Montag, 31. Dezember 2012

9. Die Nacht


»Es ist doch nicht so ganz wahr, was man behaupten will, daß die Nacht Niemands Freund sey; (sagten ihre Nachbarn, der Abend und der Morgen), wir haben oft bemerkt, daß eine Menge Menschen ihrer Ankunft mit Sehnsucht entgegensahn, ihre Auer, verlängert wünschten, und sie Freund nannten.«
»Wer denn? (antwortete der Mittag), Faullenzer vermuthlich, oder Liebesknechte doch, und – Diebe.«

Karl Friedrich Kretschmans
sämtliche Werke
Sechster Band
Fabeln, Allegorien und neueste Gedichte
Leipzig 1799

Samstag, 29. Dezember 2012

4. Die Eulen


Kränkt euch nicht, (sprach der Eulenvater zu seinen Kindern), daß die Nachtigall so gern gehört wird, das Rebhuhn so beliebt, der Adler wegen seiner Macht und seines Sonnenfluges so berühmt ist! Wir sind immer weiser, angesehener und glücklicher als sie alle: denn – keines von ihnen hat einen Bart wie wir.

Karl Friedrich Kretschmans
sämtliche Werke
Sechster Band

Fabeln, Allegorien und neueste Gedichte
Leipzig 1799

Sonntag, 23. Dezember 2012

Indische Fabeln und Sprüche

Heute, am vierten Advent (23.12.12) und morgen gibt es das E-Book »Der Jäger und der Tiger« mit indischen Fabeln und Sprüchen kostenlos im Amazon Kindle Shop.


Monika Detering: Herzfresser

Keine Fabel, aber ein fabelhafter Roman ist »Herzfresser« von Monika Detering. Es ist ein Roman, der in die 50er Jahre zurückführt und in die Seele eines Mädchens. Die gedruckte Ausgabe ist leider vergriffen, dafür ist die E-Book-Version inzwischen zu haben.



Freitag, 21. Dezember 2012

Das Schäfchen und der Dornstrauch

Ein Schäfchen kroch in dicke Hecken,
Dem rauhen Regen zu entgehn.
Hier konnt' es freilich trocken stehn;
Allein die Wolle blieb ihm stecken.
Beglückt ist, den dies Schaf belehrt.
Bethörte Had'rer, laßt euch rathen.
Vertraut die Wolle nicht den scharfen Advocaten.
Oft ist, was ihr gewinnt, nicht halb der Kosten werth.


Friedrich von Hagedorn
(1708 - 1754)

Montag, 17. Dezember 2012

Indische Sprüche

230.

Nicht mag mit Luft die Krähe sich dem Lotus nahn;
Nicht hält sich gern im Brunnenwasser auf der Schwan;
Von einer Löwenhöhle wird kein Hund beglückt,
Von einem Thron kein niedriges Gemüth entzückt;
Es freut sich nicht ein schlechtes Weib am braven Mann,
Ein niedrer und gemeiner steht ihr besser an:
Uns loszumachen von dem Wesen, das Natur
Uns anerschuf, vermögen wir mit Mühe nur.


Indische Sprüche
Aus dem Sanskrit metrisch übersetzt
von Ludwig Fritze
Leipzig 1880

Sonntag, 9. Dezember 2012

2. Advent - »Der dunkle Pfad« kostenlos

Das E-Book »Der dunkle Pfad«, eine fantastische Novelle, ist heute, am 2. Advent, kostenlos im Amazon Kindle Shop zu beziehen.

Freitag, 7. Dezember 2012

Der Werwolf


Dauerhaft kostenlos gibt es das E-Book "Der Werwolf" mit einer Kriminalnovelle von Richard Dehmel im beam ebookshop. Richard Dehmel (1863 - 1920) war ein Schriftsteller des Naturalismus. Für seine Lyrik schon zu Lebzeiten anerkannt, sind sein erzählerisches und dramatisches Werk weitgehend unbeachtet geblieben.

Horst-Dieter Radke (Hrsg.)

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Die Fliege


Dem Menschen lebt, dünk' er sich edel auch
Und gut, im Busen ein Vernichtungstrieb,
Wie ja der Schöpfer, dessen Ebenbild
Er sich berühmt, was er erschaffen, auch
Dem Tode weiht.
Am Fenster stand ich heut
Und blickte müßig auf den See hinaus,
Der aufgestürmt, mit weißen Kämmen wild
Die Flut ans Ufer trieb. Im Zimmer doch
War's heimlich, denn im Ofen knisternd sang
Des Ölbaums grünes Holz. Und wie ich stand,
Nichts denkend, sah ich eine Fliege, kaum
Erwacht zum Leben, die am Fensterglas
Behaglich sacht hinaufkroch, wohl gleich mir
Der Wärme froh. Und wie zur Sommerszeit,
Wo nur zu sehr der kleinen Näscher Schwarm
Uns lästig wird, auch jetzt zerdrückt' ich sie
Mit plumpem Finger. Doch sogleich in mir
Sprach eine Stimme: O du Grausamer!
Konntst du das kurze bischen Leben ihr
Nicht gönnen? War die Welt nicht weit genug
Für dich und sie, und hätt' ihr Summen dir
Den Schlaf gestört?
So sprach mein bessres Ich.
Und von dem Ort der Untat, wo, gestreckt
Die zarten Füßchen, an der Scheibe hing
Die kleine Tote, trat ich rasch zurück,
Sehr unzufrieden mit mir selbst.
Ach wohl!
Gedankenlose Mordlust lebt in uns,
Und schämen sollte sich der Mensch vorm Tier,
Das nur aus Notwehr tötet, oder weil's
Der wilde Hunger zwingt. – – –

Paul Heyse
(1830 - 1914)

Montag, 3. Dezember 2012

Weihnachtsschmerz



Fabelhafte Winter-, Advents- und Weihnachtsgeschichten gibt es in meinem E-Book »Weihnachtsschmerz«. Zu bekommen bei beam eBooks und in Kürze auch bei Amazon.

Dicke Flocken, die süß schmeckten, wenn man sie mit dem Mund fing und auf der Zunge zergehen ließ. Das ist auch eine Wintererinnerung. Schneekristalle, die auf der warmen Hand so schnell verschwanden, wie die Gedanken während einer Schlittenfahrt. Eisblumen, die am Fenster langsam hochwuchsen, bis die Wintersonne sie gegen Mittag wieder von der Scheibe leckte. Alles Erinnerungen an den Winter - und etwas dahinter.


Horst-Dieter Radke

Sonntag, 2. Dezember 2012

Rache ist süß, süßer Verzeiehn

Als jüngst Heinrichs kleine Hand
kleine Blumensträußchen band,
Stach ein Bienchen sie.
Ach! wie ich erschrocken bin,
Lief davon und schrie;

»Bienchen, warum stichst du mich?
Fang ich dich, so tödt' ich dich.
sieh, nun bist du mein
Aber wie? Ich räche mich?
Tierchen, ich befreie dich;
Süßer ist Verzeihn.«


Vaterländische Unterhaltungen
Ein belehrendes und unterhaltendes Lesebuch zur
Bildung des Verstandes, Veredlung des Herzens,
Beförderung der Vaterlandsliebe und gemeinnütziger Kenntnisse
für die Jugend Österreichs
von Leopold Chimani
Dritter Teil, Wien 1815, Im Verlage bey Anton Doll

Freitag, 30. November 2012

A. de Nora: Das lockende Blut


Keine Fabeln, aber fabelhafte Erzählungen und Gedichte hat der heute leider zu Unrecht vergessene Münchner Arzt und Schriftsteller A. de Nora (1864 - 1936) (Pseudonym für Anton Noder) geschrieben. Den Nationalsozialisten war er nicht genehm, weil er sich all zu offen gegen den Antisemitismus gestellt hatte. Nach dem Krieg waren die Jungen nicht mehr an den alten Schriftstellern interessiert und da er nicht mehr lebte, wie manch anderer Angepasste, konnte er sich auch nicht mehr in Erinnerung bringen. Sein Verlag – L. Staackmann - kümmert sich heute nur noch um das Werk Peter Roseggers sowie vor allem um Sachliteratur (Naturheilkunde, Geschenkbücher u.a.).

Bekehrung

Ich liebt‘ einmal ein Mädel
Ein jung‘ frisches Weib,
Gold’ne Gedanken im Schädel
Ein golden‘ Herz im Leib.

Da sind die Pfaffen gekommen
Und haben der armen Dirn‘
All, all ihr Gold genommen
Aus Herzen und Hirn.

Und haben dem süßen Geschöpfchen
Die Seele erfüllt mit Nacht
Und in das lustige Köpfchen
Gott und den Teufel gebracht.

