Samstag, 31. Dezember 2011

Märchenhaftes zum Jahreswechsel



Nun gibt es meine Märchen, die in den letzten fünfzehn Jahren verstreut veröffentlicht wurden, als E-Book für das kindle-Lesegerät. Eine Sammlung für Kinder und eine für Erwachsene.


Freitag, 30. Dezember 2011

Fabulae!

»Leeres Geschwätz!«

Zitat aus dem Werk des römischen Dichters Terenz

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Der Vogel Greif


S isch einisch e Chönig gsi, woner gregiert hat und wiener gheisse hat, weiß i nümme. De het kei Sohn gha, nummene einzige Tochter, die isch immer chrank gsi, und kei Dokter het se chönne heile. Do isch em Chönig profizeit worde, si Tochter werd se an Öpfle gsund esse. Do lot er dur sis ganz Land bchant mache, wer siner Tochter Öpfel bringe, daß se se gsund dar chönn esse, de müesse zur Frau ha und Chönig wärde. Das het au ne Pur verno, de drei Söhn gha het. Do säit er zum elste »gang ufs Gade ufe, nimm e Chratte (Handkorb) voll vo dene schöne Öpfle mit rote Bagge und träg se a Hof; villicht cha se d' Chönigstochter gsund dra esse und de darfsche hürote und wirsch Chönig.« De Kärle hets e so gmacht und der Weg under d' Füeß gno. Woner e Zitlang gange gsi isch, begegnet es chlis isigs Manndle, das frogt ne, was er do e dem Chratte häig, do seit der Üle, denn so het er gheisse, »Fröschebäi.« Das Manndle säit druf »no es sölle si und blibe,« und isch witer gange. Ändle chunt der Üle fürs Schloß un lot se anmelde, er hob Öpfel, die d' Tochter gsund mache, wenn so dervo ässe tue. Das het der Chönig grüsele gfreut und lot der Üle vor se cho, aber, o häie! woner ufdeckt, so heter anstatt Öpfel Fröschebäi e dem Chratte, die no zapled händ. Drob isch der Chönig bös worde, und lot ne zum Hus us jage. Woner häi cho isch, so verzelter dem Ätte, wies em gange isch. Do schickt der Ätte der noelst Son, de Säme gheisse het; aber dem isch es ganz glich gange wie im Üle. Es isch em halt au es chlis isigs Manndle begegnet, und das het ne gfrogt, was er do e dem Chratte häig, der Säme säit »Seüborst,« und das isigs Manndle säit »no es söll si und blibe.« Woner do vor es Chönigsschloß cho isch, und säit, er heb Öpfel, a dene se d' Chönigstochter gsund chönn esse, so händ se ne nid welle ine lo, und händ gsäit, es sig scho eine do gsi und heb se füre Nare gha. Der Säme het aber aghalte, er heb gwüß dere Öpfel, se solle ne nume ine lo. Ändle hend sem glaubt, un füre ne vor der Chönig. Aber woner er si Chratte ufdeckt, so het er halt Seüborst. Das het der Chönig gar schröckele erzürnt, so daß er der Säme us em Hus het lo peütsche. Woner häi cho isch, so het er gsäit, wies em gange isch. Do chunt der jüngst Bueb, dem händse nume der dumm Hans gsäit, und frogt der Ätte, ob er au mit Öpfel goh dörf. »Jo,« säit do der Ätte, »du wärst der rächt Kerle derzue, wenn die gschite nüt usrichte, was wettest denn du usrichte.« Der Bueb het aber nit no glo »e woll, Ätte, i will au goh.« »Gang mer doch ewäg, du dumme Kerle, du muest warte, bis gschiter wirsch,« säit druf der Ätte und chert em der Rügge. Der Hans aber zupft ne hinde am Chittel, »e woll, Ätte, i will au goh.« »No minetwäge, so gang, de wirsch woll wieder ome cho,« gitt der Ätte zur Antwort eme nidige Ton. Der Bueb hat se aber grüsele gfreut und isch ufgumpet. »Jo, tue jetz no wiene Nar, du wirsch vo äim Tag zum andere no dümmer,« säit der Ätte wieder. Das het aber im Hans nüt gmacht und het se e siner Freud nid lo störe. Wils aber gli Nacht gsi isch, so het er dänkt, er well warte bis am Morge, er möcht hüt doch nümme na Hof gcho. Z' Nacht im Bett het er nid chönne schloffe, und wenn er au ne ihli igschlummert isch, so hets em traumt vo schöne Jumpfere, vo Schlößern, Gold und Silber und allerhand dere Sache meh. Am Morge früe macht er se up der Wäg, und gli drufe bchuntem es chlis mutzigs Manndle, eme isige Chläidle, un frogt ne, was er do e dem Chratte häig. Der Hans gitt em zur Antwort, er heb Öpfel, a dene d' Chönigstochter se gsund äße sött. »No,« säit das Manndle, »es sölle söttige (solche) si und blibe.« Aber am Hof händ se der Hans partu nit welle ine lo, denn es sige scho zwee do gsi und hebe gsäit, se bringe Öpfel, und do heb äine Fröschebäi und der ander Seüborst gha. Der Hans het aber gar grüsele aghalte, er heb gwöß kene Fröschebäi, sondern von de schönste Öpfle, die im ganze Chönigreich wachse. Woner de so ordele gredt het, so dänke d' Törhüeter, de chönn nid lüge, und lönde ine, und se händ au rächt gha, denn wo der Hans si Chratte vor em Chönig abdeckt, so sind goldgäle Öpfel füre cho. De Chönig het se gfreut, und lot gli der Tochter dervo bringe, und wartet jetzt e banger Erwartig, bis menem der Bericht bringt, was se für Würkig to hebe. Aber nid lange Zit vergot, so bringt em öpper Bricht: aber was meineder, wer isch das gsi? d' Tochter selber isch es gsi. So bald se vo dene Öpfle ggäße gha het, isch e gsund us em Bett gsprunge. Wie der Chönig e Freud gha het, chame nid beschribe. Aber jetz het er d' Tochter dem Hans nid welle zur Frau ge un säit, er müeß em zerst none Wäidlig (Nachen) mache, de ufem drochne Land wäidliger geu as im Wasser. Der Hans nimmt de Betingig a und got häi und verzelts, wies eme gangen seig. Do schickt der Ätte der Üle is Holz, um se söttige Wäidlig z' mache. Er hat flißig gewärret (gearbeitet) und derzue gpfiffe. Z' Mittag, wo d' Sunne am höchste gstande isch, chunt es chlis isigs Manndle und frogt, was er do mach. Der Üle gitt em zur Antwort »Chelle (hölzernes Gerät).« Das isig Manndle säit »no es sölle si und blibe.« Z' Obe meint der Üle, er heb jetz e Wäidlig gmacht, aber woner het welle isitze, so sinds alles Chelle gsi. Der anner Tag got der Säme e Wald, aber s' isch em ganz gliche gange wie im Üle. Am dritte Tag got der dumm Hans. Er schafft rächt flißig, daß es im ganze Wald tönt vo sine chräftige Schläge, derzue singt er und pfift er rächt lustig. Da chunt wieder das chli Manndle z' Mittag, wos am heißeste gsi isch, und frogt, was er do mach. »E Wäidlig, de uf em drochne Land wäidliger got as uf em Wasser,« und wenn er dermit fertig seig, so chom er d' Chönigstochter zur Frau über. »No,« säit das Manndle, »es söll e so äine ge und bliebe.« Z' Obe, wo d' Sunne aber z' Gold gange isch, isch der Hans au fertig gsi mit sim Wäidlig und Schiff und Gscher. Er sitzt i und ruederet der Residenz zue. Der Wäidlig isch aber so gschwind gange wie der Wind. Der Chönig hets von witen gseh, will aber im Hans si Tochter nonig ge und säit, er müeß zerst no hundert Haase hüete vom Morge früeh bis z' Obe spot, und wenn em äaine furt chömm, so chömm er d' Tochter nit über. Der Hans isch e des z' friede gsi, und gli am andre Tag got er mit siner Herd auf d' Wäid und paßt verwändt uf, daß em keine dervo laufe. Nid mänge Stund isch vergange, so chunt e Magd vom Schloß und säit zum Hans, er söll ere gschwind e Haas ge, so hebe Wisite über cho. Der Hans hett aber woll gmerkt, wo das use will, und säit, er gäb e keine, der Chönig chön denn morn siner Wisite mit Haasepfäffer ufwarte. D' Magd het aber nid no glo und am Änd fot so no a resniere. Do säit der Hans, wenn d' Chönigstochter selber chömm, so woll er ene Haas ge. Dat het d' Magd im Schloß gsäit, und d' Tochter isch selber gange. Underdesse isch aber zum Hans das chli Manndle wieder cho und frogt der Hans, was er do tüej. »He, do müeß er hundert Haase hüete, daß em käine dervo lauf, und denn dörf er d' Chönigstochter hürote und wäre Chönig.