Mittwoch, 30. Januar 2013

Der Jäger und der Wolf


Eines Tages gieng ein Jägersmann auf die Jagd aus, versehen mit Bogen und Pfeilen. Er war noch nicht weit gegangen, so schoß er eine Gazelle. Er nahm sie dann auf sienen Rücken und wollte nach seiner Wohnung zurückkehren. Da kam ihm aber ein wildes Schwein in den Weg; er schoß einen Pfeil auf dasselbe ab und traf; allein das Schwein stürzte auf ihn los, haute ihn mit seinen Zähnen auf solche Weise, daß ihm der Bogen aus der Hand flog, und Mann und Schwein fielen tod nieder. Da kam ein Wolf herzu; der sprach bei sich: dieser Mann und die Gazelle und das Schwein geben mir auf eine Zeit lang hinlängliche Speise; allein ich will den Anfang machen mit dem Bogen und diesen zuerst fressen, für heute werde ich an demselben genug haben. Darauf machte er sich an den Bogen, um ihn entzwei zu machen, allein wie er  entzwei gieng, flog auch der Sattel des Bogens auf und traf seinen Hals, und er fiel todt nieder.


Calila und Dimna
aus dem Arabisch
von Philipp Wolff
Stuttgart 1837
S. 162

Dienstag, 29. Januar 2013

Die Ente, die das Fischfangen aufgab


Eine Ente nemlich erblickte einmal bei Nacht in dem Wasser den Schein eines Sternes. Sie hielt denselben für einen Fisch und wollte ihn fangen. Nachdem sie solches mehreremal vergeblich versucht, üb erzeugte sie sich, daß das was sie sah etwas seyn müsse, das nicht gefangen werden können und ließ es daher gehen. Wie es Tag wurde, erblickte sie wirklich einen Fisch, hielt diesen dann aber auch für so ein Ding, wie sie verflossene Nacht gesehen, und das sie nicht fangen konnte, und ließ das Fischfangen bleiben.


Calila und Dimna 
aus dem Arabisch von Philipp Wolff 
Stuttgart 183 
S. 68

Donnerstag, 24. Januar 2013

Vier fabelhafte Kurzkrimis

Die vier fabelhaften Kurzkrimis von Monika Detering & Horst-Dieter Radke um den Mülheimer Kommissar Alfred Poggel und seine Zimmerwirtin Anna Puff spielen in Mülheim an der Ruhr in den Jahren 1947, 1948, 1950 und 1952. Im März - zur Leipziger Buchmesse 2013 - erscheint der erste Roman (Blütenreine Weste) dessen Handlung im Jahr 1951 angelegt ist.

Mittwoch, 23. Januar 2013

Durch sechs Dinge macht sich ein König Feinde …

Dimna versetzte hierauf:

– Durch sechs Dinge macht sich ein König Feinde und verdirbt seine Sache: durch Verkennung seiner Leute, durch Bürgerkrieg den er aufkommen läßt, durch Leidenschaften, denen er ergeben, durch Härte und Grausamkeit, durch Muthlosigkeit in Unglückszeit, durch verkehrte Handlungsweise. Erstlich also, wenn er verkennt diejenigen unter seinen Dienern, welche es rechtlich und aufrichtig mit ihm meinen, sowie die seiner Beamten, welche Einsicht und Muth besitzen und ihm in Treue ergeben sind, und sich nicht bemüht Männer zu suchen, welche genannte Eigenschaften haben. Zweitens, wenn seine Unterthanen unter einander in Krieg gerathen. Drittens, wenn er sich von Leidenschaften beherrschen läßt, wie von der Liebe zu Weibern oder Knaben, von der zum spiel, zum Trunk, zur Jagd und was dem ähnlich ist. Viertens, wenn er in ungestümer Härte seiner Zunge gleich Schmähungen ausstoßen und seine Hand gleich Gewaltthat ausüben läßt, wo es gar nicht am Platze ist. Fünftens, wenn er zur Unglückszeit, bei Seuchen, bei Hungersnoth, bei feindlichen Einfällen und dergleichen, gleich alle Fassung verliert. Sechstens endlich, wenn seine Handlungsweise eine verkehrte ist, so daß er streng ist, wo er mild, und mild, wo er streng seyn sollte.