Nun wird sie ja wohl erwerben
Die himmlische Seligkeit,
Und muß sie auch vorher sterben
An irdischem Herzeleid.

(aus: Stürmisches Blut, 1924)


Einige Erzählungen und Gedichte von A. de Nora habe ich in einem E-Book zusammen gestellt, das im Kindle Shop zu finden ist.


Der Adler und der Rabe


Ein Adler flog dem Himmel zu,
Da krächzt ein Rabe: »Schwängest du
dich bis zur Sonne selbst empor,
Was ist dein Vorteil, stolzer Thor?
Dort oben fällt dir nichts zum Raub.«
Da rief der Adler: »Du hast Recht,
Raub giebt’s dort nicht, doch mein Geschlecht
Liebt Luft und Licht – und haßt den Staub.«

Julius Sturm
Neues Fabelbuch
Leipzig, 1881

Dienstag, 27. November 2012

Buddha fürn Pott

Buddha in Pott? Hömma, watt hat der den da valorn? Hamwa nich schon mitti ganzen Salafitis un Moslembrüder innen Revier genuch zu schaffen? Un gez auch noch die Buddha-Jünger? Aintlich waan die doch schon lange nich mehr zu sehn inne Fußgängerzonen, die mit ihre oranschenen Klamotten. Wie? Die hatten nix mit Buddha am Hut? Dat musse mich gez aba ma genau vaklickern. Kein Problem? Muss ich nur dies ibuk lesen? Na dann ma her damit

 

Montag, 26. November 2012

Der Sperling und die Schwalbe


Die friedsame Schwalbe hatte ruhig den kalten, nahrlosen Winter durchschlafen, und kam nun, von der allbelebenden Sonne des Lenzes erweckt, zur Wohnung ihres gastfreundlichen Wirthes zurück. Noch hing unter dem Schirmbrette des Firstes ihr Nestchen; ein räubrischer Sperling aber bemächtigte sich ihres durch Fleiß erworbenen Eigenthums, und besetzte es mit seiner verderblichen Brut. Zu schwach, mit dem Stärkern zu rechten, baute das Schwälbchen gelassen eine neue Wohnstatt, und deckte, nach kurzer Zeit, fünf Kinder mit wärmenden Flügeln. Gleichviel junge Schreyer waren indess im Neste des Sperlings zum Abflug reisefertig; als die Kinder des Hauswirths auf einer Leiter das Schirmbrett besteigen, und die Sperlingszucht haschten und würgten.
Merkt Kindelein! sprach itzt die fromme Schwalbe zu ihren noch unbefiederten Kleinen, merkt euch das Sprichwort:
Unrechtes Gut kommt selten auf den dritten Erben.
 

Johann Ferdinand Schlez

Donnerstag, 22. November 2012

Fabelhafte Fabelbücher (Rezension)

Wer Fabeln liebt, möchte sie auch gelegentlich nachlesen. Das Angebot an alten und neuen Fabelbüchern ist groß, doch welches soll man wählen. Eine kleine Hilfe versucht die folgende Übersicht zu geben.

Das große Fabelbuch von Constanze Breckhoff und Gerhard Glück (Lappan Verlag) ist ein Prachtband, der nicht nur eine repräsentative Auswahl Fabeln von Aesop bis Wilhelm Busch und verschiedener Völker bringt, sondern auch noch schön und angemessen illustriert (G.Glück) ist. Das Buch ist nicht nach Zeitalter sortiert, sondern bunt gemischt. Ein guter Tipp für diejenigen, die gerne in guten Büchern schmökern und eine gute »Fabelgrundausstattung«.



Wer sich speziell für die Fabeln des Aesop interessiert, greift statt der zu Hauf verfügbaren Billigausgaben diverser Nachdruckverlage besser auf die Neuübersetzung von Thomas Voskuhl aus dem Reclam-Verlag.



Wem es nicht so auf sprachliche Genauigkeit ankommt, dafür aber auf sprachliche Schönheit, sollte sich die von Fulvio Testa illustrierten Ausgabe von Gisbert Haefs ansehen.




Die Fabeln des Jean de LaFontaine liegen in der Übersetzung von Ernst Dohm in einer umfangreichen und illustrierten Gesamtausgabe vor (mehr als 500 Seiten).



Wer es etwas karger und preiswerter möchte, wählt die Reclam Ausgabe (Übersetzer: Jürgen Grimm), die immerhin auch die Illustrationen von Gustave Doré enthält.



Lessings Fabeln liegen in einer schönen Taschenbuchausgabe des Fischer-TB-Verlages vor. Sie enthält außerdem auch die »Abhandlungen über die Fabel«.



Sie sind nicht jedermanns Geschmack und kommen heute arg belehrend daher, aber wer sie mag, die Kinderfabeln des Wilhelm Hey, findet 50 davon in einem preiswerten Taschenbuch:



Luthers Fabeln und Sprichwörter
findet man in einer schönen Ausgabe der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, Illustriert mit Abbildungen und Holzschnitten aus der Werkstatt von Lukas Cranach:



Deutsche Fabeln des 18. Jahrhunderts sind repräsentativ in einem Bändchen des Reclam-Verlages zusammen gestellt. Es ist sehr zu empfehlen, denn darin sieht man, dass es neben Lessing, Gellert & Gleim noch zahlreiche andere Fabeldichter in dieser Zeit gab.



Zum Abschluss Johann Wolfgang von Goethe. Seine längere Fabeldichtung um »Reineke Fuchs« ist wunderschön Illustriert von Dieter Wiesmüller in diesem Prachtbuch aus dem Hanser-Verlag. Ein Buch nicht nur für Kinder. Oder anders gesagt: Ein Buch, das Erwachsene, die es sich gekauft haben, auch an Kinder aushändigen können.




Horst-Dieter Radke

Sonntag, 18. November 2012

Doppelte Moral

Ein Wolf war in eine tiefe Grube gefallen. Er glaubte nichts anderes, als daß elendiglich umkommen müsse. Da kam in der höchsten Not eine Herde Schafe vorbei.

Der Wolf bat in den kläglichsten Tönen um Hilfe, und da er die Sittenstrenge und Frömmigkeit der Schafe kannte, hielt er ihnen vor, wie ungerecht es wäre, ein Leben verderben zu lassen, das man retten könne. Endlich erklärte er, wenn sie ihm aus der Grube helfen würden, dann verspreche er ihnen bei allem, was einem Wolfe heilig sei, nie mehr in seinem Leben ein Schaf zu fressen.

Durch dieses Versprechen ließen sich die Schafe betören und halfen dem Wolf aus der Grube.

Kaum war Meister Isegrim aber aus seinem Gefängnis befreit, da stürzte er auch schon trotz Versprechen und Schwur unter die Herde und griff sich ein junges Schaf heraus. Die übrigen suchten so rasch sie konnten dem wortbrüchigen Räuber zu entfliehen.

Das arme Opfer der Leichtgläubigkeit zitterte am ganzen Körper vor Angst und bat um sein Leben. Doch der Wolf blieb ungerührt.


In seiner Verzweiflung nahm das junge Schaf Zuflucht zu den Sittenlehren, in denen es von einem alten Hammel unterrichtet worden war.

„Weißt du nicht“, fragte es mit bebender Stimme, „daß es ein schwerer Frevel ist, ein Leben zu vernichten?“

„Nach dem Sittengesetz der Schafe“, war die spöttische Antwort.

„In der Grube hast du dich doch selbst auf dies Gesetz berufen und uns Freundschaft geschworen.“

„Da war ich auch in der Not und brauchte eure Hilfe.“

„Aber und kannst doch unmöglich zur Zeit der Not eine andere Moral haben als dann, wenn es dir gut geht, und nicht einen Vertrag jetzt beschwören, um ihn in der nächsten Minute zu brechen.“

Der Schafdieb grinste zynisch: „Von einem Wolf darfst du nicht verlangen, daß er nach den Grundsätzen der Schafe leben soll.“

„Es muß aber doch ein Sittengesetzt geben, von dem auch die Handlungen eines Wolfes geleitet werden“, ächzte das verzweifelte Schaf.

„Was ich tun darf und unterlassen muß wird nur von meiner Stärke und Bewegungsfreit bestimmt.“

„Das ist ja eine entsetzliche Moral!“

„Entsetzlich für Schafe“, sagte der blutgierige Räuber, „aber nicht für Wölfe!“

Und damit zerriß er das moralische Schaf und fraß es auf.



