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Sonntag, 17. März 2019

Apfel und Birne

„So rot und prächtig möchtest du wohl auch einmal aussehen“ sagte der Apfel stolz zur Birne. „Schau einmal, wie ich glänze und alle anlache, die mir entgegen treten. Dagegen hängst du unproportioniert und mit dickem Bauch am Baum und hast allenfalls eine verschämte Röte zu zeigen.“
„Aber so saftig und süß innen drinnen wie ich wirst du wohl nie sein. Vorher frisst dich die Fäulnis auf!“ konnte die Birne gerade noch antworten, bevor eine Kinderhand sie vom Baume riss und an den bereits geöffneten, erwartungsvollen Mund hob.
Horst-Dieter Radke

Freitag, 2. Februar 2018

Die Fabel vom Raben und den Elstern

Nach einer alten Volkserzählung.


Es war einmal ein betagter, schon ein wenig räudig gewordener Rabe. Er hieß Jakob. Jakob lebte ganz allein in Mitten des großen Waldes, weshalb all die anderen Vögel ihn für reichlich seltsam befanden. Besonders die jungen Elstern flogen oft den weiten Weg zu seinem Nest – aus sicherer Entfernung lachten sie über ihn, nannten ihn Hinkebein oder Schlimmeres. Jakob tobte, schimpfte und flatterte, doch die frechen Elstern waren zu schnell für den armen, alten Vogel.
So ging es Jahr für Jahr, doch eines Tages, da rief Jakob: „Krahkrah, ich hab feinstes Silber und Geschmeide für euch!“ Die jungen Elstern horchten auf. „Was willst du dafür?“, krähten sie höhnisch zurück. „Schenk uns ein silbernes Messer, dann lassen wir dich einen Tag in Frieden. Schenk uns ein funkelndes Gedeck, dann bleiben wir eine Woche fern.“ „Aber im Gegenteil!“, krächzte der Rabe. „Ich schenke euch ein glänzendes Messer, auf dass ihr jeden Tag kommt. Ihr kommt nun täglich und verspottet mich. Zum Dank erhaltet ihr heute ein Messer, morgen ein Armband und übermorgen wieder ein Messer.“
Die Elstern lachten sehr über den dummen Narr. Von nun an kamen sie täglich, beschimpften ihren Gönner und erhielten ihre Gabe. Doch nach kaum einer Woche, da erklärte Jakob: „Ihr wisst, ich bin nur ein armer, alter Vogel, drum bitte ich euch: Kommt weiter täglich, beschimpft mich kräftig, doch ich kann euch nun nur noch jeden zweiten Tag ein Geschenk geben.“ Die Elstern sahen einander aus ärgerlich glänzenden Augen an: „Den weiten Weg für alle zwei Tage ein Teelöffelchen? Aber nur weil du es bist.“
Sehr mürrisch kamen sie nun und als der Rabe nach kaum einer weiteren Woche gestand: „Ich habe nichts mehr, dass ich euch schenken könnte. Doch ich bitte euch, kommt weiter.“, da sagten die Elstern zu einander: „Das kann er doch nun wirklich nicht verlangen! Den langen Weg, die Lungenkraft, die Zeit, die uns das täglich kostet und wofür? Nur für den zum Gefallen? Also, nein, das geht nun wirklich nicht.“ Und zu Jakob sagten sie: „Nein, das tut uns leid. Melde dich einfach bei uns, wenn du wieder zahlen kannst, dann kommen wir gern und beschimpfen dich. Bis dahin, Lebewohl.“
Und so lebte der alte Rabe von jenem Tag an ungestört.

Samstag, 13. Januar 2018

fabuloes als Buch


Nun gibt es »fabuloes« nicht nur als Blog, sondern auch als Buch und E-Book. Das Schönste aus den mehr als 1.300 Postings dieses Blogs themenorientiert zusammengestellt. Während der Blog nach wie vor gut zum stöbern ist, lädt das Buch zum schmökern ein. Natürlich wird der Blog weitergeführt. Fabeln, Parabeln und fabelhafte Beiträge gibt es noch genug.

