Montag, 12. Januar 2009

Der Fuchs im Bildersaal …

Der Fuchs im Bildersaal: »O schönes Angesicht!
Wie Schad', daß es nicht spricht!«
Der Fuchs im Weibersaal: »O schönes Angesicht!
Wie Schade, daß es spricht!«

Johann Gottfried Herder

Sonntag, 11. Januar 2009

Die bîschaft

Wer die bîschaft merken wil,
der setz sich ûf des endes zil.
der nutz lît an dem ende gar
der bîschaft, wer sin niemet war.


Ulrich Boner
»Vom Ende diss Buoches«
aus: Der Edelstein

Samstag, 10. Januar 2009

Gustav Klimt: Die Fabel

Quelle: http://www.zeno.org - Zenodot Verlagsgesellschaft mbH

Gustav Klimt (1862 - 1918), bekanntester Vertreter des Wiener Jugendstils, stellt in seinem Gemälde »Die Fabel« selbige als nackte junge Frau dar, kaum mit einem Tuch bekleidet, umgeben von Löwe, Störchen, Fuchs und Mäusen. Der leidvolle Blick des Fuches, weil er aus der langhalsigen Flasche nicht trinken kann - anders als der Storch - korrespondiert gut mit der kraftvollen Ruhe des Löwen, der vor der Fabel liegt und ihr so königlichen Schutz gewährt.

Horst-Dieter Radke

Freitag, 9. Januar 2009

Apolog

Mit dem Begriff Apolog wurden ursprünglich eine märchenhafte Erzählung, später lehrreiche Fabeln mit moralischem Inhalt bezeichnet. Besonderes Merkmal ist eine Lehre (Moral) am Schluss.

Hegel grenzt allerdings den Apolog in seinen »Vorlesungen zur Ästhetik« von der Fabel ab (Die nähere Gliederung nun dieser Arten wollen wir so machen, daß wir zuerst von der Fabel, sodann von der Parabel, dem Apolog und Sprichwort handeln und mit der Betrachtung der Metamorphosen schließen.) setzt ihn an anderer Stelle allerdings mit der Parabel gleich (Der Apolog drittens kann für eine Parabel angesehen werden…).

Horst-Dieter Radke

Donnerstag, 8. Januar 2009

Die Schnecke


Zum erstenmal kroch eine Schnecke,
Das schönste Kunststück der Natur,
Aus der verborgnen Fliederhecke,
Die sie gebahr auf Tempes Flur.
Hier saß auf weichen Lotusblättern
Der Phönix ihrer jungen Vettern.
Sie stutzt, sie gafft ihn staunend an
Und nickt ihm Dank, als er sie grüßet,
Doch der versuchtere Galan
Rückt näher, kömmt und sieht und küsset.
Das Bäschen schaudert und verschließet
Sich schnell in ihr verschanztes Haus.
Allein itzt schien es ihr zu enge,
Es war als zögen hundert Stränge
Sie aus der finstern Gruft heraus.
Kaum schlüpft sie aus der bunten Schale,
So küßt er sie zum andernmale.
Sie sträubt sich und mit scheuem Blick
Glitscht sie in ihr Castell zurück;
Doch dasmal nur mit dem Gesichte.
Ihr Busen winkt dem losen Wichte
Noch kühner als zuvor zu seyn.
Er wars. – Sie biß ihn doch? – Ach nein!
Sie bebte nur durch alle Glieder,
Und schäumte Zorn, doch blos zum Schein.
Nach zwo Minuten kam sie wieder.
Zwar grollt noch ihr Gesicht; allein
Der Lecker küßte seine Falten,
Und sie zog blos die Augen ein,
Die wir getäuscht für Hörner halten.
Bald aber zuckt sie gar nicht mehr,
Und küsset lieber noch als er.

Wär ich ein Schalk, ich würde schwören
Daß junge Mädchen Schnecken wären.
Gottlieb Konrad Pfeffel

Mittwoch, 7. Januar 2009

Der Bullenbeißer und das Windspiel

Ein tapfrer Bullenbeißer, den mit eigner Hand
Ein Junker an den Thorweg band,
lag harmlos einst im heitern Sonnenschein,
Und spielte still mit seiner Kette.
Da trat die flüchtige Finetre,
Ein Windspiel, vor ihn hin: Macht dies denn keine Pein,
So fragte sie, zur unverdienten Schande
Der Fessel hier verdammt zu seyn?
Du bist ja stark genug: zerbrich die Bande! -
Ich thue, wie du siehst, noch mehr, versetzet er:
Die Kunst, die Ketten, die wir fühlen,
Zu brechen, ist noch nicht so schwer,
Als die -- damit zu spielen.

