Freitag, 31. Oktober 2008

Wie viele Fabeln der Alten …

Wie viele Fabeln der Alten von menschlichen Ungeheuern und Mißgestalten haben sich durch das Licht der Geschichte bereits verloren! Und wo irgend die Sage noch Reste davon wiederholet, bin ich gewiß, daß auch diese bei hellerm Licht der Untersuchung sich zur schönern Wahrheit aufklären werden.

Johann Gottfried Herder
aus: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit,
Zweiter Teil, Siebtes Buch

Donnerstag, 30. Oktober 2008

Die verliebte Sonne


DER MAGISTER. Als wer Verstand genug hat, in die Natur der Dinge zu dringen. Die Liebe ist eine Übereinstimmung zweener Willen zu gleichen Zwecken. Mich deucht, dies ist sehr adäquat. Oder soll ich Ihnen eine andere Beschreibung geben?

JULCHEN. Nein, ich habe mit dieser genug zu tun. Sagen Sie mir lieber die Fabel. Ich muß zu meiner Schwester.

DER MAGISTER. Ja, ja, die Fabel ist freilich nicht so schwer zu verstehen als eine Kausaldefinition. Sie ist kurz, und sie scheint mir mehr eine Allegorie als eine Fabel zu sein. Sie klingt also: Die Sonne verliebte sich, wie man erzählt, einstmals in den Mond. Sie entdeckte ihm ihre Wünsche auf das zärtlichste; allein der Mond blieb seiner Natur nach kalt und unempfindlich. Er verlachte alle die Gründe, womit ihn einige benachbarte Planeten zur Zärtlichkeit gegen die Sonne bewegen wollten. Ein heimlicher Stolz hieß ihn spröde tun, ob ihm die Liebe der Sonne gleich angenehm war. Er trotzte auf sein schönes und reines Gesicht, bis es eine Gottheit auf das Bitten der Sonne mit Flecken verunstaltete. Und dies sind die Flecken, die wir noch heutzutage in dem Gesichte des Mondes finden. Dies ist die Fabel. Was empfinden Sie dabei?

JULCHEN. Ich empfinde, daß sie mir nicht gefällt, und daß der Verfasser ihrer noch viel machen wird. Ich will doch nicht hoffen, daß Sie diese Erzählung im Ernste für artig halten.

DER MAGISTER. Freilich kann der Verstand bei witzigen Sachen seine Stärke nicht sehen lassen. Aber wie? wenn ich die Fabel selbst gemacht hätte?

JULCHEN. So würde ich glauben müssen, daß die Schuld an mir läge, warum sie mir nicht schön vorkommt.

Christian Fürchtegott Gellert
aus: Die zärtlichen Schwestern, Zweiter Aufzug

Mittwoch, 29. Oktober 2008

Mensch und Tier

Es ist nicht bloß die äußere menschähnlichkeit der thiere, der glanz ihrer augen, die fülle und schönheit ihrer gliedmaße was uns anzieht; auch die wahrnehmung ihrer manigfalten triebe, kunstvermögen, begehrungen, leidenschaften und schmerzen zwingt in ihrem innern ein analogon von seele anzuerkennen, das bei allem abstand von der seele des menschen in ein so empfindbares verhälnis zu jenen bringt, daß ohne gewaltsamen sprung, eigenschaften des menschlichen gemüts auf das thier, und thierische äußerungen auf den menschen übertragen werden dürfen. In mehr als einer sinnlichen kraft thut es uns das thier zuvor, in schärfe des gesichts, feinheit und stärke des gehörs und geruchs, schnelle des laufs und befähigung zum flug; sollten wir ihm nicht zugestehen, neben uns und in der einwirkung auf uns seine besonderheit geltend zu machen?
Jacob Grimm
aus: Reinhart Fuchs, Berlin 1834, S. I/II

Dienstag, 28. Oktober 2008

Der Athener und der Böotier (Parabel)


Ein Athener saß am Gestade, versenkt in die Betrachtung des ewig bewegten Ozeans. Der Wagen des Helios sank dem Lande des Hesperus zu, und glutrot stieg das Gespann des Gottes hinab in das stahlfarbene Meer, einen purpurnen Saum am blauen Kleide des Uranus zurücklassend. Der Athener sank in die Knie, entzückt von der Größe der Erscheinung, die jeden Tag in ihr Grab steigt, um am folgenden Morgen neu geboren zu werden.
Da kam ein Schwätzer.
»Guten Abend, was gaffst du?«, rief er dem Athener zu. »Hast du nicht gehört, daß heute Feigen ausgeschmuggelt worden sind?«
Der Athener wandte sich um und antwortete nicht. Er ging von dannen.
Der andere war ein Böotier.