Montag, 8. Mai 2017

Die Fabel von der Zecke

Gib mir dein Blut, sagte die Zecke und biss sich in den Igel. Dem war das unangenehm, aber er kam nicht an den Blutsauger heran. Seine eigenen Stacheln verhinderten dies. Als sie vollgesogen war, ließ sich die Zecke erleichtert fallen, um gleich darauf von einem Raben aufgepickt zu werden. Igel und Rabe freuten sich beide; der eine, weil er die Zecke los war, der andere, weil er sie hatte.

Horst-Dieter Radke

Donnerstag, 9. Februar 2017

Kater und Sperling


Es flog ein Sperling auf die Düngerstätte eines Bauern. Da kam der Kater, erwischte den Sperling, trug ihn fort und wollte ihn verspeisen. Der Sperling aber sagte:
»Kein Herr hält sein Frühstück, wenn er sich nicht vorher den Mund gewaschen hat.«
Der Kater nimmt sich das zu Herzen, setzt den Sperling auf die Erde hin und fängt an, sich mit der Pfote den Mund zu waschen – da flog ihm der Sperling davon. Das ärgerte den Kater ungemein, und er sagte: »Solange ich lebe, werde ich immer zuerst mein Frühstück halten und dann den Mund waschen.«
Und so macht er es denn bis auf diese Stunde.

Anonymer Autor

Montag, 5. Dezember 2016

Wie aus dem Wolf was Nützliches wurde


Jetzt aber raus, dachte sich der Wolf und sprang aus dem Fenster, bevor der
Jäger ihn sah. Wat is los? Steht da plötzlich so ein kleines Mädchen
mitten aufm Weg vor ihm.
"Hömma, jetz is Schluss mitten auffressen vonnne Omas anderer Leute."
"Äh" sagte er Wolf. Dat Mädchen wedelte mit sonnen Stab inne Luft, und ratzfatz war dat Untier weg un stattdessen stand da wat ganz nützliches vor ihr aufm Weg. Steckt sie inne Tasche und macht seitdem lecker Spritzgebäck mit dem Wolf, durch den sich allet drehen ließ. Auch Plätzkenteig. Der alte Wolf, innen drin, dreht immer noch durch.

Amos Ruwwe

Montag, 14. November 2016

Der Nagel


»Ewig halte ich Euch schon«, sagte der Nagel zu den Brettern. »Ich bin es nun leid.« Damit lockerte er sich, die Bretter brachen auseinander und der Nagel fiel zu Boden. Er rollte in eine Ritze, versteckte sich, und seufzte erleichtert auf, nun bar aller Verpflichtungen zu sein. Doch die Erleichterung schwand mit der Zeit. Feuchtigkeit machte sich in der Ritze breit, Rost fraß an ihm. Mehr und mehr spürte er seine Vergänglichkeit. »Bretter, wo seid ihr?« rief er. »Ich komme zurück und halte euch wieder!« Doch seine Rufe verhalten ungehört. Die Bretter hielt längst ein anderer Nagel.

Horst-Dieter Radke

Sonntag, 18. Oktober 2015

Fabel vom Storch und dem überschlauen Wolf


Ein Storch landete nach seinem langen Flug von Afrika entkräftet und müde neben dem Teich auf der großen Wiese. Sofort schlief er ein. Ein Wolf, der im Vorbeikommen den Storch sah, überlegte kurz, ob er ihn fressen sollte. Mit einem Blick auf die quakenden Frösche im Teich sagte er: Nein, den dürren, mageren Vogel mag ich mir jetzt nicht einverleiben. Ich warte noch ein bisschen, bis er sich wieder Fleisch an die Knochen gefressen hat. Dann wird er mir eine gute Mahlzeit sein.

Als der Storch am nächsten Tag erwachte und die Frösche im Teich hörte, begann er sofort, sich die besten herauszusuchen und zu verschlingen. Bald war er wieder kräftig und stand gut im Fleisch. Dem Wolf lief das Wasser im Mund zusammen, als er den Storch so sah. Er lief hin und wollte ihn fressen. Allein der Storch hob in aller Seelenruhe ab, flog noch ein paar Runden über dem Teich, in dem nur nur noch vereinzelt Frösche quakten und zog weiter. Der Wolf hatte das Nachsehen.

