Freitag, 20. Januar 2017

Der Affe und die Seegurke


 Foto: (c) Mirjam Radke


Es war 'mal ein Affe, der kam aus dem Hain. Und er ging hinaus um Schaltiere zu suchen, der arme Teufel! Und während er durch den Meertang lief, sah er eine Klebe-
Tripang.

Der Affe sagte: „Wohlan, Tripang, sofort wirst du platt getreten werden.”

Die Tripang antwortete: „Ich bin nicht deine Sklavin, Affe, rede doch nicht solch albernes Zeug!”

Der Affe sprach wieder: „Rede nicht so baren Unsinn, Tripang; sogleich werde ich dich zertreten, hörst du; es scheint mir, du willst scherzen!”

Die Tripang antwortete: „Zertrete mich nur, du mit deinen Lügen!”

Da versetzte ihr der Affe einen Fusstritt mit der rechten Pfote. Und seine Pfote klebte fest.

Der Affe sagte: „Lass loss, Tripang, willst du! sonst versetze ich dir einen Tritt mit meiner linken Pfote!”

Die Tripang sprach wieder: „Thue es nur frei!”

Da gab ihr der Affe abermals einen Fusstritt, folglich klebten die beiden Pfoten des Affen an der Tripang fest.

Da sagte der Affe: „Lass los, Tripang, sonst werde ich dich stossen!”

Die Tripang erwiderte: „Stosse nur zu!"

Der Affe stiess mit der rechten Faust, und auch diese klebte fest. Dann stiess er mit seiner linken Faust , und auch die klebte fest.

Darauf sprach der Affe: „Lass los, Tripang, sonst werde ich dich beissen, hörst du?”

Die Tripang sagte: „Beisse nur zu!”

Da biss sie der Affe, und sein Mund klebte fest.

Und als das Wasser stieg, so ist der Affe ertrunken, weil er an dem Körper der Tripang festgeklebt blieb.

Volksdichtung aus Indonesien
Sagen, Tierfabeln und Märchen
Übersetzt von T. J. Bezemer
1904

Originaltitel: Der Affe und die Tripang (Holothuria edulis)

Samstag, 14. Januar 2017

Der Kaffee-Klatsch der Tiere

 Es waren einmal drei Tiere, die Kröte, die Maus und die Kakerlak; die wohnten in einem Hause zusammen, und duzten sich unter einander.

Als sie eines Tages zusammen waren, so ging die Maus nach dem Wasser und die Kröte fing an, verleumderisch zu reden und sagte:

„Ach , Freundin Kakerlak, meine Freundin Maus hat eine ganz spitzige Schnauze wegen des Stehlens von dem Säkorn der ganzen Bevölkerung.”

Die Maus aber hatte sie belauscht in dem Raume unter dem Hause. Und als sie hörte , dass sie verlästert wurde , so weinte sie und ergrimmte. Als sie wieder nach oben gekommen war, fragte sie: „Sagt mal , ihr beide , ich habe eine spitzige Schnauze wegen Diebstahls von Jedermanns Säkorn, nicht wahr?”

Sie antworteten: „Nein, Freundin Maus, wir redeten nicht übel von dir, verstehe es nur gut, im Gegenteil, wir redeten davon, dass die Schnauze unserer Freundin Maus spitzig geworden sei wegen des Einbringens der Muster in die Gewebe”.

Dann entfernte sich die Kröte einen Augenblick; und jetzt verlästerte sie die Maus, und sprach: „Ach, Freundin Kakerlak, die Pfoten der Freundin Kröte sind schmal geworden wegen des Springens auf Steine, und ihre Schenkel sind abgeplattet durch das Sitzen auf Steinen.” Die Kröte aber war nicht ans Wasser gegangen, sondern hatte sie unter dem Hause belauscht.

Sie stieg hinauf und sprach : „Ihr sagt, ich habe mit meinem Springen meine Schenkel vermagert?” Sie antworteten: „Doch nicht, Freundin, wir redeten davon, dass deine Schenkel durch das Webbrett abgeplattet worden sind.”