Felix Fechenbach

Samstag, 17. November 2012

Herr Fix und Fertig

Fix und Fertig war lange Zeit Soldat gewesen, weil aber der Krieg ein Ende hatte und nichts mehr zu thun war, als einen und alle Tage dasselbe, nahm er seinen Abschied und wollte Lakai bei einem großen Herrn werden. Da gabs Kleider mit Gold besetzt, viel zu schaffen und immer was Neues. Also machte er sich auf den Weg und kam an einen fremden Hof, da sah er einen Herrn, der in dem Garten spazieren ging. Fix und Fertig besann sich nicht lang, trat frisch auf ihn zu sagte: »mein Herr, ich suche Dienste bei einem großen Herrn, sinds Ew. Majestät selbst, so ist mirs am liebsten, ich kann und weiß alles, was dazu gehört, kurz und lang, wies befohlen wird.« Der Herr sagte: »recht, mein Sohn, das wäre mir lieb, sag an, was ist anjetzt mein Verlangen?« Fix und Fertig ohne zu antworten drehte sich um, lief eilend und brachte eine Pfeife und Taback. »Recht, mein Sohn, du bist mein Bedienter, aber nun gebe ich dir auf, mir die Prinzessin Nomini zu schaffen, die schönste auf der Welt, die will ich zu meiner Gemahlin haben.« – »Wohlan, sagte Fix und Fertig, das ist mir ein kleines, die sollen Ew. Maj. bald haben, geben Sie mir nur eine Chaise bespannt mit Sechsen, einen Leibkutscher, Haiducken, Laufer, Lakaien, Koch und einen völligen Staat, mir selbst aber fürstliche Kleider, und jedermann muß meinen Befehlen gehorchen.« Nun, fuhren sie ab, der Herr Bedienter saß in der Kutsche und es ging immer dem königlichen Hof zu, wo die schöne Prinzessin war. Als die Chaussee zu Ende war, fuhren sie ins Feld hinein und kamen bald vor einen großen Wald, der war voll von vielen tausend Vögeln, da war ein grausamer Gesang, prächtig in die blaue Luft hinein. »Halt! halt! rief der Fix und Fertig, die Vögel nicht gestört! die preisen ihren Schöpfer und wollen mir wieder einmal dienen, links um!« der Kutscher mußte also umdrehen und um den Wald herumfahren. Darnach währte es nicht lang, so kamen sie an ein großes Feld, da saßen an die tausend Millionen Raben, die schrien nach Speise überlaut. »Halt! halt! rief der Herr Fix und Fertig: bind eins von den vordersten Pferden los, führ es aufs Feld und stichs todt, daß die Raben gespeist werden, die sollen meinetwegen keinen Hunger leiden.« Nachdem die Raben gesättigt waren, ging die Reise weiter und sie kamen an ein Wasser, darin war ein Fisch, der klagte erbärmlich: »um Gotteswillen! ich habe keine Nahrung in diesem schlechten Sumpf, setzt mich in ein fließendes Wasser, dafür will ich euch einmal gegendienen.« Eh er noch ausgeredet, hatte Fix und Fertig halt! halt! gerufen; »Koch nimm ihn in die Schürze, Kutscher fahr zu nach einem fließenden Wasser.« Fix und Fertig stieg selber aus und setzte ihn hinein, daß der Fisch vor Freude mit dem Schwanz schlug. Herr Fix und Fertig sprach: »laßt nun die Pferde rasch laufen, daß wir zu Abend noch an Ort und Stelle sind.« Als er in der königlichen Residenz anlangte fuhr er gerade nach dem besten Gasthof, der Wirth und alle seine Leute kamen heraus, empfingen ihn aufs beste und meinten, ein fremder König sey angekommen, und es war doch nur ein Herr Bedienter. Fix und Fertig aber ließ sich gleich bei dem königlichen Hof anmelden, suchte sich beliebt zu machen und hielt um die Prinzessin an. »Mein Sohn, sagte der König, dergleichen Freier sind schon viele abgewiesen worden, weil keiner hat ausrichten können, was ich ihnen auferlegt hatte, um meine Tochter zu gewinnen.« »Wohlan, sprach Fix und Fertig, geben Ew. Majestät mir nur was rechtes auf.« Der König sagte: »ich habe ein Viertel Mohnsamen säen lassen, kannst du mir denselben wieder herbei schaffen, daß kein Korn fehlt, so sollst du die Prinzessin für deinen Herrn haben.« Hoho! dachte Fix und Fertig, das ist ein geringes für mich. Nahm darauf ein Maaß, Sack und schneeweiße Tücher, ging hinaus, und die letztern breitete er neben das besäte Feld hin. Gar nicht lange, da kamen die Vögel, die im Walde bei ihrem Singen nicht waren verstört worden, und lasen den Samen, Körnchen für Körnchen auf und trugen ihn auf die weißen Tücher. Als sie alles aufgelesen hatten, schüttete es Fix und Fertig zusammen in den Sack, nahm das Maaß unter den Arm, ging zu dem König und maaß ihm seinen ausgesäten Samen wieder zu, gedachte nun die Prinzessin wäre schon sein – aber gefehlt: »noch eins, mein Sohn, sagte der König, meine Tochter hat einstmals ihren goldnen Ring verloren, denselben mußt du mir erst wiederschaffen, eh du sie bekommen kannst.« Fix und Fertig machte sich keine Sorgen: »lassen Ew. Majestät mir nur das Wasser und die Brücke zeigen, wo der Ring verloren worden, so soll er bald herbeigeschafft seyn.« Als er hingebracht war, sah er hinab, da schwamm der Fisch herzu, den er auf seiner Reise in den Fluß gesetzt hatte, streckte den Kopf in die Höhe und sagte: »wart einige Augenblicke, ich fahre hinunter, ein Wallfisch hat den Ring unter der Floßfeder, da will ich ihn holen;« kam auch bald wieder und warf ihn ans Land. Fix und Fertig bracht ihn zum König, dieser aber antwortete: »nun noch eins, in jenem Walde ist ein Einhorn, das hat schon vielen Schaden gethan, wenn du das tödten kannst, dann ist nichts mehr übrig.« Fix und Fertig bekümmerte sich auch hier nicht groß, sondern ging geradezu in den Wald. Da waren die Raben, die er einmal gefuttert und sprachen: »noch eine kleine Weile Geduld, jetzt liegt das Einhorn und schläft, aber nicht auf der scheelen Seite, wenn es sich herumdreht, dann wollen wir ihm das eine gute Auge, das er hat, auspicken, dann ist es blind und wird in seiner Wuth gegen die Bäume rennen und mit seinem Horn sich festspießen; dann kannst du es leicht tödten.« Bald wälzte sich das Thier ein paar Mal im Schlaf herum und legte sich auf die andere Seite, da flogen die Raben herunter und hackten ihm sein gesundes Auge aus. Wie es die Schmerzen empfand, sprang es auf und rennte unsinnig im Wald herum, bald auch hatte es sich in eine dicke Eiche festgerennt. Da sprang Fix und Fertig herbei, hieb ihm den Kopf ab, und brachte ihn dem König. Dieser konnte nun seine Tochter nicht länger versagen, sie ward dem Fix und Fertig übergeben, der sich gleich in vollem Staat, wie er gekommen war, mit ihr in die Kutsche setzte, zu seinem Herrn fuhr und ihm die liebevolle Prinzessin brachte. Da ward er wohl empfangen, und in aller Pracht Hochzeit gehalten; Fix und Fertig aber wurde erster Minister.

Ein jegliches in der Gesellschaft, wo dies erzählt wurde, wünschte auch bei dem Vergnügen zu seyn, eins wollte Kammerjungfer, das andere Garderobemädchen werden, dafür wollte einer Kammerdiener, der andere Koch werden u.s.w.

Jacob und Wilhelm Grimm
Kinder- und Hausmärchen
Band 1, Berlin 1812/15

Mittwoch, 14. November 2012

Jupiter und Minis

»Was führt so Viele zu der Hölle Abgrund hin?« –
Sprach Jupiter zu Minis einst . »Sucht nach Gewinn?«
»O nein! dem Müßiggang allein
Kann man mit Recht die Unheil zeih’n!«


Jean-Pierre Claris de Florian
frei metrisch bearbeitet von
Conrad Samhaber
kgl. Kreis- und Stadtgerichts-Rahte zu Fürth
München, 1834

Samstag, 10. November 2012

Der dunkle Pfad - als E-Book


Die fantastische Erzählung »Der dunkle Pfad«, die im Frühjahr d.J. als Heftchen in der Reihe BunTES Abenteuer erschien, liegt nun auch als E-Book vor. Um einige Fehler bereinigt, sonst textidentisch. Die Ausgabe für Amazons Kindle wurde ohne DRM erstellt, kann also nach dem Kauf auch konvertiert (z.B. mit Calibre) und auf anderen Readern gelesen werden.