Horst-Dieter Radke

Samstag, 17. Oktober 2015

Von der Libelle, dem Frosch und dem Storch



»Du bist zu Höherem geboren«, sprach die Libelle, gerade aus dem so engen Puppenleib geschlüpft, zu sich selbst und stieg am Schilfhalm bis zur Spitze empor.
»Sie ist zu Höherem geboren, sagt sie«, sinnierte darüber der Frosch, die Augen fest auf das Insekt gerichtet. »Das verspricht ja ein Festmahl zu werden.«
»Stimmt«, ließ sich der Storch vernehmen und schnappte sich den Frosch just in dem Moment, als er auf dem Sprung zur Libelle war.

Und die Moral: Hör nicht auf dein Essen, wenn es spricht.

Wolf P. Schneiderheinze

Mittwoch, 12. August 2015

Fabel von der kleinen Porzellantänzerin

Die kleine Porzellanfigur, das Mädchen als Tänzerin auf den Zehenspitzen des linken Beins stehend, das andere nach hinten weggestreckt, die beiden Arme seitwärts haltend um das Gleichgewicht auszubalancieren, war es leid, Tag für Tag so auszuharren und darauf zu warten, das erstaunte Ausrufe dafür sorgten, sie aus dem Schrank zu nehmen, herumzureichen und unter bewundernden Bemerkungen von Hand zu Hand zu reichen bis das letzte Paar sie dann sorgsam zurück in den Schrank stellte und die Glastür schloss, rief endlich die Fee der kleinen Wunder und bat, als diese erschien und ihr einen Wunsch zusprach, aus der Starre erlöst zu werden, was die Fee ihr auch umgehend erfüllte, wobei die Porzellantänzerin um ein Haar gestürzt wäre, denn ohne die Steifheit des Materials war es nicht so leicht, das Gleichgewicht zu halten, so dass sie zunächst ein wenig umher ging, um sich an die neue Situation zu gewöhnen, was ihr bald gut gelang, sodass sie erneut probierte, auf den Zehen des linken Beines stehend die Tanzhaltung einzunehmen, was auch nach einer Weile ging, nur nie für lange, weshalb sie am Morgen traurig und resigniert neben dem Sockel saß, auf dem sie früher so prächtig gestanden hatte und der Diener, der in den Raum trat um ihn für die Gesellschaft herzurichten rief, das sie kaputt sei und sofort ersetzt werden müsse, wonach gleich ein junger Kerl gerannt kam, sie griff, in einen Korb warf, eine neue Porzellantänzerin hinstellte und die alte aus dem Raum trug, zuletzt auf den Müll warf, weil ein trauriges Mädchen niemand gerne sehen möchte und womit bewiesen wäre, das Wünsche gut überlegt und nicht schnell ausgesprochen sein sollten.

Horst-Dieter Radke

Montag, 27. Mai 2013

Der alte Hahn


Ein Hahn spielte sich ständig vor seinen Hühnern auf, wie schön er doch sei, was für einen prächtigen Kamm er hätte und wie viele er nacheinander auf der Stange beglücken könne. Die Hühner mochten das schon lange nicht mehr hören. Als die Bäuerin auf den Hühnerhof kam und suchend um sich sah, wussten die Hennen sofort, worum es ging: Sie suchte eine von ihnen für die Suppe. Geistesgegenwärtig liefen alle auf den jungen Hahn zu, der abseits in der Ecke stand, weil er vom alten Hahn immer weg gehackt wurde. »So ist das«, sagte sich die Bäuerin, »der alte Gockel schafft es nicht mehr. Ja, ja, das kenne ich. Na, für die Suppe wird er noch taugen.« Sie griff sich den Hahn, drehte ihm den Hals um und verschwand. »Das hat er jetzt davon«, sagte die weiseste der Hennen. »Erst schwillt ihm der Kamm und dann ist er nur noch für die Suppe gut.«