Danach ging die Kakerlak nach dem Hofe. Da redeten die beiden anderen abermals verleumderisch: „Die Haut unserer Freundin Kakerlak ist geglättet wegen ihres Kriechens in die Kisten der ganzen Welt.” Die Kakerlak hatte unten abgelauscht, stieg hinauf und sprach: „Ihr sagt, ich bin glatt geworden durch das Kriechen in die Kisten der ganzen Welt?” „Nein doch” war die Antwort, „wir redeten darüber, dass du glatt geworden bist vom Häkeln: sogar in der brennenden Sonne sitzest du und häkelst.”

Volksdichtung aus Indonesien
Sagen, Tierfabeln und Märchen
Übersetzt von T. J. Bezemer
1904

Mittwoch, 11. Januar 2017

Das versteinerte Schiff

In uralter Zeit war die ganze Insel Borneo noch Meer; dazumal war der Berg Lantjak eine Insel mit zahlreicher Bevölkerung.

Es lebte einmal auf dieser Insel eine arme Witwe, die einen einzigen Sohn hatte, namens Linggi. Es war dieser ein recht boshafter, unartiger Bube, der seiner Mutter gar viel
zu schaffen machte. Eines Tages, als sie am Webstuhl sass, quälte er sie wieder fortwährend, ja, nahm ihr sogar den Tropong (Schiessspuhl) mit dem er sich aus dem Staube machte.
Beim Spiele verletzte er sich mit demselben so sehr, dass er eine tiefe Wunde in der Stirn bekam. Die Wunde heilte bald, hinterliess aber ein breites Wundmal.

Als der Linggi das Jünglingsalter erreicht hatte , verliess er seine Mutter, und reiste nach fernen Gegenden. Jahre und Jahre vergingen, ohne dass die Witwe die geringste Nachricht von ihrem Sohne bekam. Schon war sie alt und grau geworden und noch immer kehrte der Linggi nicht heim.

Nach längerer Zeit endlich warf ein grosses Schiff den Anker vor Lantjak aus. Da zog Alt imd Jung zum Meeresufer, und als man den Djuragan (Schiffskapitän) sah, riefen Viele: „Seht,
da ist der Linggi heimgokommen ! Ja , gewiss , er ist es , seht nur die Narbe an seiner Stirn!” Und froh stolperte auch das alte Mütterchen herbei , ihren langersehnten Sohn zu bewillkommen. Der Linggi aber , stolz auf seine erworbenen Reichtümer , rief: „Ihr seid alle verrückt, ich habe euch niemals gesehen. Und die Alte da kenne ich auch nicht, sie ist keineswegs meine Mutter.”

Der armen Witwe drangen die Worte des entarteten Sohnes wie ein Dolch ins Herz, und empört schrie sie: „Bist du wirklich ein Fremder, so geh ’s dir wohl; hast du aber einmal
meine Milch getrunken, so sei verflucht, dann möge Allah’s Zorn dich treffen !”

Entsetzt hörten die Umstehenden dem Mutterfluch zu; der Sohn aber stand mit höhnischem Lachen auf dem Schiff, und befahl, den Anker zu lichten, um fortzusegeln.

Kaum aber war das Schiff in voller See, da sandte Allah einen tobenden Sturm, der Wand und Segel zerriss; haushoch türmten sich die Wogen, und überstürzten das Fahr-
zeug, sodass es zu sinken anfing.

„Mutter” rief Linggi in Todesnot, „Mutter ! Gnade, hilf mir, ich bin dein Kind.” Für ihn aber war die Gnadenfrist vorüber, allmählich sank das Schiff mit Mann und Maus, und
die Wellen schlossen sich über dem entarteten Sohn.

Und später, als das Meer sich von Borneo zurückgezogen hatte, da fand man das Schiff, versteinert wie es sich noch heute im stillen Thalgrunde des Rapuns befindet.