Calila und Dimna
oder
die Fabeln Bidpai’s.
Aus dem Arabischen
von Philipp Wolff
Doctor der Philosophie, Privatdocenten der Orientalischen Literatur an der königl. Universität zu Tübingen, Mitlgied der asiatischen Gesellschaft von Paris.

Erstes Bändchen
Stuttgart:
J. Scheible’s Buchhandlung
1837

S. 38 f.

Sonntag, 20. Januar 2013

Bidpai's Fabelbuch (5)

 
Arabisch

Die älteste Uebersetzung unsers Buches ist die aus dem Pehlwi gemachte arabische von Abdallah ben Mokassa. Dieser Mann war ein geborner Perser und lange Zeit der Religion der Mager ergeben. Später, im Dienst des Isa ben Ali, eines Onkels der beiden Khalifen Saffah und Mansur, schwor er seine väterliche Religion ab und wurde ein Bekenner des Islam, wiewohl seine Orthodoxie stets in großem Verdacht blieb. sein sarkastisches Wesen zog ihm viele Feinde zu, und unter diesen auch den Khalifen Mansur selbst. Er endete daher auf eine schreckliche Weise, durch die Hand des von Mansur beauftragten Statthalters von Basra, Sofjan, – es wurde ihm ein Glied des Leibes nach dem andern abgeschnitten und in einen Ofen geworfen, zuletzt sein ganzer übriger Körper. – Er starb 145. d. H. d. i. 8762 unserer Zeitrechnung *).



Zuförderst verlangt Ibn Mokasse von den Lesern des Buchs, das sie nicht bei dem Aeußern der Erzählungen stehen bleiben, sondern, daß sie vielmehr den verborgenen moralischen Sinn derselben aussuchen sollen. Erst dann werde das Buch Nutzen bringen. So müße man ja auch die Nuß erst aufbrechen, wenn man sie genießen wolle. Sodann empfiehlt er: die erkannten Lehren der Weisheit in das praktische Leben übergehen zu lassen, denn das Wissen helfe nichts, wenn man nicht darnach handle. Das Wissen, sagt er, vollendet sich erst durch das Handeln, das Wissen ist wie der Baum, und das Handeln wie die Frucht. Und wer nach dem wohl erkannten Guten nicht handle, der mache sich dadurch nur um so strafbarer. Der weise Mann, fährt er fort, werde bei all seinen Unternehmungen sich stets ein nützliches Ziel vorstecken, er werde Missgeschick, das ihn nach göttlicher Fügung treffe, in Geduld ertragen, denn dasselbe sey nur ein anscheinendes und werde für ihn günstigen Erfolg haben. Das Vertrauen auf die göttliche Vorsehung dürfe ihn nicht abhalten das seinige zu thun, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, aber der höchste Gegenstand seiner Bestrebungen müßen immer die bleibenden und unvergänglichen Güter seyn. Der einsichtsvolle Mensch werde auf seiner Hut seyn gegen seine Leidenschaften, nicht Glauben schenken den Worten aller Welt, nicht hartnäckig bestehen bei einem falschen Verfahren, an das Unausweichbare der Beschlüsse der Gottheit glauben, mit Muth und fester Ausdauer handeln, Andern nicht thun was er wünscht, daß man ihm nicht thue, und nie sein Vortheil auf Kosten Anderer suchen.. Zuletzt ermahnt er nochmals die Leser, daß sie sich nicht begnügen sollen, blos oberflächlich in dem Buch zu blättern, sondern daß sie es ganz und in ernster Aufmerksamkeit lesen sollen.

