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Samstag, 28. März 2009

Flohfabeln

Im 16. und 17. Jahrhundert tauchte in der deutschen Literatur der Floh auf. Er diente dabei vorwiegend als Kontrast zu den antiken und mittelalterlichen Tierfabeln. Neben der Darstellung als Parasit wurden ihm aber auch Eigenschaften wie Schnelligkeit, Witz und Intelligenz zugeschrieben.

Frühe Beispiele sind Johann Fischarts (1546 - 1591) »Flöh Haz, Weiber Tratz« (1571/1573) und Wolfhart Spangenbergs (1567 - ungef. 1636) »Von des Flohes Strauß mit der Laus« (1610). Auch Goethe benutzt den Floh, allerdings zur Beschreibung politischer Verhältnisse (»Flohlied« in Goethes Faust in der Trinkerszene in Auerbachs Keller). Ebenfalls politisch setzt E.T.A. Hoffmann das literarische Insekt in seinem berühmten Märchen »Meister Floh« ein, das damals deshalb auch nur in einer zensierten Fassung erscheinen konnte.

Horst-Dieter Radke

Sonntag, 13. Dezember 2009

Der heilige Floh



Den Kamtschadalen gilt der Floh als heiliges Tier. In ihren Göttersagen spielt er eine hervorragende Rolle. Zwar versuchen auch die Leute auf Kamtschatka sich dieser angenehmen Tiere zu erwehren; wenn sie jedoch einem dieser Blutsauger den Garaus machen, so tun sie dies nur unter gewissen Zeremonien.
Die Flöhe sollen nämlich nach der Sage der Bevölkerung die Erdbeben verursachen. Der Höllengott Tuil fährt nach ihrer Meinung mit einem Hundeschlitten in der Unterwelt umher; hält der ziehende Hund inne, um sich eines ungebetenen Gastes durch Schütteln zu entledigen, so gerät die Erde in Bewegung, es gibt ein Erdbeben.
Die Kamtschadalen glauben auch, daß die Flöhe das Heulen des Sturmes verursachen. Die Windsbraut, die Göttin Uschachtscht, wird als ein häßliches, keifendes Weib geschildert, das ein Kind auf dem Rücken trägt. Kommen beim kleinen Kinde die heiligen Flöhe zu nahe, so bricht es in ein lautes Weinen aus. Aus der Stärke des Sturmes glauben die Kamtschadalen entnehmen zu können, ob das Kind wenig oder stark von den heiligen Tieren geplagt wird.


O. v. B.
1910

Montag, 21. November 2011

Das Schaf und die Pferde

Avis akvāsas ka

Avis, jasmin varnā na ā ast, dadarka akvams, tam, vāgham garum vaghantam, tam, bhāram magham, tam, manum āku bharantam. Avis akvabhjams ā vavakat: kard aghnutai mai vidanti manum akvams agantam. Akvāsas ā vavakant: krudhi avai, kard aghnutai vividvant-svas: manus patis varnām avisāms karnauti svabhjam gharmam vastram avibhjams ka varnā na asti. Tat kukruvants avis agram ā bhugat.

Der Sprachwissenschaftler August Schleicher schrieb diese Fabel 1868 in der rekonstruierten Ursprache Indogermanisch. Die deutsche Übersetzung lautet:

Das Schaf und die Pferde


Ein Schaf, das keine Wolle mehr hatte, sah Pferde, eines einen schweren Wagen fahrend, eines eine große Last, eines einen Menschen schnell tragend. Das Schaf sprach: Das Herz wird mir eng, wenn ich sehe, dass der Mensch die Pferde antreibt. Die Pferde sprachen: Höre Schaf, das Herz wird uns eng, weil wir gesehen haben: Der Mensch, der Herr, macht die Wolle der Schafe zu einem warmen Kleid für sich und die Schafe haben keine Wolle mehr. Als es dies gehört hatte, floh das Schaf auf das Feld.

