Mittwoch, 31. Dezember 2008

Fabliau

(auch: Fablel oder Fabliaux) sind mittelalterliche französische Schwänke in Versen. Sie wurden von Spielleuten vorgetragen. Die meisten Stücke sind anonymen Ursprungs, seit Mitte des 12. Jahrhunderts nachweisbar und verloren sich zu Beginn des 16. Jahrhundert. Sie hatten oft eine unzüchtige Handlung. Längere mittelalterliche Verserzählungen wie die Canterbury Tales von Geoffrey Chaucer oder Reineke Fuchs haben ihren Ursprung in diesen Fabliau.

Horst-Dieter Radke

Dienstag, 30. Dezember 2008

Lindwurm


Lindwurm, eine Art Drache …, ein Fabelthier von abenteuerlicher Gestalt, hauptsächlich mit einem Schlangenleib, weßhalb sein unsterbliches Leben in der deutschen Sage des Mittelalters fortlebt. In Stamm- und Schildsagen vieler adeliger Geschlechter spielt der Lindwurm eine Rolle, und wird zum Gedächtniß an Heldenthaten in den Wappen fortgeführt. Am bekanntesten ist die Legende von dem Ritter St. Georg …, welcher einen Lindwurm tödtete und die Jungfrau erlöste, die dieser gefangen hielt. Die deutsche Heldensage bietet ähnliche Stoffe in Menge dar; auch Mähren hat mehrere dieser Art, und örtliche kommen in Deutschland sehr viele vor. In mancher alten Kirche, auf manchem Rathause zeigt man noch Drachen- und Lindwurmhäute ausgestopft, als Wahrzeichen früherer Tapferkeit. Große Schlangen gaben jedenfalls die Veranlassung zu der so weit verbreiteten Fabel. Die Benennung des Fabelthiers wird nicht von unserm deutschen Wort Linde, sondern von dem schwedischen linda hergeleitet, was winden, umwickeln, umringeln, nach Schlangenart bezeichnet.

Damen Conversations Lexikon,
Band 6. [o.O.] 1836, S. 372-373.

Alles ist Vater und Sohn und heiliger Geist

Alles ist Vater und Sohn und heiliger Geist; der irdischen Weisheit Grenze sind die sternebeschienenen Menschlein, die von ihrem Lichte fabeln.

Bettina von Arnim
Aus: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

Montag, 29. Dezember 2008

die poesie, nicht zufrieden …

Die poesie, nicht zufrieden schicksale, handlungen und gedanken der menschen zu umfassen, hat auch das verborgene leben der thiere bewältigen und unter ihre einflüsse und gesetze bringen wollen.

Jacob Grimm
aus: »Reinhart Fuchs«, Berlin, 1834
Cap. I. Wesen der Thierfabel, I

Was eine Fabel sey?

Eine kurze und auf einen gewissen Gegenstand anspielende Erdichtung, die so eingerichtet ist daß sie zugleich ergötzet und zugleich nutzet, nennt man eine Fabel.

Christian Fürchtegott Gellert
aus: Von denen Fabeln und deren Verfassern
Der erste Theil
Von der Natur und dem Wesen der Fabel

Sonntag, 28. Dezember 2008

Die Fabeln des Pilpay (2)

Es wurden schon früh in Indien mehre Umarbeitungen und Auszüge aus dem Pantscha Tantra gemacht, von welchen die unter dem Namen Hitó padésa, d.i. freundliche Unterweisung, bekannte, die berühmteste ist. Diese Sammlung von Fabeln oder vielmehr von politischen und moralischen Apologen, hat ebenfalls Vishnu Sarma zum Verfasser, und ist halb in Versen und halb in Prosa abgefasst. Sie wird auch häufig unter dem namen der Fabeln des Pilpay oder Bidpay angeführt. Diese Fabeln haben sich in zwey verschiedenen Zweigen fast über die ganze kultivirte Welt verbreitet; der eine, unter dem ursprünglichen gemeinschaftlichen Namen Hitópadésa, blieb beinahe nur Indien eigenthümlich, während der andere, unter dem Titel: Calila und Dimna, sich durch das westliche Asien und alle Länder Europens berühmt machte.

Friedrich Adelung
aus: Literatur der Sanskrit-Sprache
St. Petersburg, 1837

Samstag, 27. Dezember 2008

Die Fabeln des Pilpay (1)

6. §. Die Fabeln des Pilpay sind mit den vorigen fast einerley, nur die Ordnung und Einrichtung ist etwas anders. Hier ist 1. des Königs Dabschelin und Pilpays Historie nebst fünf Fabeln. Hernach kömmt das Werk selbst in 4 Capiteln. Das erste zeigt durch sechs und zwanzig Fabeln, wie man sich vor Schmäuchlern und Verläumdern zu hüten habe. Im II. sieht man in zehn Fabeln, was es mit boshaften Staatsbedienten endlich für ein Ende nehme. Das III. lehret in 8 Fabeln, wie man sich gute Freunde erwerben könne, und was ihr Umgang nütze. Endlich zeiget das IV. durch zwölf Fabeln, daß man seinen Feinden nie trauen dörfe. Ob wir eine deutsche Uebersetzung davon haben, weis ich nicht. An französischen fehlt es nicht. La Motte hat in der Vorrede zu seinen Fabeln nicht gar zu vortheilhaft davon geurtheilet; aber ihm vieleicht unrecht gethan. Bey den Alten muß man nicht alles so genau nehmen; gesetzt, daß die Allegorie nicht jederzeit ganz richtig wäre. Pilpay soll ein Bramin, oder Brachman gewesen seyn, der unter dem Könige Dabschelin, das Ruder der Staatsgeschäffte in Händen gehabt. Dieser hätte nun alle seine Weisheit in dieß Buch geschlossen, und die Könige von Indien hätten es als einen Schatz aller Einsicht und Gelehrsamkeit aufbehalten; bis der persische König Anuservan davon gehöret (so nennet ihn Huetius, in seinem Tr. vom Ursprunge der Romane), der es durch seinen Leibarzt übersetzen lassen. Der Kalife Abujafar Almansor hätte es ins Arabische bringen lassen, daraus er abermal ins Persische übersetzet worden. Wenn indessen dieser An uservan der König Chosroes ist, der um Kaiser Justinians Zeiten gelebet hat: so ist diese Sammlung von Fabeln bey weitem so alt nicht, daß sie dem Aesopus vorgezogen zu werden verdiente.

Johann Christoph Gottsched
Versuch einer critischen Dichtkunst,
Des I. Abschnitts II. Hauptstück

Freitag, 26. Dezember 2008

Der Skorpion, die Schildkröte und die Gans


Eine Traumfabel.

Am weidenreichen Spreegestade,
Wo die gesicherte Najade
Ihr lockigt Haupt noch stolzer trug,
Seitdem in Sachsenland Held Heinrich Feinde schlug;

Am Spreegestade kroch aus einem holen Baum
Ein Skorpion, das glaubt man kaum.
Giebts zu Berlin auch Skorpionen?
Ich dachte, daß sie nur in heißen Ländern wohnen.
Mein Leser, höre doch, ich sah ihn nur im Traum.

