitzten Schuhen wie die Starnitzel und Tüten eine Jungfrau dahergetreten, die aufgeputzt war wie der Palmesel acht Tag vor Ostern. Dieser gab er einen höflichen guten Morgen mit dem Beisatz, warum doch sie eifrig nach Haus eile, und bekam die Antwort, ihre gnädige Frau werde bald aufstehn, destwegen sie zum Dienst eile (es war dazumalen schon eine Viertelstund über 10 Uhr!). Diese hat sehr viel Haut vom Markt getragen, und waren's nichts als Stolz-häut. Andre tragten andre Haut: ein Fuhrmann oder Kutscher war daselbst, der hatte Grob-häut; ein Soldat hatte Frech-häut, ein Bettler Träg-häut. In Summa, allerlei Haut haben die Leut eingekauft. – Der gute Poet wollt doch auch wissen, bei was für Haut der Teufel den größten Gewinn habe; ist endlich hinter die Wahrheit kommen: daß der Satan sein bestes Intresse und Geschäftchen an – Gelegen-häut habe.

Obschon dieses Gedicht übel geschlicht', so ist doch wahr gewesen und wird auch wahr bleiben, daß die Gelegen-heit sehr viel Menschen zur Sünd und folgsam zum Teufel und Verderben bringt.

Abraham a Santa Clara
(1644 - 1709)

Sonntag, 1. November 2015

Die XXVII. Fabel/Von dem Wolff und dem Kitze


Wo jemand bezwungen würd / under zweyen uberbösen dingen eines zuerwehlen / so ist doch das minder schmählich auffzunemmen / Darvon hör diese Fabel.

Ein Kitze gieng auf einem Anger / nahe bey seinem Hauß / zu dem kam ein Wolff / inn meinung das zu fressen / Aber das Kitze entrann im von der statt under die Schafe. Da aber der Wolff mercket / daß er es nach seinem willen nicht haben mochte in frevel / gedachte er das mit listen unnd schmeichelwort zu ihm bringen und sprach zu im: O du thörichtes Thier / was suchest du hie in dieser statt / sihest du nit wie hie in dem Tempel das Erdtreich unsauber und blutig ist von den Thieren / die man täglich den Göttern opfferet unnd ertödtet / stick dich nit in die sorge / daß du alle stund des todts warten müssest und gehe herauß auff den grünen Anger / da du in freyheit leben magst. Das Kitze antwort unnd sprach: O Herr Wolff leg hin dein sorg das bitte ich dich / dann weder mit treuw / noch mit falsche rath bringst du mich hinauß zu dir / dannh ob ich meines lebens und blut vergiessen müste besorgen / so were mir doch lieber / das geschehe den Göttern zu ehren / dann das ein freysamer Wolff von mir gesettiget würde.

Esopus Teutsch/
Das ists:
Das ganze Leben und Fabeln Esopi/
mit sampt den Fabeln Anianai/
Adelfonsi und etlichen Schimpffreden Pogij,
darzu Außzüge von fabeln und Exempeln des Sebastian Brand.
1594

Dienstag, 14. April 2015

Der Affe und der Leopard


Der Affe und der Leopard
Verdienten auf der Messe Geld,
Indem sie sich zur Schau gestellt,
Einer des andern Widerpart.
Der eine rief: »Ihr lieben Leute,
Mein Ruf und Ruhm ist nicht von heute,
Ich bin bekannt an höchster Stell;
Der König kam, um mich zu sehen,
Und sterb ich einst, dann soll mein Fell
Als Muff sich um die Hände drehen
Der allergnädigsten Königin.
Betrachtet mich, wie bunt ich bin:
Gestreift, gesprenkelt und geschenkt,
Getupft, beringelt und gefleckt.«

Das bunte Spiel der Haut gefiel
Für einen Blick als Augenziel,
Ein jeder sah es flüchtig an
Und wendete sich weiter dann.