Freitag, 11. März 2011

Das Grab

Brahma
Bildquelle: Wikipedia
Dritte Parabel

1814

Still und voll Wehmuth wandelte der Brame in seinem einsamen Thale und gedachte der geprüften duldenden Fürstin, siehe, da erhob sich von neuem ein furchtbarerer Krieg. Der gewaltige Verderber brach auf von Abend her mit seiner wilden Heerschaar, das Land gegen Morgen zu verwüsten. Und was er mit Schmach und Hohn begann, gelang ihm, aber die Menschheit erseufzte.
Da flehete der Greis Tag und Nacht zu Brama für Wikrama den Gerechten und für Sakontala, die holdselige Fürstin. Aber sein Gebet ward nicht erhört, und das Getümmel des Krieges wälzte sich wie ein Strom bis an das Thal des Braminen, und das Land erlag unter der Geißel des Drängers.
Da floh der Brame trauernd in das wilde Gebirg‘ und wohnte zwischen den Felsen und verschmähete, ein menschlich Antlitz zu schauen. Denn seine Seele war voll Gram und wünschte zu sterben.
Aber sein Wunsch ward nicht erfüllt und er wohnete einsam zwischen den Felsen mehrere Jahre lang. Plötzlich erscholl ringsumher aus der Ferne ein freudiges Getön von Siegesjubel und Friedensgesängen mit Cymbeln und Drommeten.

Da neigete sich der Greis mit seinem Angesicht zur Erde und betete an, stand auf und salbte sein Haupt und sprach: Ehe denn ich sterbe, muß ich den Sieg der Gerechten und das Antlitz der Königin schauen!
Darauf füllte der Brame von neuem sein Körbchen mit den schönsten Frühlingsblumen des Thals und bedeckt‘ es mit den jungen Sprößlingen des Oel- und Palmbaums und dem duftenden Laube der zarten Mirte. Nun wandte er eilends sein Angesicht zur Königsstadt, und wandelte schweigend zwischen den jauchzenden Schaaren des Volkes.
Als er nun in die Thore des Palastes trat, da erheiterte sich das Angesicht des Greises, und er that seinen Mund auf und sprach zu den Dienern des Königs: Geleitet mich zu der Königin, daß ich mein Opfer ihr bringe Ich habe seit sieben Jahren die Welt nicht gesehen.
Da er diese Worte geredet, sahen die Diener ihn an, und sie verstummten und weinten. Der Brame aber sprach: Was weinet ihr, und wie ist euer Angesicht verwandelt?
Da antworteten die Diener und sprachen: Bist du denn ein Fremdling auf Erden, daß du allein nicht weißt, was geschehen ist? – Und sie führten ihn zu dem Grabe der Fürstin. Siehe, sprachen sie, ihr Herz ist gebrochen! – Und sie vermochten nicht mehr zu reden und weineten.
Da verklärte sich das Angesicht des Greises, und sein Auge glänzte wie eines Jünglings, und er erhob sein Haupt und sah auf gen Himmel und sprach: Seh‘ ich nicht Brama’s Thron und den Glanz des ewigen Lichtmeers, das ihn umschwebet! Und Sakontala ruhet vor ihm auf des Morgenroths duftigem Gewölk und blicket hernieder. – Des versöhnten Vaterlandes reinstes Opfer strahlet sie nun als Priesterin des himmlischen Friedens – Verklärte, sieh, auch jetzt noch weih‘ ich dir die irdischen Blumen. –
Darauf schwieg der Greis und neigte sein Angesicht über das Grab und die Blumen. Da erhob sich ein lindes Säuseln; und Brama lösete seine Seele.

Parabeln
von Dr. Friedrich Adolph Krummacher
Essen, 1829

Sonntag, 15. November 2009

Lob des Floh's

Du kleiner Nero, Compagnon der Läuse,
Blutgieriger Tyrann!
Für dich stimm' ich, nach Meister Linguets Weise
Nun auch ein Loblied an.

Dein ganz brünetter Teint, so sehr verschieden
Vom Teint der blonden Laus,
Erkohr gleich Anfangs dein Geschlecht hienieden
Zu grossen Thaten aus.

Nur deinen Stamm, der stets in ganzen Schaaren
Bei Mädchen Wache hält,
Hat die Natur zu tapfern Leibhusaren
Der Jungfrauschaft erwählt.

Und darum patroulliren auch Schwadronen
Von diesem leichten Heer
Beständig in den dunklen Regionen
Des Unterrock's umher.

