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Dienstag, 7. August 2012

Der Luchs


Der Luchs rühmte sich vor allen Tieren seiner mittelmäßigen Kraft und seines starken Auges.

Ein Mann, der es hörte, antwortete ihm: »Du hast nur zuviel Aug' für deine mittelmäßige Kraft.« Der Luchs glaubte das nicht und sagte: »Mein starkes Auge ist bestimmt das, was ich bei der Mittelmäßigkeit meiner sonstigen Kraft vorzüglich bedarf zu ersetzen.«

Der Mann staunte einen Augenblick ob dieser Antwort und sagte dann: »Ich fühle, du sagst eine große Tierwahrheit; aber für die Menschen ist das Gleichgewicht der Kräfte der Probestein der Zuverlässigkeit.«

Johann Heinrich Pestalozzi

Mittwoch, 21. Dezember 2011

Der Teufel und die doppelte Tierkraft

Bildquelle: Wikipedia

Der Löwe stritt einst mit der Schlange, wer von beiden eines höhern Geschlechts sei. Der Löwe sagte: »Der große Jupiter schuf mir hinter meinem Rachen eine sorgenfreie Brust.« Die Schlange antwortete: »Und mir gab er eine Kraft zu töten, die keinen Schein hat, und eine Wohnung, zu welcher niemand kommen kann.«

Der Teufel hörte ihr Gespräch und sagte zu sich selber: »Bei meiner Hölle, wenn die Kräfte, die in diesen zwei Tieren liegen, in einem einzelnen vereinigt wären, ich hätte vor diesem fast soviel als nichts zum voraus.«

Ein Mann, der dieses Gespräch hörte, sagte: »Wenn der Teufel diese doppelte Tierkraft unter den Menschen gesucht hätte, so hätte er sie hie und da ganz gewiß vereinigt gefunden.« Er setzte dann noch hinzu: »Aber Gnade Gott einem jeden Menschen, der unter die Hände einer dieser vereinigt gedoppelten Tierkraft zu fallen das Unglück hat.«

Heinrich Pestalozzi
Nr. 70 (PSW 11, S.138)

Samstag, 4. Dezember 2010

Nr. 12: Der Sturm und die Schneeflocke



Der Sturm brach hier und dort einen Ast von den Bäumen, aber da er nachließ, fiel ohne ein Lüftchen, ein Schnee, dessen kleine Flocken tausend Äste von den Bäumen brachen, gegen einen, den der Sturm abriß. Es ist ein altes Sprichwort: Stille Wasser fressen auch Grund. Darum verachte die klein scheinende Kraft nicht; der Regentropfen, der von der Rinne fällt, durchlöchert den Felsen.


Heinrich Pestalozzi

Sonntag, 1. März 2009

Der Fuchs erklärt das Wort Usurpation

Als dieses Wort durch widerliche Umstände auch unter den größeren Tieren zur Sprache kam, fragte König Löwe, was es auch eigentlich bedeute.

"Sire!" antwortete der Fuchs, "es ist in seinem Wesen nichts anderes als eine abscheuliche Folge der irrigen und gefährlichen Lehre von einem Krautfresserrecht, dem man uns, die wir keine sind und keine sein wollen, wider unsere Natur und wider unsern Willen zu unterwerfen sich freventlich anmaßt."

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Das ist freilich eine einseitige Zeiterklärung, derenthalben es ein großes Unglück wäre, wenn ihre Ursachen auf unserem Wohnplatz vergessen und so lange die Welt steht, nicht mehr zur Sprache kommen würden. Das aber ist nicht zu fürchten. Die diesfälligen Irrtümer sind nur vorübergehende Zeitirrtümer, und ebenso ist die diesfällige Blindheit selber nur eine vorübergehende Zeitblindheit; und es ist Welterfahrung, eine Zeit sticht der anderen den Star, und, gottlob, fallen die Schuppen von dergleichen Irrtümern den Völkern gar oft von den Augen, ehe es noch not tut oder auch nur noch zu wünschen wäre, daß die Vorsehung ihnen darüber den Star selber stechen möchte.

Johann Heinrich Pestalozzi

Mittwoch, 3. September 2008

Die Spinnengerechtigkeit



Auch die Spinne wollte einst gerecht sein und sagte der Besenfrau, welche alle Wochen einmal ihr Haus in den Staub legte, sie sei gewiß kein so böses Geschöpf, als man sie allgemein dafür halte; es sei freilich wahr, sie empfinde nicht alles immer richtig, was an den äußersten Spitzen ihrer langen Spindelgebeine vorgehe. Und wenn sie zuzeiten genötigt sei, ein unglückliches Tier wegen Frevel und Unruhe zu ihrem Haupt bringen zu lassen, so sei sie ganz unschuldig, wenn ihre gefühllosen Fingerspitzen ein solches Tier etwa zu hart in die Klauen fassen.
Heinrich Pestalozzi

Samstag, 24. Mai 2008

Deutsche Fabeln des 18. Jahrhunderts

Hrsg. v. Manfred Windfuhr
Reclam, Stuttgart

Einen guten Querschnitt durch die deutsche Fabeldichtung des 18. Jahrhunderts bietet dieses kleine Reclambüchlein auf rund 130 Seiten. Es wird seit 1980 wieder und wieder aufgelegt - nicht zu unrecht, denn um eine derartige Sammlung zu bekommen würde man sich heute schwer tun (auch finanziell). Lessings Fabeln sind allenthalben noch zu haben. Gellert und Gleim vielleicht auch noch, wenn auch wesentlich schwerer. Aber wer kennt noch einen Daniel Wilhelm Triller oder Johann Ludwig Meyer von Knonau? Besonders lesenswert die sechs Fabeln von Johann Heinrich Pestalozzi, von denen einige schon kleine Erzählungen sind und die der Pädagoge ohne erhobenen Zeigefinger zu präsentieren weiß.
Horst-Dieter Radke