Er kroch am Ufer hin und wieder,
Und sah, von bittern Neid bewegt,
Ins grüne Schilf scheelsüchtig nieder
Auf ein Geschöpf, das sich mit breitem Schilde trägt,
Und schmackhaft ist am Fleisch, und nach dem Tode glänzet

In seinem Deckel schön polirt.
Der Skorpion mit Gift zum Schadenthun geschwänzet
Von der Natur, und nicht geziert
Mit bunten Flecken, wie die Schlangen,
Der Skorpion kroch an das Schilf

Und sprach: dir Freundin sey geklaget mein Verlangen,
Dort übern Strome will mein Bruder mich umfangen,
Und schwimmen kann ich nicht; du aber kannst, ach hilf
Mit deinen Rudern mir herüber!
Die Kröte mit dem Schilde spricht:

Gefälligkeit ist meine Pflicht,
Und kein Geschäfte war mir lieber
Als dies; mein Schild ist breit genug.
Sie sprichts: er setzt sich auf und da sie nun getreulich
Den giftigen Verräther trug,

Schwamm eine Gans daher und schlug
Mit beiden Flügeln auf, und schrie: das ist abscheulich!
Jetzt flößt dir guten Schwimmerin
Der, den du trägst, das Gift im Rücken.
Verdammter! sprach hierauf die treue Trägerin,

Mich panzert die Natur zu sehr vor deinen Tücken,
Dein Gift floß schadlos in den Fluß;
Sey du ihm nachgestürzt! Hier tauchte sie ihn nieder –
Der Skorpion hat noch viel Schwestern und viel Brüder.
O daß nicht jeder Mensch nach dem Verräther Kuß,

Den er gegeben hat, also ersaufen muß!

Donnerstag, 25. Dezember 2008

Zur Finanzkrise

Leonardo da Vincis Sprüche und Aphorismen sind »fabelhaft« und viele auch zeitlos. Anlässlich der Klagen vieler, im Zusammenhang mit der aktuellen Finanzkrise (wieder einmal) viel Geld verloren zu haben (durch Aktienspekulationen), kann man gerne folgendes zitieren:

»Wer an einem Tag reich werden will, wird in einem Jahr gehängt werden.«

(Original ital.: »Chi vuol esser ricco in un dì, è impiccato in un anno.«)

Leonardo da Vinci
aus: Aforismi, novelle e profezie

Mittwoch, 24. Dezember 2008

Der gläserne Esel


… und eine philosophische Abhandlung von einem gläsernen Esel, der auf einer blumenreichen Wiese sich sattgefressen hatte, und dem die seltensten Blumen durch den Bauch schimmern und ihn so verschönen, daß er die Bewunderung aller Laubfrösche ist, die alle auf ihn hinaufhüpfen und sich vergebens abmühen, in diesem schönen Blumenlabyrinth herumzuhüpfen, so müssen sie sich's vergehen lassen, weil der gläserne Bauch es umschließt, und dann die Moral ist von dieser wunderbaren Fabel: »Streben nach unmöglichen Genüssen hilft zu nichts und verdirbt die Zeit«, denn einmal hatte Gott schon früher diese schöne Blumenweide zur Verschönerung des Esels bestimmt und nicht zur Schwelgerei der Frösche, und zweitens war der vornehme Esel auch zu ganz was anderem bestimmt als zum Belustigungsort gemeiner Frösche, denn als ihn zwei verständige Philosophen und Gelehrte aus der an schönen Naturseltenheiten reichen Stadt Frankfurt begegneten, so führten beide diesen wunderschönen Esel an einem grünseidnen Band durch die Stadt. Am Gallentor, wo sie einpassierten, präsentierte die Stadtwache das Gewehr vor ihm, und auf dem Roßmarkt (also grade vor Deinem Stift) versammelten sich alle Bürger und begleiteten ihn mit Siegsgeschrei auf den Römer, allwo der Herr Bürgermeister mit allen Ratsherren versammelt war, und die Herren von der ersten Bank wie auch von der zweiten und dritten stimmten alle ein in das Lob der Wunder Gottes, als sie in dem Bauch des Esels die schönen Tulipanen, Levkoien, Narzissen, Hyazinthen, Schwertlilien, Kaiserkronen und vor allem die schönen Rosen herumflorieren sahen. Als sie dessen sattsam sich erfreut hatten, so ließ der Herr Bürgermeister fortfahren in den angefangenen Ratschlägen und den gläsernen Blumenesel einstweilen auf einem erhabenen Platz aufstellen; wie nun der Rat vollendet war, welcher wegen wichtigen Angelegenheiten etwas lange gedauert hatte, und man den Esel in die Raritätskammer führen wollte, so hatte dieser unterdessen seine Notdurft verrichtet, und es war keine einzige Blume in seinem Bauch geblieben, sondern war alles zu Mist geworden, und der Bauch des Esels sah nicht anders aus als eine schmutzige, ranzige Ölflasche. Die Stadtmusikanten, welche auf Befehl des Rates herbeigekommen waren, um diese schöne Naturseltenheit Gottes mit Trommeln und Pfeifen durch die löbliche freie Reichsstadt zu geleiten, wurden zum großen Leidwesen der Gassenbuben verabschiedet, die aus Rache den armen Esel mit Steinen warfen, daß sein gläserner Bauch in tausend Stücken ging und er elendiglich sich auf dem Scherbelhaufen vom Dippenmarkt am Pfarreisen zum Verscheiden hinlegte, wo er unter dem Gespött und boshaftem Zwicken seiner langen Ohren mit lautem Gestöhn den Geist aufgab. Die Moral und große weise Lehre von dieser Fabel ist: Brüste dich nicht vor deinem Ende; wenn das falsche Glück dir den Bauch voll der schönsten Blumen stopft, so zwingt dich oft die Notdurft, alles, worauf Du einst so stolz sein konntest, als stinkenden Mist wieder von dir zu geben, und jene, so dir früher schmeichelten um deiner seltnen Gaben willen, sind dann gerade die, welche dich am unbarmherzigsten verfolgen. Hättest du, Esel, dich nicht von ein paar überspannten, hochtrabenden Gelehrten verführen lassen, deine Blumenschönheit in der Stadt Frankfurt als eine bewundernswürdige Seltenheit zu zeigen, sondern wärst du ruhig in deinen Stall gewandert, so konntest du ruhig deine Verdauung abwarten und jeden Tag in der Blumenzeit aufs neue deinen Bauch mit lieblichen, würzigen Speisen füllen, und dein Ruhm würde auch nicht ausgeblieben sein, denn man würde zu dir hinausgekommen sein ins Feld, um dich zu bewundern. Die dritte Moral ist die, daß doch ein hochweiser Rat es sich zur warnenden Lehre nehme, alles, womit ein Esel in seinem Bauche prahlt, ja nicht hoch anzuschlagen, da es nach kurzer Zeit doch immer zu Mist werden muß.

Bettina von Arnim
Aus: Die Günderode

Dienstag, 23. Dezember 2008

Damit ich sie aber nicht ohne Ursache loben oder tadeln möchte …

… Damit ich sie aber nicht ohne Ursache loben oder tadeln möchte, so habe ich sie fast alle miteinander bedächtig durchgelesen. Sie werden dahero bey mir fast alle Griechische, Lateinische, Französische und Teutsche Fabeldichter finden. Die Italienischen und Englischen habe ich hauptsächlich deswegen nicht mitgenommen, weil uns von ihnen wenig bekannt worden ist. Denn wenn ich bey den Engländern den berühmten Ogylbi, Estrange, von dem eine sehr schöne Fabelsammlung vorhanden ist, den Drydus, und Gay; und bey den Italienern die beyden alten Poeten, den Peter Targa und Verdizottia ausnehme; so habe ich beynahe keinen gefunden, der sich auf die Verfertigung derer Fabeln gelegt hat. …