« »Guet,« säit das Manndle, »do hesch e Pfifle, und wenn der äine furtlauft, so pfiff nume, denn chunt er wieder ume.« Wo do d' Tochter cho isch, so gitt ere der Hans e Haas is Fürtüchle. Aber wo se öppe hundert Schritt wit gsi isch, so pfift der Hans, und der Haas springt ere us em Schäubele use und, was gisch was hesch, wieder zu der Herd. Wo's Obe gsi isch, so pfift de Haasehirt no emol und luegt, ob alle do sige, und treibt se do zum Schloß. Der Chönig het se verwunderet, wie au der Hans im Stand gsi seig, hundert Haase z' hüete, daß em käine dervo glofe isch; er will em aber d' Tochter äine weg nonig ge, und säit, er müeß em no ne Fädere us d' Vogelgrife Stehl bringe. Der Hans macht se grad uf der Wäg und marschiert rächt handle vorwärts. Z' Obe chunt er zu neme Schloß, do frogt er umenes Nachtlager, denn sälbesmol het me no käine Wirtshüser gha, das säit em der Herr vom Schloß mit vele Freude zue und frogt ne, woner he well. Der Hans git druf zur Antwort »zum Vogelgrif.« »So, zum Vogelgrif, me säit ame, er wuß alles, und i hane Schlössel zue nere isige Gäldchiste verlore: ehr chöntet doch so guet si und ne froge, woner seig.« »Jo frile,« säit der Hans, »das wili scho tue.« Am Morgen früe isch er do witer gange, und chunt unterwägs zue mene andere Schloß, i dem er wieder übernacht blibt. Wo d' Lüt drus verno händ, daß er zum Vogelgrif well, so säge se, es sig im Hus ne Tochter chrank, und se hebe scho alle Mittel brucht, aber es well kais aschlo, er söll doch so guet si und der Vogelgrif froge, was die Tochter wieder chön gsund mache. Der Hans säit, das weller gärn tue, und goht witer. Do chunt er zue emne Wasser, und anstatt eme Feer isch e große große Ma do gsi, de alle Lüte het müesse übere träge. De Ma het der Hans gfrogt, wo sie Räis ane geu. »Zum Vogelgrif,« säit der Hans. »No, wenn er zue ume chömt,« säit do de Ma, »so froget ne an, worum i all Lüt müeß über das Wasser träge.« Do säit der Hans »jo, min Gott jo, das will scho tue.« De Ma het ne do uf d' Achsle gno und übere träit. Ändle chunt do der Hans zum Hus vom Vogelgrif, aber do isch nume d' Frau dehäime gsi und der Vogelgrif sälber nid. Do frogt ne d' Frau, was er well. Do het ere der Hans alles verzelt, daß ere Fädere sölt ha us s' Vogelgrife Stehl, und denn hebe se emene Schloß der Schlüssel zue nere Gäldchiste verlore, und er sött der Vogelgrif froge, wo der Schlüssel seig; denn seig eme andere Schloß e Tochter chrank, und er söt wüße, was die Tochter chönt gsund mache; denn seig nig wid vo do es Wasser und e Ma derbi, de d' Lüt müeß übere träge, und er möcht au gern wüsse, worum de Mall all Lüt mueß übere träge. Do säit di Frau »ja lueget, mi guete Fründ, s' cha käi Christ mit em Vogelgrif rede, er frißt se all; wenn er aber wänd, so chönneder under sis Bett undere ligge, und z' Nacht, wenn er rächt fest schloft, so chönneder denn use länge und em e Fädere usem Stehl riße; und wäge dene Sache, die ner wüße söttet, will i ne sälber froge.« Der Hans isch e das alles z' friede gsi und lit unders Bett undere. Z' Obe chunt der Vogelgrif häi, und wiener i d' Stube chunt, so säit er »Frau, i schmöke ne Christ.« »Jo,« säit do d' Frau, »s' isch hüt äine do gsi, aber er isch wieder furt;« und mit dem het der Vogelgrif nüt me gsäit. Z' mitzt e der Nacht, wo der Vogelgrif rächt geschnarchlet het, so längt der Hans ufe und rißt em e Fädere usem Stehl. Do isch der Vogelgrif plötzle ufgjuckt und säit »Frau, i schmöke ne Christ, und s' isch mer, s' heb me öpper am Stehl zehrt.« Do säit d' Frau »de hesch gwüß traumet, und i ho der jo hüt scho gsäit, s' isch e Christ do gsi, aber isch wieder furt. Do het mer allerhand Sache verzellt. Si hebe ime Schloß der Schlüssel zue nere Gäldchiste verlore und chönnene numme finde.« »O die Nare,« säit der Vogelgrif, »de Schlüssel lit im Holzhus hinder der Tör undere Holzbig.« »Und denn het er au gsäit, imene Schloß seig e Tochter chrank und se wüße kais Mittel für se gsund z' mache.« »O die Nare,« säit der Vogelgrif, »under der Chällerstäge het e Chrot es Näscht gmacht von ere Hoore, und wenn se die Hoor wieder het, so wers se gsund.« »Und denn het er au no gsäit s' sig amene Ort es Wasser un e Ma derbi, der müeß all Lüt drüber träge.« »O de Nar,« säit de Vogelgrif, »täter nome emol äine z' mitzt dri stelle, er müeßt denn käine me übere träge.« Am Morgen frue isch der Vogelgrif uf gstande und isch furt gange. Do chunt der Hans underem Bette füre und het e schöne Fädere gha; au het er ghört, was der Vogelgrif gsäit het wäge dem Schlüssel und der Tochter und dem Ma. D' Frau vom Vogelgrif het em do alles no nemol verzellt, daß er nüt vergäße, und denn isch er wieder häi zue gange. Zerst chunt er zum Ma bim Wasser, de frogt ne gli, was der Vogelgrif gsäit heb, do säit der Hans, er söll ne zerst übere träge, es well em's denn däne säge. Do träit ne der Ma übere. Woner däne gsi isch, so säit em der Hans, er söllt nume äinisch äine z' mitzt dri stelle, er müeß denn käine me übere träge. Do het se de Ma grüsele gfreut und säit zum Hans, er well ne zum Dank none mol ume und äne trage. Do säit der Hans näi, er well em die Müeh erspare, er seig sust mit em z'friede, und isch witer gange. Do chunt er zue dem Schloß, wo die Tochter chrank gsi isch, die nimmt er do uf d' Achsle, denn se het nit chönne laufe, und träit se d' Chellerstäge ab und nimmt das Chrotenäscht under dem underste Tritt füre und gits der Tochter i d' Händ, und die springt em ab der Achsle abe und vor im d' Stäge uf, und isch ganz gsund gsi. Jetz händ der Vater und d' Mueter e grüsliche Freud gha und händ dem Hans Gschänke gmacht vo Gold und Silber: und was er nume het welle, das händ sem gge. Wo do der Hans is ander Schloß cho isch, isch er gli is Holzhus gange, und het hinder der Tör under der Holzbige de Schlüssel richtig gfunde, und het ne do dem Herr brocht. De het se au nid wenig gfreut und het dem Hans zur Belohnig vill vo dem Gold gge, das e der Chiste gsi isch, und sust no aller derhand für Sache, so Chüe und Schoof und Gäiße. Wo der Hans zum Chönig cho isch mit deme Sache alle, mit dem Gäld und dem Gold und Silber und dene Chüene, Schoofe und Gäiße, so frogt ne der Chönig, woner au das alles übercho heb. Do säit der Hans, der Vogelgrif gäb äin, so vill me well. Do dänkt der Chönig, er chönt das au bruche und macht se au uf der Wäg zum Vogelgrif, aber woner zue dem Wasser cho isch, so isch er halt der erst gsi, der sid em Hans cho isch, und de Ma stellt e z' mitzt ab und goht furt, und der Chönig isch ertrunke. Der Hans het do d' Tochter ghürotet und isch Chönig worde.
Jacob und Wilhelm Grimm
Kinder- und Hausmärchen