Der Affe rief: »Herbei, herbei,
Ihr edlen Herrn und schönen Damen!
Ich kenne Künste mancherlei
Und nicht nur nach dem Namen.
Die Buntheit, die ihr hier
Bei meinem Nachbarn schaut,
Die trag ich auch bei mir,
Doch nicht auf meiner Haut,
Vielmehr in meinem Geist.
Weit bin ich hergereist,
Drei Schiffe haben mich getragen.
Muß ich noch meinen Namen sagen?
Hier steht Hans Wurst! Zwiefach verwandt
Mit Bertrand, der des Papstes Affe.
Gesegelt ist er und gerannt,
Damit er hier euch Kurzweil schaffe.
Er tut's! Man höre, schau und staune:
Er ist ein Tänzer, ist ein Hexer,
Springt Seil und Reifen, bläst Posaune –
Und alles dies für einen Sechser.
Was sag ich? Schon für einen Sou!
Und wenn euch seine Kunst mißfällt,
So geht und schaut nicht länger zu,
Ihr kriegt zurück das Eintrittsgeld.«

Der Affe redete gescheit.
Es gilt die Mannigfaltigkeit
Des Geistes mehr als die am Kleid:
Ein buntes Fell
Ermüdet schnell,
Ein bunter Geist dagegen
Weiß immer anzuregen.

Es gibt, dem Leoparden gleich,
So manchen Herrn, der, stolz und reich,
Als einziges Talent
Sein Kleid nur hat und kennt.

Lafontaine, Jean de

Samstag, 13. Juli 2013

Die V. Fabel/Von der Nachtigall und Habicht


Welche anderen Feindschaft tragen / und ihnen hässlich nachstellen / die bedörffen daß sie sich selber auch besorgen / daß ihre Bosheit nicht fürkommen würd / als hie geschehen ist.

Ein Habicht saß in einer Nachtigallen Nest / und beschattete das Wetter / und fand allda junge Nachtigallen. Bald käme die Alte / und bat den Habicht / daß er ihr die Jungen wollte lassen. Der Habicht antwortete: Ich will Thun / was du wilt / wann du mir schön singest. Wiewohl nun der Nachtigalle Herzt / vor Sorg und Angst umb ihre Jungen sehr betrübt biß in den Tod / doch zwar sie die Liebe ihrer Jungen / zu singen. Da sprach der Habicht: Du hast nicht wol gesungen / un nam eines von den jungen / un hub an zu essen. In dem kam ein Vogler zwerchs Weges gegangen / und lockte mit dem Pfeifflein / und reizte mit der Wicken / und stecket die Klebrüthlein / derer eines nahm der Habicht / und verwickelte sich darein / daß er damit zu der Erden fiele / und wiewohl er die andern hatte beschädigt / so war er doch nicht so behänd / und wurde also selber gefangen.

Dann welcher hütet / und meinet er hab wol gehütet / wird offt selbst gefangen.


aus:
Asopus:
Das ist
Das ganze Leben und Fabeln Esopi:
Samt einem Anhang der Fabeln
Aniani/Adelfonsi/un etlicher Schimpff-Reden Pogij:
Auch Auszügen schöner Fabeln und Exempeln
D. Sebastian Brands.
Alles mit schönen Figuren zu dbesserer Einbildung in Druck gegeben
Zu Basel/Anno 1676