Horst-Dieter Radke

Donnerstag, 25. April 2013

Schnecke und Wühlmaus


Eine Schnecke traf die emsigen Wühlmäuse als sie ihre Gänge gruben und fragte verwundert: „Ihr macht euch jedes Mal aufs Neue so viel Arbeit, aber meistens halten die Gänge ja nicht lange! Warum macht ihr das?“
„So viel Arbeit?“  antwortete eine Maus und die umherstehenden lachten lauthals.
„Das ist doch keine Arbeit,“ sagte die erste. „Das macht uns Spaß. Wir bauen Gänge, ab und zu schauen wir nach draußen und schieben die Erde etwas raus, knabbern an leckere Wurzeln und wenn wir eine Pause machen, liegen wir in unseren Nestern. Wenn ein Gang hier und da zusammenbricht, dann machen wir gerne wieder einen Neuen.“
„Das macht Spaß?“ Die Schnecke zog ihre Fühler verärgert etwas zurück, „sinnloses Tun ist das!“
„Wenn wir sehen, wie schwer du an deinem Häuschen trägst, das wäre nichts für uns. Das ist doch lästig, immer das Haus auf dem Buckel zu haben. Ohne Haus auf deinem Buckel könntest du auch wie wir, schneller deiner Wege gehen!“
Die Schnecke zog sich beleidigt in sein Haus zurück und dachte so bei sich: „Ein eigenes Haus zu haben ist doch immer schön. Manchmal aber ist es schon hinderlich, da haben die Mäuse recht.“
Spaß haben ist die eine Seite der Medaille, die andere: Alles kann auch hinderlich sein.


Dienstag, 23. April 2013

Das Freundschaftstreffen


Schon lange herrschte tiefe Feindschaft zwischen den Völkern der Hunde und der Katzen. So lange schon, dass man auf beiden Seiten gar nicht mehr wusste, wodurch dieser Streit denn entstanden sei. Und so wurde eines Tages beschlossen, von beiden Seiten je einen Delegierten zu entsenden, damit diese auf neutralem Boden verhandeln konnten und damit endlich Frieden einkehre.

Auf Seiten der Hunde wurde ein prächtiger Bernhardiner auserwählt, der für seine Freundlichkeit und Geduld weithin bekannt war, während die Katzen einen weisen, schwarz und braun gefleckten Kater entsendeten. Die beiden Unterhändler trafen sich auf einer schattigen Waldlichtung, und um seine friedvollen Absichten auszudrücken, hob der Bernhardiner die rechte Vorderpfote und blickte sein Gegenüber treusorgend an. Der Kater jedoch glaubte, der Hund wolle zum Angriff seine Krallen zeigen und sprang entsetzt zurück. Dann aber erinnerte er sich der Wichtigkeit seiner Aufgabe und ließ, um den Gegner vielleicht doch zu besänftigen, ein schmeichelndes Schnurren ertönen, was der Bernhardiner nun seinerseits als bösartiges Knurren empfand.

Tief enttäuscht über soviel Tücke und Gemeinheit trennten sich die beiden Delegierten, die Katze fauchend und der Hund mit gefletschten Zähnen. Wieder zu Hause berichteten beide, dass mit der Gegenseite, trotz besten Willens, keine Verhandlungen möglich seien, und beide Völker wussten nun wieder, warum sie einander hassten.


Montag, 22. April 2013

Die Tagediebin



Sie hat vergessen, warum sie in diese Stadt mit dem nach Schweiß und gasigem Atem, nach faulenden Hölzern stinkenden Fluß und den engen Straßen gezogen war.

Sofia wohnt in einer Pension. Außer ihr gibt es keinen anderen Gast. Ihr Raum ist der kleinste im Haus. Er grenzt an Kammern, in denen gestapelter Hausrat nach Vergangenem riecht. Eine Lattentür führt zum Dachboden mit abgelegten Gedanken von Menschen, die niemand mehr kennt.
Manchmal öffnet sie in der Morgendämmerung die Fenster, holt sich den jungen Tag, saugt seine Stimmung mit Augen, Nase und Mund ein. Er faltet sich auseinander, bringt Erdgeruch und den fliegenden Duft von Blättern und Blüten mit. Immer mehr Tag springt herein, flattert in Spinnennetzen, weht den Staub durcheinander und lacht Sofia an.