Horst-Dieter Radke



Mittwoch, 7. November 2012

Vom Drachen

 
Drache in der Marien-Bergkirche Laudenbach (bei Weikersheim)

Es waren einmal Mann und Frau, die hatten drei Töchter; die älteste und die jüngste spannen, die mittlere aber machte sich auf dem Hof zu schaffen. Der Vater arbeitete vom Morgen bis zum Abend auf dem Felde; und als er eines Tages nach Hause kam, sprach er zu seiner Frau: »Warum schickst du mir kein Mittagessen hinaus? Ich plage mich dort den ganzen Tag und pflüge und hab davon einen mächtigen Hunger. Schick mir morgen die älteste Tochter mit dem Essen.« Die Älteste weigerte sich aber und sagte zum Vater: »Ich bring es Euch nicht hinaus, denn ich weiß nicht, wo Euer Feld liegt.« Er antwortete jedoch: »Du wirst es schon finden; morgen, wenn ich aufs Feld gehe, werd ich an einem Stock schnitzeln; dann halt dich nur an die Späne, und so wirst du zu mir gelangen.«
Am nächsten Tage ging der Bauer aufs Feld und schnitzelte unterwegs am Stock, aber der Drache hatte davon erfahren und pustete die Späne weg, so daß sie nun zu seiner Hütte führten. Als die Zeit kam, das Mittagessen hinauszutragen, ging die älteste Tochter fort, erblickte die Spur und folgte ihr. Sie wanderte und wanderte, und schon fing es an zu dunkeln, aber vom Vater war noch immer nichts zu sehen. Da kam sie ein großes Verlangen an zu essen; sie setzte sich am Wege nieder, aß sich satt, stand wieder auf und ging weiter. Noch war sie aber keine ganze Werst weitergekommen, als sie ein Hüttchen erblickte und ein Feuer darin. Da bekreuzigte sie sich und sagte: »Gott sei Dank, da ist endlich mein Vater!« Sie trat in die Hütte und sah: dort aß der Drache sein Abendbrot! Da sprach der Drache zu ihr: »Komm und iß!« Doch sie antwortete ihm: »Ich will nicht.« Jetzt schrie er sie aber an: »Ich sage dir: setz dich hin und iß!« Sie erwiderte jedoch: »Ich hab schon gegessen, trug dem Vater das Mittag hinaus, aber fand ihn nicht, darum aß ich's selber auf.« Der Drache brüllte sie nochmals an: »So komm und iß auch bei mir!« Da blieb ihr nichts anderes übrig, sie setzte sich hin und aß mit ihm zu Abend. Das Fleisch aber war süß, denn es war von Menschen. Und als sie gegessen hatten, legten sie sich schlafen. Das Mädchen stand früh auf, der Drache jedoch noch früher. Er sprach zu ihr: »Jetzt sollst du mein Weib sein; da hast du die Schlüssel und einen Apfel; geh durch alle Zimmer und Scheunen, aber hier, in diese zwei Kammern, geh nicht hinein.« So sprach er und flog davon.


Sie ging dann in alle Zimmer hinein und erblickte ganze Zuber voll Gold, Silber und Kupfer. Es lockte sie aber auch heftig, in jene zwei Kammern hineinzuschauen; sie öffnete sie, trat ein und stöhnte vor Entsetzen, denn Leichen lagen in der ersten Kammer, und in der zweiten standen Zuber voller Blut! Sie schaute hinein und ließ den Apfel fallen. Zwar nahm sie ihn heraus und wusch ihn, aber am Stengel blieb ein wenig Blut kleben. Dann kam der Drache wieder angeflogen und verlangte gleich den Apfel von ihr. Sie gab ihn her, der Drache besah sich ihn und fragte: »Bist du in die Kammern hineingegangen?« – »Nein, ich bin nicht hineingegangen!« – »Du lügst, verfluchtes As, denn du bist doch drin gewesen!« Er nahm ein Beil, schlug ihr den Kopf ab und warf die Leiche in die Kammer. Kam der Vater am Abend nach Hause und sagte zu seiner Frau: »Warum hast du mir kein Essen geschickt?« – »Schau einer den an! ich hab's dir doch geschickt! Noch immer ist die Älteste nicht zurück; vielleicht hat sie sich verirrt.« – »Na, schwatz keinen Unsinn, aber schick mir morgen die jüngste Tochter hin; ich werd aufs Feld gehn und Asche streuen.«
Am nächsten Tage ging er fort und streute Asche auf den Weg, der Drache aber blies sie wieder zu seiner Hütte. Als es Mittagszeit wurde, schickte die Mutter die jüngste Tochter mit dem Essen zum Vater, und sie ging den Spuren der Asche nach. Sie wanderte lange, lange, und es fing schon an zu dunkeln, aber vom Vater war noch nichts zu sehen. Da setzte sie sich nieder und aß von dem Mitgebrachten; und da nach stand sie wieder auf und ging weiter. Auf einmal erblickte sie eine Hütte, und die war erleuchtet. Die Tochter bekreuzigte sich und sagte: »Gott sei Dank! dort wird doch endlich wohl mein Vater sein.« Sie trat in die Hütte ein, erblickte den Drachen und wünschte ihm einen guten Abend. »Willkommen, mein gutes Kind! Wie hast du dich hierher verirrt?« fragte der Drache. Sie antwortete: »Ich hab dem Vater das Essen hintragen wollen und mich dabei zu Euch verirrt.« – »Nun, dann leg dich schlafen, wenn es so ist«, sagte der Drache. Und die Tochter legte sich nieder. In der Früh, als sie aufstand, sprach der Drache zu ihr: »Sei von nun ab meine Frau; hier hast du die Schlüssel und einen Apfel und geh überall herum, nur in diese zwei Kammern geh nicht hinein!« Und dann flog er davon. Es lockte sie aber gar sehr, in die beiden Kammern hineinzugehen. Sie öffnete die eine, erblickte dort ihre Schwester und fing an zu weinen; dann öffnete sie auch die zweite, erblickte dort die Zuber und beugte sich vor, um hineinzuschauen, da fiel ihr aber der Apfel aus dem Busen. Sie nahm ihn heraus und wusch ihn ab, doch am Stengel blieb ein wenig Blut kleben. Der Drache kam angeflogen und befahl: »Trag das Abendbrot auf!« Sie brachte ihm das Essen, und als er satt geworden war, fragte er: »Bist du in die Kammern gegangen?« – »Nein, ich bin nicht hineingegangen!« – »Dann zeig mir den Apfel her!« Er besah sich den Apfel, ergriff ohne ein Wort zu sagen das Beil, hackte ihr den Kopf ab und warf die Leiche in die Kammer. Der Bauer aber kam wieder nach Hause zurück und sagte zu seiner Frau: »Warum hast du mir das Essen nicht hinausgeschickt?« – »Wieso hab ich's dir nicht geschickt? Jetzt ist schon die zweite Tochter fort und kommt nicht zurück.« – »Na, dann schick mir morgen die dritte!« Die mittlere Tochter aber kam zum Vater und sagte: »Ich weiß den Weg nicht aufs Feld.« – »Dann will ich Kartoffeln auf den Weg streuen«, antwortete der Vater, »so wirst du mich schon finden.«


Am andern Tage ging er wieder pflügen und streute auf dem Wege Kartoffeln aus, aber der Drache blies sie wieder zu seiner Hütte. Und als es Mittagszeit wurde, schickte die Mutter die zweite Tochter mit dem Essen, und sie ging der Spur nach. Es fing schon an zu dunkeln, doch vom Vater war noch nichts zu sehen. Sie setzte sich nieder, aß ihr Abendbrot, stand wieder auf und ging weiter; da sah sie eine Hütte und ging auf sie zu. Sie trat ein und erblickte den Drachen beim Abendessen. Der Drache sprach zu ihr: »Setz dich hin und iß!« Sie setzte sich und fing an zu essen, und hernach legten sie sich beide nieder. Als die Tochter am Morgen aufstand, sagte der Drache zu ihr: »Sei von nun ab meine Frau; hier hast du die Schlüssel und einen Apfel; geh überall umher, aber nur in diese zwei Kammern geh nicht hinein!« Und dann flog er davon. Es lockte sie sehr zu sehen, was wohl in den beiden Kammern sein möge, in die hineinzugehen der Drache ihr verboten hatte. Sie öffnete die eine und erblickte dort ihre Schwestern; da schloß sie die Kammer schnell ab und ging wieder in die Hütte. Der Drache kam angeflogen und fragte: »Bist du in die Kammern hineingegangen?« – »Nein, ich bin nicht hineingegangen!« – »Zeig mir aber mal den Apfel her!« Sie reichte ihm den Apfel, und der Drache sagte darauf: »Nun, es ist wahr, du bist nicht drin gewesen.«