Volksdichtung aus Indonesien
Sagen, Tierfabeln und Märchen
Übersetzt von T. J. Bezemer
1904

Montag, 9. Januar 2017

Warum der Kasuar nicht fliegen kann

Ein Kasuar und ein Manggarpis (sehr kleines Vöglein) waren zusammen ausgeflogen um Früchte zu suchen. Der kleine federleichte Vogel sass auf einem dünnen Zweig, der Kasuar auf einem sehr schweren Ast, der aber zerbrach, wodurch er genötigt war, einen noch schwereren zu suchen. Er fand einen solchen an einem Fruchtbaum; und bald fingen beide (denn der Manggarpis war dem Kasuar gefolgt) zu essen an. Der Kasuar aber frass dem kleinen Vogel alles vor der Nase weg.
Dann flogen die beiden nach einem andren Baum, und der Kleine dachte: Warte nur, du isst mir alles vor der Nase weg, sofort werde ich dich zum besten haben und dafür wachen dass du mir nicht länger die Früchte wegstibitzt.«
Und während er auf einem leichten Zweig sass, verrichtete der Kleine seine Notdurft, und reinigte seinen Hintern mit einem Hölzchen.
Der Kasuar rief: »Welches Holz gebrauchst du dazu?«
Der kleine Vogel antwortete: »Ich ziehe mir selbst die Flügel aus, und gebrauche dieselben.«
Dann setzte sich der Kasuar und verrichtete ebenfalls seine Notdurft; inzwischen kam der kleine Vogel und riss ihm die Flügel aus, welche von dem Kasuar zu dem obern erwähnten Zwecke verwendet wurden.
Dann sagte der kleine Vogel: »Lasst uns einmal fliegen« und flog von dannen; der Kasuar aber hatte das Fliegen verlernt. Da rief ihm der Kleine zu; »Als wir zusammen flogen, assest du all die Früchte; darum habe ich dich betrogen, denn ich gebrauchte keine Flügel, sondern ein Hölzchen.«
Der Kasuar sprach; »Weil du mich betrogen hast, so wird, wenn dich ein Bube sieht, er dich mit Steinwürfen zu töten versuchen, oder dir mit einem Pfeilchen den Garaus machen.«
Der kleine Vogel sagte: »Gut, gehe du nur in den Wald hinein, Hund oder Mensch, wer dir auch begegnet, wird versuchen dich zu töten.«

Volksdichtung aus Indonesien
Sagen, Tierfabeln und Märchen
Übersetzt von T. J. Bezemer
1904

Freitag, 6. Januar 2017

Das Ramayana der Inder auf Bali


Foto: (c) Mirjam Radke

…
Spätere Forschdungen haben ergeben, daß nciht nur ein großer Theil der malayischen Bildung unter indischem Einfluß stand, sondern daß die höchst merkwürdige Kavi-(Kawi)Sprache und Literatur auf der Insel Bali (östlich von java) ein Ableger der Sanskrit-Literatur ist, zu der sich das gewöhnliche Bali ähnlich verhält wie die indischen Präkrits zum Sanskrit.

Auf Bali fanden sich zwei Bearbeitungen des Ramayana: die eine von M’pu Raja Kusuma, auch Yogisvara (Fürst der Büßer) genannt, Vater des M’pu (Hempu) Tanakung, die andere von dem Dichter M’pu Dharmaja, Verfasser der Svaradahana. Die Sprache ist reines Kavi mit sehr starkem Sanskrit-Beisatz. Das Gedicht ist hier nicht in sechs Bücher getheilt, sondern in 25 Gesänge (wie die singhalesische Bearbeitung). Mehrere Episoden fehlen, so die langen Geschichten von Ramas Jugend im Bala-Kunda, die Erzählungen des Vasishtha aus den alten Zeiten, von den Sagariden, von der Herabkunft der Ganga, von der Buße Vicvamitras. Der Uttara-Kunda bildet im Bali ein eigenes Werk. Ob diese Kürzungen einer ursprünglich kürzeren Sanskritvorlage oder einer spätern, auszüglichen Bearbeitung zuzuschreiben sind, ist fraglich. Letzteres dürfte doch das wahrscheinlichere sein.