Der Verfasser des Buchs, sagt er noch am Ende, habe sich bei Abfassung desselben viererlei vor Augen gestellt. Einmal nemlich: dasselbe anziehend zu machen für die jungen Leute, was er dadurch zu erreichen glaubte, daß er darin verschiedene Thiere reden und handeln ließ. Zweitens: die Aufmerksamkeit der Fürsten zu fesseln durch die darin gezeichneten Gestalten der Thiere. Drittens: Daß dasselbe, dem Vergnügen gemäß, das die Leute aus allen Ständen in seiner Lectüre finden würden, durch eine große Anzahl von Abschriften sich vervielfältigen und so auf die fernste Nachwelt sich erhalten sollte. Viertens endlich, sagt er, betreffe der wahre Zweck der Abfassung des Buchs nur die Philosophen, d.h. sein höchster Zweck seyen die unter dem Gewande der Fabeln verborgenen Lehren der Weisheit und Moral.


Calila und Dimna
aus dem Arabisch
von Philipp Wolff
Stuttgart 1837

Montag, 14. Januar 2013

Bidpai's Fabelbuch (4)

Pehlwi

Die wichtigsten historischen Zeugnisse stimmen darin überein, daß unter Nuschirwan, dem Gerechten, das Buch Bidpai’s nach Persien gebracht worden sey. Der Arzt Barzujeh, so lauten die historischen Berichte, gieng entweder aus eigenem antrieb oder aus Auftrag des Königs nach Indien, um sich das außerordentliche Buch, dessen Ruf weit hin verbreitet war, zu verschaffen. Er erreichte seinen zweck durch seine Klugheit und Schlauheit. Barzujeh, der das Buch sofort in das Pehlwi (das Altpersische) übersetzte, erwarb sich durch seine Bemühungen die höchste Gunst seines Fürsten, verlangte aber von demselben als Lohn nichts anderes, als daß er seinen ersten Minister Buzurschmihr beauftragen möchte, die Geschichte eines (Barzujeh’s) Lebens bis zu seiner Reise nach Indien dem übersetzten Buch voranzustellen. …


Die Pehlwi Uebersetzung hatte fast mit der gesammten persischen Literatur das Loos, unter der Dynastie der Sassaniden durch den Glaubenseifer der Araber vernichtet zu werden.


Calila und Dimna
aus dem Arabisch
von Philipp Wolff
Stuttgart 1837

Donnerstag, 10. Januar 2013

Kalila und Dimna: Buchausgaben

Die derzeit schönste und beste Ausgabe der arabischen Fabelsammlung »Kalila und Dimna« ist die in der Neuen Orientalischen Bibliothek im Beck-Verlag:



Eine für Kinder und Jugendliche nacherzählte (und reduzierte Fassung ist als preiswerte Taschenbuchausgabe zu haben:


Eine Fassung als E-Book (für das kindle) liegt in der Ausgabe des Herder-Verlages (als Print-Ausgabe vergriffen) vor:



Bidpai's Fabelbuch (3)

Indisch

Daß das Buch, d.h. der Grundstock desselben, indischen und nicht persischen Ursprungs sey, wie Herr von Diez zu beweisen sich bemühte, ist jetzt nach dem zu Tage geförderten indischen Text des Hitopadesa (freundliche Unterweisung) und nach den gründlichen Untersuchungen englischer und französischer Gelehrten, namentlich nach denen meines verehrtesten Lehrers, des Barons S. de Sacy außer allen Zweifel gesetzt. Außer vielen historischen Zeugnissen spricht für Indien als das Stammland dieser Fabelsammlung das indische Colorit, das sich an vielen Stellen unserer arabischen Uebersetzung nicht verkennen läßt, wiewohl der arabische Uebersetzer oder Bearbeiter im Ganzen das Buch zu nationalisieren suchte. Die allerdings nicht kleine Verschiedenheit in den einzelnen Fabeln und Erzählungen und in ihrer Anreihung an einander, bei Hitopadesa und unserm arabischen Text, darf nicht befremden. Der arabische Uebersetzer hat eben den ihm vorliegenden Stoff frei behandelt. Der Hitopadesa, dem selbst wieder ein älteres Werk, das Panchatantra (fünf Sammlungen), zu Grund liegt, ist zuerst von Wilkins in einer englischen Uebesetzung Bath, 1787 bekannt gemacht worden. …