Dienstag, 27. Dezember 2011

Einträglichstes

»Was trägt dein Singen ein?«
bemerkt die reiche Maus
vor ihrem vollen Haus
dem muntern Vögelein.

»Das«, sagt’s, »hab ich davon:
was Blumen von dem Glanz,
was Well’ und Wind vom Tanz:
die Freude ist mein Lohn
und Frohsinn, aller Güter Kron!«

Abraham Emanuel Fröhlich

Montag, 26. Dezember 2011

Der Marktschreier

video

Ein Marktschreier, von Alt und Jung umgeben,
Bot einst mit lauter Stimme seine Ware preisend dar:
„Kauft Pulver, kauft! es gibt euch neues Leben!
Es heilet alle Schmerzen:
Wer es gebraucht, wird heiter, wenn er noch so traurig war;
Es schenket Ruh dem Herzen;
Die Alten macht es jung, die Thoren klug,
Die Häßlichen recht schön und,nicht genug,
Die Schelmen ehrlich, und zu seinem Ziel
Geleitet jeden es, wohin er will!“
Die Lobgeschrei
Zieht mich herbei:
Ich muß das Pulver seh’n: es ist bedeckt mit Laub:
Man nimmt das Laub hinweg: ich sehe nun -Goldstaub!

Jean-Pierre Claris de Florian

Sonntag, 25. Dezember 2011

fabeln

fabeln, verb. reg. act 1) Fabeln, Mährchen erzählen. Man hat viele Wunderwerke von ihm gefabelt. 2) Wahnsinnig reden, in Krankheiten ohne Verstand reden, fantasiren; wofür im Ober- und Nieders. fabeln üblicher ist. S. Fabulieren.

Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart
mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten
besonders aber der Oberdeutschen
von Johann Christoph Adelung
Zweiter Theil, von F - L.
Wien, 1808

Samstag, 24. Dezember 2011

Ahorn und Tanne


Die junge Tanne
Bist du der Baum, den Xerxes so verehrt?
Den er mit Gold und Purpur schmückte? *)

Der Ahornbaum
Der bin ich! hast du auch davon gehört?

Die junge Tanne

Ich weiß doch nicht, was ihn so sehr an dir entzückte:
Du bist ein Baum, wie alle Bäume sind.

Der Ahornbaum
Schon recht! allein die Lieb’ ist blind.
Ich nenn’ es freilich lächerlich,
An einem Baum’ Wohltaten auszuüben;
Doch war’s noch besser, mich,
Als einen Bösewicht zu lieben.


Johann Gottlieb Willamov
aus: Dialogische Fabeln
Berlin, 1791




*) Als Xerxes einstens auf seinem Zuge durch Lydia einen hohen Ahornbaum erblickte, verweilte er sich ohne Not einen ganzen Tag bey demselben, und schlug in der Wüste, wo der Baum stand, sein Lager auf. ja er behieng ihn mit vielen Kostbarkeiten, und zierte seine Zweige mit Halsketten und Armbändern. Auch ließ er, als er mit seinem Heere wieder aufbrach, Jemanden zurück, der für den Baum Sorge tragen, und demselben, gleichsam als seiner Geliebten , zum Schutz und zur Wache dienen sollte. S. Aeliuns mannigfaltige Geschichten. Buch II. Kap. 14.

Freitag, 23. Dezember 2011

Das Einhorn und der Philosoph


Als das Einhorn den Philosophen im Park auf der Bank sitzen und so angestrengt nachdenken sah, gesellte es sich dazu.
„Hallo“, sagte das Einhorn.
Der Philosoph sagte nichts, denn er dachte ja nach und da er nie angesprochen wurde, bezog er den Gruß des Einhorns nicht auf sich. Das Einhorn wartete ab, sagte aber nach einer Weile:
„So lang ist der Gedanke, Herr Philosoph?“
Jetzt sah der Philosoph auf und schaute das Einhorn verwundert an.
„Gedanken sind nie zu Ende“, erläuterte er dann. „Wenn ich aufhöre zu denken, existiere ich auch nicht mehr.“
„Ach, das ist ja interessant“, staunte das Einhorn. „Dann brauche ich einfach nicht mit dem Denken aufzuhören, um ewig existieren zu können.“
„Allerdings nützt die Existenz so allein für sich nichts“, erwiderte der Philosoph. „Es muss noch ein Gegenüber geben, ein Du, das dich auch denken kann. Für sich allein zu existieren ist ja nichts.“
„Und? Denkst du mich gerade?“
„Für den Augenblick ja. Das ist eine ganz reizvolle Abwechslung. Aber auf Dauer kann ich natürlich nicht ein Einhorn in meine Gedankenwelt lassen. Das wäre ja an der Realität vorbei.“
„Eben hast du noch gesagt, dass etwas, sobald man es denkt, Realität wird.“
„Das bezog sich aber eher auf das Objekt, das denkt, nicht auf das Objekt, das gedacht wird.“
„Das Objekt, das denkt, genügt sich aber alleine nicht, hast du eben behauptet.“
„Stimmt ja auch. Es braucht ein anderes Objekt, das ebenfalls denkt und bereit ist, das andere Objekt wahrzunehmen. Also ich denke hier auf der Parkbank und bin mir meines Denkens bewusst. Das ich existiere, stelle ich nicht in Zweifel, wie es noch der chinesische Meister Zhuang gemacht hat, der nicht mehr wusste, ob er der geträumte Schmetterling oder der Träumer gewesen ist. Ich weiß, dass ich jetzt ein Einhorn träume und das gefällt mir gerade ausnehmend gut. Aber wenn ich gleich wieder wach bin, dann weiß ich auch, dass ich derjenige bin, der das Einhorn geträumt hat.“
Das Einhorn näherte sich dem Philosophen und stupste ihn sanft an.
„He? Was soll das?“ rief der Philosoph, der nicht stabil auf der Bank gesessen hat und fast heruntergefallen wäre.
„Hast du das gespürt?“ fragte das Einhorn.
„Aber sicher habe ich das gespürt“, sagte der Philosoph ärgerlich. „Fast wäre ich von der Bank gefallen.“
„Entschuldige“, sagte das Einhorn. „Ich war nicht darauf vorbereitet, dass du so wenig fest auf dem Boden der Tatsachen ruhst. Machs gut.“
Es wendete sich um und trabte davon. Der Philosoph glaubte noch ein Wiehern zu hören. Oder war es ein Lachen? Dann war er wieder allein und beschäftigte sich weiter intensiv damit, existent zu bleiben.

