Montag, 17. Oktober 2011

Der gelbe Domino

Auf einem Hofballe zu Versailles in den letzten Regierungsjahren Ludwig XIV. drängte sich zu einem der reich bedienten Buffets fast ununterbrochen ein gelber Domino und verzehrte die köstlichen Speisen und Getränke in unbegreiflicher Menge. Verschwand er auch einen Augenblick, so war es nur, um sogleich wiederzukommen und mit frischem Appetite von neuem zu beginnen Die Sache ward endlich so auffallend, daß der König selbst befahl, den unfüllbaren gelben Domino zu verfolgen. Nun wies es sich aus, daß die wachehabenden Schweizer diesen Domino gemeinschaftlich besaßen und succesiv anlegten, um einer nach dem andern in derselben Verkleidung am Buffet erscheinen zu können. Ludwig lachte herzlich über den Einfall; und es ward nun angeordnet, die sonst vergessenen und dadurch zu jener Selbsthülfe veranlaßten Schweizer besonders zu bedienen.

Blätter für literarische Unterhaltung
Nr. 100, S. 412
Donnerstag, 10. April 1834

Samstag, 15. Oktober 2011

Der Biber und der Fischotter


Ein Biber gestattete einst dem Fischotter, seinen künstlichen Bau zu betrachten.
Erlaube mir, mein Freund! fieng der Fischotter an, dich zu fragen, warum du so viel vergebliche Kunst und Arbeit an die Aussenwerke verwendet hast, da dich die letzte Kammer allein für allen Anfällen deiner Feinde in die vollkommenste Sicherheit setzt?
Meine Wachsamkeit möchte mich verlassen, antwortete der Biber, und in diesem Fall dürfte mir keine Zeit übrig bleiben, mich in das Innerste meines Baues zurück zu ziehen.
***
Wer ein Geheimniß zu verwahren hat, thut wohl daran, es mit einem unbedeutenden Zaun zu umgeben, den er im Nothfall dem fremden Fürwitz, und der eigenen Menschlichkeit preißgeben kann.


Joh. Fridr. August Kazner
Fabeln, Epigrammen und Erzählungen
Frankfurt am Mayn, 1786

Donnerstag, 13. Oktober 2011

Der Löwe, der in den Krieg ziehen wollte

Der Löwe hatte eine Schlacht im Sinn.
So hält er Kriegsrat, schickt den Adjutanten
Zu allen Tieren hin;
Ein jedes stelle schnell sich ein,
Mit seinen Kräften hilfsbereit zu sein:
So brauche man den breiten Elefanten,
Damit er Munition und Waffen trage
Und wuchtigen Trittes eine Bresche schlage;
Zum Sturmlauf halte sich der Bär bereit;
Der Fuchs jedoch soll feine Ränke spinnen;
Der Affe suche nach Gelegenheit,
Den Feind durch Späße zu gewinnen.
»Schickt nur«, riet einer, »den Herrn Esel dort
Und auch den allzu feigen Hasen fort,
Denn jener ist so tölpelhaft wie dumm,
Und dieser kehrt vorm Feinde sicher um.«
»Durchaus nicht,« sprach der König, »beide haben
Für unsern Kriegszug nutzenswerte Gaben:
Der Esel soll mit seinem grimmen Ruf
Den Feind entsetzen,
Den Hasen, den Natur zum Läufer schuf,
Wird, denk ich, keiner als Kurier ersetzen.«

Ein weiser Fürst muß stets verstehen,
Auch dem Geringsten seinen Platz zu geben,
Und der Verständige wird nie im Leben
Den kleinsten Vorteil übersehen.

Jean de Lafontaine

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Der Knabe und die Biene


„Was doch nur die Mutter spricht:
Störe mir die Beinchen nicht!
Ich bin groß und sie sind klein,
Wie sollt’ ich wohl furchtsam sein?
Räuber! warum sauget ihr
Alles Süß’ aus meinen Blumen mir?“

Zürnend schlägt er auf sie ein.
Weh thut’s, ob sie auch nicht schrei’n.
Aber plötzlich, wutentbrannt
Sticht ein Beinchen seine Hand;
Ach, da läuft er weinend fort! –
Folgte willig nun der Mutter Wort.