Ueber die Entstehung des Buchs in Indien verbreitete sich die von einem gewissen Behnud, einem Perser, zu dem Buch gemachte Einleitung. Was an der Erzählung dieses Behnud Historie, was bloße Sage oder Erfindung sey, ist nicht auszumitteln, indeß ist wohl nicht zu zweifeln, daß dieselbe eine historische Grundlage habe. Das Wesentliche dieser Einleitung ist folgendes:


Nachdem der indische König Fur (Porus) durch Alexander den Großen überwunden und getödtet war, kam ein gewisser Dabschelim, königlichen Stammes, auf den Thron von Indien, denn der von Alexander an Porus Stelle eingesetzte Statthalter konnte sich nicht halten. Dieser Dabschelim wurde mit der Zeit ein vollkommener Tyrann. Zu seiner Zeit lebte ein wegen seiner Weisheit in allgemeinem Ansehen stehender Brahmane, namens Bidpai. Der Weise, von dem rücksichtslosen Eifer getrieben, den König von seinem ungerechten Thun und Treiben abzubringen, stellt sich vor demselben und hält ihm in freimüthiger Sprache alle seine Gebrechen vor und ermahnt ihn zur Aenderung seiner Handlungsweise. Der ob solcher Freimüthigkeit ergrimmte König gab alsbald Befehl, den Brahmanen an’s Kreuz zu schlagen, änderte jedoch gleich denselben dahin ab, daß er den Bidpai bloß in’s Gefängniß werfen ließ. Die zahlreichen Schüler des Weisen entflohen in entfernte Gegenden. Bidpai blieb lange Zeit im Gefängniß. In einer schlaflosen Nacht verfiel der König in Nachdenken über die Gestirne des Himmels und ihre Bewegungen, sowie über das System des Universums. Da gedachte er wieder des weisen Brahmanen, hoffte von demselben über das, was ihm dunkel war, Aufschluß erhalten zu können und bereuete seine an demselben ausgeübte Grausamkeit. So ward Bidpai vor den König gebracht und auf dessen Befehl wiederholte er, indem er die Reinheit seiner Absichten betheuerte, die früher demselben gegebenen Zurechtweisungen und Ermahnungen. Dabschelim hörte ihn aufmerksam und ruhig an, ließ ihm die Fesseln abnehmen und erklärte ihm sogar, ihm die Regierung seines Reichs anvertrauen zu wollen. Nur ungern gieng der Brahmane auf diese Antrag ein. Seine Verwaltung hatte, wie sich erwarten ließ, den günstigsten Einfluß auf das Reich. Alle Könige Indiens unterwarfen sich gern der Oberherrschaft des nun durch seine vortreffliche Eigenschaften ausgezeichneten Dabschelim. Bidpai erklärte hierauf seinen Schülern, die sich nach seiner ehrenvollen Erhebung zu dem höchsten Staatsamte wieder um ihn versammelt hatten, daß der König ihm den Auftrag gegeben: ein Buch zu verfassen, welches die wichtigsten Regeln der Weisheit in sich enthielte. Anfangs wollte Bidpai die Arbeit mit seinen Schülern theilen, aber bald sah er ein, daß er besser derselben sich allein unterzöge, und so gieng er an’s Werk, indem er nur einen seiner Schüler als seinen Schreiber annahm. Nachdem er sich mit Papier und mit den für ihn und seinen Schreiber nöthigen Nahrungsmitteln auf ein ganzes Jahr, welche Frist ihm vom König zur Abfassung seines Werks vergönnt war versehen hatte, schloß er sich mit seinem Schreiber in ein Zimmer ein, zu dem Niemand Eintritt erhielt. Nach Verfluß der bestimmten Frist ward er mit dem Buche fertig. Der König berief alle Großen und Weisen seines Reichs und vor solcher Versammlung las Bidpai sein Buch vor. Der König war entzückt darüber und zeigte sich bereit, dem Verfasser jegliche Belohnung, die er dafür verlangte, zu geben. Bidpai verlangte aber keinen andern Lohn, als daß sein Buch sorgsam aufbewahrt werden möchte, auf daß es nicht über Indien hinaus und in die Hände der Perser komme.