Horst-Dieter Radke

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Der Teufel und der Bauer

Johannes Vorster:
Hugo von Trimberg "Der Renner"
Bildquelle: Wikipedia

Den Teufel hat einmal ein Bauer schön dran gekriegt und zum Narren gehabt. Wenn ihr die Geschichte hören wollt, so will ich sie euch erzählen. – Dieser Bauersmann war eines Tags bis zum späten Abend noch beschäftigt mit dem Anbau seines Ackers, und mit der Aussaat des Weizens. Wie er nun zuletzt – es war schon dunkel – sich rüsten will zur Heimfahrt, da erblickt er plötzlich mitten auf seinem Acker eine feuerrothe Stelle, wie von glühenden Kohlen. Er geht hinzu, und sieht da ein kleines Teufelein sitzen auf dem Gluthhaufen. Der sagt zu ihm: »Du sollt diesen Schatz haben, und er soll dein werden, wenn du mir jährlich die Hälfte von dem gibst, was dir dein Acker hervor bringt und einträgt.« – Der Bauer meinte: auf so einen Pakt könne er sich einlassen, und er dachte wohl sogleich daran, wie er den dummen Teufel überlisten werde. Er sagte daher, und schlug ein: »Topp! Ihr sollt die Hälfte haben von allem, was ich baue. Und damit kein Streit zwischen uns entstehe bei der Theilung, so soll euch alles gehören, was unter der Erde ist, und mir, was über der Erde ist.« Dem Teufel war dieß ganz recht; denn er hatte gesehen, wie fast alles Saatkorn unter die Erde geegget worden; und so, dacht' er, könne es ihm nicht fehlen. – Als nun die Ernte herbei kam, so erschien der Bauer mit seinen Leuten, und anderseits auch der Teufel mit seinen Gesellen. Jene fingen an, das Korn zu schneiden, und diese rauften fein die Stoppeln aus der Erde. Der Bauern drosch sein Korn auf der Tenne aus, worfelt's, lud's in Säcke, und führt's zu Markt, wo er's theuer verkaufte. De Teufel ebenfalls, setzte sich neben dem Bauer auf dem Markt hin, und bot da seine Stupfeln feil; niemand aber kaufte ihm sein Zeug ab, sondern er ward vielmehr von den Marktleuten brav ausgelacht und heim geschickt. Als der Markt zu Ende war, so sprach der Teufel zum Bauern: »Hör, Kujon! dieß Mal hast du mich betrogen; ein ander Mal gelingt dir's nicht. Bei der nächsten Aussaat und Ernte wollen wir die Sach umkehren; ich nehm', was über der Erde ist, und du kriegst, was unter der Erde ist. So geht's gleich auf.« Dem Bauern war das auch recht, und er sagte: Wie Ihr wollt, Herr Teufel, also gescheh' es. – Der Bauer säete nun auf seinem Acker Rübsamen aus, der sein gutes Gedeihen und Wachsthum hatte. Als nun die Zeit der Ernte gekommen, so erschien sogleich der Teufel mit seinen Helfern, und schnitten gar emsiglich die Rübenblätter ab, vom Boden weg, und sammelten sie ein. Hinter ihnen grub der Bauer gemächlich die Rüben aus, lud's in Säcke, und führt's nach Haus. Beim nächsten Markt verkaufte der Bauer seine Rüblein um guten Preis; der Teufel aber lösete für sein Blättericht nichts. »Ich seh wohl, Lump, sprach drauf der Teufel zum Bauern, daß du mich wieder betrogen hast. Weißt du was? um der Geschichte ein End zu machen, so wollen wir einen Pakt eingehen: wer am meisten Hitz und Schwitz aushalten kann, der soll des andern Theil gewinnen, ich dein Feld, du meinen Schatz.« Der Bauer sprach: »Drauf will ich's ankommen lassen. Kommt nur gleich! Wir lassen des Baders Badstüble heizen, so lang der Ofen halten mag. Ein Schwitzbad thut mir ohnehin schon längst Noth.« Sie gingen also beide ins heiße Badstüblein. Der Teufel setzte sich frischweg hinter den Ofen, auf die Hölle; der Bauer dagegen hielt sich nahe am Fenster, durch welches ein Lüftlein herein strich; denn es war drinnen doch gar zu mörderisch heiß. Zuletzt konnte er's schier nicht mehr aushalten; er suchte daher am Fenster eine Scheibe auszulösen, um etwas Luft zu bekommen. Da fragte ihn der Teufel: Was machst du denn dort? was treibst du, Kalfakter? Der Bauer antwortete: »Ich vermache und verstopfe nur hier die Löchlein und Ritzlein all, durch welche die Luft herein dringt. Sonst kann's ja nicht warm werden im Stüble. Mich friert wenigstens noch. Wie ist's Euch?« »Daß du in der tiefsten Höll' bratest, du verdammter Racker!« – sagte der Teufel voll Zorn; und indem er sich für überwunden hielt, nahm er sogleich Reißaus durchs Kamin, und ließ sich vor dem Bauern nimmer sehen. –

»Hat also der Bauer den Schatz richtig gekriegt?« fragte Fritz. »Darüber magst du ihn selbst fragen,« antwortete der Vater.

Ludwig Aurbacher
Ein Büchlein für die Jugend
Stuttgart/Tübingen/München 1834

Mittwoch, 21. Dezember 2011

Der Teufel und die doppelte Tierkraft

Bildquelle: Wikipedia

Der Löwe stritt einst mit der Schlange, wer von beiden eines höhern Geschlechts sei. Der Löwe sagte: »Der große Jupiter schuf mir hinter meinem Rachen eine sorgenfreie Brust.« Die Schlange antwortete: »Und mir gab er eine Kraft zu töten, die keinen Schein hat, und eine Wohnung, zu welcher niemand kommen kann.«

Der Teufel hörte ihr Gespräch und sagte zu sich selber: »Bei meiner Hölle, wenn die Kräfte, die in diesen zwei Tieren liegen, in einem einzelnen vereinigt wären, ich hätte vor diesem fast soviel als nichts zum voraus.«

Ein Mann, der dieses Gespräch hörte, sagte: »Wenn der Teufel diese doppelte Tierkraft unter den Menschen gesucht hätte, so hätte er sie hie und da ganz gewiß vereinigt gefunden.« Er setzte dann noch hinzu: »Aber Gnade Gott einem jeden Menschen, der unter die Hände einer dieser vereinigt gedoppelten Tierkraft zu fallen das Unglück hat.«

Heinrich Pestalozzi
Nr. 70 (PSW 11, S.138)

Dienstag, 20. Dezember 2011

Laß dich den Teufel bey einem Haare fassen …

Laß dich den Teufel bey einem Haare fassen; und du bist sein auf ewig?

Gotthold Ephraim Lessing
aus: Emilia Galotti

Montag, 19. Dezember 2011

Belial und Satan


Belial

Ha! lieber Vetter, könnten wir
Doch Seelen tödten, glaube mir,
Es gäbe was zu lachen.

