Freitag, 19. Mai 2017

Der arme Taglöhner und der Tod


Ein armer Taglöhner schleppte sich die Tage seines Lebens jämmerlich fort, und doch legte er achtzig Jahre zurücke. Was er sich immer seufzend wünschte, war nichts anderes als: Lieber Tod, komm doch endlich einmal!
– Erlöse mich doc h endlich, lieber Tod!
Der Tod erhörte ihn, und kam.
Der Taglöhner erschrack, und bath: nur drey Jahre noch, lieber Tod! – – lieber Tod, nur drey Jahre noch.
Nach dreyen Jahren kam der Tod wieder, und der arme Taglöhne bath wiederum um drey Jahre.
Je nun, sagte endlich der Tod. Ihr Menschen rufet mich, wenn ihr mich nicht sehet, und wenn ich komme, so fürchtet ihr mich. Ich will euch hinfür von ohngefähr überfallen.
Von dieser Stunde an sterben die Menschen, wenn sie es am mindesten vermuthen.

Heinrich Braun
Versuch in prosaischen Fabeln und Erzählungen
München 1772
zu finden bey Johann Nepomu, Fritz
und Augspurg bey Iganz Anton Wagner,
Buchhändlern.

Montag, 15. Mai 2017

Der Wanderer und der Tiger

Einst ging ich im Dakschinawald,
Da sah ich einen Tiger bald
Der, gebadet, mit Kusagras in der Hand
Lauernd sass an des heiligen Teiches Rand.
»He da, ihr Wandrer! rief er laut,
»Wer will dies goldne Armband, schaut!«
Die Rede vernehmend, von Furcht bestrickt,
Sich mancher schnell von der Seite drückt.
Doch von der Habgier angefacht
Ein Wandrer also bei sich dacht’:
»Hätt’ ich’s, es wär’ ein Glück, fürwahr, –
»Und doch – was soll ich in  die Gefahr
»Mich blindlings stürzen?… Wie heisst es doch?
»Erwünschtes bei Verwünschten sehn und holen ist nicht angenehm;
»So ist ja selbst gemischt mit Gift der Göttertrank ein tödtlich Gift.
»Doch beim Erwerb ist auf der Welt
»Auch überall Gefahr bestellt:
»Der die Gefahr nicht wagt, der Mann erschaut im Leben nie das Glück,
»Doch wagt er die Gefahr und bleibt am Leben, schaut er auch das Glück.
»So will ich’s wagen!« Drauf sprach er keck:
»Wo ist denn nun dein Armbesteck?«
Der streckt die Tatze aus und lässt’s ihn schaun. –
Der Wandrer spricht: »wie mach’ ich’s nur
»Dir, dem leibhaft’gen Tode, zu vertraun?«
Der Tiger spricht: »o Wandrer, höre nur!
Vordem, im Jugendalter, war
Ich überschlimm, das ist schon wahr;
Doch bei all dem Morden von Menschen und Thieren
Must’ ich Kinder und Weib durch den Tod verlieren,
Und wurde der ganzen Familie beraubt.
Da trat mich einer mit der Mahnung an:
»Gieb Armen und fang frommen Wandel an!«
Auf seinen Rath nun bin ich alter Gauch,
Zahnlos und klauelos, ergeben frommem Brauch.
Wie sollte mir man nicht vertrauen! Ei,
Ich bin so sehr von aller Habgier frei,
Dass ich dies goldne Band in meiner Hand
Dem Ersten, Besten wünsche zu verehren.
Du bist sehr arm. Ich will es dir bescheeren.
Hast du nur erst in diesem Teich gebadet,
Dann nimm das goldne Armband unbeschadet!«
Sobald nun der nach jenem Wort vergnügt
Mit Gier zum Bad sich nach dem Teich verfügt,
Da sank er plötzlich tief bis an den Rumpf,
Unfähig zu entfliehen, ein im Sumpf –
Den in dem Sumpf versunk’nen sah
Der Tiger nun und sprach: »haha!
»Du sinkst wohl gar im Sumpfe ein!
»Nun wart’, ich will dich gleich befrein.« –
Nachdem der Tiger so gesprochen,
Kommt langsam er herangekrochen
Und dinget auf den Wandrer ein.
Dem fällt der weise Spruch noch ein:

Nicht des Gesetzbuchs Kunde nützet, dies ist
Ganz klar, auch nicht die heil’ge Schrift dem Bösen; –
So fest gewurzelt ist ein Eigenwesen
Wie von Natur die Milch der Kühe süss ist.

So hab’ auch ich nicht wohl gethan
Dem Mordthier mich so fromm zu nah’n…
Noch bedacht’ er so, da ward er schon zerfleischt
Und von dem Tiger alsobald verspeist.

Ausgewählte Fabeln
des Hitopadesa,
im Urtexte nebst metrischer deutscher Uebersetzung
von
August Boltz
Offenbach a.M. 1868

Montag, 8. Mai 2017

Die Fabel von der Zecke

Gib mir dein Blut, sagte die Zecke und biss sich in den Igel. Dem war das unangenehm, aber er kam nicht an den Blutsauger heran. Seine eigenen Stacheln verhinderten dies. Als sie vollgesogen war, ließ sich die Zecke erleichtert fallen, um gleich darauf von einem Raben aufgepickt zu werden. Igel und Rabe freuten sich beide; der eine, weil er die Zecke los war, der andere, weil er sie hatte.

Horst-Dieter Radke

Freitag, 28. April 2017

Zeus und der Esel

Bist du mit deinem Stande zufrieden, sagte Zeus zu dem Esel.

Immer zufrieden, antwortete der Esel, immer will ich gerne ein Esel seyn, laß mir nur die Gabe der Unwissenheit bey meinem Stande, damit ich es nicht weiß, daß ich ein Esel bin.

Heinrich Brauns
Versuch in prosaischen Fabeln und Erzählungen
München 1772
zu finden bey Joahnn Nepomuk Fritz,
und Augspurg bey Iganz Anton Wagner,
Buchhändlern.

Mittwoch, 19. April 2017

Ein Mann besaß einen Wolfsgürtel

Ein Mann besaß einen Wolfsgürtel, d.h. er hatte die Fähigkeit, sich in einen Wolf (Wehrwolf) zu verwandeln. Einst veranstalteten die Jäger eine Fuchsjagd und hatten ein todtes Pferd als Köder für den Fuchs in den Wald gelegt. Der Wehrwolf begab sich dahin und fraß von dem Pferde. Dabei wurde er von den Jägern überrascht und angeschossen. Er entfloh, und als man in das Haus des Mannes trat, der im Verdacht stand, ein Wehrwolf zu sein, fand man ihn im Bette mit der Schußwunde.

Karl Bartsch
Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg 1–2
Band 1
Wien 1879/80

Sonntag, 16. April 2017

Wie das Schaf den Wolf fängt

Vor langer Zeit, als die Gegend bei dem Dorfe Eichel am Main noch mit Wald bedeckt war, kam ein Mann mit einem Schafe zu der Wallfahrtskapelle »Maria zur Eiche«. Er band das Schaf an die Kirchentür und ging hinein, sein gebet zu verrichten. Mittlerweile kam aus dem Wald ein Wolf, um das Schaf zu rauben. Dieses riß sich aber los und sprang in die Kirche, der Wolf ihm nach. Da lief das Schaf zur Tür zurück, faßte mit dem Maul den Strick, der an der Tür hängen geblieben war und riß die Tür zu. Der Wolf war nun eingesperrt und wurde getötet.

