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Freitag, 19. Mai 2017

Der arme Taglöhner und der Tod


Ein armer Taglöhner schleppte sich die Tage seines Lebens jämmerlich fort, und doch legte er achtzig Jahre zurücke. Was er sich immer seufzend wünschte, war nichts anderes als: Lieber Tod, komm doch endlich einmal!
– Erlöse mich doc h endlich, lieber Tod!
Der Tod erhörte ihn, und kam.
Der Taglöhner erschrack, und bath: nur drey Jahre noch, lieber Tod! – – lieber Tod, nur drey Jahre noch.
Nach dreyen Jahren kam der Tod wieder, und der arme Taglöhne bath wiederum um drey Jahre.
Je nun, sagte endlich der Tod. Ihr Menschen rufet mich, wenn ihr mich nicht sehet, und wenn ich komme, so fürchtet ihr mich. Ich will euch hinfür von ohngefähr überfallen.
Von dieser Stunde an sterben die Menschen, wenn sie es am mindesten vermuthen.

Heinrich Braun
Versuch in prosaischen Fabeln und Erzählungen
München 1772
zu finden bey Johann Nepomu, Fritz
und Augspurg bey Iganz Anton Wagner,
Buchhändlern.

Freitag, 28. April 2017

Zeus und der Esel

Bist du mit deinem Stande zufrieden, sagte Zeus zu dem Esel.

Immer zufrieden, antwortete der Esel, immer will ich gerne ein Esel seyn, laß mir nur die Gabe der Unwissenheit bey meinem Stande, damit ich es nicht weiß, daß ich ein Esel bin.

Heinrich Brauns
Versuch in prosaischen Fabeln und Erzählungen
München 1772
zu finden bey Joahnn Nepomuk Fritz,
und Augspurg bey Iganz Anton Wagner,
Buchhändlern.

Sonntag, 18. Dezember 2016

Die Muse und Phädrus

»Du willst nutzen«, sagte die Muse zu Phädrus: »Warum sagest du also dem Menschen die Wahrheit nicht, wie sie an sich selbst ist? Warum lehrest du in Bildern?«

»Ich will nutzen«, antwortete Phädrus, »und eben darum lehre ich in Bildern.«

Die nackte Wahrheit sieht, und liest, und hört Niemand gern.

Heinrich Brauns
Versuch in prosaischen Fabeln und Erzählungen
München 1772
zu finden bey Joahnn Nepomuk Fritz,
und Augspurg bey Iganz Anton Wagner,
Buchhändlern.

Freitag, 25. November 2016

Die zween Füchse

Die zween Füchse

Zween Füchse giengen lange mit einander auf den Raub aus, endlich wurden sie in einer Falle gefangen.

Besorgt um ihr Leben sassen sie in dem Gefängniß, und unterhielten sich mit einem tröstenden Gespräche. Unter andern sagte der ältere Fuchs zu dem jüngern: Beyde werden wir ja doch nicht um das Leben kommen, und wenn einer von uns davon kömmt, welcher meinst du, Bruder! würde es wohl seyn?

Ich zweifle nicht, du wirst es seyn, erwiederte der jüngere Fuchs; den du bist ein größerer und älterer Dieb als ich.

Heinrich Brauns
Versuch in prosaischen Fabeln und Erzählungen
München 1772
zu finden bey Joahnn Nepomuk Fritz,
und Augspurg bey Iganz Anton Wagner,
Buchhändlern.

Montag, 21. November 2016

Der Bettler und der Tod

Ein elender Bettler rief oft den Tod, und der Tod hörte ihn nicht.
Endlich überfiel er ihn von ohngefähr, und fragte ihn: was willst du?
Herr! antwortete der Bettler, daß ich reicher werde, und zu leben habe.

Heinrich Brauns
Versuch in prosaischen Fabeln und Erzählungen
München 1772
zu finden bey Joahnn Nepomuk Fritz,
und Augspurg bey Iganz Anton Wagner,
Buchhändlern.

Montag, 30. November 2015

Die Preisfrage

Die Akademie zu Dorndorf warf diese Preisfrage auf: Was ist jetziger Zeit für ein Unterschied zwischen einem Lehrjünger Ulpians, und einem Anfänger in der neuern Philosophie?

Lange blieb die Frage unaufgelöset. Endlich erhielt jener den Preis, der sagte: Die Rechtsgelehrte unsrer Zeit lernen eher schreiben als denken; die Schüler der neuern Philosophie hingegen eher denken als schreiben.

Heinrich Brauns
Versuch in prosaischen Fabeln und Erzählungen
München 1772
zu finden bey Joahnn Nepomuk Fritz,
und Augspurg bey Iganz Anton Wagner

Mittwoch, 18. November 2015

Der Löw und seine Feinde

Dem Löwen fielen in einer Krankheit alle Haare weg. Seine Feinde nahmen hieraus Gelegenheit ihn zu verkleinern, und sagten: „Er sieht keinem Löwen mehr ähnlich. Er ist auch kein Löwe mehr.“


Der Löw erfuhr es, und sagte nichts anders darauf, als: „Meine Handlungen werden es zeigen, daß ich ein Löwe bin.“

Heinrich Brauns
Versuch in prosaischen Fabeln und Erzählungen
München 1772
zu finden bey Joahnn Nepomuk Fritz,
und Augspurg bey Iganz Anton Wagner,
Buchhändlern.