Calila und Dimna
oder
die Fabeln Bidpai’s.
Aus dem Arabischen
von Philipp Wolff
Stuttgart, 1837

Dienstag, 8. Januar 2013

Bidpai's Fabelbuch (2)

Schwer zu begreifen ist es, daß ein Buch wie vorliegendes der Fabeln Bidpai’s, dem der Orient wie der Occident seine Bewunderung gezollt, ein Buch, das wohl nächst der Bibel in die meisten Sprachen der Welt übersetzt ist, ein Buch, das ganze Völker begeisterte und dem Könige und Fürsten Aufmerksamkeit und Huldigung schenkten, – schwer zu begreifen ist es, sage ich, daß ein solches Buch bei uns in solches Dunkel der Vergessenheit gerathen ist, daß außer Gelehrten vom Fach fast Niemand mehr eine Kenntniß von demselben hat.

Aus der Einleitung zu:
Calila und Dimna
oder
die Fabeln Bidpai’s.

Sonntag, 6. Januar 2013

Bidpai's Fabelbuch

Kalila und Dimna
Afghanisches Manuskript, 1429
Quelle: Wikipedia

…Was den Titel vorliegenden Buches betrifft, so glaubte ich dem alten und ursprünglichen „Calila und Dimna,“ welches Benennungen zweier Schakale sind, die in den beiden ersten Capiteln des Buchs die Hauptrolle spielen, und wornach dann das ganze Buch benannt worden, den Titel beisetzen zu müßen, unter welchem das Buch am bekanntesten ist, „Fabeln Bidpai’s.“ Hier muß aber gegen die Meinung verwahret werden, welche nach diesem Titel blos gewöhnliche Thierfabeln, in unzusammenhängender Reihe neben einander gestellt, wie die des Aesop und Locman, erwarten wollte; denn Bidpai’s Fabelbuch enthält nicht vereinzelt dastehende Fabeln, sondern, mit einem Wort, eine Philosophie des Lebens, dargestellt in dem anmuthigen Gewande von Fabeln und Parabeln. Die in dem Buche enthaltenen, mehr denn sechzig, Fabeln und Parabeln sind durch ein engeres oder loseres Band an einander geknüpft, kunstreich und dennoch natürlich. Eine Einsicht in das Buch wird das Nähere über die Art und Weise der Verbindung zeigen.

Calila und Dimna
oder
die Fabeln Bidpai’s.
Aus dem Arabischen
von Philipp wolff
Doctor der Philosophie, Privatdocenten der Orientalischen Literatur an der königl. Universität zu Tübingen, Mitlgiede der asiatischen Gesellschaft von Paris.

Erstes Bändchen
Stuttgart:
J. Scheible’s Buchhandlung
1837

Donnerstag, 3. Januar 2013

Adelberts Fabel

Ein E-Book (ePub) mit »Adelberts Fabel« von Adelbert Chamisso zum kostenlosen Download findet man hier.

Dienstag, 1. Januar 2013

Neujahrs-Epistel

an
meinen Freund Weinhändler


Das alte Jahr ist nun entflohn,
Der alte Wein ist meist vertrunken;
In deinen leeren Fässern nisten schon
Die Spinnen und die Keller-unken:
Doch in den vollen braußt ein junger Most, der nicht
Den schlimmsten Elbler dir verspricht.

Er halte dir, was er versprach!
Von Schwefel rein, von Hausenblas‘ und Kreide,
Werd‘ er dein Lieblingsfaß, und nach und nach
Dein Ehrenwein, als deiner Kundschaft Freude!
Gott Bacchus schenk euch beyden manches Jahr,
Stets feurig und gesund, auch immer hell und klar!

Hier hast du nun ein Neujahr-Angebinde
Aus meinem Musenfaß.
Doch, wenn nun auch in dir, zum Gegenangebinde
ein christlich feiner Wunsch entstünde,
Und, Freund du wüßtest nicht gleich was? –
So zapf‘ ein Epigramm aus deinem Mutterfaß!


Karl Friedrich Kretschmans
sämtliche Werke
Sechster Band
Fabeln, Allegorien und neueste Gedichte
Leipzig 1799