Christian Fürchtegott Gellert
aus: Von denen Fabeln und deren Verfassern

Montag, 22. Dezember 2008

Lautenmeister und Violinist

ⓒ Rosemarie Radke

»Ist er endlich fertig?« sagte verstimmt Francesco Veracini, der Violinist zu Sylvius Leopold Weiss, dem Kammermusikus des Kurfürsten von Sachsen, als dieser seine Laute gestimmt hatte und erwartungsvoll zu ihm aufschaute. »Wenn er seine vierundzwanzig Saiten endlich in die wohltemperierte Stimmung gebracht hat, sind wir Violinspieler auf unseren vier Saiten bereits mit dem ersten Satz des Konzerts fertig.«

»Was hat das Publikum davon, wenn ihr auf euren vier Seiten lediglich die Melodie spielt« erwiderte der Lautenmeister in aller Ruhe. »Das Accompagnement, der harmonische Grund und die Ausführung der anderen Stimmen fehlten? Es wäre wie das heiße Wasser, in das Gemüse und Salz für eine anständige Suppe nicht eingebracht sind.«


Horst-Dieter Radke

Sonntag, 21. Dezember 2008

Häutungen

»Muß es dir denn nicht verleiden,
spricht die Taube zu der Schlange,
jährlich anders dich zu kleiden?
Welche Farb’ auch an dir prange,
ob die grüne oder gelbe,
immer bleibst du doch dieselbe!«

Schlange sagt: »du närrisch Kind,
weißt drum nicht, was Moden sind.«

Abraham Emanuel Fröhlich

Drachenblut


Sanguis Draconis

teutsch, Drachenblut

Ist ein zusammen geronnener, trockner, gummihaftiger Saft, der sich gar leicht zerreiben lässet, und so roth, als wie Blut aussiehet. Er rinnet aus den Rissen, welche in einen grossen indianischen Baum, beym Clusio Draco arbor, teutsch, Drachenbaum genannt, gemachet worden. Der ist so hoch wie eine Fichte, dick und mit vielen Zweigen besetzet. Sein Holtz ist sehr harte, und mit einer nicht gar dicken, zarten Schale überzogen. Seine Blätter sind groß, schier so formiret wie das Schwerdtlilienkraut, und so gestalt und lang wie eine Degenklinge, etwan eines halben Schuhes breit, spitzig, und beständig grüne. Seine Früchte wachsen Träubleinweise, sind so dicke als wie kleine Kirschen, rund und im Anfang gelb, hernachmahls roth, und endlich, wann sie zeitig, gar schön blau, und etwas sauer von Geschmacke. Nicolaus Monardes, Renodæus, und viele andere mit ihnen, haben geschrieben, wann man der Frucht die Haut abzöge, so erschiene drunter die Gestalt eines Drachen, so wie denselbigen die Mahler abzumahlen pflegen, mit aufgesperrten oder offenen Rachen, einem etwas langen Halse, der Rückgrad mit Stacheln besetzet, mit einem langen Schwantze, und die Füsse mit Klauen wol bewaffnet. Ihrem Vorgeben nach, so hat der Baum den Namen von dieser Figur erhalten. Ich aber halte es für eine Fabel, dieweil es mir keine einzige reisende Person gewiß versichern wollen. …

Lemery, Nicholas:
Vollständiges Materialien-Lexicon.
Leipzig, 1721., Sp. 997-998

Samstag, 20. Dezember 2008

Der Hund und der Ochse

Ein Hund, der auf einem Bunde Heu lag, verwehrte es einem Ochsen, durch Knurren und Bellen, sich demselben zu nähern, um ein wenig davon zu nehmen. »Wie neidisch bist du!« - sprach der Ochse unwillig - »daß du mich verhinderst, ein Maul voll davon zu fressen, da du doch selbst davon nichts genießen kannst.«

Äsop

Donnerstag, 18. Dezember 2008

Processe

Ein vorgeladner Abt fragt einen klugen Alten:
Ihr kennt das ganze Recht; mich rügt ein Bösewicht;
Die Schriften bring' ich mit; gebt mir doch Unterricht:
Wie soll ich mich dabei verhalten?

Und wenn, versetzt der Greis, ihr hundert Bündel brächtet,
So ist schon überhaupt der beste Rath für euch:
Ist eure Sache gut, so schreitet zum Vergleich:
Und ist sie schlimm, mein Herr, so rechtet.

Friedrich von Hagedorn

Trockene Materie

Mein Leser, wenn Sie etwa wissen wollen, warum ich mir, da ich etwas schreiben müssen, diese dem Anscheine nach so trockne Materie von den Fabeln erwählt habe; so will ich Ihnen sagen, daß ich es deswegen unternommen, weil ich glaubte, daß diese Materie nicht trocken wäre …

Christian Fürchtegott Gellert
aus: Von denen Fabeln und deren Verfassern
Vorrede des Verfassers

Dienstag, 16. Dezember 2008

Herz und Phantasie

Um so bewundernswerter erscheint es, daß La Fontaines Gegenfüßler, der einsilbige Lessing, wenn er die alte vergessene Richtung Andreäs fortsetzt, in seinen engen Prosafabeln doch nicht bloß unsern Verstand, sondern durch die prägnante Lyrik von Bekenntnissen und die parabolische Sinnigkeit manches Stücks auch Herz und Phantasie ergreift.

aus:
Erich Schmidt: Lessing
Sein Leben und seine Schriften

Montag, 15. Dezember 2008

Wolf und Sohn


Das Söhnchen eines Wolfs zerriß ein armes Lamm.
Als nun der Vater Wolf von einem Zweikampf kam,
Und seinen Sohn, den Held, das Lamm zerreißen sah,
Und seiner Heldenthat der Sohn sich rühmte, da,
Da sprach der Vater: Narr! weil keine Lämmer beißen,
So kann man sie ja wohl zerreißen!

Johann Wilhelm Ludwig Gleim

Sonntag, 14. Dezember 2008

Fehler der fürstlichen Erziehung

Ein König ließ den Erben seines Throns
Mit großem Fleiß erziehn. Man sucht’ in den Provinzen
Zum Unterrichte seines Sohns
Die größten Meister auf: man unterwies den Prinzen
In allen Künsten, die zur Zier
Und Nutzen dieneten: Er lernte zeichnen, tanzen
Palläste bauen, Städt’ umschanzen,
Blies seine Flöte, spielte fein Klavier;
Man hieß ihn in den Alterthümern unterweisen,
Und mehr noch (denn er sollte reisen)
Die besten Lehrer in vier Sprachen an.
Zwey Reitende befragten einen alten Mann
An seinem Hofe: Sagt uns, aber ungeheuchelt,
Was Euer Prinz am besten kann.
Gut reiten, sprach er; denn kein Pferd hat ihm geschmeichelt.

Karl Wilhelm Ramler

Samstag, 13. Dezember 2008

Fluß und Straße


»Gradaus, gradaus immerfort!
ruft dem Fluß die Straße zu;
schnell geht’s so durch tausend Ort’
und zum Ziel fast wie im Nu!«

»Langsam nur, und quer und rund,
wandl’ ich, ist des Flusses Wort;
kurz ist meine Lebensstund,
und ich möcht’ die Welt beschau’n.
Staub erjagst im Staub du dir;
mich begrüßen frisch die Au’n,
und der Himmel zieht mit mir.«

Abraham Emanuel Fröhlich

Freitag, 12. Dezember 2008

Was die Wissenschaft unendlich erschwert …

… Verzeihen mir Ew. Durchl. diesen vielleicht etwas zu kühnen und schnellen Flug. Aber wie der Hirsch und der Vogel sich an kein Territorium kehrt, sondern sich da äst und dahin fliegt, wo es ihn gelüstet, so, halt' ich davon, muß der Beobachter auch sein. Kein Berg sei ihm zu hoch, kein Meer zu tief. Da er die ganze Erde umschweben will, so sei er frei gesinnt wie die Luft, die Alles umgiebt. Weder Fabel noch Geschichte, weder Lehre noch Meinung halte ihn ab zu schauen. Er sondere sorgfältig das, was er gesehen hat, von dem, was er vermuthet oder schließt. Jede richtig aufgezeichnete Bemerkung ist unschätzbar für den Nachfolger, indem sie ihm von entfernten Dingen anschauende Begriffe gibt, die Summe seiner eigenen Erfahrungen vermehrt und aus mehreren Menschen endlich gleichsam ein Ganzes macht. Was die Wissenschaft, von der hier die Rede ist, unendlich erschwert, ist die unbestimmte Terminologie. …