Nichts schützt die Mädchen, die sich dir verschliessen,
Vor deiner Blutbegier:
Die Erstlinge von ihrem Blute fliessen
O Glücklicher, nur dir!

Du Springinsfeld bist überall gelitten,
Wo nie ein Mann hin soll,
Und schwelgst dich, gleich der Biene, an den Blüthen
Geheimer Schönheit voll.

Kein Fleck im ganzen weiblichen Gebiete,
Auch noch so heilig, ist,
Auf dem du nicht schon mit verweg'nem Tritte
Herumspazieret bist.

Da ist kein Strauch, wo du dich nicht verstecktest
Kein Plan, wo du nicht liefst,
Kein Hügelchen, wohin du dich nicht legtest,
Kein Thal, wo du nicht schliefst.

Ja, wollte man einst auch rektificiren
Der Schönheit Lustrevier,
So brauchte man, um recht es zu mappiren,
Nur dich zum Ingenier.

Nur dies verzeihen dir die Schönen nimmer,
Daß stets von jedem Kuß,
Den im Geheim du ihnen aufdrückst, immer
Ein Fleckchen zeugen muß.

D'rum lauren auch stets auf dich losen Näscher,
Enthüpfst du nicht geschwind,
Bei Tag und Nacht so viele hundert Häscher
Als Mädchenfinger sind.

Doch hascht ein Mädchen auch dich kleinen Springer
Zuletzt in ihrem Schooß,
So ist doch unter einem schönen Finger
Noch neidenswerth dein Loos.

Aloys Blumauer
Sämmtliche Gedichte
München 1830

Donnerstag, 5. November 2009

Hildegard und der Basilisk


Hildegard von Bingen (ca. 1098-1179), die bedeutendste Mystikerin des Mittelalters, veröffentlichte neben ihren Visionen auch Schriften über Medizin und Natur. Dabei fasste sie das damalige Wissen der Zeit zusammen, was manchmal in skurrilen Beschreibungen kulminierte:

»Der Basilisk entsteht aus gewissen Würmern, die etwas vom teuflischen Gewerk haben, wie die Kröte. Als sich die Kröte einst trächtig fühlte, sah sie ein Schlangenei, setzte sich zum Brüten darauf, bis ihre Jungen zur Welt kamen. Diese starben; dann brütete sie das Ei weiter, bis Leben in dasselbe kam, welches alsbald von der Kraft der alten (paradiesischen) Schlange beeinflusst wurde. Als die Kröte Leben im Ei sah, floh sie, da Junge aber zerbrach die Schale und schlüpfte aus, gab aber sogleich einen Hauch wie heftiges Feuer, ähnlich dem Donner und Blitz, von sich. Bis zum völligen Auswachsen gräbt es sich fünf Zoll tief in den Boden, dann kommt es wieder hervor und tötet alles, was ihm in den Weg kommt. Wo ein toter Basilisk verfault, sei es auf dem Acker oder im Hause, verbreitet er Verderben, Unfruchtbarkeit und Pestkrankheiten.«

Weder werden Kröten trächtig noch brüten sie Eier aus, eigene nicht und keine fremden. Auch ist die Kröte kein Wurm, noch hat sie teuflisches Gewerk in sich. Allerdings fehlt in Hildegards Beschreibung der tödlich Blick und die Vernichtung des Fabeltiers durch einen Spiegel. Stattdessen ist von einem tödlichen Hauch die Rede.

Aktuell läuft mit Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen ein Film in den Kinos, der ein wenig über die äußeren Umstände ihres Lebens berichtet, aber wenig oder kaum von dem, was sie im Innern bewegte.

Hildegard von Bingen
Horst-Dieter Radke

Dienstag, 9. Juni 2015

Der Elefant und die Mäuse



Als vor alten Zeiten ein Elefant das Wasser des Meeres zu trinken ging, begegnete er einer Maus, die zu ihm sagte: »Onkel, du bist von Natur weise, ich bin von Natur listig; wer von uns beiden ist der ältere Bruder?« Der Elefant erwiderte zornig: »Ziemt es sich, dass du Knirps älterer Bruder sein willst? Ich zerstöre mit meinem Stosszahn den Berg Sumeru; wenn ich mit dem Fuss auftrete, töte ich zehntausend Mäuse«.