Edward Stilgebauer
aus der Zeitschrift: Der Floh, 2.1.1910

Montag, 27. Oktober 2008

Der Wolpertinger

auch (je nach Region): Wolperdinger, Woipertinger, Woiperdinger, Volpertinger. In Niederbayern: Oibadrischl, Oberpfalz: Rammeschucksn, Niederösterreich: Raurackl. Bayerisches Fabelwesen, Ursprung und Herkunft unbekannt. Es handelt sich um ein Mischwesen. Das Aussehen kann aber variieren. Mal tritt es als Eichhörnchen mit Entenschnabel auf, dann wieder als Hase mit Entenflügeln oder Hirschgeweih. Der Wolpertinger gilt als sehr scheu und kann, der Legende nach, nur in Begleitung einer jungen und gutaussehenden Frau gesichtet und gefangen werden. Wer es einfacher haben möchte, besucht das Wolpertinger Museum in Mittenwald. Dies »wahre Urvieh aus Bayern« ist auch heute noch ein beliebtes Fabelwesen.

Horst-Dieter Radke

Sonntag, 26. Oktober 2008

Die Raupe und der Schmetterling


Eine kleine Raupe lag,
In ihr Leichentuch gesponnen,
Tot im Angesicht der Sonnen,
Und es war der schönste Tag.

Und ein schöner Schmetterling
Kam geflogen, setzte sich
Still daneben, sagte: Dich,
Kleine Raupe, wird nun bald
Die allmächtige Gewalt,
Die dort oben strahlt, erheben,
Und noch schöner an Gestalt,
Als du starbest, wirst du leben!
Toter! ich will Achtung geben,
Wie du zu dem zweiten Leben
Wirst hervor gehn!

Plötzlich warf
Sie die Schal' ab, ließ sie liegen,
Und der schöne Schmetterling
Sah den neuen Engel fliegen,
Wenn ich ihn so nennen darf.

Johann Wilhelm Ludwig Gleim

Freitag, 24. Oktober 2008

Oh Muse …


O Muse! die du weißt, was Thier’ und Bäume sagen,
Wovon der Vogel singt, was Fisch’ und Wurm beklagen,
Ich bitte, sage mir, wie reden Löw’ und Maus?
Wie drückt sich eine Gans, und wie ein Adler aus?
Wovon schwatzt Schneck’ und Forsch? wie sprechen muntre Pferde?
Was denkt der volle Monde? worüber seufzt die Erde?
Wie redet die Natur? Es läßt ja ungereimt,
Wenn roher Sänger Witz von Wuth der Lämmer träumt,
Die Löwen weinen läßt, die Hasen drohen lehret,
Gewächsen Flügel dreht, und die Natur verkehrt.
Aesopus dichtete natürlich, ohne Zwang,
Aesop, der von der Maus bis an den Löwen sang,
und ohne der Natur was falsches aufzubürden,
Die Thiere reden ließ, wie Thiere reden würden,
Die Wölfe dürsteten nach feiger Lämmer Blut,
Der Hirsch pries sein Geweih, der Uhu seine Brut,
der Panther drohete, der Stier sprach von dem Stalle,
Der Sperling plauderte, der Fuchs belog sie alle.
So sang der Phrygier; nichts, so sich widersprach,
Floß jemals in sein Lied, ihm sang ein Phädrus nach,
und Alle die nach ihm das Fabelreich durchstrichen,
Erhoben ihren Ruhm, so weit sie jenen glichen.
Mein Mund versucht ihr Lied. Wie, wenn es nicht gelingt?
Wer zweifelt, hat gewählt. Es sey gewagt, er singt.

Magnus Gottfried Lichtwer

Donnerstag, 23. Oktober 2008

Fliege und Spinne


Lange saß die Spinne am Rande des Netzes, bis die Fliege sich darin verfing. Gnädig betäubte sie die Gefangene, bevor sie ihr das Leben aussaugte, um eigenes zu erhalten.