J.W.v.Goethe
Aus einem Brief an:
Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha
1780

Donnerstag, 11. Dezember 2008

Python

Python (Mythol.), ein berühmtes Ungeheuer, welches in Gestalt eines Drachen nach der großen Wasserfluth des Dencalion aus dem zurückgebliebenen Schlamme entstand, seinen Aufenthalt auf dem Parnasse hatte, und den Menschen als Orakel gedient haben soll. Da dieser Drache wußte, daß er von dem Sohne der Latona umgebracht werden würde, so verfolgte er diese während ihrer Schwangerschaft sehr heftig: Sie kam demungeachtet glücklich nieder, und ihr Sohn Apollo erlegte schon am vierten Tage seiner Geburt den Drachen mit seinen Pfeilen, warf die Gebeine desselben in den Abgrund des Orakels und bemächtigte sich des Orakels selbst; daher erhielt er den Beinamen Pythius. Vielleicht wollte man mit dieser Fabel auf die Kraft hindeuten, mit welcher die Sonne (Apollo) nach einer außerordentlichen Ueberschwemmung die aus dem Schlamme entstandenen höchst schädlichen Dünste besiegte und zerstreute.

Brockhaus Conversations-Lexikon
Bd. 8. Leipzig 1811, S. 303.

Mittwoch, 10. Dezember 2008

Die Topfpflanze


Die Frau hat zum Frühlingsputz die Topfblume nach draußen auf die Veranda gestellt. »Ach«, klagte diese der Blume im Beet, »du hast es gut, musst nicht warten, bis du gegossen wirst. Der Himmel selbst sorgt für dich und nicht diese vergesslichen Menschen.«
»Der Himmel spendet auch nicht immer Wasser, wenn ich’s grad am dringendsten benötige«, beschwichtigt die Blume im Beet.
»Aber vergessen hat er euch draußen noch niemals. Letztens, als die Frau zu Kur fort war, hat uns ihr Mann so schlecht versorgt, dass die Hälfte von uns eingegangen war, bis sie zurückkam. Und ich sehe auch nicht mehr aus wie vorher.« Traurig und immer noch ein wenig eitel sieht die Topfpflanze an sich herab.
»Dafür hast du ein Leben ständig im Warmen«, erwidert die Blume im Beet. »Was glaubst du, was mit uns passiert, wenn die kalte Jahreszeit und mit ihr der Frost kommt?«

Horst-Dieter Radke

Dienstag, 9. Dezember 2008

Adler und Fuchs


So sprach der Adler. Höret, was bald geschah!
Der Adler hungert: »Siehe der Nachbar ist
Anjetzt daheim nicht; auf! in des Nachbars Nest!«
Er flieht hinab - und zehrt ihm die Jungen auf.

Der Fuchs rückkehrend klaget laut (umsonst!)
Den Räuber an, der hoch ihn verachtete.
Das Schicksal fand den hohen Räuber
Auch auf dem Gipfel des hohen Baumes.

Einst trieb die Raubgier ihn zum Altare hin;
Er hascht das Opfer, mit ihm die Opfergluth;
Die trägt er siegend hin in das Nest mit sich.

Die Winde wehen droben, das Nest entflammt,
Des Adlers Jungen fallen versengt hinab;
Der Fuchs erhascht sie, freuet der Beute sich,
Noch mehr der Rache, die an dem Feind er nahm.

Treulosigkeit bleibt selten unbestraft.

Johann Gottfried Herder

Sonntag, 7. Dezember 2008

Krötenfabeln und -sagen


Daß auch die Kröte einen wunderwirkenden und zauberkräftigen Stein im Haupte tragen soll, ist bekannt. Wie weit ihr Name mit dem des Krodo zusammenhängt, ist nicht gut nachweisbar. Des Thieres häßliche Gestalt mag die Schimpfnamen Teufelskröte und Krötenteufel auch ohne Beziehung zum angeblichen Harzgott hervorgerufen haben. Eher spielten Kröten in der Hexenwelt eine Rolle. Der Teufel erschien als Kröte oder sandte in ihrer Gestalt seine dienstbaren Geister. Schaurig ist eine Sage aus der Nähe von Köln, wo eine Hexe ein Huhn hat, das eigentlich nur eine große Kröte ist, und fort und fort, so lange sie mit einer Gerte gestupft wird, Hühnereier legt. - Zweien Knaben, die ihren Vater mißhandeln, von ihm verflucht werden und ihm wieder fluchen wollen, werden die Zungen zu giftigen Kröten (D.Sagenb. 617.) Eigenthümlich ist die Sage vom Krötenberg bei Landshut, der zu gewissen Zeiten Kröten in einer Ueberzahl gebiert, die dann einen nahen Weiher ganz erfüllen, und eine kommende reiche Aernte voraussagen. …

Ludwig Bechstein
Urzeitsagen

aus: Gesammelte Werke, Bd. 11

Samstag, 6. Dezember 2008

Man sieht, bei dieser Wendung der Anschauungen …

Man sieht, bei dieser Wendung der Anschauungen mußte notwendig das Epische immer mehr in Allegorie übergehen, und so entstand nun das allegorisch-satirische Tiergedicht und die Fabel, wo die Tiere eben nur noch maskierte Menschen sind. Unter diesen neuen Tiergedichten behauptet, außer der schon erwähnten »Flohhatz« des Fischart, der Froschmäuseler von Georg Rollenhagen, unter den Fabeln die des Erasmus Alberus und des Burkard Waldis durch Frische und Lebendigkeit der Darstellung bei weitem den ersten Rang. Endlich aber fällt dieser kecke Heereszug gegen die Narrheit der Welt, da er immer matter und kurzatmiger wird, in bloße Anekdoten und Sittensprüche auseinander, wie bei Zinkgref, oder er spitzt sich zu einzelnen Epigrammenpfeilen, wie bei dem in seiner Art vortrefflichen Logau.

Joseph von Eichendorf
Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands
1. Band

Freitag, 5. Dezember 2008

Die Fabeln? Was sind die denn?

»Wer erzählt dir denn die schönen Geschichten von Engeln und Vögeln?«
»Niemand, die weiß ich. Aber die Fabeln, die erzählen sie.«
»Die Fabeln? Was sind die denn?«
»Das sind Geschichten, die nicht wahr sind.«

Malwida von Meysenbug (1816 – 1903)

Von einer Tannen und von Dornen


Von der Welte Übermuote

ein tanne kam in übermuot
eis màls, als noch vil amnger tuot,
des man dik muoz entgelten
die dorne geriet si schelten,
dia dâ stuonden under ir.
ûf grôze hôchvart stuont ir gir.
Sie sprach: »ich bin lang unde breit,
und bin mit esten wol bekleit;
in den luft min told ûf gât;
grüen ist mîner esten wât.
mich lobent vrouwen unde man;
ân allez lop sicht man dich stân.
sicher, du bist ze niute guot
wan an ein viur. er ist nicht behuot,
wer dich anrüert: er wirt verwunt,
dîn strelen ist gar ungesunt.
dich ahzzent man und ouch diu wîp;
du sêrest manges menschen lîp.«
und dô diu tanne alsus gesprach
zem dorne, schiere daz beschach:
ein man gegangen kam zehant;
ein aks die truog er in der hant,
vil schier fluog er die tannen abe.
der dorn gestuont in guoter habe.
zu der tannen sprach der dorn:
»wie lîst du nu! wie hâst verlorn
dîn leben und dîn wirdekeit!
sò stân ich noch ân allez leit.
dîn schoeni dir geschadet hât,
dim ruome ist gesprochen mat.
dâ von du wàndelst sin genesen,
sich, daz ist dîn tôt gewesen.«
sus verlôr diu tanne gar
ir schoeni und ir grüenez hàr.