Montag, 2. Juli 2012

Fabel von der Fuchs und dem Katzen


Ein fuchs trabet über ein heid
und het ausgespecht auf der weid
vor einem walt der gens ein hert.
dem begegnet da on gefert
ein katz, die auch zu felt war gangen,
ob sie ir möcht der feltmeus fangen,
darmit sie iren hunger büßet.
der fuchs sprach: schwester, sei gegrüßet.
die katz im danket widerum
und hieß den fuchs auch sein wilkum.
nach dem sprach er der katzen zu:
sag an, mein schwester, was kanst du
für künst und was hast du gelert,
darmit du wertst auf ert ernert
und vor unfal schützst leib und leben?
da tet die katz im antwort geben:
mein herr fuchs, ich hab gar kein kunst
auf diser ert gelernet sunst,
den die mir hat einpflanzet nur
die herrlich mutter der natur,
das ist springen und bhendigkeit,
darmit ich fach in diser zeit
die meus, darmit ich mich erner.
darzu sagt der fuchs aber mer:
kanst du nichts den bhent sein und springen,
so wirt dein leben balt mislingen;
weil du sonst nichtsen kanst den das,
so bist unkönnent übermaß,
schlecht, beurisch und einfeltig gar.
sie sprach: mein herr fuchs, das ist war,
ich kan ie warlich nichtsen sunst;
ich bit aber, sag, wie vil kunst
kanst du, mein herr, gerecht und gut?
da antwort der fuchs in hochmut:
der künste der kan ich wol hundert,
allerlei art, fein ausgefundert,
nicht mittelmeßig, sonder wol.
wie man die kunst denn können sol,
die ich alle tet jehling leren;
der iedwede kan mich erneren
aus sorgen, angst und hungers not,
wenn schon vor augen wer der tot.
die katz sprach: domine doctor,
du gest mir weit mit künsten vor,
mir einfelting, kunstlosen armen,
die ich muß sterben on erbarmen;
dir aber gebürt langes leben,
weil du mit vil kunst bist umbgeben
und wirst überal wol gehalten,
erlich bei jungen und bei alten,
ich aber wert veracht aldo.
der fuchs der sprach: es reucht also.
nach dem da sprach die katz allein:
mich bedunkt in den augen mein,
wie ich sech aus dem walt von weiten
ein weidman gegen uns her reiten,
der fürt mit im zwen fraidig hunt,
welche vormals und auch iezunt
gewest sint unser ergste feint.
der fuchs sprach: aus dein worten scheint,
das du forchtsam und töricht bist
und einfeltig zu aller frist;
ob dus gleich sichst und sagst gleich war,
stunt uns doch darauf kein gefar;
ich weiß durch kunst in zu entrinnen.
die katz sprach: herr, das wirst wol innen.
als in der jeger nun war nahen,
und die hunt den fuchsen ersahen,
da fiengens gschwint auf in zu laufen
mit lautem gelzen und mit schnaufen,
zu fahen beid katzen und fuchs;
derhalb groß forcht in in erwuchs.
er sprach: uns ist zu fliehen not.
die katz die sprach: du treibst den spot,
förchst du dich bei den künsten dein?
der fuchs sprach: fliehens wirt not sein,
weil uns die hunt kommen genau.
ein ieder nun selbs für sich schau!
sprach die katz und sprang auf ein baum
und den hunden entran gar kaum.
der fuchs aber die flucht gab balt
gen berg auf zu dem dicken walt,
die hunt im aber kamen nahen
und nach im schnappten, in zu fahen.
das sach die katz hoch auf dem baum
und schrei: doctor fuchs, dich nit saum,
zeuch eine deiner künst herfür,
es tut dir not, als ich wol spür,
wan es ist dir zu ferr der walt,
wo du das tust nicht eilent balt,
so wirst von hunden du zerrißen:
was hilft dich denn vil künsten wißen?
der fuchs lof schnell und war nit faul,
schlug den hunden sein schwanz umbs maul,
darmit er sie im laufen blent;
doch ergriffens in an dem ent.
die katz schrei: bruder fuchs mit nam,
wo kom wir auf das nechst zusam?
der fuchs sprach: o des ich nicht weiß,
etwan beim kürßner in der beiß,
da wert wir wider kommen zsam.
darmit ir gsprech ein ende nam.