Am nächsten Tage sprach sie zum Drachen: »Ich fühl es, daß es meinem Vater schlecht geht.« Er antwortete ihr: »Hab ich denn so wenig Gold und Silber? Nimm, soviel du willst und schick es ihm!« Da ging sie in den Garten, fing eine Krähe und befahl ihr: »Bring mir das Wasser des Lebens und des Todes, sonst zerreiß ich dich!« Die Krähe flog davon und brachte ihr von dem Wasser. Nun ging die Tochter in die Kammer, bespritzte ihre Schwestern, legte sie in eine Truhe und sperrte sie ab; dann ging sie zum Drachen und sagte: »Nimm hier diese Truhe und trag sie zu meinem Vater!« Und der Drache trug sie fort. Nach ein paar Jahren gebar die Tochter einen Sohn: halb ein Drache, halb ein Mensch. Und wieder sprach sie zum Drachen: »Ich fühl es: meinem Vater geht es schlecht!« – »Na, dann pack Gold zusammen und schick es ihm«, sagte der Drache. Da legte sie Gold in eine Truhe, hackte ihr Kind in zwei Hälften und warf sie in die Kammer; dann ging sie zum Drachen und sprach zu ihm: »Trag doch diese Truhe zum Vater, ich aber will zur Gevatterin gehn.« Sie ging hinaus, kroch in die Truhe und sperrte sich ein. Der Drache hob die Truhe auf und brachte sie fort. Als er aber nach Hause kam, merkte er, daß die Frau nicht mehr da war. Nun erkannte er, daß sie ihn betrogen hatte, aber es war nichts mehr zu machen.

August Löwis of Menar
Russische Volksmärchen
Jena, 1927

Dienstag, 6. November 2012

Die Eule und der Sperling


»Unverschämter! Stiehlst du nicht Kirschen am hellen lichten Tage, vor den Augen aller? O! schreckliche Frechheit!« so rief eine Eule einem Sperling zu, der sich auf einem Kirschbaum gütlich tat. »Freilich ist es edler«, erwiderte der Sperling, »bei Nacht, wenn alle Tiere sorglos schlafen auf Mord und Raub auszugehn.«

Novalis

Freitag, 2. November 2012

Vom Nacktspielen

Gestern freute ich mich sehr. Förster Fröhlich kam mit Erich und Marie zu Besuch. Erst gabs Kaffee mit frischen Waffeln, dann spielten wir Versteck auf dem Hof und Brückenmännchen; das war lustig.
Nachher gingen wir auf die Wiese und machten Kränze aus Gänseblümchen und lange Ketten von Nußblättern; damit putzten wir unsre Haare und Kleider. Aber ich sagte: Wißt ihr was? das Spiel muß viel hübscher sein, wenn wir nackend sind. Und wir liefen hinter das Gartenhaus, wo uns niemand sehn konnte, und zogen uns aus.
Unsre Kränze hingen wir uns um den Hals und um die Schultern, und dann faßten wir uns an und gingen in der Sonne spazieren. Wir spielten alte Griechen. Erich war der Prinz Paris und sollte der Schönsten einen Apfel schenken. Er fand uns aber alle beide am schönsten und aß den Apfel selber auf; da mußten wir sehr lachen.
Plötzlich kam meine Mutter. Sie sah ganz erschrocken und zornig aus. Schämt ihr euch denn nicht, ihr großen Kinder, sagte sie; sofort zieht ihr euch wieder an!
Die kleine Marie fing an zu weinen, und wir suchten rasch unsre Kleider.
Ich war fast böse auf meine Mutter. So schrecklich unartig waren wir doch garnicht gewesen. Und geschämt hatte ich mich eigentlich auch nicht. Das tue ich blos wenn mich einer sehr lobt, oder wenn ich was Dummes gemacht habe.
Und Mutter fragt mich doch nie, ob ich mich schäme, wenn ich in der Badewanne sitze und sie mich abseift; und da bin ich doch auch nackt.
Und das Spiel war so lustig, und die Nußblätter sahen so grün und frisch aus auf unsrer weißen Haut. Blos ein bißchen bange war mir gewesen, ob ich die Schönste sei – ja, das ist wahr –
Ob Mutting vielleicht doch Recht gehabt hat? – –

Paula Dehmel
aus: Singinens Geschichten

Mittwoch, 31. Oktober 2012

Das Hühnchen und der Diamant

Ein verhungert Hühnchen fand
einen feinen Diamant,
Und verscharrt' ihn in den Sand.

Möchte doch, mich zu erfreun,
Sprach es, dieser schöne Stein
Nur ein Weizenkörnchen seyn!

unglückselger Ueberfluß,
Wo der nötigste Genuß
Unsern Schätzen fehlen muß!


Friedrich von Hagedorn
Versuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen

Montag, 29. Oktober 2012

Die Kaufleute und die Katze

Als ostindsche Kaufleute ihre Waaren auf Kamehle luden, schlich sich eine Katze hin, – machte eine Buckel, und sagte:
„Sehe, ich habe auch einen Buckel, und kann Lasten tragen, wie die Kamehle.«
»Wir wollen sehen«, sprachen die Kaufleute, und legten ihr nur eine ganz leichte Last auf. – Allein der Katze war die Last zu schwer. Man nahm sie ihr wieder ab, und jagte sie davon.

Dieß Loos verdienen alle Bücklinge, und Schwachköpfe, die vom Staate Aemter erschleichen.

Joseph Krause
Fabeln für unsre Zeiten und Sitten
Strasburg und Mainz, 1801

Donnerstag, 25. Oktober 2012

Der Hengst und die Wespe


Eine kleine Wespe stach
Einen Hengst. Er schlug nach ihr;
Und die kleine Wespe sprach:
Hengsten, schlag’ doch nicht nach mir,
Sieh, ich sitz’ an sichrem Orte,
Hengsten geh! du triffst mich nicht!

Hengsten gibt ihr gute Worte.
Und die kleine Wespe spricht:
Sanftmut findet doch Gehör!
Sieh nun stech’ ich dich nicht mehr!


Johann Wilhelm Ludwig Gleim

Montag, 22. Oktober 2012

Herbst 2012


Der Herbst ist dieses Jahr so spröde
Mal kommt er bunt, dann doch nur wieder nebelgrau
So bin ich wie im Frühjahr einfach müde
Und selten lockt die Sonne mich mal aus dem Bau.

Was Spinnen spinnen ist mir nicht so wichtig
Ich spinne selbst, doch kann man das nur selten sehn
Das meiste davon mach‘ ich doch nicht richtig
Das was ich tu, ist meistens, um mich selber drehn.

Und nächste Woche soll es schneien
Von Berg bis weit hinunter in das Tal
Jetzt im Oktober, ach, ich könnte schreien
Es ist ja nicht das allererste Mal

Das Wetter nicht so ist, wie wir es wünschen
Berechenbar, und immer so wie es grad passt
Die Sonne, wenn es uns beliebt zu plantschen
Den Regen, wenn der Garten wieder welchen fasst.

Der Herbst ist dieses Jahr so spröde
Die letzten Jahre Wetter - der gleiche Mist,
Davor die Jahre auch, bin ich denn blöde
Das mir das bislang noch nie aufgefallen ist?


Horst-Dieter Radke

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Dithyrambus und Fabel

Der Dithyrambus und die kleine Aesopische Fabel scheinen zwo so verschiedene Dichtungsarten zu seyn, daß sie zwei ganz entgegengesetzte Genie’s zu erfordern scheinen: wenn jene in eine poetischen Trunkenheit enthusiastisch tobt, und mit den Mänaden über die Gebirge raset … so suchet diese, der gelassenen Natur in ihrer äußersten Simplizität zu folgen, und allezeit den kürzesten und geradesten Weg zu gehen. Wir wollen nicht behaupten, daß es nicht solche ausgebreitete Genie’s geben sollte, die mit gleichem Glücke sich in jede von diesen Verfassungen ätzen könnten: indessen scheint es, daß die letztere der Muse unsers Dichters doch weit natürlicher ist, als die erstere. Der Enthusiasmus seiner Dithyramben ist nicht selten erzwungen und studiret; er sucht öfteren den Strom, der seine Wort fortwälzen soll, dals daß er von demselben jähling ergriffen und fortgerissen wird. Unter seinen Fabeln sind verschiedene, deren Erfindung so gut ist, und die so leicht und ungekünstelt dialogirt sind, daß wir sie denen des Phädrus an die Seite setzen könnten. Der Charakter der handelnden Thiere ist meistens wohl ausgedrückt, die Sprache ist leicht, und die Lehre sinnlich und gut herbeigeführt: nur möchten wir zweifeln, ob diejenige Weise, die Personen gleich dialogisch einzuführen, allezeit wohl angebracht sei und durchgängig gefallen möchte, da der Ort der Szene zur Wahrscheinlichkeit viel beiträgt, und den Leser nicht selten auf eine angenehme Art vorbereitet. Wem wird z. B. bei der ersten Fabel nicht gleich einfallen, daß es eine seltsame Katze seyn müsse, die so viel mit der Maus komplimentiret, und nicht gerade zufährt, wenn jene nicht noch in ihren Löchern sitzt.