Alexander Baumgartner (1841-1910)
Das Ramayana und die Rama-Literatur der Inder, 1894
(S. 158)

Mittwoch, 4. Januar 2017

Zwei malayische Parabeln - II. Die Bedingungen

Foto: (c) Mirjam Radke

Eines Tages kam König Alexander der Große vor eine verfallene Stadt. Da erblickte er am Stadttor eine Schrifttafel, auf der stand folgendes zu lesen: »Diese Stadt wurde von sieben Fürsten beherrscht, und sie sind alle gestorben.« – Alexander betrachtete die Tafel, las die Inschrift und fragte dann seine Begleiter: »Wer haust denn jetzt in dieser Stadt? Ist noch ein Nachkomme der Fürsten vorhanden?« Einer erwiderte: »Ja, Majestät, es ist noch ein männlicher Nachkomme da, der wohnt bei all' den Gräbern.« –

Alexander der Große sprach: »Geh' und bring' ihn zu mir her!« Der Mann ging zu ihm und jener kam.

König Alexander fragte: »Nun, Diener Allahs, sag' an, weshalb weilst du beständig auf dem Friedhof?«

Der Nachfahre der Fürsten verbeugte sich und antwortete: »Majestät, großmächtigster Herr der Welt! Ich bemühte mich lange, den Unterschied zwischen den Gebeinen der Könige und ihrer Sklaven herauszufinden. Es gelang nicht. Sie sind einander gleich, und ich vermag sie nicht zu unterscheiden.«

Da sagte König Alexander der Große: »Willst du mir folgen? Ich will dir ein Amt geben.« Der Nachfahre der Könige entgegnete: »Großmächtigster Herr und König! Zuvor möchte ich Euch um Verlaub bitten, an Euch einige Bedingungen stellen zu dürfen. Befriedigt Ihr dann mein Begehren, so will ich Euch gern folgen.« –

König Alexander fragte: »Wohlan, Herr Königssohn, nennt Eure Bedingungen.«

Der erwiderte: »O, Majestät! Erstlich: ein Leben ohne Tod. Zweitens: eine Jugend ohne Alter. Drittens: einen Reichtum ohne Armut. Viertens: stete Freude, in der kein Schmerz ist.« Nun meinte König Alexander: »Ei, Herr Königssohn, wer hat Macht über solches?«

Sprach der andere: »Großmächtigste Majestät, Herr und König! Habt Ihr keine Macht, mir solches zu gewähren, dann schweiget und laßt mich nach solchem streben bei jemand, der die Macht hat, es zu vollbringen.«

Alexander der Große war betroffen, als er diese Worte des Königssprossen vernommen hatte.

Hambruch, Paul
Malaiische Märchen aus Madagaskar und Insulinde
Jena, 1922

Dienstag, 3. Januar 2017

Zwei malayische Parabeln - I. Das Große

(c) Mirjam Radke

In früheren Zeiten lebte ein König, der gab Befehl, einen prächtigen Palast zu errichten und ihn wunderschön auszuschmücken.

Als der Bau beendet war, ließ er alle Bewohner der Stadt zu sich kommen, um ihnen ein Fest zu geben. Sie erschienen alle und schmausten und freuten sich miteinander. Dann gab der König dem Palasthüter den Befehl: »Wer hier das Tor verläßt, den sollst du fragen: ›Hat der Palast einen Fehler oder nicht?‹« Einzeln kamen die Gäste heraus. Jeden befragte der Torhüter, wie ihm geheißen war. Und sie antworteten: »Wir finden am Palaste keinen Fehler.« –