Der beschluß
Bei der alten fabel gedicht
wert wir zweierlei leut bericht.
die ersten uns der fuchs bedeut,
das sint künstner und rümisch leut,
die viler künst sich rümen vol,
der sie doch keine können wol;
haben keine gelernet aus,
das sin möcht tragen brot ins haus,
wie man denn sagt von solchem stück:
acht hantwerk, neunerlei unglück;
fahen vil an, bringen zum ent
doch kein werk mit munt oder hent,
verachten schlecht einfeltig leut.
werden durch die katzen bedeut,
die sich in der einfalt ernern,
achten nicht hoch rümlicher ern,
sonder nur was ist not und nutz
und in dienet zu irem schutz;
der einig kunst gebrauchen sie,
darmit sie sich behelfen hie
on allen rum vor ungemachs
mit weib und kinden, spricht Hans Sachs.

Anno salutis 1558., am 17. tage Junij.

Hans Sachs

Mittwoch, 15. Dezember 2010

... daß sich Leute in der Christnacht in Wölffe verwandeln

Bildquelle: Wikipedia


In den mitternächtigen Ländern, schreibt Olaus M. daß sich die Leute in der Christnacht in Wölffe verwandeln, und grossen Schaden thun, andere anfallen, zerreissen, und so gar der jungen Kinder nicht verschonen. In Teutschland hat man auch unterschiedliche Exempel, daß Hexen und Zauberer sich in Wölffe verwandelt haben, und wenn sie verwundet, oder daß ihnen eine Patten ab gehauen worden, hat sich befunden daß es Menschen Hände oder Füsse gewesen.

Johann Nikolaus Pfitzer
(1634–1674?)

Montag, 6. Dezember 2010

Der Bauer und die Schlange (1)

Der sinnreiche Fabeldichter Aesopus berichtet in seiner 33. Fabel, wie nämlich ein Bauer bei kalter Winterszeit in dem Wald eine von der Kälte fast erstarrte und halbtodte Schlange im Schnee fand; über diese erbarmte er sich, trug sie nach Haus, und legte solche an einen warmen Ort, allwo sie wieder zu sich selbsten und also zu dem Leben kam. Als sich die Schlange nun wieder bewegen konnte, schlich sie dem Bauern heimlich nach, und versuchte, ob sie demselbigen nicht etwas von ihrem Gift beibringen und damit beschädigen möchte; als nun der Bauer solches merkte, erwischte er eine Hacke oder Axt, wehrte sich wider diesen undankbaren Gast, und gab ihm den wohlverdienten Lohn.

Abraham a Sancta Clara

Mittwoch, 13. Oktober 2010

Die Biene mit der Spinne






( Im Spiegelton des Ehrenboten.)
                     
   'Ne alte Spinn', die thät ein Netzlein weben,
Darin sie Mücken fangen wollt',
Sie bringen um das Leben,
Damit sie sich in stiller Ruh'
Könnt' ohne Müh' ernähren.

    Indem wollt' eine Bien' zur Arbeit fliegen,
Einsammeln süßer Blümlein Saft;
Als sie sah das Betrügen,
Der Spinne schalkhaft böses Netz,
Da tadelt' sie's in Ehren.

    Gar scharf die Spinne sie drum straft';
Die Spinne, die war lasterhaft
Und sprach zu ihr: »Mich lehrte
Natur subtile, zarte Netzlein spinnen,
Darin ich diesen Sommer lang
Mir Nahrung könnt' gewinnen
Ohn' alle Arbeit, Müh' und Angst,
Daß mir's nicht sauer werde.

    In meinem Netz kann ich mich listig ducken,
Und wenn dann fallen in mein Netz
Die Schnaken und die Mucken,
Ohn' alle Müh' ich sie umstrick'
Und sie des Bluts beraube.