Als er im Begriff war, auf sie zu treten, floh die Maus erschrocken und sann auf eine List. Sie versammelte viele Mäuse und sprach: »Ein Elefant will uns alle töten. Wenn wir die Erde aus seinem Weg heimlich aushöhlen und ihn u Falle bringen und besiegen, so wird dies gut für unsern Ruhm sein«.

Die andern billigten diesen Vorschlag, gruben die erde auf und warteten. Der Elefant kam, stolperte und fiel, und da er sich nicht wieder aufrichten konnte, sprang die erste Maus auf das Haupt des Elefanten und sprach: »Onkel Elefant, wer von uns beiden ist nun der ältere Bruder?« Der Elefant antwortete: »Da alle Mäuse meine Lehrer gewesen sind, so mögen sie die älteren Brüder sein. Wenn ihr mich aus diesem Unglück errettet, so werde ich, wo ich eure Löcher sehe, erschrocken fliehen«. Auf diese Rede versammelte die erste Maus 800.000 Mäuse; einige befehligten von dem Körper des Elefanten aus und zogen von oben, andere gruben die Erde tiefer aus und feuchteten sie an, so dass der Elefant allmählich sich erhob. Als nun der Boden geebnet und der Elefant aufgestanden war, lief er erschrocken davon. Die Mäuse lachten.

O König, dass die einen Finger langen Mäuse durch Behendigkeit und List den gierigen Elefanten besiegt haben, ist durch solche List geschehen.


aus: Fünf indische Fabeln
Aus dem Mongolischen von Hans Conon von der Gabelentz
Aus einer unveröffentlichten Handschrift der Königl. Bibliothek zu Berlin
mitgeteilt von B. Laufer
Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft
Bd. 52 (1898)

Samstag, 24. Mai 2008

Die Wahrheit

Schon forscht man seit viel tausend Jahren,
Warum die Wahrheit nackend geht,
Und nie hat mans gewiß erfahren,
Weil nichts davon in Büchern steht;
Doch endlich deckt der Zeiten Lauf
Der Welt auch dies Geheimnis auf.

Und dich, mein Leser, zu vergnügen:
So sag ich dir durch dieses Lied,
Daß einst die Wahrheit mit der Lügen
In einen harten Streit geriet;
Weil diese jener offenbar
an einem Hofe schädlich war.

So hart sie auf einander gingen,
So blieb der Streit doch ungewiß,
Bis daß die Lügen, in dem Ringen,
Der Wahrheit das Gewand entriß;
Sie floh, und trug seit dieser Zeit
Kein anders als der Wahrheit Kleid.

So kam die Wahrheit in dem Streiten
Um alles Glück, durch ihr Gewand;
Denn nackend ward sie tausend Leuten,
Auch selbst den Klugen, unbekannt.
Hingegen sah fast jedermann
Die Lügen für die Wahrheit an.
Christian Fürchtegott Gellert



Dienstag, 28. Oktober 2008

Der Athener und der Böotier (Parabel)


Ein Athener saß am Gestade, versenkt in die Betrachtung des ewig bewegten Ozeans. Der Wagen des Helios sank dem Lande des Hesperus zu, und glutrot stieg das Gespann des Gottes hinab in das stahlfarbene Meer, einen purpurnen Saum am blauen Kleide des Uranus zurücklassend. Der Athener sank in die Knie, entzückt von der Größe der Erscheinung, die jeden Tag in ihr Grab steigt, um am folgenden Morgen neu geboren zu werden.
Da kam ein Schwätzer.
»Guten Abend, was gaffst du?«, rief er dem Athener zu. »Hast du nicht gehört, daß heute Feigen ausgeschmuggelt worden sind?«
Der Athener wandte sich um und antwortete nicht. Er ging von dannen.
Der andere war ein Böotier.