Nieman ze vil sich rüemen sol
sis libes: er ist gebresten vol,
und làt den menschen an der nôt;
so er leben sol, sô ist er tôt.
die wil er als die tanne stât
und lebt, vil hôhez lop er hât;
wenn er gevelt, sô velt ouch nider
gewalt und êre, und kunt nicht wider.
wer sol sich vröuwen in der zît,
dâ nicht wan kumer an gelit!
daz dâ hin ist, daz stiftet leit:
unstaet ist gegenwürtekeit.
wel zît noch künftig komen sol,
daz zît erkennte nieman wol.
dâ von sô lâz der vroiden schin,
sit nieman hiut mag fischer sin,
üb er morn in vröiden lebe
oder in dem tode strebe.
der dorn gestuont, diu tanne viel nider,
noch kraft noch schoeni was dâ wider.
er si stark, edel oder rich,
dem tôde ist alrmenlîch gelîch.

Ulrich Boner

Mittwoch, 3. Dezember 2008

… immer soll ich die alten Fabeln lernen …

»Ach, dort ist's so langweilig. Miß Mertens hat mir verboten, mit Ali zu spielen, immer soll ich die alten Fabeln lernen, die ich gar nicht leiden mag.«

Eugenie Marlitt (1825 – 1887)

Dienstag, 2. Dezember 2008

Die Nützlichen


»Unkraut seid ihr, sprachen Aehren
zu der Korn- und Feuer-Blume;
und ihr dürfet euch, vermessen,
selbst von unserm Boden nähren?«

»Wir sind freilich nicht zum essen,
wenn das einzig hilft zu Ruhme,
sagten diese Wohlgemuthen;
aber wir erblühn hieneben,
euer Einerlei, ihr Guten,
mannigfarbig zu beleben.«

Abraham Emanuel Fröhlich

Montag, 1. Dezember 2008

So auch die Liebe des Menschen …

So auch die Liebe des Menschen. Jene feste, dauernde, treue Liebe, die unser eigentlichstes, wahrstes Glück gründet, kann nur aus sogenannter Untreue hervorgehen, wie der Phönix der Fabel sich aus der Asche empor hebt. Denn erst nach mehreren Versuchen weiß das Herz, was es bedarf zur Erwiederung seiner innigsten Gefühle.

Charlotte von Ahlefeld (1781 – 1849)

Sonntag, 30. November 2008

Die Götter und die Bäume


Der Vater aller Götter wollte,
Daß jeder Gott und jede Göttin sich
Von allen Bäumen einen Baum
Erwählen und beschützen sollte.
Der Eichbaum, sprach er, ist für mich!

Apollo nahm den Lorbeerbaum;
Die Musen tanzten einen Tanz,
Und warfen ihm den ersten Lorbeerkranz
Um sein gelehrtes Haupt.
Die hohe Pappel, schön belaubt,
Erwählte Herkules; gelehnt auf seine Keule,
Sprach er: Ich leide keine Beile!

Cybele tritt herein, die Mutter aller Götter;
Die Götter neigten sich dem grüßenden Gesichte;
Sie spricht: Gebt mir den Baum, der ohne Blätter
Dem alten Winter trotzt, die immer grüne Fichte!

Komm her, du kleine Myrthe, komm her in meinen Schutz,
Sagt Venus, dich besinget Adonis, oder Uz!

Was aber sagt Minerva? Sie lächelt kleinen Spott,
Und sagt zum Zeus: Ich wähl' den Oelbaum, den kein Gott
Und keine Göttin wählte, der ist an Früchten reich.
Die unfruchtbaren Bäume, die, Götter, laß ich euch!

Da zankten sich die Götter, und Zeus entschied den Zank,
Umarmte seine Tochter, sang ihren Lobgesang.
Er sang, Apollo horchte, Minerva hat gewonnen,
Olympus mußte beben, und tanzen alle Sonnen!

Johann Wilhelm Ludwig Gleim

Samstag, 29. November 2008

… deine Fabeln in Ehren, Freund Gellert!

Ich brachte ihr zur Unterhaltung Bücher. Freilich waren es nur deutsche, die sich auftreiben ließen. Aber die schöne Lorenza wollte leben, nicht lesen. Sogar »Die schwedische Gräfin« wurde als barbarisches Produkt aus der Hand gelegt, und – deine Fabeln in Ehren, Freund Gellert! – ich konnte unserer sächsischen Landsmännin diesen Ungeschmack nicht übelnehmen

Louise von François (1817 – 1893)

Freitag, 28. November 2008

… die rechten Fabelschreiber

4. §. Doch wir müssen näher auf die rechten Fabelschreiber kommen. Unter den Persern ist Lockmann berühmt geworden, ja sein Ruhm ist bis nach Indien, Aegypten und Nubien gedrungen. Die heutigen Türken kennen ihn, und setzen ihn in Davids Zeiten: worinn sie sich aber, wenn er wirklich Aesopus gewesen seyn sollte, etwan um drey bis 400 Jahre irren. Man hat diese Fabeln auch in heutigen abendländischen Sprachen. Strabo erzählet, die Lehrer unter den Persern pflegten ihren Schülern die Sittenlehre in Erdichtungen vorzutragen. Cyrus, der Stifter ihrer Monarchie, erzählet beym Herodot den Gesandten der Ionier und Aeolier eine Fabel. Indessen ist sehr zu vermuthen, daß dieser Lockmann eben der phrygische Aesopus sey, den fast jedes Volk sich hat zueignen wollen. Die Araber geben vor, er sey von hebräischem Geschlechte gewesen; die Perser halten ihn für einen Aethiopier, welches denn die Etymologie des Namens Aesopus (AETHIOPS) zu bestätigen scheint. Sein Leben, welches Mircond beschrieben hat, kömmt sehr mit des Planudes Leben Aesops überein. Jenem, dem Lockmann, geben Engel die Weisheit; im Philostratus muß Mercur dem Aesop die Fabel eingeben. Kurz, die orientalischen Völker sagen, die Griechen hätten ihnen den Lockmann gestohlen, um ihren Aesop daraus zu bilden. Adam Olearius hat jenes Fabeln verdeutschet, und am Ende des persischen Rosenthals angehänget: Erpenius aber hat sie aus dem Arabischen ins Lateinische gebracht.

Johann Christoph Gottsched
Des I. Abschnitts II. Hauptstück.
Von äsopischen und sybaritischen Fabeln,
imgleichen von Erzählungen

Donnerstag, 27. November 2008

Die Natter und der Aal


Zu der Natter sprach der Aal:
Mein Geschick ist zu bedauren,
Weil auf mich fast allemal,
Nicht auf dich, die Leute lauren.
Ruh' und Unschuld schützt mich nicht,
Weil mir jeder Netze flicht.
Vetter, fiel die Natter ein,
Unschuld wird dich nicht befrein;
Aber ich kann Zähne weisen,
Deren Biß die Feinde scheun.