    Die Nahrung dein mußt du mit Müh' erraffen,
Du fliegst den ganzen Tag hindurch
Auf Blüten, mußt dann schaffen
Auch gar im Bienenstocke noch;
Das ist doch Unruh', glaube!«

    Die Bien': »Die Ruhe sei verflucht,
Die so mit schnellen Listen sucht
Den Nächsten zu verstricken;
Du nährest dich mit Unschuldiger Blute,
Ich aber mich mit Arbeit nähr'
Und allen komm' zu gute.
Honig bereit' ich und das Wachs;
Arbeit thut mich erquicken.« –

    Allhie wird uns bedeutet durch die Spinnen:
All', die mit Schaden andrer Leut'
Ohn' Arbeit Gut gewinnen,
Wie Wucherer, Finanzer all,
Fürkäufer, falsche Juristen,

    Münzfälscher auch und Possenreißer, Trügener,
Simoneier, Räuber, Dieb',
Falsche Spieler und die Lügener –
Die stellen Strick' und Netze viel
Dem Volk mit schnellen Listen.

    In der Biene seien die erkannt,
Die sich ernähren mit der Hand,
Dem Nächsten auch zu Nutze,
Und in des Angesichtes Schweiß sich nähren,
Wie Gott im Anfang uns gebot;
Das ist mit Gott und Ehren!
»Wer nicht arbeit't, soll essen nicht,«
Spricht Paulus wol mit Trutze.


Hans Sachs

Dienstag, 21. September 2010

Von einem faulen Weibe

Es war in eim dorf ein fauls weib,
Die spart allzeit irn faulen leib
Und war der arbeit feindlich gram,
Beid in arm und in beinen lam;
Doch war sie in den lenden frisch,
Gegen zu halten stark und grisch.
Die het ein man, der sie fast trieb,
Selb nimmer von der arbeit blieb.
Gedacht, wie sie möcht haben rue,
Und gab dem pfarrherrn eine kue,
Auf daß sie gnade bei im fünd
Und er dest mer feirtag verkünd.
Kurz auf den sontag bald darnach
Der pfaff stieg auf die kanzel hoch
Und sprach: »Ich euch verkünden solt
Die feirtag, wie ir gerne wolt.
Der sontag ist zu feiren gmein,
Sonst weiß ich in der wochen kein;
Nur die frau, welch mir gab die kue,
Feir noch ein tag oder zwen dazu.«
Wer gerne tanzt, mag man leicht pfeifen:
Wer gerne jagt, mag leicht ergreifen
Ein hasen oder sonst ein wilt,
Damit er seinen vorwitz stillt.
Also auch wer nit gerne arbeit,
Der findt auch wol zu aller zeit
Ursach, daß sich den glenz leßt stechen,
Solt ers auch von eim zaune brechen.
 
Burkard Waldis
Esopus. Erster und zweiter Theil
Band 2, Leipzig 1882

Samstag, 1. Mai 2010

Der Rabe und das Einhorn

from Collin de Plancy's Dictionnaire Infernal, 1863
Quelle: Wikipedia



Ein Rabe saß auf einem Felsen. Ihn sah das Einhorn da sitzen, und sprach: jetzt soll ein Beweis meiner Stärke dich staunend machen; denn ich will dir zeigen, wie ich Berg’ umstoße.

Kaum gesagt, lief es gegen den Felsen mit aller Gewalt; Aber statt, daß er wankte, zerschellerte an ihm das Horn, und das stolze Thier fiel für Schmerzen nieder.

Armes Einhorn! rief der Rabe, den Beweis deiner Stärke bleibst du mir schuldig; aber den Beweis deiner Dummheit und die Wahrheit des Satzes: daß Hochmuth alle Dinge zerstöre, gabst du mir ungebeten.