Satan

Du schwatzest wie ein dummer Wicht;
Ich würde, wären sie es nicht,
Sie stracks unsterblich machen.
Gottlieb Konrad Pfeffel

Sonntag, 18. Dezember 2011

Lapis Exilis

Wolfram von Eschenbach
in der Manessischen Liederhandschrift
Bildquelle: Wikipedia

Die wehrliche Ritterschaft,
Höret, was ihr Nahrung schafft:
Sie leben von einem Stein,
Dessen Art muß edel sein.
Ist euch der noch unbekannt,
Sein Name wird euch hier genannt:
Er heißet Lapis exilis.
Von seiner Kraft der Phönix
Verbrennt, daß er zu Asche wird
Und dann der Glut verjüngt entschwirrt.
Der Phönix schüttelt sein Gefieder
Und gewinnt so lichten Schimmer wieder,
Daß er schöner wird als eh.
Wär einem Menschen noch so weh,
Doch stirbt er nicht denselben Tag,
Da er den Stein erschauen mag,
Und noch die nächste Woche nicht;
Auch entstellt sich nicht sein Angesicht:
Die Farbe bleibt ihm klar und rein,
Wenn er täglich schaut den Stein,
Wie in seiner besten Zeit
Einst als Jüngling oder Maid.
Säh er den Stein zweihundert Jahr,
Ergraurn würd ihm nicht sein Haar.
Solche Kraft dem Menschen giebt der Stein,
Daß ihm Fleisch und Gebein
Wieder jung wird gleich zur Hand:
Dieser Stein ist Gral genannt.

Wolfram von Eschenbach
(um 1160/80 - um/nach 122o)
aus: Parzival, Kap.: Trevrezent

Samstag, 17. Dezember 2011

Die verwandelte Katze

Wertiger
Bildquelle: Wikipedia

Ein Mann war verrückt in seine Katze.
Er fand ihr Miauen so zaubervoll,
So reizend ihr Köpfchen, so zärtlich die Tatze –
Kurz, er war toller als toll!
Was tat er nicht alles an Bittgebeten,
An Tränen und Sprüchen der Zauberkunst,
Bis endlich durch eines Gottes Gunst
Das große Wunder eingetreten:
Als eines Morgens der Narr erwacht,
Da war seine Katze zum Weibe geworden!
Er hat sich keine Minute bedacht,
Er trat mit ihr in Hymens Orden
Und jubelte in den höchsten Akkorden,
Als er sie abends zu Bett gebracht.
Er zeigte sich ebenso übertrieben,
Wie einst in der Freundschaft, jetzt im Lieben.
So sehr war er von ihr entzückt,
Wie noch kein Dichter je geschrieben,
Daß eine Schöne den Liebsten beglückt.
Und während sie ihm innig schmeichelt,
Liebkost er sie und herzt und streichelt
Der jungen Gattin geschmeidigen Leib;
Die ganze Katze ist vergessen,
Und der Beglückte glaubt vermessen,
In allem sei sie ganz ein Weib.
Doch jählings wird der Gatte
In seiner Freude gestört,
Dieweil man an der Matte
Ein Mäuslein knabbern hört.
Das Weib mit einem Satz zum Bett hinaus!
Das Mäuslein fort – doch kehrt es bald zurück –
Sie liegt auf Lauer und sie packt's voll Glück:
Mit diesem Mäuslein war es aus!
Und immer war sie so auf jede Maus erpicht,
Getreu dem Wort: Die Katze läßt das Mausen nicht!

Was nutzte nun die schöne Wandlung der Statur?
Stärker als alles ist die Stimme der Natur!
Der angeborne Trieb verspottet jeden Zwang,
Ihr lehrt ihn nicht mit Sporn noch Peitsche andern Gang.
Spart euch die Müh und laßt es bleiben,
Alte Manieren auszutreiben,
Denn alles wird erfolglos sein;
Werft ihr sie vorne auch zur Tür hinaus,
So schlagen hinten sie ein Fenster ein –
Und sitzen wieder mitten drin im Haus.