Nach Waldmeister riechendes Gras erinnert sie an eine verlorene Zeit. Der scheinbar unbenutzte Tag macht sie glücklich. Dabei vergißt sie, dass er weiterzieht, nicht bleibt. Um ihn zu halten, riecht sie am Bett, am Tisch, am Schrank, an den Wänden. An ihnen haftet Harz und schwebende Öle aus den Nadelwäldern. Mit den Fingerspitzen zerreibt sie gefundenen Duft, mischt ihn mit Rosmarin und Vergißmeinnicht, die eingetopft auf der Fensterbank stehen. Kaffeearoma zieht unter das Dach, in das Zimmer, ihm kriecht malziges von frisch gebackenem Brot hinterher. Fettiger Dunst hängt sich dran, von Speck oder Schinken. Dahinter die Angst eines verwursteten Schweines, ertränkt in Glutamat und Nitrit. Das Gleichgewicht der Stunde ist durcheinander und der Tag riecht nur noch banal.

Da atmet Sofia Zorn, die Reinheit ihres Tages ist zerstört. Was jetzt noch hereinzieht, ist nur zum Atmen gut. Sie reißt die Zimmertüre auf, nimmt einen hingestellten Teller mit Brot und schleudert ihn die Treppe hinunter.
Kreischend werden Nackenmuskeln hart. Ihre Augen brennen, und  Nerven schneiden ins Gehirn, Sofia rennt vor den Modergerüchen aus der Küche fort.
Im Freien krallt sie die Luft, packt sie mit den Fäusten, stopft sie in den Mund. Aber sie ist schon zersetzt von Menschengestank. Und doch ist es besser als im Zimmer, im Haus, sie rennt den Weg zum Fluß, legte sich ans Ufer, kriecht wie ein Hund zum Wasser, und taucht den Kopf hinein. Auf dem Boden des Uferweges kann sie das beruhigende Erdatmen nicht wahrnehmen. Augen, Nase und Ohren sind zugeschwollen.
Nach vielen Stunden wacht sie auf, riecht Holzkohlenqualm. Mit Bratwurstsucht läuft sie zu einer Bude, nimmt weder Geruch noch Geschmack wahr, rennt mit wehenden Haaren durch viele Straßen.

Als Sofia wieder riecht und hört, schnuppert sie an den Händen, die nach verbranntem Fett schmecken.
***

Grünflirrende Sonne verführt Sofia, sich endlich ihren eigenen Tag zu fangen, zu stehlen und seinen Duft aufzubewahren.
Sie erinnert sich an Feuer, an den Glanz besonderer Tage, beginnt ihr Zimmer von Überflüssigem zu befreien, rollt den fremden Teppich mit eingetretenen Gerüchen nach stumpfen Staub und Menschen zusammen. Schleppt ihn zum Speicher, öffnet eine Truhe, findet einen Anzug. Abgestorbene Hautschuppen rieseln auf Gesicht, Hals und Hände.