Karl Hofmann

Dienstag, 11. April 2017

Der Basilisk zu Memmingen

Melchior Lorck: "Basilischus" (Basilisk), Radierung 42 x 62 mm, aus dem Jahr 1548
Bildquelle: Wikimedia

An ama Haus henter'm Engel z'Memmenga sieht mã an geala Basilischka mit era fuirothe Zonga. – Dau haut mã amaul d'Magd in Keller na g'schickt und haut g'wahtet und g'wahtet, aber s'ischt koĩ Magd meh rauf komma. Do haut mã eppen andersch na g'schickt, aber s'ischt wieder nemad rauf komma, denn sobald's der Basilischk angucket haut send se g'schtorba. Am End gaut oiner her, nemmt an Schpiegel und laut da Basilischka neĩ gucka, und sobald se der sell drenn g'sẽ a haut, ischt er uf der Schtell verreckt. –
Wenn a Gockeler reacht alt wird, so legt er an Oi, bruatets aus, und us dem wird denn a Basilischk.

Alexander Schöppner
Sagenbuch der Bayer. Lande
München 1852–1853

Montag, 3. April 2017

Das Rebhuhn

Talus oder Pardix, des Dädalus Schwester Sohn, erlernte bei seinem Vetter die Bildhauerkunst. Als ein denkender Kopf erfand er die Töpferscheibe, die Säge, das Drechseleisen, den Zirkel und andere nützliche Dinge. Dädalus, welcher fürchtete, Talus möchte es ihm dereinst an Ruhme weit zuvor tun, stürzte ihn aus Neid von Minvervens heiliger Burg, von dem Schlosse zu Athen, herab, vorgebend, daß er von selbst gefallen.

Doch Pallas, dem Genie hold, fing ihn auf, machte ihn zu einem Vogel und umhüllte ihn mitten in den Lüften mit Gefieder. Seines Geistes Kraft und Schnelligkeit ging in Flügel und Füße über; sein Name aber blieb der vorige. Jedoch steigt dieser Vogel niemals hoch, noch nistet er auf Bäumen in hohen Wipfeln. Er fliegt immer nahe am Boden hin und legt seine Eier in niedere Hecken. Seines alten Falles eingedenk, fürchtet er die Höhe.

Johann Gottfried Hanisch
Mythologische Fabellese.
Ein Nachtrag zu einer jeden Naturgeschichte.
Hildburghausen, 1796