Zuletzt kamen etliche Leute, die trugen grobe Kleider. Der Palastwächter fragte: »Seht ihr einen Fehler in diesem Bauwerk?« – Sie erwiderten: »Ja. Zwei Fehler sind uns nicht entgangen.« Als der Torhüter dies gehört hatte, hielt er sie an und berichtete dem König: »Großmächtigste Majestät, Herr der Welt! Ich habe Leute gefunden, die behaupten, daß dein Palast zwei Fehler besitzt.« Der König befahl: »Rufe sie her!« Sie kamen. Der König fragte: »Welche Fehler saht ihr an meinem Palast?« Da verneigten sie sich tief und antworteten: »Großmächtigste Majestät, Herr der Welt! Der erste Fehler des Palastes ist, daß auch er zerfallen und vergehen wird, und der zweite, daß auch alle seine Bewohner sterben werden.« Der König fragte weiter: »Kennt ihr denn einen Palast, der nicht vergehen wird, dessen Bewohner nicht sterben werden?« Sie antworteten: »Großmächtigste Majestät! Es gibt einen Palast, der nicht vergeht und dessen Bewohner nicht sterben, das ist der Himmel.«

Und sie erzählten ihm nun von all' den mannigfachen Freuden, bis im König die Sehnsucht nach dem Himmel erweckt war. Dann sprachen sie ihm von der Hölle und ihren Strafen, erweckten in ihm die Furcht und brachten ihn dahin, Allah, den Erhabenen, zu verehren. Als der Fürst ihre Rede vernommen hatte, ging er in sich und bekehrte sich; er verließ den Palast, verzichtete auf sein Reich und wandelte fortan auf Allahs Wegen.

Die Barmherzigkeit Allahs sei mit ihm!

Hambruch, Paul
Malaiische Märchen aus Madagaskar und Insulinde
Jena, 1922

Samstag, 31. Dezember 2016

Die Legende Silvesters …

By Unknown medieval artist in Rome [Public domain or Public domain], via Wikimedia Commons


Die Legende Silversters, offenbar erdichtet, um die römische Taufe Constantins zu beglaubigen, muss schon am Ende des 56en Jahrhunderts verfertigt worden sein. Sie ist aus Einem Gusse und trägt keine Spuren späterer Einschaltungen. Der Griechische Text, in welchem sie erhalten, ist augenscheinlich eine Uebersetzung aus dem Lateinischen, der wohl in Rom geschrieben wurde. In dem ganzen Dokumente findet sich nicht ein historischer Zug. Constantin ist zuerst ein Feind der Christen, lässt Viele und darunter seine eigne Gemahlin, da sie den Götzen nicht opfern wollen, hinrichten, so dass Silvester sich nach dem Gebirge Soracte flüchtet. Der Kaiser, mit dem Aussatz behaftet, soll, um zu genesen, sich in einem mit frischen Knabenblute gefüllten Teiche baden, aber durch die Thränen der Mütter dieser Knaben erweicht, verzichtet er auf das grausame Heilmittel und wendet sich, durch eine himmlische Vision belehrt, an Silvester, der ihn durch die christliche Taufe von der Krankheit heilt, worauf ganz Rom, Senat und Volk, an Christus glaubt. Eingeflochten sind noch zwei Episoden. die eine von der grossen Schlange unter dem Tarpeischen Hügel, die mit ihrem Gifthauche Tausende tödtet, bis Silvester die Pforten ihre Höhle verschliesst; und dann eine lange, durch Helena veranlasste, für Silvester siegreiche Disputation mit den Juden.
Der Verfasser hat die Kirchengeschichte des Eusebius gekannt, er will, wie er im Eingange sagt, die Berichte derselben ergänzen; aber die Biographie Constantins, welche der Taufe des Kaisers gedenkt, hat er entweder nicht gekannt, oder er hat doch Unbekanntschaft mit derselben bei seinen Lesern vorausgesetzt. Und wirklich ist es ihm gelungen, seiner Fabel, trotz der so bestimmten und einhelligen Zeugnisse des vierten Jahrhunderts, Eingang zu verschaffen. Selbst die Chronik des Hieronymus, der man doch sonst in geschichtlichen Dingen unbedingt folgte, unterlag zuletzt in dieser Frage.

Johann Joseph Ignaz von Dollinger
Die Papst-Fabeln des Mittelalters
1863

Papst Silvester I., von 314 bis zu seinem Tod am 31. Dezember 335 Papst, gilt für die römisch katholische Kirche als Namensgeber für den 31. Dezember, für die griechisch- und bulgarisch-orthodoxen Kirchen am 2. Januar und für die russisch-orthodoxe Kirche am 15. Januar.