Fabeln nach Daniel Holzmann
weiland Bürger und Meistersänger zu Augspurg
herausgegeben von A.G. Meißner
Carlsruhe, bey Christian Gottlieb Schmieder, 1783

Montag, 12. April 2010

Der Krebs und die Schlange

Ein Krebs wollte über Land reisen, unterwegs kommt er zur Schlagen, die wird sein Gefährte. Nun windet und schlingt sich die Schlange und geht die Quer und macht sich krumm; der Krebs, der auf viel Beinen übel zu Fuße war, folgt seinem schlimmen und ungeraden Wandergesellen und geht sich außer Atem, helligt und mergelt sich in dieser schweren Reise ab. Wie es Abend wir, kehren sie beide unter einem Strauch ein, die Schlange legt sich in Ring und fähet an zu schlafen und zu Schnarchen. Der Krebs ist müde, und will kein Schlaf in seine Augen, und tut ihm das Schnarchen und Zischen wehe, und will die Schlange stoßen, dass sie still liege. Wie sie auffährt und will sich wehren, ergreifft er sie mit seiner Schwere beim Kopf und drückt hart zu, bis ihr der Atem ausgeht, da streckt sie sich die lange Länge aus und liegt so tot fein grad. »Ei“, sagt der Krebs, »wenn du heut so grad gegangen wärest, hätte ich auch besser folgen können.«


Martin Luther

Mittwoch, 2. Dezember 2009

Das Schneckenhaus



In der hönweis Wolframs.


4. April 1536.

1.

Eschylus der poete
war in Sicilia,
Gieng an des mers gestete
und setzet sich alda
In ein blumreiche wiesen
mit bloßem haubte frei,
darin im solt zufließen
die kunst der poetrei.

2.
In hohem luft herfluge
ob im ein großer ar,
Der ein schneckenhaus truge
welches sein speise war.
Als unter sich blickt ere,
sach das kal haubt allein,
vermeinet er, es were
ein weißer kieselstein,

3.
Und das schneckenhaus *) warfe
auf das kal haubt herab;
Traf Eschylum so scharfe,
das er sein geist aufgab –
Valerius tut schreiben.
daraus man wol erfert
das sprichwort war beleiben:
eim sei sein tot beschert.

Hans Sachs

*) Der Legende nach wurde Aischylos durch eine Schildkröte erschlagen, die ein Greifvogel aus der Höhe fallen ließ.

Montag, 30. November 2009

Who claims the fable …

I no man call an ape or ass;
‘This his own conscience holds the glass.
Thus void of all offence I write.
Who claims the fable, knows his right.

John Gay

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Die 37. Fabel: Vom Fuchs, Hasen und Luchs