Samstag, 25. März 2017

Die beiden Frösche

Eine Fabel aus Japan

Es waren einmal zwei Frösche, von denen der eine ganz nahe bei der Küstenstadt Osaka in einem Graben, der andere dicht bei der schönen Hauptstadt Kioto in einem klaren Bache wohnte. Beide kamen auf den Gedanken, eine Reise zu machen, und zwar wollte der Frosch, der in Kioto wohnte, sich einmal Osaka ansehen, und der andere, der in Osaka wohnte, hatte Sehnsucht, die Kaiserstadt Kioto, wo der Mikado residirte, zu besuchen. Ohne daß sie sich kannten oder auch nur von einander gehört hatten, machten sie sich daher beide zu derselben Stunde auf den Weg und begannen ihre mühsame Wanderung. Die Reise ging nur langsam von Statten, denn ein Berg, dessen Höhe die Hälfte des Weges war, mußte überschritten werden, und diesen Berg zu erklimmen, war für die Frösche ein mühsames Stück Arbeit. Doch endlich war die Spitze erreicht, und siehe da, beide trafen sich, glotzten sich im ersten Augenblick einander an und fingen dann an, sich zu unterhalten. Als nun einer dem andern den Beweggrund seiner Reise mittheilte, da lachten sie beide vor Vergnügen, setzten sich zusammen in das hohe Gras und beschlossen, erst ein wenig auszuruhen, ehe sie sich trennten. »Wenn wir nur größere Thiere wären,« sprach der eine, »dann könnten wir von hieraus beide Städte sehen und könnten schon jetzt beurtheilen, ob es sich der Mühe verlohnt, noch weiter zu wandern.« »O, dem ist abzuhelfen,« entgegnete der zweite, »wenn wir das Ziel unserer Reise von hier aus sehen wollen, so können wir uns an einander aufrichten, und jeder blickt nach der Stadt hin, die er noch nicht kennt.« Dieser Vorschlag leuchtete dem anderen Frosche gewaltig ein, und gesagt, gethan, die beiden kleinen Kerlchen stellten sich auf ihre langen Hinterfüße und hielten sich mit den Armen umschlungen, damit sie nicht umfielen. Der Frosch, welcher aus Kioto kam, richtete seine Nase nach Osaka zu, und der, welcher aus Osaka kam, wandte die seine nach Kioto. Und so standen sie da, ganz steif, still und versunken in ihre Betrachtungen. Nun hatten die dummen Frösche aber gar nicht bedacht, daß ihre großen Augen, wenn sie den Kopf so hoch in die Luft reckten, wie sie es thaten, auf dem Rücken lagen und nach rückwärts blickten, und daß sie daher beide ihre eigene Heimat und die Stadt, von der sie ausgezogen waren, zu Gesicht bekamen. »Ach, was sehe ich?« rief der Frosch aus Osaka, »was sehe ich? Kioto sieht ganz so aus, wie Osaka; ich kann mir den Weg dahin ersparen!« Und ganz dasselbe sagte der Frosch aus Kioto, und wie beide zu dieser Erkenntniß gekommen waren, da ließen sie einander los, und plumps! fielen sie in das Gras. Dann machten sich die beiden Frösche eine Verbeugung, sagten einander Lebewohl und wanderten heim. Bis an ihr Lebensende haben sie geglaubt, daß die Städte Kioto und Osaka, die doch so grundverschieden sind, einander so ähnlich wären, wie ein Ei dem andern, und nie haben sie ihren Irrthum, der aus ihrer Dummheit entsprang, eingesehen.

Brauns, David
Japanische Märchen und Sagen
Leipzig, Verlag von Wilhelm Friedrich, 1885

Donnerstag, 23. März 2017

Die Ratten und ihr Töchterlein

Eine Fabel aus Japan

Einst lebte in der Nähe eines einsamen Gehöftes, das von Reisfeldern umgeben war, ein Rattenpaar, sehr geachtet von seines gleichen und in bestem Wohlstand. Diesen Ratten wurde unter vielen anderen Kindern einmal eine Tochter geboren, so niedlich und mit so glänzendem, grauem Felle versehen, mit so nett emporstehenden breiten Oehrchen und so leuchtenden Aeuglein, daß sie ganz außerordentlich stolz auf dies Töchterlein wurden und Tag aus, Tag ein nur daran dachten, wie sie ihm eine recht glänzende Zukunft bereiten sollten. Und als die kleine Ratte heranwuchs, da kamen ihre Eltern immer mehr darin überein, daß nur das mächtigste Wesen der ganzen Welt ihr Gemahl werden solle.

Als sie diese Angelegenheit einstmals mit einem Nachbar besprachen, sagte dieser: »Wenn ihr eure Tochter nur dem Mächtigsten zur Frau geben wollt, so müßt ihr die Sonne zu eurem Schwiegersohne ausersehen, denn ohne alle Frage ist der Sonne Niemand an Macht gleich.«