Edward Stilgebauer
aus der Zeitschrift: Der Floh, 2.1.1910

Freitag, 3. April 2015

Das unvermeidliche Schicksal


Eine Maus sah in einiger Entfernung die Katze. Sie hatte von ihrer Feindschaft gehört, und eine grosse Furcht vor ihr gefaßt. Aber sie beruhigte sich, da sie eine Mausfalle neben ihr stehen sah. Hier, sagte sie, habe ich einen sichern Schirm, wenn die Katze sich zu mir nähern wollte. Dieses köstliche Werk ist mir zum Schirm hierher gestellt. Ich kann mich augenblicklich dahinein flüchten, und durch einen schlauen Druck die Thüre zuschliessen, so bin ich wie in einer Festung vor den Klauen aller Katzen bewahrt. Die Katze that einen Sprung nach ihr, im Augenblicke floh die Maus in die Falle und drückte sie zu. Die Katze sagte: Noch bist du mein Raub, du bist dem Schicksal auf dem Wege entgegen gegangen, auf welchem du ihm zu entfliehen gedachtest.

Lessingische, unäsopische Fabeln
Enthaltend die sinnreichen Einfälle und weisen Sprüche der Thiere
Nebst damit einschlagender Untersuchung der Abhandlung Herrn Lessings von der Kunst Fabeln zu verfertigen
Zweyte Auflage
Zürich, bey Orell, Geßner und Comp. 1767

Donnerstag, 30. April 2015

1. Nathan

Nathan, ein Prophet und weiser Lehrer zu Salem, saß unter seinen Jüngern und die Worte der Weisheit flossen wie Honig von seinen Lippen.
Da sprach einer seiner Jünger: Gamaliel: Meister, wie kommt es, daß wir so gern deine Lehren empfangen, und alle horchen der Rede deines Mundes?
Da lächelte der bescheidene Lehrer, und sprach; Heißet mein Name nicht Geben? Der Mensch nimmt ja gerne, wenn man nur zu geben weiß!
Wie giebst du denn? fragte Hillel, ein anderer von denen, die zu seinen Füßen saßen.
Und Nathan antwortete: Ich reiche euch den goldenen Apfel in silberner Schaale. Die Schaale empfanget ihr, – aber ihr findet den Apfel.
_

Ein andermal fragte Gamaliel den weisen Nathan und sprach: Meister, warum lehrest du uns in Gleichnissen?
Nathan antwortete und sprach: Siehe, mein Sohn, als ich ein Mann ward, vernahm ich das Wort des Herrn in meinem Herzen, daß ich ein Lehrer des Volkes würde, und der Wahrheit Zeugniß gäbe, und der Geist Gottes kam über mich. Da ließ ich meinen Bart wachsen, und kleidete mich in grob hären Tuch, und ging hinaus unter das Volk und strafte es mit harten gewaltigen Worten. – Aber die Menschen flohen vor mir, und nahmen meine Worte nicht zu Herzen, oder sie deuteten sie auf Andere.
Da ergrimmte ich in meinem Geist, und floh hinaus in die Nacht auf das Gebirge Hermon, und sprach in meinem Herzen: Wollen sie das Licht nicht, so mögen sie in Nacht und Dunkel wandeln, und in der Finsterniß verderben! – So rief ich und wandelte zürnend in der finstern Nacht.
Siehe! Da kam die Dämmerung, und die Morgenröthe stieg am Himmel empor, und der Thau des Morgens troff hernieder auf das Gebirge Hermon. Da entwich die Nacht, und Hermon duftete. Denn der Schimmer des Morgenroths war sanft und lieblich, und die Nebelwolken schwebten um die Gipfel der Berge und leuchteten das Erdreich. Die Menschen aber wandelten fröhlich und schauten zur Morgenröthe empor. Da stieg der Tag vom Himmel hernieder, und die Sonne kam aus den Armen des Morgenroths und bestrahlte die bethaueten Pflanzen.
Und ich stand und schauete, und es ward mir sonderlich im Herzen. Da erhob sich säuselnd der Morgenwind, und ich vernahm im Gesäusel die Stimme des Herrn, die redete zu mir und sprach: Siehe, Nathan, so sendet der Himmel dem Sohn der Erde seine köstlichste und zarteste Gabe, das süße Tageslicht!

