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Montag, 21. Dezember 2015

Der Geier und die Taube

Blutgierig rupfte einst ein Geier eine Taube,
Und sprach zu ihr:
»Du dummes Thier!
Du hassest mich: ich weiß es schon;
Dafür empfang‘ nun deinen Lohn!
Du bist und bleibest mein, und dienest mir zum Raube
Die Götter sind gerecht!« – »O möchten sie es seyn!«
Fällt drauf die Taube, zu dem Himmel blickend, ein. –
»Wie!« – ruft der Geier nun – »Tod und Verderben!
»Jetzt mußt du schonungslos, Verruchte! sterben;
Ich hätte dir aus Mitleid noch verzieh’n;
Nun winkt die Rache, Gottesläugnerin!«

Claris de Florian

Mittwoch, 8. April 2015

Die beiden Kahlköpfe


In einem Winkle glänzt ein Stückchen Elfenbein.
Zwei Kahlköpfe, die es gerade sehen, schrei’n:
»Dieß ist ein Fund für mich!« Sie streiten hin und her,
Zuerst mit Worten, dann mit Fäusten, ja noch mehr,
Sie raufen sich sogar die wen’gen Haare aus;
Doch kommt der Sieger nun nach heißem Kampf nach Haus
Und will sich freun an der errung’nen Beute,
Erblickt er einen Kamm zu seinem Leide!

frei metrisch bearbeitet von
Conrad Samhaber
kgl. Kreis- und Stadtgerichts-Rahte zu Fürth
München, 1834

Mittwoch, 14. November 2012

Jupiter und Minis

»Was führt so Viele zu der Hölle Abgrund hin?« –
Sprach Jupiter zu Minis einst . »Sucht nach Gewinn?«
»O nein! dem Müßiggang allein
Kann man mit Recht die Unheil zeih’n!«


Jean-Pierre Claris de Florian
frei metrisch bearbeitet von
Conrad Samhaber
kgl. Kreis- und Stadtgerichts-Rahte zu Fürth
München, 1834

Samstag, 22. September 2012

Der Löwe und der Leopard

Auf weiter Ebne herrschte einst mit königlicher Pracht
Ein Löwe unbeschränkt in seiner Würde hoher Macht;
An sein Gebiet stößt nun zunächst ein großer Hain,
Und gerne möchte er Besitzer davon seyn.
doch zu gefährlich hat es ihm geschienen,
Deßwegen einen krieg selbst zu beginnen;
Denn eines Leoparden Eigenthum
Ist dieser Hain, und um ihn rings herum,
Wo sich die Gränzen beider Höfe scheiden,
hat ihren Sitz der Panther und der Bären wilde Schaar,
Und, einen Kampf mit diesen zu vermeiden,
Befiehlt dem Lösen seine Klugheit; dieses ist wohl klar.
Allein was ist hier anzufangen,
Um doch zum ziele zu gelangen?
Die List muß hier den Ausweg zeigen.
Ein alter Fuchs, durch seine Schlauheit längst bekannt,
Wird von dem Löwen zu dem Leopard gesandt,
Um einen Plan zu überreichen,
Wornach die beiden Mächte sich verbinden,
Die feinde unnachsichtlich aufzureiben,
Die in der Nachbarschaft ihr Wesen treiben.
Der Leopard nimmt freudig diesen Vorschlag an;
Der Kampf beginnt und alle Gegner finden
Nun ihren Tod; bald lebt kein Bär
Im Walde und kein Panther mehr.
Doch jetzt erkennt der Leopard auch seinen Wahn:
Und hat er oft auch Grund, sich zu beklagen,
So darf er dennoch dieses nimmer wagen,
Wenn er nicht stürzen will in seinen Tod,
Da ihm des Löwen Wuth Verderben droht.
So lernt er nun zu spät, daß Pantherthier und Bären
Am besten gegen Löwen-Macht ihm Schutz gewähren.

Florian’s *) Fabeln
frei metrisch bearbeitet
von Conrad Samhaber
kgl. Kreis- und Stadtgerichts-Rathe zu Fürth
München 1834, Druck und Verlag von George Jaquet