Das leuchtete dem Rattenpaare ein, und ohne Zögern machten sie sich auf den Weg zur Sonne und brachten ihr Anliegen vor, sie möchte ihr Töchterlein heiraten. Die Sonne aber erwiderte: »Zwar bin ich euch sehr verbunden, daß ihr euch so weit herbemüht habt und die freundliche Absicht hegt, mir eure vielgeliebte Tochter zur Frau zu geben; aber bitte, sagt mir, was für einen Grund habt ihr dafür, daß ihr gerade mich zum Schwiegersohne ausersehen habt?« Die Ratten sagten: »Wir möchten unsere Tochter gern dem mächtigsten Wesen der Welt zur Frau geben, und das bist ohne allen Widerstreit eben du. Darum haben wir dich zum Schwiegersohne erwählt.« Da sprach die Sonne: »Was ihr da sagt, ist wohl nicht ohne allen Grund, aber es giebt doch etwas, das mächtiger ist als ich. Dem müßtet ihr also euer Töchterchen zur Frau geben.« Die Ratten entgegneten: »Kann denn wirklich etwas mächtiger sein, als du?« Die Sonne aber sprach: »Wenn ich die Welt bescheinen will dann kommt gar oft eine Wolke herangezogen und deckt mich zu, und meine Strahlen vermögen sie nicht zu durchdringen noch zu verscheuchen; ich bin machtlos gegen die Wolke. Da müßtet ihr also zur Wolke gehen und sie zu eurem Schwiegersohne machen.« Das sahen die Ratten ein und gingen zur Wolke.

Als sie dieser ihr Anliegen vorgetragen hatten, da sprach die Wolke: »Ihr irrt, wenn ihr meint, daß ich das mächtigste Wesen bin. Wohl habe ich die Macht, die Sonne zu bedecken, aber ganz ohnmächtig bin ich gegen den Wind, und fängt der zu wehen an, so treibt er mich fort, reißt mich in Stücke und ich vermag nichts gegen ihn.« Da gingen denn die Ratten zum Winde und machten ihm den Vorschlag, ihre Tochter zu heiraten, die sie gern dem mächtigsten Wesen zur Frau geben wollten. Der Wind aber sagte: »Ihr seid im Irrthum; wohl habe ich Kraft, die Wolke zu verjagen, aber machtlos bin ich gegen die Mauer, die man errichtet, um mich zurückzuhalten; ich kann nicht hindurchblasen und ihr nichts anhaben, die Mauer ist viel stärker als ich.« Da zogen die Ratten wieder fort und kamen zur Mauer, der sie in gleicher Weise ihre Bitte vortrugen. Die Mauer jedoch entgegnete: »Wohl wahr, ich habe die Kraft, dem Winde zu widerstehen; aber da ist die Ratte, die untergräbt mich, bohrt sich in mich hinein und macht Löcher durch mich hindurch, ohne daß ich es hindern kann. Ich bin ohnmächtig gegen die Ratte. Viel besser thut ihr also, ihr nehmt die Ratte zu eurem Schwiegersohne, als daß ihr mich wählt!«

Da freuten sich die Ratten und sahen ein, daß die Mauer vollkommen recht hatte. Sie gingen heim und verheirateten ihr liebes Töchterlein an einen stattlichen Rattenjüngling. Und das haben sie nicht bereut, denn ihr Töchterlein lebte mit dem Manne aus ihrem eigenen Geschlecht vergnügt und glücklich und nicht minder zur Freude und Zufriedenheit ihrer Eltern, die so hoch mit ihr hinaus gewollt hatten.

Brauns, David
Japanische Märchen und Sagen
Leipzig, Verlag von Wilhelm Friedrich, 1885

Montag, 20. März 2017

Die goldene Spinne


Der kleine Karlmann war sehr still und hatte immer solche Sehnsucht. Wonach er Sehnsucht hatte, wußte er selber nicht, aber es tat recht weh. Oft besah er sich das Bild seiner Mutter, das in Vaters Studierstube über dem Schreibtisch hing. Sie hatte ein weißes Kleid an und einen grünen Kranz mit einem Schleier auf dem Kopfe und war sehr schön. Karlmann wußte, daß das Kleid ein Hochzeitskleid und der Kranz ein Brautkranz gewesen war. Und nun war sie schon so lange tot, fast so lange wie er lebte.