Sie wollte nur eins, sie wollte ihren Tag, wartete ungeduldig, beobachtete Abends und Morgens den Himmel, roch an der Luft. Viele Tage ließ sie vorbeigehen, denn keiner von ihnen war ihrer.
Nach einer Nacht mit zunehmendem Mond strömte neu geborener Morgenduft in ihr Zimmer. Er legte sich auf ihre Nase und ihren Mund und sie malte ihn mit den Fingern nach. Sofia schmückte Arme und Hals mit Silber, zog Kleider in den Farben des Regenbogens übereinander. Alle Fenster riß sie auf, verschloß die Tür. Ihr Tag zog strahlend mit rotorangenem Frühlicht herein, wirbelte umher, breitete vor Sofia den Duft von Zimt und Mandeln, von bitterwürzigen Blättern der Linden und Birken, von sterbenden Blüten aus. Geruch nasser Gräser hing im Raum, vermischte sich und alles destillierte sich in herber Klarheit. Sie empfing ihn mit geöffneten Armen, roch, schmeckte, er schien vollkommen.
Aber - ein Hauch fehlte.
Sie schrie ihn an, „mach, gleich wachen die Menschen auf und alles ist umsonst!“
Und da kam er wirklich, leise, schwebend, Hauch des fernen Meeres, den günstige Winde getragen hatten. Glücklich zog sie sich aus, damit auch ihre Haut zu einem einzigen Duft wurde. Ihr Tag schenkte ihr seine Zeit, seine Düfte, deckte gegen Abend Sofia mit Spuren gewelkten Flieders, mit hereingewehten Linden- und Birkenblättern zu.
Als seine Stimmung leiser wurde, Zimt- und Mandeldüfte verblaßten, der Hauch nach Meer weiterzog, tanzte er in die Sichel des Mondes und ließ die Nacht herein.


 

Sonntag, 14. April 2013

Die zwölf Statuen


 
Es war einmal ein Steinmetz, der bekam vom König den Auftrag ihm die perfekteste Frauenstatue zu meißeln, die es je unter der Sonne gegeben hatte. Der König wusste natürlich, wem er diesen Auftrag in die Hände gelegt hatte. Es war einer seiner begabtesten Bildhauer im ganzen Reich.
Der Bildhauer machte sich also an die Arbeit und kam recht gut voran. Einzig und allein im Gesicht der Schönen begann er sich gewissermaßen fest zu klopfen. Wenn er mit halb geschlossenen Augen zurücktrat und blinzelte, mochte das Antlitz schon durchgehen aber wenn er genauer hinschaute, bemerkte er dass der Mund noch ein wenig zu schief, die Nase zu kurz und die Augenbrauen zu tief angesetzt waren. Er konnte dieses Kunstwerk keinesfalls dem König anbieten. Darüber geriet er in eine derartige Wut das er mit seinem Meißel und seinem Hammer auf sein Werk losging, um es restlos zu zerstören. In diesem Moment sprach die Statue zu ihm: »Lass gut sein Meister, lass mich unversehrt, stell mich einfach in die hinterste Ecke deiner Werkstatt und fange noch einmal von vorne an.« Es fiel dem Steinmetz sehr schwer, denn er mochte die Fehler an seiner Arbeit nicht wieder und wieder sehen, aber er befolgte den Rat der Steinfrau, bezwang seine Wut und tat wie ihm die Statue geheißen.
In den folgenden Wochen meißelte der Steinmetz insgesamt noch elf weitere Frauenbilder, von denen der jeweils, sobald er einen unwiderruflichen Makel bemerkte, seine Arbeit unterbrach, aufhörte und die misslungene Steinfrau zu der ersten in die Ecke schob.
Schließlich und endlich gelang es ihm, mit der zwölften Statue die Frauenskulptur in Stein zu meißeln, der es an nichts mehr fehlte und die in seinen Augen keinen Makel mehr aufwies. Erleichtert, stolz und zufrieden benachrichtigte er den König, er könne nun sein Werk besehen und es abholen lassen. Der König kam höchstpersönlich in die Werkstatt und sah, als der Steinmetz das Tuch vom letzten Kunstwerk herunterzog, die anderen elf Versuche im hinteren Teil der Werkstatt.
»Was ist das?« Fragte der König den Steinmetz, ohne einen genaueren Blick auf die zwölfte zu werfen
»Das sind meine verfehlten Versuche.« Der Steinmetz schämte sich ein wenig dafür, dass jemand anderes all die Stümpereien entdeckt hatte.
»Stell sie hier auf!«, befahl der König »Ich möchte sie alle einmal sehen.«
Nachdem der Steinmetz die Reihe der weißen Frauen in seiner Werkstatt aufgestellt hatte, schritt der König das Spalier der Stein gemeißelten Schönen auf und ab, begutachtete diese, berührte jene und blieb hier und da stehen, um nachdenklich den Kopf zu wippen.
»Ich kann mich nicht entscheiden, lieber Steinmetz, die Auswahl ist zu groß und mal gefällt mir das Gesicht der einen mehr, und ein andermal die grazile Haltung der Anderen, jetzt wiederum zieht mich das Lächeln jener dort an.«
Der Steinmetz zuckte mit den Schultern und wartete ab, was sein Auftraggeber entscheiden würde. Da fuhr König fort: »Du bist der Meister, lieber Steinmetz, und darum frage ich dich: welche von den Frauen hier ist für dich die Schönste?«
Schon wollte der Steinmetz auf die Zwölfte zeigen, da fiel ihm auf, dass ihn der König nicht nach der makellosesten, sondern nach der schönsten Frau seiner Sammlung gefragt hatte. Sein Blick fiel auf das Lächeln, dass ihn damals so in Wut versetzt hatte, weil es ein wenig zu schief geraten schien und er antwortete ohne zu Zögern: »Die Erste.«