Als ich nun vom Gebirge herniederstieg – fuhr der Prophet fort – da führte mich der Geist des Herrn unter einen Granatbaum. Der Baum aber war schön und schattig, und er trug zu gleicher Zeit Blüthen und Früchte.
Und ich stand in seinem Schatten und schauete seine Blüthe an und sprach: O wie ist sie so schön und röthlich, gleich dem zarten Hauch der Unschuld auf den blühenden Wangen der Töchter Israels! –
Und als ich mich näher hinzu neigete, fand ich auch die herrliche Frucht, verborgen in dem Schatten der Blätter.
Da geschah zu mir das Wort des Herrn aus dem Granatbaum und sprach: Siehe, Nathan, so verheisset die Natur in der einfachen Blüthe die köstliche Frucht und reichet sie, ihre Hand verbergend, im Schatten des Laubes!
Und nun – fuhr der weise Nathan fort – kehrt’ ich frohen Muthes nach Salem zurück; ich that mein rauhes Gewand von mir, salbete mein Haupt und lehret die Wahrheit in fröhlicher Weise und in Gleichnissen.
Denn die Wahrheit ist ernst und hat wenig Freunde. Darum erscheinet sie gern in einfach fröhlichem Gewande, menschlich unter den Menschen, ob sie möchte Freunde und Jünger gewinnen.

Friedrich Adolph Krummacher (1767 - 1845)
Parabeln
Essen, 1829

Montag, 1. Februar 2016

List oder Weisheit?

Einstmals sagte ein König zu seinem Minister: »Minister, welches ist das Vorzüglichere, List oder Weisheit?« Der Minister antwortete: »Die List«. Da wurde der König sehr zornig und sprach: »Warum ziehst du die List der Weisheit vor?« Damit liess er den Minister hinauswerfen. Als der König einen Monat lang gezürnt hatte, rief er seinen Elefantenwärter und sprach: »Hahu, höre meine Worte. Nachdem du einem wütenden Elefanten tausend Mass Branntwein gegeben hast, so lass ihn auf jenen Minister los«. Er liess den Minister kommen und gab ihm reichlich zu essen und zu trinken. Nachdem er gegangen war, begaben sich der König und die übrigen aus dem Palast, der König und die Königin sahen von einem Versteck aus zu. Als der Minister sich hinsetzte und pisste, wurde der Elefant losgelassen. Als dieser wütende Elefant angerannt kam, dachte der Minister: »Weil ich keine Waffen bei mir habe, bin ich verloren«. Er packte einen in der Nähe befindlichen Hund beim Schwanze, und nachdem er ihn dreimal gegen den Elefanten geschwungen hatte, bis der Hund den Elefanten in den Rüssel, so dass dieser erschrocken floh. Als dies der König sah, lachte er sehr, liess den Minister kommen und sprach: »Deine Rede war richtig; die List ist das Vorzüglichere!« Er machte ihn auf der Stelle zum Fürsten, wies ihm einen jährlichen Gehalt von 9000 Stücken Silber an und entliess ihn.

O König, dies ist die Macht der List. Es bedeutet, dass du durch unsere Macht König bist. Wir halten Religion und Sitte durch allerelei List; weil der König etwas Unpassendes befohlen, hat, deshalb waren wir ungehorsam.

Fünf indische Fabeln
Aus dem Mongolischen von Hans Conon von der Gabelentz
Aus einer unveröffentlichten Handschrift der Königl. Bibliothek zu Berlin
mitgeteilt von B. Laufer
Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft
Bd. 52 (1898)

Montag, 15. September 2008

Der Künstler und der Wollhändler (Parabel)


Das Athenebild war fertig. Elfenbeinern die Glieder, das Gewand von rotem Golde. Da trat Lysigenes, der Wollhändler, in die Werkstatt des Phidias.

»Sehr schön«, sagte er lächelnd. »Aber ich hätte sie ganz aus Gold gefertigt. Eine Stadt wie Athen muß Götter aus gediegenem Golde haben, nicht aus wohlfeilerem Stoffe.«

»Das hätte ich auch getan,« war des Phidias Antwort, »wenn ich Lysigenes hieße.«

Edward Stilgebauer
aus der Zeitschrift: Der Floh, 2.1.1910