*) Jean-Pierre Claris de Florian

Montag, 13. Februar 2012

Das Nashorn und das Dromedar

Ein Nashorn sprach zu einem Dromedar:
„Mein Freund! es ist doch sonderbar,
Wie ungerecht das Schicksal uns behandelt;
Vielleicht vermagst du es, mich aufzuklären,
Und bist so gut, mich deßhalb zu belehren.
Der mensch, – ein Thier, zum Herrscher ausersehen,
Das stolz und mächtig einherwandelt,
Liebt euch, – und Euresgleichen stehen
Bei ihm in hohem Rang;
Er pflegt euch, nährt euch mit seinem Brod,
Euch quälet nie des blassen Hungers Noth;
Man suchet stets euch zu vermehren,
Und hält euch allenthalben sehr in Ehren.
Ich weiß zwar wohl, daß ihr auf eurem Rücken
Des Menschen Bürden tragt,
Die oft gewaltig schwer euch drücken:
Doch diesen Dienst kann auch das Nashorn ihm erweisen,
Und deßhalb braucht er euch nicht allzusehr zu preisen;
Ja, wenn ihr redlich seyd, so sagt,
Ob nicht vielleicht der Vorrang uns gebührt?
Denn seh’t nur her, welch großes Horn uns ziert,
Und welch eStärke unser Panzer hat?
Sie würden ihm sehr nützlich seyn
Beim Kampfe in des Feindes Reih’n.
Doch hasset uns der Mensch, und that
Gar nichts für uns. Drum fliehen wir,
Wenn sich uns nähert dieses Thier!“ –

„Mein Freund!“ – erwiedert drauf der Dromedar –
„Die Sache ist mir wirklich sonnenklar:
Der Mensch verlanget Dienste nicht allein,
Man soll ihm auch hübsch unterthänig seyn:
Was uns den Vorzug giebt vor Euresgleichen,
Das ist die Kunst, das Knie zu beugen!“

Jean-Pierre Claris de Florian

Montag, 26. Dezember 2011

Der Marktschreier


Ein Marktschreier, von Alt und Jung umgeben,
Bot einst mit lauter Stimme seine Ware preisend dar:
„Kauft Pulver, kauft! es gibt euch neues Leben!
Es heilet alle Schmerzen:
Wer es gebraucht, wird heiter, wenn er noch so traurig war;
Es schenket Ruh dem Herzen;
Die Alten macht es jung, die Thoren klug,
Die Häßlichen recht schön und,nicht genug,
Die Schelmen ehrlich, und zu seinem Ziel
Geleitet jeden es, wohin er will!“
Die Lobgeschrei
Zieht mich herbei:
Ich muß das Pulver seh’n: es ist bedeckt mit Laub:
Man nimmt das Laub hinweg: ich sehe nun -Goldstaub!

Jean-Pierre Claris de Florian

Sonntag, 30. Januar 2011

Der Phönix

Bildquelle: Wikipedia

An einem schönen Tage kam
Aus weit entferntem Lande
Ein Wundervogel, und man nahm,
Obschon man ihn nicht kannte,
ihn gerne auf in unserm Haine;
Man folgte hier, wie oft, dem Scheine.

Ein Phönix war es, und es eilt.
Der Vögel Schaar, ihn zu begrüßen;
Man macht den Hof ihm, wo er weilt,
Man buhlt um seine Gunst; es müssen
Selbst Neid und Bosheit eingestehen,
Daß solche Pracht man nie gesehen.

Die Federn, seiner Stimme klang,
Erfüllet Alle mit Entzücken:
M;an nennet göttlich seinen Sang,
Und eilet, ihn mit Ruhm zu schmücken,
Nur dahin geht Aller Streben,
Mit Lob und Preis ihn zu erheben.

Die Nachtigall bekennet laut,
Nie Schonern sang gehört zu haben.
Der Pfau stets auf den Phönix schaut,
Um seinen Blick an ihm zu laben.
Bewundrung füllet Aller Herzen:
An Trennung denkt man nur mit Schmerzen.

Der Phönix wird als Himmelssohn,
Als Vogel-König sehr geehret;
Mit Staunen nur spricht man davon,
Wie er, vom Feuer nicht verzehret,
Verjüngt sich aus der Glut erhebet,
Und vor der Flamme Wut nicht bebet.

Doch während man den Phönix preist,
Seufzt eine Turteltaube leise.
Der Gatte hört die, und verweist
Die Schweigen ihr auf sanfte Weise.
„Es regt der Neid sich, wie es scheint?“
„O nein!“ – erwidert sie und weinet.

„Ihr preiset dieses Vogels Glück?
Ganz anders fühle ich im Herzen:
Mich jammert nur sein Missgeschick,
und füllet mir die Brust mit Schmerzen.
Der Arme steht allein:
Wie kann er glücklich seyn?“

Claris de Florian

Dienstag, 15. Juni 2010

Hercules im Himmel


Als Hercules zum Lohne für sein edles Leben
Im Himmel eine Aufnahm' fand,
Wetteiferten die Götter in vereintem Streben,
Ihm ihre Achtung zu beweisen.
Nur Plutos reichte ihm stolz die Hand.
Darob der Held ergrimmt ihm trotzig zeigt den Rücken.