Jean de Lafontaine

Freitag, 16. Dezember 2011

Der Hund

Ein Mops, der in der Welt sich trefflich umgesehn,
Und auch dasjenige, was hier und da geschehn,
Gar artig zu erzählen wußte,
War, wenn er in Gesellschaft kam
Der andern Zeitvertreib, indem er ihren Gram
Durch manch Histörchen stillen mußte.
Er kam mit seinem Herrn, vor nicht gar langer Zeit,
Zu Junker Hansens Hochzeitfeste,
Und größerte, bey der Gelegenheit,
Die Zahl der ungebetnen Gäste.
Er hatte grade noch gefehlt,
Und war der Vierzigste, wofern ich recht gezählt.
Bey so viel Hunden ward Gang, Haus und Hof gedrange,
Man hatte Noth genug, daß man nur keinen trat.
Dem Koche selbst ward in der That
Vor soviel Nebentischern bange,
Die, wenn sie in die Küche kamen,
Ihm, eh er sichs versah, da Fleisch vom Spiesse nahmen;
Er prügelte gewaltig zu,
Und dennoch liessen ihm die Hunde keine Ruh.
Mops war der ehrlichste; der gieng nicht von der Stelle;
Er lag im Winkel dort, unweit der Stubenschwelle,
Und plauderte sich da nach Wunsche müd und satt,
Mit einem Budel aus der Stadt.
Die Trauung sollte noch geschehen.
Ach! hub der Budel an, das Ding, das muß ich sehen;
Ich bin ein Kerl, der gern was neues sieht und hört;
So bald man in die Kirche fährt:
So will, so werd ich mich, zu meinem großen Glück,
Schon wissen mit hinein zu dringen;
Die angestellte Brautmusik
Soll, hör ich, gar vortrefflich klingen.
O ja! versetzte Mops. Es wird dich nicht gereuen,
Lauf immer mit und dräng dich auf das Chor!
Ich hab es schon gesehn; mir thut so Kopf als Ohr
Noch heut zu Tage weh von dem empfunden Schreyen.
Wie, fragte Budel, siehts mit der Musik denn aus?
Beschreib mirs doch ein wenig zum voraus.
Hier steht, verfolgte Mops, ein groß- und schwarzer Mann,
Der seinen rechten Arm nicht stille halten kann;
Er schleuderte ihn bald auf- bald wieder unterwärts,
Um, weil er in dem Ernst die Leute nicht darf schlagen,
Durch diesen fürchterlichen Scherz
Der Jugend neben ihm ein schrecken einzujagen.
Es hält ein jedes Kind ein Blatt in seiner Hand;
Was drauf geschrieben steht, das ist mir nicht bekannt,
Vielleicht ists ein Bericht von lauter Mordgeschichten;
Die Ruthe wenigstens muß drauf gemalet seyn;
Sie fangen allemal erbärmlich an zu schreyn,
So oft sie das Gesicht auf ihr eBlätter richten.
Nächst diesen sah ich auch noch zwo Perücken stehn;
Wem die gehöreten, das kann ich nicht mehr wissen;
Doch das gedenkt mich noch, sie fingerten gar schön
auf gelben Prügelchen, worein sie stattlich bliessen.
Ein Blaurock, der darneben stund,
Nahm einen gelben Wurm in Mund;
Und weil er ihm vielleicht den Kopf halb abgebissen:
So schrie der arme Wurm so gar erschrecklich sehr,
Als wenn er wirklich schon dem Tod im Rachen wär.
Das aber, wie mich dünkt, war hier der größte Spaß,
Daß ein gewissen Herr bey einem Kasten saß,
Auf welchem eine lange Reihe
Von gelb- und schwarzen Hölzchen lag.
So bald er stark drauf schlug, erhub sich ein Geschreye,
Daß jedermann davor erschrack;
Daß ließ er auf einmal viel tausend Amseln pfeifen,
So daß der Schall davon den Thurm gefährlich wog;
Im Gegentheil, bey seinem sachten Greifen,
Piept allemal ein junges Huhn,
Und zwar so lang in einem Thun,
Bis der vergriffne Herr die Hand zurücke zog;
Sie nannten ihn den Organist.
Itzund besinn ich mich, versetzte Budel, wieder;
Ich habe viel gehört von einem meiner Brüder,
Daß dieser Hühnervogt ein großer Künstler ist,
Den niemand ohn Entzückung höre,
Den jedermann bewundre, lieb und ehre.
Hoho! rief unser Mops. Mit Gunst!
Ein Organist zu seyn ist eben keine Kunst;
Die Hühner müßten denn mit allem Fleiße passen,
Sonst will ich sie so gut, als jemand, schreyen lassen;
Ich weis schon, wie mans macht. Mops nahm nun den Entschluß,
mit auf das Chor zu gehn und seinen Mann zu weisen
Er lief und nahm den Pudel mit;
Der sollte nach der Zeit sein Lob bey andern preisen.
De Bräutigam und die Braut that gleich den letzten Schritt
An den geweihten Ort, wo man sie trauen sollte;
Der rechte Organist saß schon und griff drauf los;
Der Anfang war versäumt. Weswegen Mops beschloß,
Daß er nach diesem sich der Welt schon zeigen wollte.
Er mußte mit Verdruß die längste Weile rasten,
Bis endlich auch an ihn die Reih zu greifen kam.
Denn als die Vormusik ihr frohes Ende nahm:
Verließ der Organist den Sitz bey seinem Kasten
Trat bey dem Brustbaum hin, und sah in stiller Ruh
Der angegangnen Trauung zu;
So gleich sprang unser Hund, mit schnell-bewegten Füssen,
Auf dem Pedal herum, und orgelte recht grob.
Den alten Organist schien dieses zu verdreisssen,
Und da sien Substitut sich in die Höhe hob,
Die schwarzen Hölzchen zu berürhen:
So gab er ihm so gleich das Trinkgeld vor den Kopf,
Und hinderte dadurch den unverschämten Tropf
An seinem weitern Musciren.
Der Hund erzürnte sich, fieng selber an zu schreyn,
Und biß dne, der ihn schlug, aus Rachsucht in das Bein.
Durch diesen Lermen nun, wie leicht zu denken ist,
Warad das gesammte Chor auf einmal wild und rege.
Der unbefugte Organist
Bekam für seine Müh recht sehr viel Stöß und Schläge.
Das war sein unverhoffter Lohn.
Er schlich mit seiner Kunst nunmehr beschämt davon,
Und schwur, selbst wenn ihn auch die Leute darum bäten,
Die Orgel und das Chor nicht wieder zu betreten.
***
Als ein Historicus war unser Hund schon recht;
Doch als ein Organist bestund er gar zu schlecht.

Daniel Stoppe (1697 - 1747)
Neue Fabeln
1740

Donnerstag, 15. Dezember 2011

Goethe und der Mops




Was Alter! rief die Frau; soll ich immer von meinem Alter hören? Wie alt bin ich denn? Gemeine Höflichkeit! Ich weiß doch was ich weiß. Und sieh dich nur um, wie die Wände aussehen; sieh nur die alten Steine, die ich seit hundert Jahren nicht mehr gesehen habe; alles Gold haben sie heruntergeleckt, du glaubst nicht mit welcher Behendigkeit, und sie versicherten immer, es schmecke viel besser als gemeines Gold. Als die Wände rein gefegt hatten, schienen sie sehr guten Mutes, und gewiß, sie waren auch in kurzer Zeit sehr viel größer, breiter und glänzender geworden. Nun fingen sie ihren Mutwillen von neuem an, streichelten mich wieder, hießen mich ihre Königin, schüttelten sich und eine Menge Goldstücke sprangen herum; du siehst noch, wie sie dort unter der Bank leuchten; aber welch ein Unglück! Unser Mops fraß einige davon und sieh, da liegt er am Kamine tot; das arme Tier! Ich kann mich nicht zufrieden geben. Ich sah es erst, da sie fort waren, denn sonst hätte ich nicht versprochen, ihre Schuld beim Fährmann abzutragen. – Was sind sie schuldig? fragte der Alte. – Drei Kohlhäupter, sagte die Frau, drei Artischocken und drei Zwiebeln: wenn es Tag wird, habe ich versprochen, sie an den Fluß zu tragen.
Du kannst ihnen den Gefallen tun, sagte der Alte; denn sie werden uns gelegentlich auch wieder dienen.
Ob sie uns dienen werden, weiß ich nicht, aber versprochen und beteuert haben sie es.
Indessen war das Feuer im Kamine zusammengebrannt, der Alte überzog die Kohlen mit vieler Asche, schaffte die leuchtenden Goldstücke beiseite, und nun leuchtete sein Lämpchen wieder allein, in dem schönen Glanze, die Mauern überzogen sich mit Gold und der Mops war zu dem schönsten Onyx geworden, den man sich denken konnte. Die Abwechslung der braunen und schwarzen Farbe des kostbaren Gesteins machte ihn zum seltensten Kunstwerke.
Johann Wolfgang v. Goethe
aus: Märchen

Mittwoch, 14. Dezember 2011

Mops und Hector

Der beste Freund in unsrer Welt,
Mops, war mit Hector auferzogen,
Und blieb ihm immer unverstellt,
Mit wahrer Hundetreu gewogen.