Karl Wilhelm Ramler

Dienstag, 6. Januar 2009

Die geschwätzige neue Art

Daß, bey den Alten, die Aesopische Fabel nicht zu dem Gebiete der Poesie, sondern der Rhetorik gerechnet worden, hat G.E. Lessing in s. Abhandlung von dem Vortrag der Fabeln, S. 222. Ausg. von 1777 bereits bemerkt; allein, daß erst daraus, daß die Neuern sie blos als Gedicht ansehen, auch die geschwäzige neuere Art sie zu erzählen, und die Zierrate in dem Vortrage derselben entsprungen sind, wird, meines Bedünkens, durch eine Stelle in des Priscians Praeexercitamentis rhetor. ex hermogene (ap. Putsch. S. 1330) widerlegt, wo schon von zweyerley Arten ihres Vortrages, breviter und latius, gesprochen, und jede mit Beyspielen belegt wird.

Johann Georg Sulzer
Allgemeine Theorie der Schönen Künste in einzelnen,
nach alphabetischer Ordnung der Kunstwörter auf einander folgenden,
Artikeln abgehandelt von

Zweyter Theil
Neue vermehrte dritte Auflage
Frankfurt und Leipzig, 1798

Montag, 5. Januar 2009

Wann ist eine Erdichtung eine Fabel?

Ich fasse daher alles zusammen und sage: Wenn wir einen allgemeinen moralischen Satz auf einen besondern Fall zurückführen, diesem besondern Falle die Wirklichkeit erteilen und eine Geschichte daraus dichten, in welcher man den allgemeinen Satz anschauend erkennt, so heißt diese Erdichtung eine Fabel.

G.E.Lessing
Abhandlungen über die Fabel
I. Vom Wesen der Fabel

Sonntag, 4. Januar 2009

The Northwind and the Sun


The North wind and the Sun disputed as to which was the most powerful, and agreed that he should be declared the victor who could first strip a wayfaring man of his clothes. The North Wind first tried his power and blew with all his might, but the keener his blasts, the closer the Traveler wrapped his cloak around him, until at last, resigning all hope of victory, the Wind called upon the Sun to see what he could do. The Sun suddenly shone out with all his warmth. The Traveler no sooner felt his genial rays than he took off one garment after another, and at last, fairly overcome with heat, undressed and bathed in a stream that lay in his path. Persuasion is better than Force.

George Fyler Townsend (nach Äsop)

Samstag, 3. Januar 2009

Der Bauer im Weingarten


Ein Bauer grub einmal in seinem Weingarten,
Verlor dabei die Hack’ und als er nachforschte,
Ob nicht der Dieb sei unter seinen Arbeitern,
So leugnet jeder, und er kann sich nicht helfen,
Führt alle hin zur Stand, und läßt sie dort schwören.
Denn auf dem Lande wohnen nur die einflält’gen
Gottheiten, glaubt man: innerhalb der Ringmauern
Sind die die Alles wissen und die Wahrhaften.
Doch als sie stehend hinterm Thor die Füß’ wuschen
An einem Quell und ihre bündel ablegten,
Da ruft ein Herold: “Tausend Drachmen dem, welcher
Den Räuber, der den Gott bestahl, uns anzeigtet!”
Und er, das hörend, spricht: Ich komm’ umsonst also:
Wie soll der Gott wohl kennen fremde Spitzbuben,
Der seine eigenen Diebe selbst nicht ausfindet,
Und um Belohnung Menschen sucht, die’s anzeigen?

Babrios
Übersetzung: Johann Adam Hartung
Leipzig 1858

Freitag, 2. Januar 2009

Die Fabel

Die Erzählung einer geschehenen Sache, in so fern sie ein sittliches Bild ist.

Johann Georg Sulzer
Allgemeine Theorie der Schönen Künste in einzelnen,
nach alphabetischer Ordnung der Kunstwörter
auf einander folgenden, Artikeln …

Zweyter Theil
Frankfurt und Leipzig, 1798

Donnerstag, 1. Januar 2009

Harmonie der Sphären

Ein Jüngling las von ungefehr
Von einer Harmonie der Sphären
Im Plato. Ha! die muß ich hören,
Rief er, und bat den Jupiter,
Ihm sein Verlangen zu gewähren.
Umsonst sprach dieser: junger Thor!
Das göttliche Concert der Sphären
Ist nicht für eines Menschen Ohr!
Er ließ nicht ab, ihn zu beschwören,
Bis Zeus einst die Geduld verlor,
Und sich entschloß, ihn zu erhören.
Er rühret seinen Scheitel an;
Der Jüngling hört durch alle Himmel,
Und was? ... Ein gräßliches Getümmel.
Ein tausendstimmiger Orkan,
Bewehrt mit Graus und Untergange,
Und alle Donner durch die Hand
Des Rächers auf die Welt gesandt,
Sind gegen diesem Rundgesange,
Dem Summen einer Biene gleich.
O Zeus! was lässest du mich hören?
So rief der Jüngling starr und bleich:
Ist das die Harmonie der Sphären?
So brüllt die Hölle nach dem Raub:
Ha, mache mich viel lieber taub,
Du fürchterlicher Gott der Götter!
Itzt rufet Zeus aus einem Wetter:
Erkenne, blödes Erdenkind,
Daß Menschen keine Götter sind.
Du hörst ein schreckendes Getümmel,
Und ich – die Harmonie der Himmel.

Gottlieb Konrad Pfeffel