»Was störet, Freund!« – fragt Zeus – »so mächtig dein Entzücken?«
»Warum erzürnst du dich, wenn Plutos naht?«
»Ich lernt' ihn kennen auf des Lebens Pfad,
»Und traf auf meiner ird'schen Bahn
»Ihn beinah stets bei schlechten Leuten an"«

Jean-Pierre Claris de Florian

Sonntag, 17. Januar 2010

Myson



Myson war einst in Griechenland
Als weiser Mann weithin bekannt.
Er war zwar arm, doch sehr zufrieden,
Gesellschaft ward von ihm gemieden,
Und fern in einem dunkeln Hain
Lebt er der Wissenschaft allein.
Es herrschte ringsum tiefe Stille,
Die nur er selbst durch lautes Lachen
Bisweilen unterbrach.
Man staunte über diese Grille,
Und kam zu ihm, um ihn zu fragen
Wie er in seiner Lag’,
Ganz einsam und allein,
So munter könne seyn?

»Ei, Freunde!« – sprach er –
    »dieses will ich euch wohl sagen;
Gerade weil ich einsam bin, kann ich so lachen!«


Jean-Pierre Claris de Florian
aus: Florians Fabeln
frei metrisch bearbeitet
von Conrad Samhaber,
kgl. Kreis- und Stadtgerichts-Rathe zu Fürth
München 1834

Mittwoch, 23. Dezember 2009

Die Elster und die Taube



Einer Taube war es eingefallen,
Neben einer Elster ihren Sitz
Aufzuschlagen; doch, ein Bild zu malen,
Wie sie lebten, ist zur Zeit unnütz.
Freilich sonderbar
War die Wahl, fürwahr!
Doch man kennet ja der Taube Witz.


Liebe herrschte nur im Nest der Taube,
Und Zufriedenheit und stilles Glück;
Bei der Elster schreit man stets vom Raube
Ihrer Eier und von Mißgeschick.
Auf die Nachbarin
Kehrt die Taube hin
Ungern nur den liebevollen Blick.


Wenn die Elster Schläge von dem Gatten
Als der Liebe Unterpfand bekam,
Wenn sie Zank und Streit zusammen hatten,
Eilet sie sogleich, von Schlägen lahm,
Zu der Taube, klagt,
Was sie oft gesagt,
Schimpft und weinet laut vor bitterm Gram.


Ihres Gatten Fehler herzuzählen,
Macht ihr Freude, und sie nennt ihn roh,
Stolz und hart; wenn er sie könne quälen,
Wie es ihm gefalle, sey er froh;
Nebstdem plag’ ihn noch
Eifersucht und doch,
Wenn er eine Krähe sähe, so …


Doch genug! mit hundert solchen Sachen
Fällt sie ihrer Nachbarin zur Last
Und sie hört beinah nicht auf zu klagen.
»Aber« – fragt darauf die Taube – »hast,
Freundin! du nicht auch,
Wie es ist der Brauch
In dem Leben, deiner Fehler Last?«


»Ei, gewiß! ich will sie dir bekennen
Leichtsinn, Eitelkeit, bisweilen Zorn« –
»Dies ist also eurer Zwietracht Born?«
Spricht die Taube drauf;
»Gib das Klagen auf;
Deine Laune reizt den Mann zum Zorn.«


»Wie, was muß ich hören? meine Launen,« –
Fällt darauf ergrimmt die Elster ein, –
»(Ueber deine Frechheit muß ich staunen) –
Sollten Schuld an meinem Elend seyn?
Fort, hinweg von mir,
Geh’, du dummes Thier!
Zu den Tauben ein,mich laß allein!«
*
Man bekennt nicht selten seine Schwächen!
Andre sollen dann uns widersprechen!

Jean-Pierre Claris de Florian
frei metrisch bearbeitet von:
Conrad Samhaber
München, 1834

Freitag, 24. Juli 2009

Jean-Pierre Claris de Florian

Bildquelle: Wikipedia

Jean-Pierre Claris de Florian wurde am 6.3.1755 in Sauve, Frankreich geboren. Als Dichter wurde er vor allem für seine Fabeln, die in der Tradition von Jean de La Fontaines standen, bekannt. Er schrieb aber auch Dramen, Novellen und Lieder, darunter das berühmte Plaisir d’amour. Sein Onkel Voltaire protegierte ihn bereits seit seinem 10 Lebensjahr. Zunächst trat er als Page in die Dienste des Herzogs von Penthiévre ein, der ihn später zum Dragonerkapitän ernannte und zum Chevalier de Florian erhob. Mit 33 Jahren wurde er bereits Mitglied der Académie française. 1779 debütierte er mit einem Theaterstück, dem weitere folgten. 1792 erschienen seine »Fables«. Vor der französischen Revolution flüchtete er 1793 nach Sceaux, wurde aber verhaftet und in die Pariser conciergerie gebracht. Er starb jedoch am 13.9.1794 wenige Tage nach seiner Befreiung an den Folgen der Haft.

Horst-Dieter Radke