Donnerstag, 20. November 2008

Die Ratte und das Lampenlicht


Die Ratte war in der Nacht auf der Suche nach Nahrung unterwegs. Plötzlich hob sie die Schnauze und witterte. War da nicht ein gefährlicher Geruch in der Luft?
»Guten Abend, Frau Ratte«, ertönte eine schmeichelnde Stimme, »wie geht’s, wie steht’s?«
»Wer da?«, gab die Ratte kurz zurück.
»Ein Freund, ein guter Freund«, schmeichelte die Stimme weiter.
»Freund?«, zischte die Ratte. »Freunde riechen nicht so gefährlich.«
»Na, na, na. Das ist aber nicht nett. So etwas von einer so hübschen Dame zu hören.«
Die Ratte fühlte sich geschmeichelt, wollte aber die Vorsicht nicht aufgeben.
»Ich möchte den wohl sehen, der mir solche Komplimente macht.«
»Ja, da würde ich aber keinen guten Schnitt machen«, gab die Stimme zurück. »Mich neben ein so hübsches Ding zu stellen, macht mich ja noch hässlicher.«
»Ich werde schon nicht lachen«, antwortete die Ratte, halb vorsichtig und halb neugierig.
»Nun gut. Ich werde mich zeigen. Zuvor stellen Sie sich aber bitte dort unter die Lampe, dass Ihre Schönheit richtig zur Geltung kommt.«
Die Ratte huschte in das Licht der Straßenlaterne und blinzelte in die Richtung, aus der die Stimme kam. Sie hörte etwas rascheln und dann war auch schon der Fuchs über ihr und biss ihr das Leben aus.
»Wer im Dunkeln gut sehen will, darf sich nicht ins Helle stellen«, schmunzelte der Fuchs und ließ sich die Ratte gut schmecken.

Horst-Dieter Radke

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