Dienstag, 21. April 2015

Die Muse und der Fabeldichter

Die Muse erschien dem Fabeldichter, und fragte ihn: Warum läßt du doch die Thiere oft vernünftiger sprechen, als die Menschen?

Weil die Menschen, war die Antwort, oft unvernünftiger handeln, als die Thiere.

Heinrich Braun
Versuch in prosaischen Fabeln und Erzählungen
München 1772
zu finden bey Johann Nepomu, Fritz
und Augspurg bey Iganz Anton Wagner,
Buchhändlern.

Dienstag, 7. April 2015

Der fromme Reinecke Fuchs

Reinecke wollte sich im Thierreiche empor schwingen, und sann auf Mittel, wie er recht reich, bey Hofe recht ansehnlich, und überhaupt recht glücklich werden könnte.

Vor allen schlich er in Jupiters Hayne andächtig herum, und so oft ihn der König Löw sah, bückte er sich bis auf den Boden vor dem Bilde Jupiters, und seufzte gleich dem strengsten Büßer. Kein Opfer ward dem Gott der Götter angezündet, wo er nicht miträucherte, und kein Fest angestellt, wo er nicht gegenwärtig war.

Alles, was Frömmigkeit schien, that er, und als man ihn fragte, warum er es thäte, gab er zur Antwort: Ich suche nicht fromm zu seyn, sondern nur fromm zu scheinen, und diese Frömmigkeit ist manchesmal zu vielem nutze.

Heinrich Brauns Versuch in prosaischen Fabeln und Erzählungen
München 1772
zu finden bey Joahnn Nepomuk Fritz, und Augspurg bey Iganz Anton Wagner.

Donnerstag, 24. Mai 2012

Der Schütz und die Scheibe

Weichet auf die Seite, schrie ein Schütz, der eben im Feuer stund, weichet auf die Seite! – Eben habe ich im Sinne den Mittelpunkt zu durchbohren.

So schrie er etlichen Freunden zu, die unweit der Scheibe gerade auf den Mittelpunkt zustunden.

Die Scheibe kannte den Schützen, und widersetzte: Nein! meine Freunde! stehet, stehet, wo ihr seyd. nirgends seyd ihr von seiner Kugel sicherer als nahe mir, – nahe beym Mittelpunkte.

Heinrich Brauns
Versuch in prosaischen Fabeln und Erzählungen
München 1772
zu finden bey Joahnn Nepomuk Fritz,
und Augspurg bey Iganz Anton Wagner,
Buchhändlern.

Sonntag, 27. November 2011

Eine Rezension

Brauns, H., Versuch in prosaischen Fabeln und Erzählungen. München 1772. 8. 187 S.

Diesen Fabeln hat der Herr Verfasser für seine Landsleute eine kleine Theorie angehängt, weil, sagt er, nicht ohne Selbstgefälligkeit: „vielleicht etliche junge Leute sich hervortun, und ihm fabeln nachschreiben könnten, so wie gleich etliche Bändchen freundschaftlicher Briefe erschienen wären, seitdem Er einen Versuch in freundschaftlichen Briefen geschrieben hätte. Diesen jungen Leuten nun, meint er, wären die ächten Begriffe von der Fabel sehr nötig.“ – –
Nötig sind sie freilich, sowohl den bösen jungen Leuten, die Herrn B. Fabeln nachschreiben, als allen andern, die sich ohne Genie in dieses Feld wagen; aber durch Herrn B’s. Theorie werden sie eben nicht sehr erleuchtet werden. Er sagt: „die Fabel wäre ein kurze erdichtete, meistenteils thierische Handlung, worunter ein gewisser Satz aus der Sittenlehre verborgen liege.“ Unbestimmter kann man wohl nicht erklären. Uns dünkt überhaupt, man hat die Theorie von der Fabel noch nicht genug auseinander gesetzt. Wir glauben daß sie im Anfang nichts war, als eine Art von Induktion, welche in den glücklichen Zeiten, da man noch nichts von dem dito de Omi et nullo wußte, die einzige Weisheit war. Wollte man nämlich andere belehren oder überreden, so zeigte man ihnen den Ausgang verschiedener Unternehmungen in Beispielen. Wahre Beispiele waren nicht lange hinlänglich; man erdichtete also andere, und weil eine Erdichtung, die nicht mehr sagt als vor Augen sieht, immer abgeschmackt ist, so ging man aus der menschlichen Natur hinaus, und suchte in der übrigen belebten Schöpfung andere tätige Akteurs. Da  kam man auf die Thiede, und so fabulirte man fort, bis die Menschen mehr anfingen zu raisonniren, als zu leben. Nun erfand man Axiome, Grundsätze, Systeme u.d.gl. und mochte Induktion nicht mehr leiden; zugleich entstand das Unding der honneten Compagnie, zu welcher sich Dichte rund Philosophen schlugen. Diese wollten der Fabel, die mit der Induktion gefallen war, wieder aufhelfen. Sie schminkten sie also, puderten sie, behängten sie mit Bändern, und da kam das Mittelding zwischen Fabel und Erzählung heraus, wodurch man nun nicht mehr lehren, sondern amüsieren wollte. Endlich merkte man, wie weit man sich von der ersten Erfindung entfernt hatte. Man wollte zu ihr zurückkehren, und schnitt die Auswüchse ab; allein man konnte doch mit der Induktion nicht fortkommen, und behalf sich also mit dem bloßen Witz; da wurde Fabel Epigramm.
So würde die Geschichte der Theorie aussehn, die wir von der Fabel schreiben würden. Beispiele von der letzten Gattung würden wir genug in Herrn B’s. Fabeln antreffen. Wir würden aber schwerlich welche daraus wählen; denn die meisten sind entweder schlecht erfunden, oder abgenutzt, oder falsch, oder alltäglich. Herr B. verspricht noch eine weitläufigere Theorie von der Fabel. Sollten wir aus diesem Versuch auf ihren Wert schließen, so wollten wir sie verbitten; aber Liceat perire poetis! und warum sollte Herr B. auch nicht so viel Recht haben zu dichten und zu theoretisieren als andere?