Friedrich von Hagedorn

Der Adler und die Eule


Als in Gesellschaft sich der alberne Philer,
Den einer Favoritinn Gunst erhöht,
Mit klügern Staatsbedienten maß,
Ergriff Hilarion ein Blatt, und las:

Der Adler Jupiters und Pallas Eule stritten.
»Abscheulich Nachtgespenst!« - »Bescheidner! will ich bitten;
Der Himmel häget mich und dich:
Was bist du also mehr, als ich?«
Der Adler sprach: Wahr ists, im Himmel sind wir beide,
Doch mit dem Unterscheide,
Ich durch eigenen Flug,
Wohin dich deine Göttinn trug.

Karl Wilhelm Ramler

Dienstag, 25. November 2008

Eros ist kein Gott …


Das Unerklärliche, das Dämonium der Liebe, haben die Menschen immer mit Furcht und Ehrfurcht empfunden. Jedes Volk hat seine Fabeln von Liebestränken und Liebeszaubern, und in dem großen Gespräch über die Liebe, das in Platons Gastmahl geführt ist, ist es schließlich Diotima, die Priesterin, deren Deutung des Eros anerkannt wird: »Eros ist kein Gott, er ist ein Dämon.«

Grete Meissel-Hess (1879 – 1929)
Aus: Die sexuelle Krise


Da die Wahrheit vor lauter Anbetungszeremonien in ihrer göttlichen Nacktheit nicht vor diesen thronisolierten Menschenseelen auftreten kann, so tut es not, daß sie im Gewand der Fabel wie den unschuldigen Kindern sich zeigt.

Bettina von Arnim
Aus: Dialoge (Dies Buch gehört dem König)

Sonntag, 23. November 2008

Herzenssünden

Ich sprach zur Taube: Flieg' und bring im Schnabel
Das Kraut mir heim, das Liebesmacht verleiht;
Am Ganges blüht's, im alten Land der Fabel.
Die Taube sprach: Es ist zu weit.

Ich sprach zum Adler: Spanne dein Gefieder,
Und für das Herz das kalt sich mir entzog,
Hol einen Funken mir vom Himmel nieder,
Der Adler sprach: Es ist zu hoch.

Da sprach zum Geier ich: Reiß aus dem Herzen
Den Namen mir, der drin gegraben steht,
Vergessen will ich lernen und verschmerzen.
Der Geier sprach: Es ist zu spät.

Ada Christen (1839 – 1901)

Gellerts Fabeln

Hundert Jahre später, als dem Franzosentum die ausschließliche Herrschaft in Kunst und Literatur gesichert schien, veröffentlichte Gellert seine Fabeln, die in ihrer treuherzigen Gesinnung, ihrem schalkhaften Humor und dem dahinter sich verbergenden sittlichen Ernst von so deutschem Gepräge sind als nur möglich.

Betty Paoli

Donnerstag, 20. November 2008

Aus einem sehr erklärlichen Misverständnisse…

Aus einem sehr erklärlichen Misverständnisse bey denen, die einer der Künste nur mächtig sich gern genügen wollten, entstand musikalische Poesie und poetische Musik, wenn aber etwas Poesie werden könnte, wäre es nicht Musik geworden, und umgekehrt. Diese beyden edlen Sinne des Geistes befinden sich dabey wie in der Fabel Storch und Fuchs bey gleicher Schüssel.

Achim von Arnim
Des Knaben WunderhornNachschrift an den Leser

Die Ratte und das Lampenlicht


Die Ratte war in der Nacht auf der Suche nach Nahrung unterwegs. Plötzlich hob sie die Schnauze und witterte. War da nicht ein gefährlicher Geruch in der Luft?
»Guten Abend, Frau Ratte«, ertönte eine schmeichelnde Stimme, »wie geht’s, wie steht’s?«
»Wer da?«, gab die Ratte kurz zurück.
»Ein Freund, ein guter Freund«, schmeichelte die Stimme weiter.
»Freund?«, zischte die Ratte. »Freunde riechen nicht so gefährlich.«
»Na, na, na. Das ist aber nicht nett. So etwas von einer so hübschen Dame zu hören.«
Die Ratte fühlte sich geschmeichelt, wollte aber die Vorsicht nicht aufgeben.
»Ich möchte den wohl sehen, der mir solche Komplimente macht.«
»Ja, da würde ich aber keinen guten Schnitt machen«, gab die Stimme zurück. »Mich neben ein so hübsches Ding zu stellen, macht mich ja noch hässlicher.«
»Ich werde schon nicht lachen«, antwortete die Ratte, halb vorsichtig und halb neugierig.
»Nun gut. Ich werde mich zeigen. Zuvor stellen Sie sich aber bitte dort unter die Lampe, dass Ihre Schönheit richtig zur Geltung kommt.«
Die Ratte huschte in das Licht der Straßenlaterne und blinzelte in die Richtung, aus der die Stimme kam. Sie hörte etwas rascheln und dann war auch schon der Fuchs über ihr und biss ihr das Leben aus.
»Wer im Dunkeln gut sehen will, darf sich nicht ins Helle stellen«, schmunzelte der Fuchs und ließ sich die Ratte gut schmecken.

Horst-Dieter Radke

Dienstag, 18. November 2008

Gottsched aber entgegnet…

Quelle: Wikipedia

Gottsched aber entgegnet: das sei ja eben das Preiswürdige bei der Sache! die Vernunft sei gottlob geläutert bei uns und die ausschweifende Einbildungskraft in ihre Schranken gewiesen; das habe den Fall Lohensteins bewirkt und dauerhafte Schönheiten dafür zuwege gebracht. Er spricht von den »Teufeleien des Tasso«, von den »abgeschmackten Hexereien des Shakespeare«, verwirft Oper und Kantate, »weil der Verstand dabei nichts zu denken habe«, er will, dass die tragische Schreibart stets »auf Stelzen, die komische barfuß gehe«, und weiß, in völliger Impotenz der Phantasie, die Fabel nur durch den lahmen Gelehrtenwitz zu retten, daß man voraussetzen müsse, die Bäume und Tiere, die da reden, hätten vielleicht in einer anderen Welt Verstand und Sprache. – Mit einem Wort: Bodmer verfocht volkstümlich die aufstrebende Gelehrtenrepublik; Gottsched den literarischen Absolutismus.

Joseph von Eichendorff
Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands
1. Teil

Montag, 17. November 2008

Nach dem Talmud

In alten Büchern stöbr ich gar zu gern,
Die neuen munden selten meinem Schnabel,
Ich bin schon alt, das Neue liegt mir fern.
Und manche Sage steigt, und manche Fabel
Verjüngt hervor aus längst vergeßnem Staube,
Von Ahasverus, von dem Bau zu Babel,
Von Weibertreu, verklärt in Witwenhaube,
Von Josua, und dann von Alexandern,
Den ich vor allen unerschöpflich glaube; …

Adalbert Chamisso

Sonntag, 16. November 2008

Wie die Moral nach der Fabel

Jetzt aber merke auf, denn nun erst kommt, wie die Moral nach der Fabel, dasjenige, was dir zu wissen nötig, um meine Existenz zu begreifen.

E.T.A. Hoffmann
Nachrichten von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza

Schlangen und Drachen


Große Schlangen wurden bei den Alten auch Drachen genannt. Aber wer dabei an geflügelte und feuerspeiende Untiere denkt, oder an sogenannte Basilisken, der denkt an eine Fabel. Und es ist nur so viel an der Sache, daß es in fremden Weltteilen auf den Bäumen Eidechsen gibt, die durch sogenannte Flughäute auf dem Rücken und am Hals, oder an den Seiten zwischen den vordern und hintern Beinen sich in der Luft schwebend erhalten und weite Sprünge machen können.