Johann Gottlieb Willamov (1736 - 1777)
aus: Dialogische Fabeln, S. 23 f.
Berlin, 1791

Montag, 15. Oktober 2012

Der Hirsch und der Eber

Ein Eber fragt den Hirsch: was macht dich hundescheu?
Für mich gesteh ich gern, daß ich es nicht begreife.
Du hörst so scharf, als sie: wie schnell sind deine Läufe?
Wie fürchterlich ist dein Geweih?
Und da du größer bist, so solltest du dich schämen,
Vor kleinern stets die Flucht zu nehmen.
Was ist es immermehr, das so dich schrecken kann?
Das will ich, spricht der Hirsch, dir im Vertrauen sagen:
Der Abscheu hängt mir noch von meinem Vater an;
ich kann das Heulen nicht vertragen.


Friedrich von Hagedorn

Samstag, 13. Oktober 2012

Ein fabelhafter Autorenverein


Der 42er Autoren e.V. ist ein Verein, der sich um deutsche Literatur im allgemeinen und um aktive Autorinnen und Autoren im besonderen kümmert. Von der reinen Selbsthilfe untereinander, die die im Verein organisierten Autoren betreiben reicht dies bis zur Autorenhilfe darüber hinaus. In einem Forum kann über Schreiben und Literatur diskutiert werden, ein jährlicher Kurzgeschichtenpreis (Putlitzer Preis) fördert Talente. Seit 2012 gibt es ein Residenzstipendium "42 Tage Putlitz", das Projekte fördern soll. Auf der Leipziger Buchmesse organisiert der Verein seit 2010 ein Stand, um dort Anlaufstelle für Autoren und interessierte Verlage zu sein. Insbesondere hat sich der Verein auch um den Schutz vor »Autorenabzocke« durch spezialisierte Dienstleistungsbetriebe bemüht und durch die Aktion »Rico Beutlich« Anerkennung in den Medien und der Öffentlichkeit gefunden.

Dies alles kostet Geld. Finanziert wird der gemeinnützige Verein bislang durch Mitgliedsbeiträge und Spenden. Eine gute Möglichkeit, die Arbeit des Vereins zu fördern bietet derzeit die Bank Ing DiBa. Tausend Vereine - in vier Gruppen je nach Größe aufgeteilt - sollten 1000 Euro erhalten. In jeder Gruppe werden also die 250 beliebtesten Vereine ermittelt. Jeder kann Stimmen vergeben. Dazu gibt man seine mobile Telefonnummer an und bekommt per SMS drei Stimmen, die auf einen oder bis zu drei Vereine aufteilt werden können. Da pro Telefonnummer nur einmal die drei Codes vergeben werden, kann so keine Stimmenmauschelei passieren. Wer also die Arbeit der 42er Autoren, die von allen ehrenamtlich geleistet wird, unterstützen möchte, kann auf diese Weise eine, besser gleich alle drei Stimmen über diesen Link vergeben.

Eine weitere Leistung des Vereins ist der jährliche Autorenkalender, in dem neben den Siegergeschichten aus dem Putlitzer Preis viele Ratschläge für Autorinnen und Autoren zu finden sind. Der aktuelle für das Jahr 2013 ist über den Verlag zu beziehen, oder über jede Buchhandlung oder Onlinebuchhandlung.


Mittwoch, 10. Oktober 2012

Fabelhaftes E-Book kostenlos


Ein ganz fabelhaftes E-Book gibt es kostenlos, nämlich »Musik, die uns bewegt«, mit Kurzgeschichten zu bewegender Musik.

Die Fledermaus und die zwo Wiesel

Es kam die Fledermaus in einer Wiesel Loch;
Die war den Mäusen feind, und sprach: Wie darfst du doch,
Der Mäuse Mißgeburt! dich meinen Augen weisen?
Wiewol du kömmst mir recht; ich wollte so schon speisen.

Was? schreit die Fledermaus, ich eine Maus? o nein!
Mein gutes Wieselchen, das mögt ihr selbst wol sein;
Die mich zur Maus gemacht, sind Lügner oder Feinde;
Die Kater unsers Dorfs sind meine besten Freunde.
Es lebe, was gut maust! Ihr wird zuletzt geglaubt;
Sie rettet unversehrt ihr unerkanntes Haubt;
Und doch geräth sie bald, durch ihr Gesicht betrogen,
In einer andern Bau; die war der Maus gewogen;
Ihr waren gegentheils die Vögel ganz verhaßt.
Sie fraß, in Hoffnung, schon den ihr zu schlauen Gast.

Es weiß die Fledermaus ihr glücklich zu entgehen.
Wofür denn, ruft sie aus, werd' ich jetzt angesehen?
Für einen Vogel? Ich? Du, Wiesel, irrest sehr.
Soll dies ein Fittig sein? Kennt man nicht Mäuse mehr?
Der erste Donnerschlag zerschmettre hier die Katzen!
Die Mäuse leben und die Ratzen!

Ein Kluger sieht auf Ort und Zeit,
Aus Vorsicht, daß man ihn nicht fange.
Er ruft mit gleicher Fertigkeit:
Es lebe Wolf! Es lebe Lange!


Friedrich von Hagedorn

Sonntag, 30. September 2012

Das Eichhorn und der Leopard


45stes Bild

Auf einem Eichbaum sprang von Zweig zu Zweigen
Ein muntres Eichhorn hin und her,
Hinauf, hinab, die Kreuz und Quer:
Man weiß, Behendigkeit ist diesem Thierchen eigen
Doch ach! jetzt spring es fehlt und fällt
Auf einen Leopard, der Mittagsruhe hält.
Die Majestät erwacht, zürnt, reckt sich in die Höhe,
Und zeigt der Zähne fürchterliche Reihn
Das Eichhorn macht sich vor der Hoheit klein,
Fällt zitternd auf die Knie. Doch, wie es in der Nähe
Der Leopard beseh’n, spricht er: »Ich schenke dir
Das Leben, doch bedingt; das heißt du sagest mir,
Warum ihr Dingerchen beständig hüpft und springet,,
Und guter Laune sein, indeß in meinem Reich
Mich Langweile drückt?» – »Ja Herr, das will ich euch,
Weil ihr so gnädig mich empfinget
Aufrichtig sagen. Doch wer die Wahrheit spricht,
Muß höher steh’n, als wer sie höret.
Darf ich den Baum hinauf, von dem ich fiele?« - »Wer wehret
Es dir? Steig‘ auf!« – Es that’s und sprach: »Mit Zuversicht
kann ich von hier herab euch mein Geheimniß lehren.
Ihr möchtet gerne von mir hören,
Warum ich immer lustig bin: –
Die Unschuld gibt mir frohen Sinn;
Mein Wissen ist: nichts Böses wissen.
Herr, das untrügliche Recept
Zur Heiterkeit, ein gut Gewissen,
Fehlt euch, weil euch mit Natterbissen
Das eure quält. Bei Tag und Nacht schleppt
Ihr euch mit dem Gefühl der Ungerechtigkeiten,
Die ihr begingt der Grausamkeiten,
Die ihr verübt. Wie manches Reh zerreißt
Ihr, während ich zu meinen Brüdern eilte
Und eine Nuß mit ihnen theilte!
Ihr haßt; ich lieb‘! In diesen Worten ist
Viel Sinn, viel Wahrheit; glaubt es nur
Wie oft hört‘ ich in meiner Jugend
Aus meines Vaters Mund: Sohn, fließt dein Glück aus Tugend,
So wird dir Frohsinn zur Natur.«


Lebensweisheit in Fabeln für die Jugend
von
Friedrich Hoffmann,
Hofprediger in Ballenstedt
Mit hundert Bildern
Stuttgart, Hoffmann’sche Verlags-Buchhandlung, 1840

Mittwoch, 26. September 2012

Der Tiger und der Leopard

Der Tiger und der Leopard hatten sich den Krieg erklärt. Dr erste fiel in das Gebiet des letzten ein; der Leopard flohe.
»So sollt ihr mirs bezahlen!« – schrie der Löwe und erwürgte alles, was er von Thieren im feindlichen Gebiete fand.
»Ach!« – seuftze ein sterbender Fuchs: – »So geht es! Wir Unglückliche müssen es büßen. Unser Fürst war an allem sChuld; aber er ist in Sicherheit.«
Exempla sunt odiosa! Arme Provinzen am Rhein!