Es bgab sich einst umb die fasnacht,
Der fuchs seim son ein hochzeit macht,
Dieweil ern lang het laßen lern
Und in der hohen schul studiern,
Daß er in sachen vor dem rechten
Mit listen sich wol kunt verfechten.
So wust er sich alls dings zerinnern,
Sondrlich wenn er predigt den hünern.
Nam ein von seiner freundschaft nah,
Genant die schön Vulpecula.
Man nennt in herr licentiat;
Drumb er auch dest mer geste bat
Und schrieb derhalb auch allen tieren,
Daß sie kemen bei drein und vieren
Zu seines sones höchsten eren
Und mit den füchsen frölich weren.
Dahin ward auch der luchs betagt,
Dem hasen wards auch angesagt.
Die beide wonten bei einander,
Drumb woltens mit einander wander
Und zur hochzeit kommen bei parn,
Weil ir bhausung beinander warn.
Da sprach der luchs: »Hör, was ich sag,
Wir ziehen auf den hochzeittag,
Da uns der fuchs tet hin betagen:
Drumb wil ich dir mein meinung sagen.
Es ist jetzt ebn umb die fasnacht,
Daß jederman zeucht an die jagt
Und tun uns armen tiern nachstellen,
Mit iren hunden uns zu fellen.
Drumb sag ich dir, wenns dazu kem
Und uns das unglück undernem,
Daß an uns kemen mit den hunden
Und uns zu fahen understunden,
So müstest warlich nit verzagen
Und an die feind ein rüpflin wagen,
Auf daß wir uns gar weidlich weren:
So wölln wir bsten mit allen eren.«
Da sprach der has: »Wenn ichs nit tet,
Gar kleine er desselben het
Und wer des hofes groß unzucht,
Würd mir gerechnet zur feldflucht.
Drumb hab desselben keinen zweifel;
Ja, wern die hund auch halbe teufel,
So sollens doch an uns nit han,
Ich wil ir fünf allein bestan.
Das glob ich dir bei leib und leben;
Sihe da, wil dir mein hand drauf geben.«
Er sprach: »Ich wil mich drauf verlaßen.«
Sie zohen hin allbeid ir straßen
Die ganze nacht durch einen wald.
Am morgen frü kamen sie bald
Auf eine wisen lang und breit,
Da man sich kunt umbsehen weit.
Gleich in der mitten war ein rein
Und daselben ein hecken klein:
Da enthielt sich das mal ein jäger
Mit seinen hunden in dem läger,
Er ward gewar des luchs und hasen:
Er hetzt die hund, das horn tet blasen.
Da wurdens plützlich umberingt,
Ein jeder auf die tierlin springt.
Der luchs wert sich, so best er mucht;
Der has wendt sich und gab die flucht,
In reut gar bald der vorig kauf
Und steckt das hasen bannier auf,
Gab sich zu holz den berg hinan,
Mit not den hunden kaum entrann.
Da ward dem luchs sein haut zerbißen
Und so gar jemerlich zerrißen,
Daß er noch heut zu disen stunden
Hat die blutflecken und die wunden
Geheilet und verwunden nicht,
Wie man auch teglich an im sicht:
Wird im auch nimmer wider ganz.
Dazu ließ er den halben schwanz;
Zuletzt das leben rettet kaum,
Entfloh auf einen hohen baum,
Biß daß der jäger auch abzoch.
Der luchs saß lang und sahe im noch;
Darnach stieg auch vom baum ernider
Und auf den weg begab sich wider,
Kam noch den tag zum Reinhart fuchs.
Entpfieng herrlich denselben luchs
Und sprach: »Wie bistu so ganz flecket
Und überall dein haut so schecket?
Weiß nit, ists farb oder ist es blut?
Oder kleidst dich dem breutgam zgut?«
Der luchs erseufzt, hub an und sagt,
Gar kleglich übern hasen klagt,
Verzelt die gschicht von end zu ort.
Da sprach der fuchs: »Hast nie gehort:
Von anbegin das gschlecht der hasen
Mit iren ohmen, vettern, basen,
All ir vier ahnen und geschlecht
Han nie gehandelt billch und recht?
Weistu noch nit des hasen art?
Im ernst noch nie bestendig wart,
Wiewol sie schweren, vil geloben,
Das sie nit willn zu halten haben.
Drumb wil ich dir ein urteil sagen:
Das zeichen solt dein lebtag tragen,
Uber deinen balk die blutflecken,
Alln hasen zum ewigen schrecken,
Daß sie sich für dir förchten sollen.
Sie sein so stolz sie immer wollen,
Wenn sie das zeichen an dir sehen,
Sich erinnern, was sei geschehen,
Und wo du einen überkümst,
Daß du im bald das leben nimst,
Und er sich vor dir förchten muß:
Das sol sein aller hasen buß.«
Beim hasen merken wir die gsellen,
Die fünf und zwenzig fahen wöllen:
Wenns etwan sitzen bei dem wein,
Daselb die besten krieger sein
Mit fluchen, schweren, sein unfletig,
Gar vermeßen und rumretig;
Wenns aber zu dem treffen kümt,
Dann findt sichs, was sie han gerümt,
Erzeigt sich ir manlicher mut,
Bestet wie butter an der glut.

Burkard Waldis
Esopus.
Erster und zweiter Theil
Band 2, Leipzig 1882

Freitag, 31. Juli 2009

Ein Phönix soll man sein

Ich will ein Phönix sein und mich in Gott verbrennen,
Damit mich nur nichts mehr von ihme könne trennen.