Freitag, 12. April 2013

Kalle Knickohr


Kalle Knickohr, das Kaninchen, saß auf der Wiese und schaute sehnsüchtig den großen runden Strohballen an. Das Stroh duftete herrlich. Nach milden Sommerabenden und Sonnenschein. Doch der Sommer war zu Ende und Kalle brauchte dringend ein warmes Polster für seinen Bau und etwas zum Knabbern in den kalten Wintermonaten. Er hatte schon alles versucht, um den mächtigen Rundballen in seinem Bau unterzubringen. Rollen, schieben, zerren, drücken, nichts hatte geklappt. Kalle hatte den Strohballen keinen Millimeter vom Fleck rücken können. Da kam der Esel des Weges.
»I-ah, hallo Knickohr. Was schaust du denn so enttäuscht?«
»Ach Graufell, ich würde gerne den Strohballen in meinen Bau bringen, aber ich bin nicht stark genug«, antwortete das Kaninchen.
»Ich würde dir ja gerne helfen, aber ich bin vom Grasen auf der Weide schon so erschöpft, dass ich kaum noch einen Huf vor den anderen setzen kann.«

Eine Maus, die das gehört hatte, lachte laut fiepend los: »Was bist du nur für ein faules Tier, Graufell.«
Der Esel iahte empört und trottete davon. Das Mäuschen aber sagte zu Kalle Knickohr: »Was ein großer fauler Esel nicht schafft, dass schaffen emsige kleine Mäuschen im Handumdrehen. Warte einen Augenblick.«
Sie huschte davon und kam einige Augenblicke später mit unzähligen anderen Mäusen zurück. »Wir helfen dir, wenn du das Stroh mit uns teilst«, sagte die Maus.
Kalle war einverstanden und so machten sich die Mäuse ans Werk. Wie graue Schatten huschten sie über das Feld, machten sich über den Rundballen her und schleppten kleine Bündel aus Strohhalmen zum Bau des Kaninchens. Als dessen Vorratskammern prall gefüllt waren, war noch genug übrig um auch die Schlafhöhlen der Mäuse behaglich auszupolstern. Am Abend kuschelten sich alle gemütlich in ihr Stroh. Kalle streckte sich und seufzte wohlig: »Erstaunlich, was viele kleine Pfoten mit der richtigen Idee alles vollbringen können.«
Bild und Text:

Donnerstag, 11. April 2013

Ich bin ein Star - holt mich hier raus!


»Musiker, wollte ich werden. In Bremen. Die Laute schlagen. Hängen geblieben  bin ich beim Essen in einem Räuberhaus!« knurrte der Esel.
»Musiker, wollte ich nie werden,« flatterte die Schwalbe fröhlich durch diesen Frühlingstag, »und zwischen Buchdeckeln,  also wirklich, das ist doch nichts. Schon mal gar nicht für einen Esel.«
»Unbequem ist das schon, aber seit 200 Jahren bin ich der Star in der Märchenszene«, plusterte sich der Esel auf.
»Ein Star in der Märchenszene? Du wolltest doch Musiker werden, jetzt bist du noch immer ein Esel, in einem Märchen«, sagte die Schwalbe spöttisch und flog munter weiter.