Manchmal stand er auch am Küchenfenster und sah über den Zaun weg auf die Straße. Da spielten die Kinder »es ging ein Bauer ins Holz« und andere Spiele. Karlmann sah gern zu, aber mitspielen mochte er nicht; die Kinder waren so heftig und laut und etschten ihn aus, weil er so still war. Nein, besser spielte es sich schon mit Mohr; der war gut und freute sich, wenn man ihn von der Kette losmachte und mit ihm um den großen Rasenplatz herumlief.

Am liebsten saß er aber drin bei der alten Nanna und ließ sich Geschichten erzählen; vom Feuermännchen und der Maus Grisegrau oder von der schönen Müllerstochter, die in den Mühlgraben gefallen war und den häßlichen Wasserbock mit dem grünen Barte heiraten mußte. Die allerschönste Geschichte aber war doch die von der goldnen Spinne, die ihre Fäden vom Himmel bis zur Erde spannte. Die Nanna hatte ihm gesagt, daß die goldne Spinne nur goldne Wespen essen könne, und daß sie im Frühjahr in der alten Eiche am Park wohne. Wer ihr eine goldne Wespe bringe, kriege den Himmel zu sehn, hatte sie gesagt. Da dachte der kleine Karlmann oft, wie er wohl der goldnen Spinne eine goldne Wespe bringen könne, aber es fiel ihm nichts ein.

Einmal lag er unter dem Fliederbusch an der Laube. Er hatte die Hände unter den Kopf gelegt und sah dem Luftballon zu, der weit oben im blauen Himmel stand. Das Schiffchen unten glänzte wie Silber, und wieder hatte der kleine Karlmann solche Sehnsucht. Er wäre gern da oben in dem Luftballon gewesen, hoch, hoch über den Bäumen und den Menschen. Der Lehrer hatte gesagt, die ganze Erde wäre nur eine große Kugel. Ob man das von oben sehen konnte? Oder ob man noch höher mußte? Bis an die Sonne, wo die goldne Spinne ihre Fäden festgebunden hatte?

Da flog eine Schwalbe hoch über ihn weg, und – pink – fiel etwas ins Gras. Als er sich aufrichtete und hinsah, war es eine goldne Wespe; da wußte er gleich, daß er die der goldnen Spinne bringen müsse, band sie in sein Taschentuch und ging zum Parke.

Da saß nun der kleine Karlmann und wartete auf die goldne Spinne. Er saß geduldig unter der alten Eiche und guckte sich die seltsamen krummen Äste an. Ja, das mußte wohl die Wundereiche sein! Ihm wurde ganz bange, und er legte sich in das frischgeschnittne Gras. Wie süß das roch, und wie wunderlich die Sonnenstrahlen aus den Zweigen ins Gras hüpften, blank! hopp, hopp, blink, blank! Ob wohl die Engel so tanzen konnten? Die Augen taten ihm weh vom bloßen Hinsehen, und er machte sie lieber zu. Da sah alles noch viel schöner aus! Die hunderttausend goldnen Blättchen und die rote Sonne und die weißen Sternblumen. Da saßen auch die bunten Papageien und der komische Pfefferfresser mit dem mächtigen rotgelben Schnabel und den prächtigen bunten Federn. Die waren gewiß aus dem Zoologischen Garten gekommen, um die goldne Spinne zu besuchen. Ja, und da war sie ja schon selber, die goldne Spinne! Der kleine Karlmann staunte, er hatte sie gar nicht kommen sehn! Und nun war da ein herrliches goldnes Netz, das spannte sich, soweit er sehen konnte, von Baum zu Baum, und ein Funkeln und Leuchten war um ihn her. Die goldne Spinne aber kam auf ihn zu, ließ noch immer neue Fäden aus ihrem Leibe wachsen und sang mit feiner Stimme:

Spinne spinnt im Sonnenschein
goldne Netze schleierfein;
goldne Fädchen, Sonnenfädchen,
für die Knaben, für die Mädchen;
spinnt sie ein,
spinnt sie ein,
spinnt die stillen Kinder ein.