Johann Peter Hebel
Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreunds

Samstag, 15. November 2008

Die Eiche

Weil ich doch dabei bin, so will ich über die Brünette in einer Fabel weissagen. –
Eine kraftvolle, herrliche Eiche wächst in der Mitte von vielen andern gewöhnlichen Bäumen. Die Menschen kommen und wollen sich Hütten bauen, sie hauen die gewöhnlichen Bäume nieder, und keiner möchte gern die Eiche verlieren, so bauen sie denn rund um die Eiche schlechte, baufällige Hütten. Die Eiche, die sich durch inneres Leben weit und mächtig ausbreitet, wußte gar nichts von den Hütten und wächst ruhig fort; die Menschen aber glauben, es wäre recht schön, wenn sie die herumstrebenden Äste der Eiche in ihre Häuser hinein verbauten, damit sie doch in ihrem toten Holze einen grünen Zweig hätten; und so muß nun die arme Eiche in dunkle Stuben, feuchte Gewölbe etc. hineinwachsen – sie vertrauert leise, ohne es zu wissen, sie folgt dem angewiesnen Wege. Ihre Krone nur spielt noch in der freien Luft, die einzelnen Äste verdorren, und die Menschen bauen immer näher heran, sie lehnen Überhänge und Altanen auf die Zweige. Da wächst sie unter dem herrlichen Lobe: »O die gute, herrliche Eiche!« gegen alles ihr Streben; endlich drängt sich gewaltsam ihre Kraft empor, sie strebt mit allem ihrem Leben zwischen den engen Hütten hinauf, die Sonne blickt auf sie, sie blüht heftig im Winter, treibt Frucht und Blüte und Samen mit Gewalt nebeneinander in die Höhe; dies ist die einzige Minute ihres eignen Lebens, und die letzte. Alles bricht an ihr herunter, alle die leichten Werke, auf sie gestützt, zertrümmern, und die Hütten senken sich traurig gegen die Mitte, wo sie war.

Clemens Brentano
Godwin, Erster Band

Freitag, 14. November 2008

Und wie alle Wahrheit Fabel ist …

Quelle: Wikipedia

Und wie alle Wahrheit Fabel ist, das heißt Gottesverheißung in der körperlosen Geistigkeit der Idee, und wie alle Geschichte Symbolik ist, das heißt Gottessprache mit dem Menschengeist, um ihn auf die Wahrheit steuern zu lehren, so ist denn auch die Geschichte des Kolumbus ein göttlich Bereden und Berufen des Menschengeistes, seine Segel aufzuspannen und kühn auf jene Welt loszusteuern, die er, sich selber weissagend, sehnsüchtig erreichen möchte; – und die Fabel dieser wahrgewordnen Ahnung ist die Verheißung, daß auch der Menschengeist glücklich landen werde, wenn er seinem Mut vertraut, denn wie wollten wir den Mut wecken und erziehen in uns, vertrauten wir nicht der eingebornen Kraft – dem Genius.

Bettine von Arnim
Die Günderode, 2. Teil

Eine Fabel

(Kerner Haus in Weinsberg)

Frühling war's im Land geworden
Und der Winter ward vertagt.
Ohne daß den Herrenorden
Gott noch lange drum befragt.

Jenen packt des Zorn und Trauer,
Und er ruft: »Der Lenz gilt nicht!
Nimm ihn nicht, du dummer Bauer,
Er ist klares Höllenlicht.

Diese Sonne ungeladen
Dring' zu mir nicht frevelnd ein!«
Ruft's und schließt den Fensterladen,
Hüllt sich in die Wildschur ein.

Aber ruhig strahlt die Sonne,
Und es keimt die Saat mit Lust,
Bürger, Bauer dankt in Wonne
Gott dafür aus tiefer Brust.

Aber hinterm Ofen sitzen
Bleibt der Herr und schimpft und flucht:
»In der Wildschur will ich schwitzen,
Ich hab' keinen Lenz gesucht!«

Wütend mit den Füßen stampft er:
»Wer ihn lobt, ist schlecht und dumm!«
Und aus seiner Pfeife dampft er
Blauen Dunst um sich herum.

Doch der Bauer, schlicht und wacker,
Ruft: »O Herr! Ihr wißt es nicht!
Was schon längst gebrach dem Acker,
Das ist eben dieses Licht!

Will Euch dieses Licht nicht frommen,
Nun! so schließt vor ihm das Haus;
Aber, Herr! wem es willkommen,
Den laßt ungeschimpft hinaus!«
Justinius Kerner

Donnerstag, 13. November 2008

Eine Nebenfrage

Frage: Sage mir, mein Sohn, wohin kommt der, welcher liebt? In den Himmel oder in die Hölle?
Antwort: In den Himmel.
Fr.: Und der, welcher haßt?
Antw.: In die Hölle.
Fr.: Aber derjenige, welcher weder liebt noch haßt: wohin kommt der?
Antw.: Welcher weder liebt noch haßt?
Fr.: Ja! – Hast du die schöne Fabel vergessen?
Antw. Nein, mein Vater.
Fr.: Nun? Wohin kommt er?
Antw. Der kommt in die siebente, tiefste und unterste Hölle.

Heinrich von Kleist
Katechismus der Deutschen

Dienstag, 11. November 2008

Die Füchse


Zween Füchse, Sohn und Vater, schlichen,
Als kaum die Mitternacht verstrichen,
um ein entschlafnes Dorf herum,
Voll böser Absicht, leis’ und stumm.

Sie nahten eines Hofes Ställen,
Da hörten sie die Hunde bellen,
Die Thüren knarrn, die Hähne krähn,
Der alte Fuchs sprach: laß uns gehn,

Hier wird der Angriff nicht gelingen,
Daher sie sachte weiter gingen,
Drauf stellt ein and’rer Hof sich dar,
Darinnen alles stille war.

Nur hört der Sohn nicht ohne Schaudern
Viel Gänse mit einander plaudern.
Der Alte sprach: dies schadet nicht,
Hier bellt kein Hund, ich seh’ kein Licht.

Sich brachen ein mit gutem Glücke,
Und aßen sich in Gänsen dicke.

***

Nicht leicht droht Unfall einer Macht,
Darin der Pöbel schweigt, und die Regierung wacht.

Magnus Gottfried Lichtwer

Indirekte und direkte Fabeln

Fabeln also, welche den moralischen Satz in einem einzeln Falle des Gegenteils zur Intuition bringen, würde man vielleicht indirekte Fabeln sowie die andern direkte Fabeln nennen können.

Gotthold Ephraim Lessing
Abhandlung über die Fabel –
III. Von der Einteilung der Fabeln (S.88)


Sonntag, 9. November 2008

An den Leser


Ein junges Mädchen in Athen,
Kallikoete war ihr Nahme,
Trug Bluhmen feil: Narzissen, Tausendschön,
Jasmin und Nelken. Eine Dame
(Sie war histerisch) sprach zu ihr:
Was trägst du solchen Tand den Leuten vor die Thür?
Kaum bricht der Abend ein, so welken
Narzissen und Jasmin und Tausendschön und Nelken.
Gestrenge Frau, versetzt das arme Kind:
Der Käufer wird ja nicht von mir betrogen;
Ich sage nicht, daß sie unsterblich sind. -

So, Leser, denk’ ich auch von diesen Apologen.