Ihm ging es recht nach seinem Sinn:
Wo Möpschen war, da gab es Freude;
Doch Hector zog nach Norden hin,
Und fand Verfolgung, Frost und Räude.

Wahr ist es: Hectors Unverstand
Gibt Anlaß oft ihn zu verlästern:
Er ist zu munter, zu galant,
Und lebte dort bei keuschen Schwestern.

Kaum finden sich die Brüder ein,
Und seufzen brünstig an der Schwelle,
(Vom Nachbar recht gehört zu sein)
So übertäubt sie sein Gebelle.

Er wedelt, wenn den Andachtbund
Gebet und Wink und Kuß beleben!
Er wedelt! O der Höllenhund,
Der Unschuld Aergerniß zu geben!

Er nimmt sich endlich mehr in Acht,
Damit sein Thun unsträflich scheine.
Doch Hectorn drückt schon der Verdacht;
Er ist kein Thier für die Gemeine.

Bald soll ein wohlgewählter Stein
Den ungezognen Hund ertränken;
Nur ist die Strafe fast zu klein;
Der Hunger kann noch länger kränken.

Man stößt, und schlägt, und nennt ihn toll,
Zum Vorschmack härtrer Züchtigungen:
Doch alles dient zu seinem Wohl,
Und zielt auf nichts, als Besserungen.

Der Brüderschaft ergrimmte Zucht
Häuft täglich die gewohnten Tücke.
Zuletzt dringt ihn die Noth zur Flucht,
Und halberstarrt kehrt er zurücke.

Von Mopsen wird er kaum erkannt;
So dürftig kömmt er angekrochen.
Allein, sobald er sich genannt,
Wird er aufs zärtlichste berochen.

Mops spricht: mein Freund, du jammerst mich,
Ich werde dich zu trösten wissen,
Ich lebe hier fast königlich,
Mich mästen lauter Leckerbisse.

Madame gibt mir manchen Kuß,
Manch Schmätzchen, dem kein Nachdruck fehlet.
Mir kommen sie in Ueberfluß,
Dem Manne werden sie gezählet.

Wer will, was Höhere gewollt,
Dem wird die Ehrfurcht zum Ergötzen,
Mir sind die meisten Schönen hold,
Mich lieben zwanzig junge Betzen.

Mich lobt das ganze Haus; warum?
Ich kann die Treue klüglich üben;
Ich bleibe dem Geliebten stumm,
Und belle Bettlern oder Dieben.

Friedrich von Hagedorn
aus: Versuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen

Dienstag, 13. Dezember 2011

Mikromegas

Napoleon, Josephine und ihr Mops
Bildquelle: Wikipedia

Mops war an Leib und Seele klein
Und vor Begierde gros zu seyn
Schon oft bald aus der Haut gesprungen.
Zuletzt fiel ihm ein Kunstgriff ein,
Der manchem Gecken schon gelungen:
Er stellte sich auf ein Gerüst.
O Himmel, riefen hundert Zungen,
Wie gros der Mann geworden ist!
Geduld! ihr habt noch nichts gesehen,
Bald soll ein Riese vor euch stehen,
Versetzt er: klimmt auf einen Berg
Und scheint nun, was er ist - ein Zwerg.

Gottlieb Conrad Pfeffel

Montag, 12. Dezember 2011

Der Hühnerhund

Des kranken Mopses gutes Leben
Begeht der neidische Bellin,
Bellin, vor dem die Hasen beben,
Das Rebhun fällt, die Füchse fliehn.

Da sieht man, wem das Glücke grünet!
Sehe, spricht er, diesen Broddieb an,
Zeit Lebens hat er nichts gethan,
Doch wird er wie ein Abt bedienet.

Das Brod vom schönsten Waizenkorne
Und Lerchenbrüste nähren ihn;
Seht, wie sich Herr und Frau bemühn,
Da ist Mops hinten, Möpschen vorne.

Ich bin gesund. Was ist mein Dank,
Wenn ich Feld, Busch und Thal durchkrochen?
Des Tages Prügel, Abends Knochen,
Warum bin ich nicht gleichfalls krank?

Es hat, nach des Fontaine Lehren,
Das Glücke zu gewisser Zeit
Die grausame Gefälligkeit,
Der Thoren Wünsche zu erhören.

Bellin ward krank und Mops gesund,
Sobald der Hausherr es vernommen,
So ließ er seine Jäger kommen,
Und sprach: Erschießt den Hünerhund.

Der arme Hund erschrack sich heftig.
Als er den Todesspruch empfieng,
Und dieser Schrecken war so kräftig,
Daß ihm sein ganzes Weh vergieng,
Er säumte nicht, davon zu scheiden.
*
Sieh! Neid, wie thöricht du verfährst,
Du kannst im Elend uns beneiden,
Darinn du längst versunken wärst.

Magnus Gottfried Lichtwer



Sonntag, 11. Dezember 2011

Der Mops in der Freimaurerei

Bildquelle: Wikipedia

Auch nach Deutschland verirrte sich diese Ausartung, und es gründete sich unter den Auspizien des galanten geistlichen Kurfürsten Klemens August von Köln der Mopsorden. Die Mitglieder, Männer und Frauen, mussten römisch-katholisch sein. Als Abzeichen trugen sie kleine Möpse aus Porzellan. Die Gebräuche dieses „Ordens", der hauptsächlich an den kleinen deutschen Höfen verbreitet war, waren ausserordentlich läppisch; jeder tiefere ethische Gehalt ging ihnen ab. Sinnbild war der Gesellschaft „der Mops", das Symbol der Treue im Orden; dabei sollte der Zirkel einer jeden Mopsloge, wie das Ritual besagt, die Mitglieder lehren:

»…gleich wie alle Durchschnitte des Kreises durch eben denselben Mittelpunkt gehen, also müssen alle Handlungen eines Mopses aus einer Quelle gehen, nämlich der Liebe«.

aus:
Eugen Lennhoff: Die Freimaurer
Geschichte, Wesen, Wirken und Geheimnis der Königlichen Kunst
Zürich: Amalthea-Verlag 1929; Wien: Phaidon-Verlag 1931
Nachdrucke Wien: Löcker 1981; Wien: Lechner 1988;
Bayreuth: Gondrom 1988.