Während sie das sang, hatte sie Karlmann mit den weichen goldnen Fäden ganz umsponnen; aber er fürchtete sich nicht, ihm war wie im allerschönsten Traum ganz wunderselig zu Sinn. Komm mir nach, sagte die goldne Spinne. Karlmann hatte nun ein Kleid von lauter Gold an und wunderte sich, wie leicht und geschickt er klettern konnte! Er nickte den Papageien und dem Pfefferfresser zu, die verwunderte Augen machten, und stieg der goldnen Spinne nach, hoch oben in die Spitze der alten Eiche. Wie ein grünes Meer lag der Park unter ihnen, denn der Eichbaum war höher als alle andern Bäume, viel höher; ja, was war denn das? Er wuchs noch immer höher, bis an die Wolken! Da lag das Haus seines Vaters, er erkannte es an dem Taubenschlag; da lag die Kirche und das Schulhaus, und alles war so putzig klein! Und der Kanal! wie eine silberne Schlange sah der aus!

Der Eichbaum wuchs noch immer. Tiefer und tiefer lag die Stadt unter ihnen. Zuletzt sah er nur noch helle und dunkle Flecke. Über die Berge sah er und über den Wald. Er sah, wie der Kanal in einen großen Fluß mündete, und wie der große Fluß weit, weit in das Land hineinging.

»Jetzt kommt unser Wagen,« sagte die goldne Spinne. Da hielt der kleine Luftballon, den Karlmann vorhin gesehen hatte, grade vor ihnen. Die Spinne spann ihn fest mit einem goldnen Faden, und sie stiegen in das silberne Schiffchen. »Nun sollst du auch sehen, wozu ich die goldne Wespe brauche,« sagte die Spinne. Dabei holte sie das Tierchen hervor und knüpfte zwei starke Fäden um seinen schlanken Hinterleib. Hui, flog die Wespe davon, und die große Spinne hatte ihr Pferdchen am Zügel. »Wenn wir zu Gott kommen, muß sie sterben, aber sie tut es gern, denn Gott wird sie küssen, und das ist das größte Glück,« sagte die goldne Spinne. »Sieh nur, wie die Erde immer kleiner wird, jetzt merkst du schon, daß sie eine Kugel ist, wie der Mond und die andern Sterne auch!«

Karlmann sah erstaunt hinunter. Nur Land und Wasser konnte er noch unterscheiden und die hohen Berge. Und immer weiter flog die Wespe mit dem silbernen Schiffchen, an dem Mond vorüber, der auch Berge und Meere hatte, und an tausend Sternen vorbei, großen und kleinen, roten und weißen, blauen und grünen.

»Wenn du jetzt nicht dein goldnes Kleid anhättest, müßtest du erfrieren; hier ist die Luft so dünn und kalt, daß kein Mensch drin leben kann,« erklärte die goldne Spinne, »bald aber sind wir im Garten der jungen Engel, da ist es warm, und da werden wir bleiben.«

Karlmann war noch stiller als sonst, aber er hatte gar keine Sehnsucht, er mußte nur immer und immer die funkelnden Sterne ansehen.

Endlich waren sie im Garten der jungen Engel. Ein großes Tuch aus weißem Sammet war zwischen vier Sternen ausgespannt. Bäume und Blumen wuchsen da, wie auf der Erde, nur viel höher und leuchtender. Durch die Büsche flogen seltsame, große Vögel. Dazwischen standen und saßen viele hundert Engel, die hatten Geigen oder Flöten in den Händen, einige lasen auch in Büchern. Alle hatten weißseidne Gewänder an und Sonnenstrahlen um den Kopf. In der Mitte stand ein großer Stuhl. Der war aus weißen Wolken gebaut, und vier große graue Adler saßen auf der Lehne. »Das ist der Thron des lieben Gottes,« sagte die goldne Spinne und ging mit Karlmann an den Engeln vorbei, die freundlich grüßten. Sie setzten sich an den Stufen vor Gottes Thron nieder, und die Spinne erzählte: »Heut ist Sonnwendfest, heut kommt Gott hierher und küßt die Seelen, die neu in den Himmel gekommen sind; dann werden sie selig und bekommen Flügel. Höre, die Engel machen schon Musik.«