Christian August Fischer

Montag, 24. September 2012

La Fontaine auf die Ohren

Fabeln von Jean de La Fontaine zum anhören gibt es kostenlos hier

Der Tiger und der Leopard

aus Brehms Tierleben
Quelle: Wikipedia

»Schon wieder einen Tag verloren!« seufzte der Tiger, indem er in seine Höhle zurückkehrte.
»Was ist euch geschehen, edler Vetter!« versetzte der Leopard, der diese Worte vernommen hatte.
»Ach!« erwiderte verdrüßlich der Befragte, »nicht einmal ein armseliges Rehkalb ist mir heute unter die Klauen gekommen! Saget, Herr Vetter, was soll wohl unter solchen Umständen noch aus unsern glänzenden Vorrechten werden?«

Splitterrichter! Splitterrichter! die ihr jeden Tag gewohnt seyd, irgend einen guten Namen zu zerreißen, sagt doch, seyd ihr nicht von demselben Bekenntnisse?


Lustwandlung im anmuthigen Gebiethe der Fabel,
oder
Goldkörner der Moral und Lebensklugheit
Ein Geschenk für die reifere Jugend,
von
Sebastian Willibald Schiessler
Wien, 1833, Verlag von Franz Tendler

Sonntag, 23. September 2012

Der Krieg zwischen den Leoparden und Tygern

Aus Brehms-Tierleben
Quelle: Wikipedia

Im Anfange des Monats Miriak ward im Walde ein sehr hohes Fest dem Waldgotte, Pan, zu Ehren , gefeyert. Auf diesem Feste fanden sich alle Arten der Thiere ein. Die Vornehmsten unter dieser versammleten Schaar waren ein Leopard und ein Tyger; jeder von ihnen war das Haupt seiner Nation. Beyde waren an diesem Tage in tiefer Trauer; denn der Leopard hatte seine Frau, der Tyger aber seinen Sohn verloren. Mitten unter der größten Feyerlichkeit ward die Sonne verfinstert. Da man dieses gewahr ward, und die anwesenden Thiere sehr darüber erschracken, bat sie der Tyger, nur alle Furcht, wegen eine bevorstehenden Unglücks, auf die Seite zu setzen; denn, sagte er: Die Sonne trauert über den Tod meines Sohnes, und weiter bedeutet diese Finsterniß nichts. Der Leopard hingegen meynte: diese Finsterniß geschähe wegen des Todesfalles, der in seinem Hause vorgegangen war. Dieses konnte der Tyger nicht leiden, und daher fragte er den Leoparden, was er sich wohl einbildete? Der Leopard, der eine eben so niederträchtige Ambition besaß, blieb auf seiner Meynung, und gab eine harte Gegenantwort. Kurz: Ein Wort gab das andere, bis endlich alles dadurch in Feuer und Flammen gerieth. Die ganze Schaar der Thiere nahm die Flucht, und die streitenden Partheyen droheten einander mit einem offenbaren Kriege, welcher sich auch sofort anfieng.

Menge von allerhand Thieren erhielt Befehl, im Felde zu erscheinen, oder sie ward auch gegen Besoldung angeworben. Die Vögel hingegen wollten sich in diese Sache nicht mischen denn, obschon der Adler von beyden Partheyen um Beystanmd ersucht ward, so wollte er doch keinem Vogel erlauben, sich zu der einen oder zu der andern Parthey zu schlagen; er erklärte sich also im Namen der ganzen fliegenden Nation, neutral zu bleiben. Von denen kriechenden Thieren wollten die Fischotter und der Seehund auch nichts damit zu thun haben; denn da der Krieg blos zu Lande geführt ward, diese sich aber meistens im Wasser aufhielten, so sagten sie: sie gehörten unter den See-Stat. Nachdem der Krieg eine Zeitlang mit grosser Hitze war geführt worden, ward endlich nach vielem Blutvergiessen der Friede folgendergestalt geschlossen: Eine jede derer streitenden Partheyen sollte bey ihrer Meynung bleiben, und alles sollte wieder in den Stand gesetzet werden, in welchem es vor dem Kriege war.

Diese Fabel lehret, daß die heftigsten Zwistigkeiten oft aus Kleinigkeiten entstehen, an denen gar nichts gelegen ist; ingleichen, daß die blutigsten Kriege, die unter denen Menschen geführet werden, auf eben diese Art geendigt werden. man führet also Krieg blos darum, um Krieg zu führen.


Moralische Fabeln
mit beygefügten Erklärungen einer jeden Fabel
Aus dem Dänischen des Herrn Barons von Holberg übersetzt durch J.A.S.K.D.
Kopenahgen: Mumme, 1761


Samstag, 22. September 2012

Der Löwe und der Leopard

Auf weiter Ebne herrschte einst mit königlicher Pracht
Ein Löwe unbeschränkt in seiner Würde hoher Macht;
An sein Gebiet stößt nun zunächst ein großer Hain,
Und gerne möchte er Besitzer davon seyn.
doch zu gefährlich hat es ihm geschienen,
Deßwegen einen krieg selbst zu beginnen;
Denn eines Leoparden Eigenthum
Ist dieser Hain, und um ihn rings herum,
Wo sich die Gränzen beider Höfe scheiden,
hat ihren Sitz der Panther und der Bären wilde Schaar,
Und, einen Kampf mit diesen zu vermeiden,
Befiehlt dem Lösen seine Klugheit; dieses ist wohl klar.
Allein was ist hier anzufangen,
Um doch zum ziele zu gelangen?
Die List muß hier den Ausweg zeigen.
Ein alter Fuchs, durch seine Schlauheit längst bekannt,
Wird von dem Löwen zu dem Leopard gesandt,
Um einen Plan zu überreichen,
Wornach die beiden Mächte sich verbinden,
Die feinde unnachsichtlich aufzureiben,
Die in der Nachbarschaft ihr Wesen treiben.
Der Leopard nimmt freudig diesen Vorschlag an;
Der Kampf beginnt und alle Gegner finden
Nun ihren Tod; bald lebt kein Bär
Im Walde und kein Panther mehr.
Doch jetzt erkennt der Leopard auch seinen Wahn:
Und hat er oft auch Grund, sich zu beklagen,
So darf er dennoch dieses nimmer wagen,
Wenn er nicht stürzen will in seinen Tod,
Da ihm des Löwen Wuth Verderben droht.
So lernt er nun zu spät, daß Pantherthier und Bären
Am besten gegen Löwen-Macht ihm Schutz gewähren.

Florian’s *) Fabeln
frei metrisch bearbeitet
von Conrad Samhaber
kgl. Kreis- und Stadtgerichts-Rathe zu Fürth
München 1834, Druck und Verlag von George Jaquet

*) Jean-Pierre Claris de Florian

Mittwoch, 19. September 2012

Äsop fürn Pott

Nun gibt es meine Fabelübertragungen in Ruhrdeutsch auch als E-Book, und zwar bei Amazon für das Lesegerät kindle.


Dienstag, 18. September 2012

Der Athenienser

Einst wollten zu Athen, an einem schönen Morgen,
Die Bürger ihre Stadt mit einem Gott versorgen.
Die Stimmen wurden bald bedächtlich abgezählt,
Und mit gemeinem Schluß Minervens Schutz erwählt.
Der trotzige Neptun, durch diesen Schimpf erbittert,
Hub seinen Dreyzack auf, der See und Flut erschüttert,
Und sprach: O blindes Volk, das allen Witz verlor!
So ziehst du denn ein Weib Neptunus Gottheit vor?
Wer könnte, fuhr er fort, mit einem herben Lachen,
Dich mehr an Handlung reich, den Feinden furchtbar machen,
Als ich, der Wellen Herr? Wolan! es ist erkannt:
Es sey Athen forthin der Narren Vaterland!
Er sprach. Der Hauffe stund verwirrt, als wie im Schlafe;
Aus Tummheit fühlte kaum ein Jeder seine Strafe.
Doch bracht ein Rest von Witz noch Einem endlich bey,
Was für ein kläglichs Ding ein Volk von Narren sey.
Drum naht er sich gebückt zu der Minerven Trohne:
O Göttin, steüre doch dem unverdienten Hohne!
Die Liebe, die dein Volk zu deiner Weysheit trug,
Hat uns darum gebracht. Ach mach uns wieder klug!
Nein, Kinder! sprach sie, Nein! Das hab ich nicht in Händen;
Denn, was ein Gott gefügt, kan keine Göttin wenden.
Doch, wenn Neptunus eüch Verständ und Witz verkehrt,
So mach ich, ihm zu Trotz, eüch allesamt gelehrt.