Freitag, 30. Dezember 2016

Der Sperling und der Strauß

"Sei auf deine Größe, auf deine Stärke so stolz wie du willst", sprach der Sperling zu dem Strauße; "ich bin doch mehr ein Vogel als du. Denn du kannst nicht fliegen, ich aber fliege, obgleich nicht hoch, obgleich nur ruckweise."

Der leichte Dichter eines fröhlichen Trinkliedes, eines kleinen verliebten Gesanges, ist mehr ein Genie, als der schwunglose Schreiber einer langen Hermanniade.

Gotthold Ephraim Lessing

Donnerstag, 29. Dezember 2016

Der Knabe und der Hund

Von einem Hund geleitet, schlich
Ein blinder Greis an seinem Stabe
Durch eine Stadt. Ein wilder Knabe,
Der Spitzbarts Israelchen glich,
Schnitt, um sich einen Spaß zu machen,
Des Manne’s Compas, den Strick entzwey.
»Flieh,« - sprach er. - »Phylax, du bist frey;
»Dein Graukopf mag sich selbst bewachen.«
Der Pommer fuhr dem kleinen Wicht
Voll edlen Grimmes an die Waden,
Und sagte: »Nein, ich fliehe nicht,
»Du willst mir wohlthun, um zu schaden.«

Fünfzig Fabeln und Bilder
aus der Jugendwelt.
Von
Wilhelm Corrodi
Zürich, 1876, Zweite Auflage

Sonntag, 18. Dezember 2016

Die Muse und Phädrus

»Du willst nutzen«, sagte die Muse zu Phädrus: »Warum sagest du also dem Menschen die Wahrheit nicht, wie sie an sich selbst ist? Warum lehrest du in Bildern?«

»Ich will nutzen«, antwortete Phädrus, »und eben darum lehre ich in Bildern.«

Die nackte Wahrheit sieht, und liest, und hört Niemand gern.

Heinrich Brauns
Versuch in prosaischen Fabeln und Erzählungen
München 1772
zu finden bey Joahnn Nepomuk Fritz,
und Augspurg bey Iganz Anton Wagner,
Buchhändlern.

Mittwoch, 7. Dezember 2016

Der Affe und der Hund

Ein Urang-Utang hatte sich
Mit Menschenkleidung säuberlich
Nach neuster Mode ausgeschmückt.
Den Hut in seine Stirn gedrückt
Trat er nun seine Wallfahrt an,
Und zwar mit solchem Schaugepränge,
Als wär' er Sultan Soliman,
Und ihm die weite Welt zu enge.

Das Dörflein sah den fremden Herrn,
Und wich ihm aus, un grüßte ihn von fern.
Doch als im seligen Genuß
Der hohen Würde Petz zum Genuß
Den großen Hut vom Kopfe nahm,
Und man ihm in die Augen sah,
Da hieß es: Seht den Narren da!
man rief und schrie und zischt' ihn aus.

Petz aber lief voll Gram und Scham;
Und als er nun nach Hause kam,
Sprach er zu Phylax seinem Freund:
Ich habe wunderfest gemeint,
Daß ich dem Herrn der Thiede glich,
Und sieh! man verspottet mich,
Und treibt mich fort mit Ungestüm!

Ey! Sprach der Hund, du gleichst ihm
Aufs Haar; allein bloß äußerlich,
Deshalb, mein Freund, verlacht man dich.

***

Der reiche Star will auch ein Denker seyn.
Das Sein ist schwer; er wählt den Schein;
Sein Bildersaal, sein blanker Bücherschrein
Verkünden dir den weisen Mann,
Doch Jammer! Niemand glaubt daran.

Vaterländische Unterhaltungen
Ein belehrendes und unterhaltendes Lesebuch
zur
Bildung des Verstandes, Veredlung des Herzens, Beförderung der Vaterlandsliebe und gemeinnütziger Kenntnisse
für die Jugend Österreichs
von Leopold Chimani
Dritter Teil
Wien 1815, Im Verlage bey Anton Doll