Lebensweisheit in Fabeln
für die Jugend
Von
Friedrich Hoffmann,
Hofprediger in Ballenstedt
Stuttgart, Hoffmann’sche Verlags-Buchhandlung, 1840

Dienstag, 11. Oktober 2011

Die Eiche und das Schilfrohr


Zum Schilfrohr sprach einmal die Eiche:
»Ich finde, daß du Grund zur Klage hast,
Ein winziger Vogel schon wird dir zur Last,
Der schwächste Windhauch, der im Teiche
Das Wasser kräuselt, biegt dir fast
Den Kopf zur Erde, während ich mein Haupt,
Stolz wie der Kaukasus, nicht nur dem Licht,
Nein, auch dem Sturm entgegenhebe,
Und da, wo ich im Zephir schwebe,
Ist dir's, als ob der Nordwind schnaubt.
Ach ja, du Armer, ständest du nur nicht
Dort so im Freien, sondern mehr im Schutz
Der Blätter, die nach allen Seiten
Sich dicht um meine Zweige breiten,
So bötest du dem Sturm wohl Trutz.
Jedoch es läßt sich nicht bestreiten,
Daß euer schwächliches Geschlecht
Stets dort zu Hause, wo die Winde jagen,
Und darum muß ich leider sagen,
Natur behandelt euch gar ungerecht.«

»Aus gutem Herzen,« sagte drauf das Rohr,
»Entspringt dein Mitgefühl; indes bevor
Du urteilst, mußt du auch bedenken,
Daß mich die Winde wenig kränken.
Ich beuge mich und breche nicht; bis jetzt
Hast du dem Sturm dich tapfer widersetzt
Und krümmtest nicht vor ihm den Rücken,
Doch warte ab, ob bis zuletzt
Steifnackigkeit und Trotz dir glücken.«

Kaum war's gesagt, da kam in tollem Flug
Der schlimmste Sohn dahergebraust,
Den je der Nord in seinen Lenden trug.
Der Baum steht gut, das Schilfrohr schwankt.
Der Wind verdoppelt seine Kraft und zaust
Und rüttelt an der Eiche, bis sie wankt
Und stürzt. – Da lag sie, deren Haupt den Himmel fühlte,
Doch deren Fuß im Reich des Todes wühlte.


Jean de Lafontaine

Samstag, 8. Oktober 2011

Fabel, der junge Baum und der Gärtner


Ein Gärtner pflanzte sich eins einen jungen Baum,
Und war voll Sorgfalt, ihn zu warten.
Noch lag die halbe Welt verstrickt in Schlaf und Traum;
Der kühle Morgen lachte kaum;
Schon war der Gärtner in dem Garten,
Und sah nach seinem jungen Baum.
Er wuchs, doch langsam; bald war scharfer Frost zu heftig;
Und bald war am Mittag der Sonnen Strahl zu kräftig.
Der junge Baum vertrocknet nach und nach:
Bald weil der Blätter Meng die künftge Frucht erstickte,
Bald weil die Blüthe fiel, die schöne Frucht versprach.
Der Gärtner selbst fand seine Kunst zu schwach,
Und ward betrübt, wenn er den Baum erblickte.
Er suchte Mittel auf,
Bald aus der Schweiz und bald aus Sachsen.
Umsonst, es war der Baum von Raupen nur bedeckt,
Und wollte noch nichts tragen und nicht wachsen.
Auf einmal wuchs der Baum, und bracht mit schnellem Wachsen
Die andern Bäume fast zu Neid und Eifersucht.
Trotz Hagel, Wind und Schnee, und Wetter
Verbreiten sich die hoffnungsvollen Blätter.
Nun blüht er! nein, er trägt schon Frucht!
Gedrücket von der Last der Früchte,
Biegt sich der Baum, so daß man ihm auch Stützen gab;
Die Menge war zu groß – O traurige Geschichte!
Fast alle Früchte fielen ab.