Wer nicht hängen bleiben will, sollte sich bewegen, sonst kommt man leicht zwischen die Buchdeckel. 



Montag, 8. April 2013

Das Plappermaul


Ein Papagei sitzt auf seinem Platz und krächzt seit Stunden die immergleichen Töne. Eine Ameise, die schon seit dem Morgen emsig Vorräte schleppt und des Papageien Geschrei nicht mehr ertragen mag, hält an, um diesen zur Rede zu stellen: „Herr Papagei“, unterbricht die Ameisen den Monolog: „Das gesamte Land ist bereits informiert. Glaubst du nicht, dass es reicht?“ Der Papagei blickt verdutzt auf die Ameise: „Liebe Ameise. Es ist anders als Ihr denkt. Ich spreche nicht, um euch zu informieren, sondern, um das, was ich weiß, nicht zu vergessen.“



Nicht jeder, der viel spricht, hat auch viel zu erzählen. 

Donnerstag, 4. April 2013

Eine Schneemannfabel


Auf der Treppenbrüstung vor einem prächtigen Haus stand ein kleiner Schneemann. Er war aus Kunststoff gefertigt und so milchig weiß wie ein gefrorener See im Winter. Bloß sein Hut, der war schwarz, und seine Augen, die Nase und der Mund und auch die zwei Knöpfe auf seinem Bauch. Man hätte glauben können, er bewache die Tür, aber er stand bloß da, um lieb zu sein. Und so sagten
auf der Straße die Menschen beim Vorübergehen: "Ah", und, "oh", und, "wie ist er doch entzückend!"
Das machte den kleinen Mann recht selbstgefällig, und je öfter er die wohlwollenden Worte vernahm, umso tiefer legte er seinen Kopf zurück in den Nacken, täglich ein winziges Stück mehr, bis eines Tages seine Nase fast kerzengerade in die Höhe ragte.

Da flog ein Spatz vorüber, er war von langer Reise zerzaust und müde. Dem Himmel dankend setzte er sich auf die Nase. Das sah so drollig aus, dass all die Leute lachten. Der kleine Schneemann aber
schämte sich, was für ein Gespött er auf einmal war. So rückte er seinen Kopf wieder gerade und bald neigte er ihn gar vornüber. Dem Spatz behagte das überhaupt nicht, und ehe er das Gleichgewicht verlor, suchte er schleunigst das Weite. "Ah", und, "oh", und, "wie schön er ist!", sagten nun wiederum die Leute. Aber ob der kleine Schneemann etwas daraus gelernt hatte, das weiß man bis heute nicht.

Gernot Jennerwein

Mittwoch, 3. April 2013

Der Elch und die Giraffe


»Ist es«, sprach der Elch, »nicht erstaunlich, dass wir uns hier begegnen, wo uns doch eigentlich Tausende von Kilometern voneinander trennen sollten?«
Die Giraffe dreht nur majestätisch ihren langen Hals und schaute den Elch aus langbewimperten Augen stumm an.
»Wir können Herrn Hagenbeck dankbar sein, dass er uns diese Begegnung bescherte«, hob der Elch abermals an.
Wortlos schaute die Giraffe über die Stangen des Geheges zum Elch herüber. Der nun unternahm einen letzten Versuch. »Wie schön ist es, dass wir nun die Gelegenheit haben, uns kennen zu lernen und etwas über das Leben des anderen zu erfahren.«
Aber die Giraffe sprach kein Wort. Ihr war die Sprache des Elches nicht geläufig und ihr Körperbau erlaubte es ihr nicht, ratlos mit den Schultern zu zucken.
Der Elch aber dachte insgeheim, dass diese Afrikaner doch ein recht hochnäsiges Völkchen seien und stellte künftig alle Versuche ein, ein freundlich nachbarschaftliches Verhältnis herzustellen.

Moral: Man vermeidet interkulturelle Missverständnisse am besten, indem man eine Sprache spricht.