Solche Musik hatte aber Karlmann noch nie gehört! Es klang wie das Rauschen von Bäumen und von Wasserfällen, wie das Summen von Käfern und von Grillen, dazwischen kamen lange Töne, als ob die Nachtigall riefe. Und alles war so feierlich, daß Karlmann kaum zu atmen wagte. Als er sich aber nach der goldnen Spinne umsah, mußte er die Augen zutun vor all dem Glanze! Wie die liebe Sonne selbst stand sie da, und auf ihrem funkelnden Netze kletterten die kleinen Engel auf und ab! Auf dem Throne aber saß ein großer schöner Mann mit weißem Bart und weißen schlanken Händen. Und alle Engel beugten sich vor ihm, und alle Engel küßte und segnete der liebe Gott, und alle bekamen Flügel und hatten selige Augen.

Die goldne Spinne aber hatte auf einmal das schöne Gesicht von seiner verstorbenen Mutter und hatte einen langen Schleier und einen Kranz auf dem Kopfe. Sie nahm Karlmann bei der Hand und führte ihn zu Gott. »Küsse ihn auch, Herr,« bat sie, »küsse ihm die böse Sehnsucht fort, daß er lustig wird wie die andern Kinder und im Sonnenlicht mit ihnen spielen kann.«

»Küssen will ich ihn wohl,« sagte der liebe Gott und zog Karlmann zu sich heran, »aber seine Sehnsucht kann ich ihm nicht wegküssen, die muß er behalten.« Und Gott küßte Karlmann auf die Stirn. Da brauste der Himmel; tausend Glocken läuteten, dem Kinde war, als fiele ein großes Feuer in sein Herz, er schluchzte laut vor Seligkeit und fiel auf die Knie.

Als er sich wieder aufrichten und Gott und seine schöne liebe Mutter noch einmal ansehen wollte, war es dunkel um ihn her; er fiel, die Sinne vergingen ihm fast, er fiel, lautlos und schnell fiel er durch die Nacht, immer tiefer, immer tiefer, bis er unten im Park auf der Erde lag. Es war an derselben Stelle, wo ihn die Spinne abgeholt hatte. Er stand auf und ging nach Hause. Nanna und Mohr standen vor der Tür und wollten ihn eben suchen gehen. Die Nanna meinte, er hätte geschlafen und geträumt, er wußte es aber besser.

Er blieb noch immer der stille, kleine Karlmann; aber wenn die Sonne durch die Zweige schimmerte, sah er die goldne Spinne, die die Augen seiner Mutter hatte, mitten in ihrem Strahlennetze sitzen, und die kleinen Engel daran auf- und niedersteigen. Und wenn die böse Sehnsucht kam und ihn quälen wollte, fühlte er Gottes Kuß auf der Stirn und das Feuer im Herzen, und dann tat dem kleinen Karlmann die böse Sehnsucht nicht mehr weh.

Paula Dehmel

Freitag, 17. März 2017

Die Liebe bei Mann und Frau

Das Weib wird wahnsinnig aus Liebe, der Mann aus Stolz. Beide moralischen Gifte wirken aber als Gegengift. Hat das Weib den erforderlichen Stolz, so raubt die Liebe ihr nicht den Verstand; verschwindet die Liebe nicht ganz aus dem Herzen des Mannes, so verfällt sein Verstand nicht der finstern Macht des Wahnsinns. man könnte auch wohl sagen, bei dem Weibe verdrängt die Vernunft gar leicht den verstand, bei dem Manne der Verstand die Vernunft. Die Entsetzungen beider Mächte aber haben die Verrücktheit zur Folge.

gefunden in:
Humoristische Blätter
No 26., 27. Junio 1839