Nun werden wohl die Kenner fragen:
Was hat der Autor wohl im Sinn,
In dieser Fabel vorzutragen?
Er weis es selbsten nicht, so wahr ich ehrlich bin!
Ihr Herren Kenner, darf ichs wagen?
Ich will es thun – Ihr urtheilt allzufrüh.
Der Gärtner ist Apoll; und – Kenner, darf ichs sagen?
Der Baum – die deutsche Poesie.


Des Freyherrn Johann Friederich von Cronegk
Schriften Erster Band, Zweyte verbeßerte Aufalge
Bey Jakob Christoph Posch, in Anspach, 1761

Mittwoch, 5. Oktober 2011

Indras Irrtum für Amazons kindle


Nun gibt es meine Novellensammlung »Indras Irrtum« auch als eBook - vorläufig nur für Amazons kindle.

Montag, 3. Oktober 2011

Autorenkalender 2012



Nach einem Jahr Pause ist nun in einem neuen Verlag der Autorenkalender 2012 erschienen. Neben einem Kalendarium, in das Autorin und Autor alle wichtigen persönlichen und geschäftlichen Termine eintragen kann - z. B. die Entgegennahme des Nobelpreises, die Honorarauszahlungstermine, Verlagsabgabetermine für den in Arbeit befindlichen Bestseller - finden sich zahlreiche Sachbeiträge gestandener Autoren darin und die Siegertexte des Putlitzer Preises 2011. Alles zusammen genommen ist das eine fabelhafte Sache. Wer zur schreibenden Zunft gehört, kann eigentlich nicht auf diesen Kalender verzichten.

Freitag, 30. September 2011

Das Testament des Wolfs


Der Wolf kam aufs Krankenbette, und Doctor Pommer verkündigte ihm, daß keine Hoffnung zu seiner Genesung sey. Wenn es denn, sprach Meister Wolf, nicht anders ist, so lasse man mir meine Kinder kommen, mich mit ihnen zu letzen. Sie kamen und umstellten das Lager ihres sterbenden Vaters. Ihr sehet, fieng er an, daß es mit mir zu Ende gehet; ich habe in meinen Lebzeiten nicht allezeit so, wie ich gewünscht, Recht und Gerechtigkeit verwaltet; die Zeiten waren schwer; es mußte sich jeder zu helfen suchen, so gut er konnte: Noch tröstet mich, daß mir der Adler und die Nachtigall nichts unrechtes nachsagen können; mit dem Elephanten und Löwen habe ich auch jederzeit in ertraulicher Freundschaft gelebt; nur die Schafe, Hunde, Hasen und Gänse haben’s zuweilen an mich gebracht, und in der ersten Hitze weiß man sich nicht immer zu mäßigen. Ich rathe euch aber, meine lieben Kinder, mit ihnen fürderhin in Ruhe und Eintracht zu leben; den Schaden, den ich ihnen gethan habe, bey bessern Zeiten zu ersetzen, und euch im Reiche der Thiere des Namens frommer Wölfe würdig zu machen; welches, wie Styx weiß, Lebenslang mein ernstlicher Vorsatz gewesen ist. Ist nun solches euer alle redlicher Wille, so lege jeder zu Bezeugung seiner Aufrichtigkeit die Klaue auf meinen Leib. Ach Vater, fieng Wolfette an, alles dieses wollten wir dir gerne versprechen, wenn wir nur keine Wölfe wären.

Auserlesene Fabeln von
Friedrich Carl, Freyherrn von Moser
ehemaligem Kaiserlichen Reichs-Hofrathe
und nachmaligem Regierungs-Präsidenten zu Darmstadt
Leipzig 1762

Mittwoch, 28. September 2011

Die Raupe und der Regenwurm


Die Raupe.