Karl Wilhelm Ramler

Samstag, 8. November 2008

Schlange und Flöte


»Du musst tanzen, wenn ich erklinge!«, sprach die Flöte zur Schlange. »Du bist meine Sklavin.«
Die Schlange wiegte sich hin und her. »Was ist schlimm daran, wenn ich deine Musik in Bewegung verwandle und so nicht nur dem Ohr, sondern auch dem Auge etwas biete?«
»Du musst, wenn ich will«, entgegnete hämisch die Flöte.
Am Abend kroch die Schlange zur Flöte, die der Spieler achtlos auf die Decke gelegt hatte, und richtete sich auf.
»Siehst du«, sprach sie. »Ich kann auch tanzen ohne deine Musik. Wer will es mir verwehren?«
Die Flöte schaute die Schlange nur verächtlich an.
»Aber kannst du erklingen«, zischte die Schlange, »wenn der Spieler dich nicht bläst?«
Hilflos und stumm schaute die Flöte der tanzenden Schlange zu.

Horst-Dieter Radke

Freitag, 7. November 2008

Ulrich Boner

Gern möchte ich dem Leser dieser Fabeln recht viel von dem Verfasser derselben erzählen; aber, leider, vermag ich nur wenig zu sagen, und selbst dieses Wenige beruht größtentheils auf Vermuthung. Wüssten wir doch selbst seinen Nahmen nicht, wenn er sich nicht in der Vorrede und Schlussrede uns genannt hätt. Dass Bonerius ungefähr in der Mitte des dreyzehnten Jahrhunderts schrieb, zeigt seine Sprache und die ganze Art seines Vortrages. Die Gründe, aus denen Lessing beweisen wollte, dass er in die zweyte Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts zu setzen sey, werden schwerlich jemand überzeugen, der nicht den Renner mit eben der Vorliebe ansieht, mit welcher Lessing ihn ansah. Man hat zwar auch aus den Sprüchen, die bey mehreren Gelegenheiten in diesen Fabeln vorkommen, und die wir jetzt im Frigedank lesen, schließen wollen, dass Bonerius in eine spätere Zeit gehöre als jene Sammlung. Richtiger wäre wohl der umgekehrte Schluss: Bonerius führt oft dergleichen Sprüchwörter an, die seit undenklicher Zeit im Munde des Volkes waren, aber er nennt niemahls einen Frigedank, der doch schon am Ende des dreyzehnten Jahrhunderts in solchem Ansehen stand, dass Hugo von Trimperg nie versäumte dem Denkspruche den hochverehrten Nahmen beyzusetzen; wahrscheinlich also wurde diese Sammlung est nach Bonerius Zeiten gemacht.

Was das Vaterland unseres Dichters betrifft, so scheint dieses die nordwestliche Schweiz gewesen zu seyn. Darauf deuten nicht nur verschiedene Eigenheiten seiner Sprache hin, so wie auch einzelne Wörter z.B. ziger, flu, u.m. sondern auch der Nahme seines Gönners Johan von Rinkenberg, …
Die Kenntniss der Lateinischen Sprache, durch welche Bonerius in den Stand gesetzt wurde seinen Stoff aus den Lateinischen Fabeldichtern zu nehmen, so wie auch die Lateinische Endung, die er seinem Nahmen gab, machen es höchstwahrscheinlich, dass er ein Geistlicher war; und die auf eigene Erfahrung hinweisende Bekanntschaft mit dem Klosterleben, so wie die Empfehlung desselben, lassen vermuthen, dass er ein Klostergeistlicher war, woher es denn auch kommt, dass er in der Schlussrede, so wie sie in ein paar Handschriften lautet, ein Ritter Gottes genannt wird. …
G.F.Benecke, 1816
Vorbemerkung zur Herausgabe der Fabeln von Bonerius
unter dem Titel: Der Edelstein

Donnerstag, 6. November 2008

Die Heyden waren durch die klugen Fabeln …

Die Heyden waren durch die klugen Fabeln ihrer Dichter an dergleichen Wiedersprüchen gewohnt; bis ihre Sophisten, wie unsere, solche als einen Vatermord verdammten, den man an den ersten Grundsätzen der menschlichen Erkenntnis begeht.

Johann Georg Hamann
aus: Sokratische Denkwürdigkeiten (1759)

Mittwoch, 5. November 2008

Es ist doch sonderbar …

Es ist doch sonderbar, entfuhr mir hierbei, daß die Griechen, das aufgeheiterte Volk, sich mit den Fabeln über die Gottheit so ernsthaft und zuweilen so abergläubisch grausam beschäftigen konnten, da sie, der vielen andern Weisen nicht zu gedenken, einen Anaxagoras hatten.

Wilhelm Heinse
aus: Ardinghello und die glücklichen Inseln

Sonntag, 2. November 2008

Der große und der kleine Hund, oder Packan und Alard


Ein kleiner Hund, der lange nichts gerochen
Und Hunger hatte, traf es nun
Und fand sich einen schönen Knochen
Und nagte herzlich dran, wie Hunde denn wohl tun.

Ein großer nahm sein wahr von fern:
»Der muß da was zum Besten haben,
Ich fresse auch dergleichen gern;
Will doch des Wegs einmal hintraben.«

Alard, der ihn des Weges kommen sah,
Fand es nicht ratsam, daß er weilte;
Und lief betrübt davon, und heulte,
Und seinen Knochen ließ er da.

Und Packan kam in vollem Lauf
Und fraß den ganzen Knochen auf.

Ende der Fabel

Matthias Claudius

Es ist schlimm genug …

Es ist schlimm genug, daß heut zu Tage die Wahrheit ihre Sache durch Fiktion, Romane und Fabeln führen lassen muß.

Georg Christoph Lichtenberg
aus: Sudelbuch

Samstag, 1. November 2008

Der ruhmsüchtige Bär

Foto: Jeremias Radke

Ein auf die Ehr’ erpichter Bär

Saß in dem Schnee bei einem Strauch

Und dacht’: »Ei, wüßt’s die Nachwelt auch,

Wie groß mein Leib gewesen wär’,

Ich würde selbst nach meinem Sterben

Bei solcher Dank und Ruhm erwerben.«


Er sprach darüber seine Jungen

Und sagt’: »Ich sehe mich gezwungen,

Dass ich den großen Körper messe,

Damit ich dessen seltne Größe

Der Nachwelt so für Augen lege,

Dass sie es deutlich fassen möge.«



Bald fielen ihm die Jungen bei

Und schwuren: »Ja, bei unsrer Treu’,

Wir sahen auch schon viele Bären;

Jedoch es wird noch lange währen,

Eh dass in unserm Königreiche

Sich einer dir an Größe gleiche;

Deswegen sei darauf beflissen,

Dass es die späten Enkel wissen.«



Der Alte dacht’ jetzt allgemach

Dem edeln Unternehmen nach

Und rief, als er’s zuletzt erfunden,

Indem die Kinder um ihn stunden:

»Führwahr, es haben Kunst und Witz

In meinem Körper ihren Sitz.«


Stracks leget er sich in den Schnee,

Er streckt die Pfoten in die Höh’

Und heißt die Kleinen auf ihn treten;

Dann sagt er: »Jetzo will ich wetten,

So sieht man Haut, so sieht man Haar,

Zusammt der Größe sonnenklar.


Kein Fürst hat noch in seinem Schild

Von einem Bär ein schöners Bild.«


Ein jeder von den Jungen preist

Des alten Bären feinen Geist,

Indem den Abdruck sie betrachten

Und ihn des Urbilds würdig achten.

Ein jeder spricht: »Es ist geraten;

Fürwahr, der Alte hat’s erraten.«


Sie dachten alle nicht so weit,

Dass dieses Werk trotz seiner Würde,

Trotz aller seiner Ähnlichkeit

Im nächsten Schnee vergehen würde,

Der wirklich noch denselben Tag

Schon auf des Bären Kunststück lag.


Johann Ludwig Meyer von Knonau