Vernunft und Wissenschaft, wir lernens von Athene,
Sind öfters nicht gepaart; beysammen stehn sie schöne.




Carl Friedrich Drollinger

Sonntag, 16. September 2012

Der Reiher


Einst schritt, ich weiß nicht, wo es war,
Ein Reiher her mit langem Schnabel, langem Hals.
Die Luft war hell, der Himmel klar,
Die Welle ebenfalls.
Gevatter Karpfen neckte mit Gevatter Hecht,
Sie tummelten sich nah am Rand des Ufers hin;
Ein Stoß vom Reiher nur, so hatte er Gewinn –
Doch war es ihm zurzeit nicht recht,
Da seine Vesperstund noch nicht geschlagen.
Er hielt auf Ordnung, darum schien's ihm besser,
Zu warten, bis noch leerer ihm der Magen.
Der Hunger kam. Da trat er ans Gewässer
Und sah die Schleie jetzt empor vom Grunde ziehn:
Ein Mahl, das ihm nicht eben sehr lukullisch schien.
Er hatte Besseres erwartet, denn er hatte
So heikelen Geschmack wie des Horatius Ratte.
»Ich – Schleie?« sagte er; »nein, euch verachte ich.
Welch ein gemeiner Fraß! Wofür denn hält man mich?«
Die Schleie fort – Gründlinge kommen.
»Ein Reiher, der mit Gründlingen fürlieb genommen –
Ein Unding wär's! Für solche Kleinigkeiten sperr
Ich nicht den Schnabel auf. Bewahre mich der Herr!«
Er hat ihn aufgesperrt für weniger als dies!
Es kam so weit, daß sich kein Fisch mehr sehen ließ.
Der Hunger wuchs. Er war zuletzt zufrieden,
Daß ihm ein kleines Schneckchen ward beschieden.

Wer zu viel haben möcht,
Der wird riskieren,
Das, was ihm minder recht,
Auch zu verlieren.
Schwimmt euch kein Taler her,
Greift nach dem Dreier,
Denkt an die gute Lehr
Von unserm Reiher.

Jean de Lafontaine




Dienstag, 11. September 2012

Der Frosch, der groß sein will wie ein Ochse


Ein Frosch sah einen Ochsen gehen.
Wie stattlich war der anzusehen!
Er, der nicht größer als ein Ei, war neidisch drauf,
Er spreizt sich, bläht mit Macht sich auf,
Um gleich zu sein dem großen Tier,
Und rief: »Ihr Brüder achtet und vergleicht!
Wie, bin ich nun so weit? Ach, sagt es mir!« –
»Nein!« – »Aber jetzt?« – »Was denkst du dir!« –
»Und jetzt?« – »Noch lange nicht erreicht!« –
Das Fröschlein hat sich furchtbar aufgeblasen,
Es platzte und verschied im grünen Rasen.

Die Welt bevölkern viele solcher dummen Leute:
Jedweder Bürger möchte baun wie große Herrn,
Der kleine Fürst – er hält Gesandte heute,
Das kleinste Gräflein prunkt mit Pagen gern.


Jean de Lafontaine

Montag, 10. September 2012

Der Kranich und die Krähe

Der Kranich war ein großer Fischer. Er pflegte die Fische unter den Baumstämmen im Flusse mit den Füßen herauszujagen und eine große Anzahl auf diese Weise zu fangen.

Als er eines Tages wieder eine große Menge Fische am Ufer beisammen hatte, kam die Krähe herbei, welche damals noch ganz weiß war. Sie bat den Kranich um einige Fische.

»Warte noch ein wenig,« sagte der Kranich, »bis sie gar sind.« Aber die Krähe war hungrig und ungeduldig; sie quälte den Kranich fortwährend, doch der antwortete immer wieder: »Warte, warte ein wenig!«

Einmal wandte der Kranich sich um und kehrte der Krähe den Rücken. Da schlich sie beiseite und wollte gerade einen Fisch fortnehmen, als der Kranich sich wieder umwandte. Ärgerlich nahm er einen Fisch auf und schlug der Krähe damit links und rechts welche um die Ohren. Sie war einen Augenblick wie betäubt und konnte nichts sehen. Sie fiel in das verbrannte Gras der Kochstelle und wälzte sich vor Schmerzen. Als sie wieder zu sich kam und davonging, waren nur ihre Augen weiß; ihr Gefieder war schwarz geworden. Und seitdem sehen alle Krähen schwarz aus.

Die Krähe wollte dem Kranich den Streich heimzahlen, weil sie nun weiße Augen und schwarze Federn hatte.

Sie wartete eine Gelegenheit ab. Und als der Kranich eines Tages am Ufer eingeschlafen war und schnarchte, schlich sie sich ganz leise mit einer Fischgräte herbei und steckte sie ihm unter das Zungenbein. Dann machte sie sich ebenso leise wieder davon; ganz vorsichtig, um kein Geräusch zu verursachen.

Schließlich wachte der Kranich auf. Als er den Schnabel öffnete und recht herzhaft gähnen wollte, spürte er ein unangenehmes Gefühl im Halse. Er versuchte den eingedrungenen Fremdkörper durch Räuspern loszuwerden. Es war vergeblich; er vermochte nur sonderbar kratzende Geräusche und Töne von sich zu geben. Die Gräte blieb stecken. Daher ruft der Kranich bis heute mit heiserer Stimme: »Ga-ra-ga, ga-ra-ga!« und die Eingeborenen benennen ihn nun danach.


Paul Hambruch
Südseemärchen
Jena, 1916

Freitag, 31. August 2012

Wer war der Dieb?

Der Schakal und die Hyäne verdingten sich einst als Knechte bei demselben Herrn. Mitten in der Nacht stand der Schakal auf, bestrich den Schwanz der Hyäne mit ein wenig Fett, und aß dann alles übrige Fett auf, das er im Hause fand. Am Morgen vermißte der Mann sein Fett und beschuldigte sofort den Schakal, es verzehrt zu haben. „Guck nach dem Schwanz der Hyäne!“ sagte der Schelm, „dann wirst Du Sehen, wer der Dieb ist“. Das that der Mann und schlug die Hyäne halbtodt.

Dr. W. H. J. Bleek
aus: Reineke Fuchs in Afrika
Fabeln und Märchen der eingebornen
Weimar, 1870

Mittwoch, 29. August 2012

Normale Verhältnisse


Dass es »normale Verhältnisse« gibt, mag eine Fabel sein. Immerhin aber eine, auf die sich viele allzu gerne berufen. Insbesondere auf dem Lande soll es ja »ganz spezielle« normale Verhältnisse geben. Darüber habe ich ein Kriminalnovelle geschrieben, die seit dieser Woche im dotBooks-Verlag als E-Book erhältlich ist. Im Laufe des Septembers wird es auch in den anderen E-Book-Portalen zu haben sein (Amazon, Apple, Thalia, Buch.de etc.).

Horst-Dieter Radke

Montag, 27. August 2012

Der Wucherer

Ein Wuchrer kam in kurzer Zeit
Zu einem gräflichen Vermögen,
Nicht durch Betrug und Ungerechtigkeit,
Nein, er schwur es oft, allein durch Gottes Segen.
Und um sein dankbar Herz Gott an den Tag zu legen,
Und auch vielleicht aus heiligem Vertraun,
Gott zur Vergeltung zu bewegen,
Ließ er ein Hospital für arme Fromme baun.

Indem er nun den Bau zu Stande brachte,
Und vor dem Hause stand, und heimlich überdachte,
So sehr verdient er sich um Gott und Arme machte:
Ging ein verschmitzter Freund vorbey.
Der Geizhals, der gern haben wollte,
Daß dieser Freund das Haus bewundern sollte,
Fragt ihn mit freudigem Geschrey,
Obs groß genug für Arme sey?
Warum nicht? sprach der Freund, hier können viel Personen
Recht sehr bequem beysammen seyn;
Doch sollen alle die hier wohnen,
Die ihr habt arm gemacht: so ist es viel zu klein.


Christian Früchtegott Gellert