Angelus Silesius
1624- 1677

Donnerstag, 30. Juli 2009

Wenn der Phönix ist bejahret ...


Wann der Phönix ist bejahret und nimmt an den Kräften ab,
Bauet er von Zimmetrinden für sich selbst ein Flammengrab.
Auf des höchsten Berges Spitzen
Soll er im Gewürze sitzen,

Mit dem schwarzen Trauerkleid angethan, und doch erfreuet,
Daß der holden Sonne Glanz ihn durch ihren Brand erneuet,
Weil er ihre Flammen liebt,
Die ihm todt das Leben giebt.

Also soll ein jeder Christ seine Sünden legen ab,
Und des alten Adams Fleisch gleichsam tragen in das Grab;
In der Trübsal Dornenspitzen
Soll er rein und reuig sitzen,

So wird ihn der Gnadengeist und die Himmelsglut erfreuen,
Daß er sich mit Seel' und Sinn, wie der Phönix, wird erneuen,
Weil er eine Flamme liebt,
Die des Lebens Leben giebt.

Donnerstag, 16. Juli 2009

Äsops Herkunft und Aussehen

Esopus ist aus Phrigia,
Geborn vom fleck Amoria,
Ein gekaufter knecht leibeigen;
Doch tet sich sein gemüt erzeigen,
Als wer er frei und unverrückt,
Zu aller weisheit wol geschickt.
Ward doch von jederman veracht;
Das macht, daß er so ungeschlacht
Von leib: am hals het er ein kropf,
Ein großen, schwarz spitzigen kopf,
Ein breite nasen, große lefzen,
Die stetes von einander glefzen,
Ein kurzen hals und großen bauch
Gleich wie ein aufgeblasner schlauch,
Ein großen puckel auf dem rucken,
Derhalb er sich must stetes bucken.
Das bösest, so er an im het,
War böse sprach, langsame red,
Stamlet mit heiser, böser sprach:
Solchs war das gröste ungemach.
Wie er von leib nun ganz und gar
Ungstalt und so gar scheußlich war,
Het er doch solch verstand und gmüt,
Welchs schon in aller weisheit blüt,
Also verstendig und erfündig,
Zu allem gedicht gar ausbündig,
Daß im von allem nichts entstünd,
Welchs er nit het ausforschen künt.
Jedoch genoß er des gar selten,
Must stets seinr misgestalt entgelten. –

Burkard Waldis
(1490 - 1556)
aus: Das Leben Esopi

Mittwoch, 1. Juli 2009

Die Eüle und die Elster


Die Eüle saß in einer hohlen Kluft,
In welcher sie mit klugem Auge wachte,
Und hörte da wie in der freyen Luft
Auf einem Baum die Elster sie verlachte.
Du Nachtgespenst, so sprach die Plaudrerinn,
Du Schattenfroh, der keine Sonne kennet!
Wie daß der Mensch dich voller Eigensinn
Der Weysheit Bild, Minervens Vogel nennet?
O tummer Wahn! der die für weyse hält,
Die für und für im dunkeln Schatten sitzen.
Du Döhrichte! was nützest du der Welt?
Was mag sie dir in deinem Kerker nützen?
Nein! meinen Leib belebt ein andrer Sinn.
Ich freüe mich der holden Sonnenblicke;
Und, weil ich noch bey guten Tagen bin,
So leid ich nicht, daß mich ein Grab ersticke.
So machte sich die Plaudertasche groß.
Doch, als ihr Lied zu lange sich verweilet,
So hatte sie mit einem grimmen Stoß
Der Vögel Prinz, der Adler, schnell ereilet.
Er riß sie weg. Die Eüle rufft ihr zu:
Erkennst du nun, wer besser oder schlimmer
Von uns getahn? Denn, wahrlich hättest du,
Wie ich, gelebt, so lebtest du noch immer