J.W.v.Goethe
aus: Rezensionen in die Frankfurter gelehrten Anzeigen.
Die Jahre 1772 und 1773

Sonntag, 14. August 2011

Der Versemacher


Ich mache doch immer Verse, sagte Lucill, und doch hält man mich für keinen Poeten.
Und dieß mit Rechte, antwortete Seladon; denn du reimest nur, und dichtest nicht.

Heinrich Braun
Versuch in prosaischen Fabeln und Erzählungen
München 1772
zu finden bey Joahnn Nepomuk Fritz,
und Augspurg bey Iganz Anton Wagner, Buchhändlern.

Dienstag, 5. Juli 2011

Der Vater und der Sohn

Ein Vater sprach oft seinem Sohne zu; Sohn! begieb dich mit allem Fleiße auf die Künste und Wissenschaften; denn durch diese mußt du dein Glücke machen.

Lieber Vater! antwortete der Sohn, wie gerne wollte ich alles dieß thun! – Wenn ich nur nicht immer die Dummen und Unwissenden höher steigen sähe, als die Gelehrten und Künstler.

Heinrich Brauns
Versuch in prosaischen Fabeln und Erzählungen
München 1772
zu finden bey Joahnn Nepomuk Fritz,
und Augspurg bey Iganz Anton Wagner,
Buchhändlern.

Mittwoch, 26. Januar 2011

V. Der arme Taglöhner und der Tod

Bildquelle: Wikipedia

Ein armer Taglöhner schleppte sich die Tage seines Lebens jämmerlich fort, und doch legte er achtzig Jahre zurücke. Was er sich immer seufzend wünschte, war nichts anders als: Lieber Tod, komm doch endlich einmal! – Erlöse mich doch endlich, lieber Tod!

Der Tod erhörte ihn, und kam.

Der Taglöhner erschrack, und bath: nur drey Jahre noch, lieber Tod! – – lieber Tod, nur drey Jahre noch.

Nach dreyen Jahren kam der Tod wieder, und der arme Taglöhner bath wiederum um drey Jahre.

Je nun, sagte endlich der Tod. Ihr Menschen rufet mich, wenn ihr mich nicht sehet, und wenn ich komme, so fürchtet ihr mich. Ich will euch hinfür von ohnegfähr überfallen.

Von dieser Stunde an sterben die Menschen, wenn sie es am mindesten vermuthen.

Heinrich Braun
Versuch in prosaischen Fabeln und Erzählungen
aus dem I. Buch
München, 1772

Dienstag, 18. Januar 2011

Die Muse und der Fabeldichter

Die Muse erschien dem Fabeldichter, und fragte ihn: Warum läßt du doch die Thiere oft vernünftiger sprechen, als die Menschen?

Weil die Menschen, war die Antwort, oft unvernünftiger handeln, als die Thiere.

Heinrich Brauns
Versuch in prosaischen Fabeln und Erzählungen
München 1772

Aus der Vorrede:

Wie aber? Soll Niemand Satyren schreiben, als Rabner? – Niemand Heldengedichte, als Klopstock? – Niemand Idyllen, als Geßner? – niemand Fabeln, als Gellert und Leßing? – Man darf es doch wagen! – Man darf doch auch in unsern Gegenden anfangen. Jemand muß doch die Pfade machen. jemand vorausgehen. ich wage es, und weiß zu meiner Entschuldigung nichts anders zu sagen, als daß ich es gewagt habe.

Geschrieben München den 1ten September 1771