wie schön ist doch die Welt für mich gebaute!
So weit mein scharfes Auge schauet,
Bewundert es, geschaffen mir zum Glück’,
Der großen Götter Meisterstück.
Für mich macht dieses warme Wetter
Die sonne, die so hell vom Himmel auf mich scheint;
Denn Kälte, weiß sie, ist mein Feind.
Für mich trägt dieser Baum so weiche, süße Blätter;
Denn wer genießt sie sonst, als ich?
Auch Blumen zeugte die Natur für mich.
Denn wenn ich einst verwandelt werde
Und mich vergöttert von der Erde
Erhebe, trink’ ich ihren Nektarsaft.
Ja, weil die dunkle Nacht mir kein Vergnügen schafft,
So geht die Sonne nie zur Ruh’,
sie schicke mir denn erst die glänzende Laterne,
Den Mond, und tausend blanke Sterne,
Wenn niemand wacht, als ich, zu meinem Dienste zu.
Sprich, Regenwürmchen, sind wir Raupen nicht beglückt?

Der Regenwurm.

Und Regenwürmer sind wol nichts, erhabne Made,
Als Ungeziefer? nicht? Es ist um dich doch Schade!
Du hättest dich zum Menschen gut geschickt.

Johann Gottlieb Willamov
(1736 - 1777)
aus: Dialogische Fabeln
Berlin, 1791

Samstag, 24. September 2011

fabuliren

fabuliren, verb. reg. neutr. mit dem Hülfswerke haben, in der niedrigen Sprechart, fabeln, Fabeln, Mährchen erzählen, aus dem Latein. fabulari.

Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart
mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten besonders aber der Oberdeutschen
von Johann Christoph Adelung
Zweiter Theil, von F - L.

Donnerstag, 22. September 2011

Begriff der Erdichtung der Beschreibung der Fabel

Dahero habe ich es vor gut befunden, den Begriff der Erdichtung der Beschreibung der Fabel beyzufügen, damit man sie von der Begebenheit hinlänglich unterscheiden könne. Nun weiß ich zwar wohl, daß einige die Geschichte und Fabel also unterscheiden, daß sie sagen, die Geschichte erzähle die Sache, wie sie sich zugetragen, und sorge weder für das Wahscheinliche, noch für die Anwendung; die Fabel aber sähe bey ihrer Erzählung auf das Wahrscheinliche, und suche aus vielerley Begebenheit das heraus was dem Glaubwürdigen am nähesten kommt, und sich am bequemsten auf eine Lebensregel anwenden läßt. Allein, dieses trifft man nicht bey allen Fabeln an. Denn es kann ein Vorfall ohne Zuthun des Dichters wunderbar, wahrscheinlich, und zum unterrichte geschickt seyn; er wird aber, wenn er gleich mit unter die Fabeln gesetzt wird, und eben den Nutzen, den die Fabel hat, deswegen dennoch nicht zur Fabel werden. Denn er hat seine Wirkung von sich selbst, da hingegen die eigentliche Fabel ihr Daseyn und ihren Nachdruck von der Erfindung des Poeten empfängt. Aber, wenn der Vorfall zum Theil verändert wird; wenn er durch etwas vermehrte wird; wenn kleine Umstände, die entweder gar nicht, oder nicht in dem Zusammenhange da waren, so hinzugesetzt und am Ende mit einander so verbunden werden, daß sie diesen Vorfall welcher den Leser zugleich zu unterhalten und zu lehren geschickt war, ganz erzehlen: so halte ich dafür, daß man dergleichen Erzehlung mit Recht eine Fabel nenne. Eben dieses gilt auch bey größern Fabeln, bey dem Trauerspiele und dem Heldengedichte, als in welchen wahre Begebenheit mit erdichteten verknüpft sind, und in welchen der Dichter solche Zufälle beybringt, von denen zwar sowohl die schriftliche als mündliche Geschichte nichts weiß, die aber doch die Absicht der Fabel erfordert. Herr Breitinger nennt nebst den la Motte die Fabel mit Recht eine ins kurze gezogene Epope; da nun aber niemand die Epope denkt, ohne zugleich sich an die Erdichtung zu erinnern; so folgt, daß, wenn die Vergleichung passend seyn soll, die Erdichtung auch bey dem Begriffe von einer kleinen Fabel nicht fehlen könne.

Christian Fürchtegott Gellert
Von denen Fabeln und deren Verfassern