Horst-Dieter Radke

Dienstag, 21. Oktober 2008

Der Wiesel und die Hühner

Nach Recht und Urtheil, mit dem Prügel
Ward vor dem frohen Hausgeflügel
Ein Dieb und and’rer Tullian,
Ein schlimmer Wiesel, abgethan.
Ein Hof voll Hühner sah’ ihn leiden,
Und gackerte dabei vor Freuden.
Nur eine Henne blieb betrübt,
Und sprach: »Man bricht des Räubers Glieder;
Allein die That ist schon verübt,
Wer giebt mir meine Kinder wieder?«

Magnus Gottfried Lichtwer

Sonntag, 19. Oktober 2008

Abraham Emanuel Fröhlich

Bildquelle: Wikipedia

wurde am 1.2.1796 in Brugg (Schweiz) als Sohn eines Lehrers geboren. Er besuchte die städtischen Schulen und studierte seit 1811 in Zürich Theologie. Anfang 1817 wurde er ordiniert und erhielt anschließend die Stelle eines Lehrers an der heimatlichen Lateinschule. 1820 heiratete er seine Jugendfreundin Elisabeth Frei.

Fröhlich war auch an den Künsten, insbesondere der Musik, interessiert. Da er zur Satire neigt und weltoffen war, schuf er sich nicht nur Freunde. Er scheiterte deshalb 1823 bei der Bewerbung um die Pfarrstelle in Brugg. Dies regte ihn an, Fabeln zu schreiben, die zunächst unter dem Namen Demokrit Schmerzenreich in der Zeitschrift »Europäische Blätter« erschienen. 1825 gab es dann eine Buchausgabe mit dem Titel Hundert neue Fabeln unter seinem richtigen Namen. Die zweite Ausgabe musste bereits im Jahre 1829 neu aufgelegt werden. Im Herbst 1827 nahm Fröhlich eine Stelle als Professor der deutschen Sprache an der Kantonsschule in Aarau an, an der er auch von 1832 bis 1833 Rektor war. Er betätigte sich außerdem zwischen 1831 und 1835 als Redakteur der »Neuen Aargauer Zeitung«. Bei der Neuwahl der Kantonsschullehrer wurde er übergangen genauso wie bei der Besetzung der Pfarrstelle von Kirchberg. Der Gemeinderat von Aarau jedoch wählte ihn zum Rektor der Bezirksschule.

Gemeinsam mit seinem Bruder Theodor erarbeitete er ein Gesangbuch (Auserlesene Psalmen und geistliche Lieder für die evangelisch-reformirte Kirche des Cantons Aargau), das er jedoch alleine fertig stellen musste, da der Bruder 1836 Selbstmord in der Aare beging. Das vollendete Werk erschien 1844 und brachte Fröhlich die philosophische Doktorwürde der Basler Universität ein. Fröhlich veröffentlichte mehrere satirische Gedichte (u.a. Der junge Deutsch-Michel, 1843) und zwei Sammlungen Trostlieder (1851 und 1864), die in Folge des Todes der Ehefrau und der Tochter entstanden. Auch epische Gedichte (Ulrich Zwingli, Ulrich von Hutten, Johannes Calvin) sowie Novellen und Erzählungen legte er vor. Als bedeutendste Leistungen werden aber seine Fabeln angesehen. Nach einem Schlaganfall im Sommer 1865 starb er am 1.12. des gleichen Jahres.

Horst-Dieter Radke

Samstag, 18. Oktober 2008

Himmelsschüssler


Bei seines Waldes Leuten
den Glauben zu verbreiten,
der einzig selig macht,
sang Uhu seinem Chor,
durchwachend manche Nacht,
die Trauerpsalmen vor.

Allein beim besten Willen
war ihres Uhus Lahr
den Vögeln allzu schwer.
Sie duldeten im Stillen
und ließen ihren Sang
den ganzen Winterlang.

Doch wie das neue Licht
in junge Waldung bricht,
wird von den tausend Zungen
auch tausendfach gesungen:
»Wie sich die Baumgestalten
zu Einem Kranz entfalten,
soll auch in allen Weisen
Gesang den Höchsten preisen!«

Abraham Emanuel Fröhlich

Die Eulen


Der Uhu, der Kauz und zwo Eulen
Beklagten erbärmlich ihr Leid:
Wir singen; doch heißt es, wir heulen:
So grausam belügt uns der Neid.
Wir hören der Nachtigall Proben,
Und weichen an Stimme nicht ihr.
Wir selber, wir müssen uns loben:
Es lobt uns ja keiner, als wir.

Friedrich von Hagedorn